Belgien (BE)

Es trifft sich gut, dass Belgien die alphabetische Liste der Mitgliedsstaaten anführt: Belgien gehört zu den ältesten Ländern Europas. Schon bei Julius Caesars „De bello gallico“ werden die „Belgae“ erwähnt und von seinen Truppen unterjocht. Belgien gehört zu den 6 Gründungsmitgliedern der Europäischen Union. Belgien liegt im Herzen Europas und beherbergt mit seiner Hauptstad Brüssel den Sitz der Kommission und neben Straßburg das Europäische Parlament. Außerdem ist Brüssel das Nato-Hauptquartier. 2/3 der Belgier sind proeuropäisch eingestellt. Belgien ist eine von 5 konstitutionellen Monarchien in der EU neben Schweden, Dänemark, den Niederlanden und Spanien. (Luxemburg ist ein Groß-Herzogtum)..

1. Geschichtliche Entwicklung

Bei Caesar werden die „Belgae“ von seinen Legionären unterworfen. Die römische Herrschaft dauerte bis zu Beginn des 5. nachchristlichen Jahrhunderts. Dann folgte die Herrschaft der Merowinger und der Karolinger bis Mitte des 9. Jahrhunderts. In der wechselvollen Geschichte Belgiens folgte eine Zeit der Verbindung mit Frankreich.

Im Hochmittelalter war Belgien eins der zwei Zentren der europäischen Wirtschaft mit der Tuchindustrie in Flandern. Brüsseler Spitzen zeugen heute noch von besonderer Qualität. Das andere Zentrum bildeten die norditalienischen Städte, allen voran Venedig.

1504 kam Belgien unter spanisch-habsburgische Herrschaft. Der 80jährige Krieg zwischen Spanien und den aus spanischer Sicht separatistischen Niederlanden dauerte von 1568 bis zu seiner Beendigung durch den westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück im Jahre 1648, nur unterbrochen durch einen 12 jährigen Waffenstillstand. Herzog Alba, Abgesandter des spanischen Königs, ließ im „Blutrat“ von Brüssel mehr als 6000 „Aufständische“ hinrichten. Aus niederländischer Sicht war es ein Krieg der Befreiung von der „Spanischen Furie“ mit dem Ziel der Selbstbestimmung, die in dem besagten Frieden (oben) von Spanien anerkannt wurde. Die nördlichen Niederlande inklusive des heute belgischen Flanderns schieden damit aus dem „Heiligen Römischen Reich“ aus.

Die spanischen südlichen Niederlande blieben bis 1700 unter habsburgischer Herrschaft. Nach den Napoleonischen Kriegen – Waterloo liegt in Belgien – wurden Belgien und die Niederlande zu einem Land vereinigt. Doch die belgische Revolution von 1830 führte zur Trennung von den Niederlanden. Belgien wurde ein eigenständiger Staat als konstitutionelle Monarchie. Leopold von Sachsen-Coburg wurde der 1. König. Leopold II. – 1865-1909 – „erwarb“ 1885 als persönliches Eigentum den Kongo in Afrika. Es ging in dieser später auf den Staat Belgien übertragenen Kolonie um die Ausbeutung der Natur zur Kautschukgewinnung, von Bodenschätzen wie Diamanten und von Menschen mit vielen, vielen Toten. Die „Kongogräuel“ mittels Sklaverei und Zwangsarbeit, Geiselnahme, Verstümmelungen und Vergewaltigungen hatten nach Schätzungen 8-10 Millionen Tote zur Folge, etwa die Hälfte der damaligen Bevölkerung (vgl. Wikipedia). Im Jahre 2020 hat sich der jetzige König von Belgien für die barbarische Kolonialherrschaft im Kongo entschuldigt. Im Zusammenhang mit der weltweiten Bewegung „Black Lives matter“ geht es auch um den Umgang mit belgischen Denkmälern für Leopold II.

Obwohl sich Belgien im 1. Weltkrieg für neutral erklärt hatte, wurde es von Deutschland gemäß dem Schliefen Plan überfallen. Es kam zu zahlreichen deutschen Kriegsverbrechen: Gewalttaten gegen die Zivilbevölkerung, 6000 Zivilisten, auch Frauen und Kinder wurden umgebracht, allein bei dem Massaker von Dinant gab es 674 Tote zu beklagen. 25. August 1914: Verwüstung der Stadt Leuven (Löwen) und vorsätzliche Niederbrennung der hochwertigen Universitätsbibliothek. 1000 Handschriften, 800 Inkunabeln und 300 000 Bücher, die in 500 jähriger Arbeit zusammengetragen worden waren, wurden mutwillig und unwiederbringlich zerstört – 248 festgenommene Einwohner Leuvens wurden von deutschen Soldaten erschossen und 1081 Häuser wurden niedergebrannt. Am 22. 4. 1915 wurde von dem deutschen Chemiker Fritz Haber entwickeltes Giftgas (Chlorgas) erstmals bei Ypern eingesetzt, obwohl dies seit 1899 durch die Haager Landkriegsordnung völkerrechtlich verboten war.

Rund 100 000 Soldaten fanden im 1. Weltkrieg an allen Fronten so einen grausamen Tod. Vergiftet wurden etwa 1,2 Millionen. Sie starben oft bald nach Ende des Krieges.

Am 10. Mai 1940 wird Belgien im 2. Weltkrieg erneut von Deutschland überfallen und besetzt. Im Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg 1946 werden die Beschuldigten wegen der Planung und Durchführung eines nicht provozierten Angriffskrieges auf Belgien verurteilt. Von den 1940 in Belgien lebenden 90 000 Juden wurden 25 000 im „Dritten Reich“ ermordet (Bundeszentrale für politische Bildung). Am 4.9.1944 wurde Brüssel durch britische Truppen von der deutschen Besatzung befreit.

2. Grunddaten

Die drei Sprachgebiete Belgiens, Vascer Knorck, CC BY-Sa 3.0.png

Vascer Knorck, CC BY-Sa 3.0

Belgien ist seit den siebziger Jahren als föderaler Staat gegliedert und besteht aus 3 Regionen. Da ist: a) das niederländisch sprachige Flandern im Norden, b) das französisch sprachige Wallonien im Süden mit der kleinen deutschsprachigen Gemeinschaft und c) Brüssel als Hauptstadt, das zweisprachig ist. Belgien hat rund 11,5 Millionen Einwohner. Auf Grund der Spannungen zwischen den beiden großen Gemeinschaften, die sich allein auf Grund der unterschiedlichen Sprachen an zwei verschiedenen Nachbarn orientieren, den Niederlanden und Frankreich, hat Belgiens Regierung versucht, die politische Verantwortung immer mehr zu dezentralisieren und so das „geteilte“ Land zusammenzuhalten. Weitere Nachbarn sind Deutschland und Luxemburg. Im Wappen von Belgien heißt es: „L´Union fait la Force“, ( aus der Einheit ergibt sich die Stärke, eig. Übersetzung) ein Slogan, der auch für die gesamte EU stehen könnte.

Belgien zählt 374 Einwohner pro Quadratkilometer und zählt damit zu den am dichtesten besiedelten Staaten Europas. Der Anteil der Stadtbewohner an der Bevölkerung macht 98% aus.

Obwohl Belgien auf eine große industrielle Tradition zurückblicken kann als Gründungsmitglied der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl von 1952, beherrscht heute der Dienstleistungssektor mit einem Anteil von 77% am BIP die belgische Wirtschaft. Die verarbeitende Wirtschaft der pharmazeutischen, chemischen und der Lebensmittelindustrie hat einen Anteil von 17%. 70% der Exporte gehen in andere EU Länder, allen voran in die direkten Nachbarn Deutschland, Frankreich und die Niederlande. Belgien lebt von einem strukturellen Exportüberschuss. Durch die Einbindung in den gemeinsamen Europäischen Markt hat sich Belgiens Wirtschaft hervorragend entwickelt: BIP Veränderung (reale Abweichung gegenüber 2008 bis 2017) Deutschland 11,7%, Belgien nur 9,1%, EU 28 7,7%. Damit hat die belgische Wirtschaft die Krise ab 2008 besser als viele andere EU Staaten überwunden. Das BIP pro Kopf liegt bei 41 200,- Euro jährlich – erheblich höher als der EU Durchschnitt von 31 110,- Euro.

Die Stromerzeugung Belgiens erfolgt zu ca. 25% durch seine beiden Atomkraftwerke. Das 35 bis 45 Jahre alte (verschiedene Blöcke) Kraftwerk Tihange 2 in der Nähe von Aachen führt immer wieder durch seine Störanfälligkeit – u.a. Haarrisse im maroden Beton – zu Verängstigungen der grenznahen Bevölkerung. Belgien hat beschlossen, bis 2025 aus der Atomkraft zur Stromerzeugung auszusteigen. 2016 wurde eine Laufzeitverlängerung beschlossen ohne Umweltverträglichkeitsprüfung, was vom EUGH gerügt wurde. „Der Kohlenstoffdioxidausstoß pro Kopf des Landes gehört zu den weltweit höchsten“ (Wikip.)

Der Schuldenstand Belgiens lag 2019 bei 98,6% des BIP. Für 2020 wegen der Folgen der Corona Pandemie wird ein Anstieg auf 115% erwartet. Außerdem geht man davon aus, dass die Arbeitslosenquote, die im Mai 2019 bei 5,4% lag, 2020 auf 7% ansteigt. Der EU Bericht zum notwendigen Reformprogramm Belgiens von 2020 hat einen strukturellen Mangel an der Verfügbarkeit von Gesundheitspersonal festgestellt. Belgien wird mit Recht aufgefordert zur Gewährleistung eines ausreichenden Bestandes an kritischen medizinischen Produkten. Außerdem wird angemahnt, dass Belgien, wenn die Wirtschaftskrise in Folge der Corona Pandemie überwunden sein wird, alles tut, um die Verschuldung abzubauen, um in Übereinstimmung mit den Maastricht Kriterien zu kommen.

Der HDI (Human Development Index) für Belgien 2018 beträgt 0,919. Belgien belegt damit den Rang 17 von 189 Ländern – glückliches Belgien!

Grote_Markt_at_night_(Antwerpen), Maros, CC BY-SA 3.0.jpg

Der große Markt in Antwerpen, Maros, CC BY.SA 3.0

Zum Schluss, Belgien kulturell und kulinarisch, rein subjektiv. Einer der bedeutendsten europäischen Maler ist der 1599 in Antwerpen geborene Anthonis van Dyck, Repräsentant des flämischen Barock. Er war auch ein freier Mitarbeiter von Peter Paul Rubens. In heutiger Zeit erfreut der Violinist André Rieu mit seinem Johann-Strauß-Orchester Menschen aus aller Welt, und auch auf vielen großen Marktplätzen in Belgien mit seinen leicht klassischen Konzerten und manchmal zum Mitsingen ermunternd die Herzen seiner Fans.

Die Belgier lieben hochprozentiges Bier. Der Belgier spricht bei weniger als 8% Alkoholgehalt von Wasser. Als typisches Gericht gilt „Moules frites“, Miesmuscheln mit Pommes frites.

Bulgarien (BG)

1. Geschichte

Während Belgien im Zentrum der Europäischen Union liegt, begeben wir uns mit Bulgarien eher in die Peripherie Europas auf dem Balkan. Auch die bulgarische Geschichte ist „typisch“ europäisch, weil das Land unter sehr verschiedenen Herrschaftssystem zu leiden hatte und erst 1989 seine hoffentlich dauerhafte Unabhängigkeit erlangte. Aber Bulgarien war nicht immer Opfer, sondern zeitweise auch Täter.

Zunächst Teil des Königreichs Mazedonien war das Gebiet des heutigen Bulgariens Teil des römischen Imperiums. Im 6. und 7. Jahrhundert nach Christi Geburt wurde auch dieser Teil des Balkans von slawischen Stämmen „überrannt“. Erstmalig zum Ende des 5. Jahrhunderts findet sich die Erwähnung von Bulgaren im Nachgang zu Überfällen durch den Hunnen König Attila. Die slawischen Khans herrschten, doch die militärische Aristokratie blieb weitgehend bulgarisch. Der Nordosten Bulgariens wurde mehrfach von Russen und Magyaren überfallen und ausgeraubt. Im Jahr 865 ließ sich der Herrscher Boris I taufen. Damit mussten alle Untertanen auch zum Christentum übertreten. In der Kontroverse zwischen Rom und Byzanz entschied sich Boris I für die oströmische Kirche. 893 – 927 herrschte König Simeon und dehnte seine Macht auch auf die Serben aus. Er nahm den Titel „Kaiser und Autokrat aller Bulgaren und Griechen“ an und versuchte vergeblich, Konstantinopel zu erobern. Als größter bulgarischer Herrscher wird Ivan Asen II (1218-1258) bezeichnet, der sein Reich auf Albanien, Epirus, Mazedonien und Thrakien – heute Griechenland – ausdehnte. Bulgarien erlebte eine bis dahin ungeahnte Blüte in den verschiedenen kulturellen und wirtschaftlichen Bereichen.

Ab 1340 geriet Bulgarien unter türkische Herrschaft und damit begann in den 5 Jahrhunderten bis 1878 die „dunkle Ära“ für das Land: Verwüstungen mit Feuer und Schwert insbesondere gegen Kirchen und Klöster, hohe Abgaben auf verbliebene christliche Bewohner in Form einer Kopfsteuer und landwirtschaftliche Naturalleistungen und „Requirierung“ von 10-12 jährigen Jungen, die nach Konstantinopel verbracht wurden, um bei den Janitscharen, der Elitetruppe der osmanischen Armee, zwangsweise zu dienen. Nach der gescheiterten Belagerung Wiens durch die Türken 1683 kam es auf dem Balkan zu anarchischen Verhältnissen. Die türkischen Armeen auf ihren Durchmärschen durch Bulgarien im Zusammenhang ihrer Kriege mit Österreich plünderten in den ländlichen Gebieten und begingen Massaker.

Gleichzeitig trug die griechisch-orthodoxe Kirche mit ihrer geistlichen Dominanz zur nationalen Erhebung der Bulgaren bei. 1876 kam es zu einem Aufstand, der aber von den Türken blutig niedergeschlagen wurde. 15 000 Bulgaren wurden abgeschlachtet. Serbien und Russland, erklärten daraufhin dem osmanischen Reich den Krieg und konnten im Vertrag von St. Stefano den bulgarischen Forderungen nach Eigenstaatlichkeit entsprechen – 3/5 des Gebietes der Balkan Halbinsel mit etwa 4 Millionen Einwohnern. Doch auf dem Berliner Kongress vom 13. Juli 1878 wurde Bulgarien wieder zusammengestutzt. Bis zur Verabschiedung einer demokratischen Verfassung im Jahre 1879 blieb Bulgarien von russischen Truppen besetzt. Die Nationalversammlung wählte den 22jährigen Prinzen Alexander von Battenberg aus dem Großherzogtum Hessen und Neffen des russischen Zaren Alexander II zum König. Unter russischem Einfluss wurde zeitweise die Verfassung außer Kraft gesetzt. Auch seine Nachfolger waren hin und her gerissen zwischen den Anforderungen aus Russland und Serbien und den Versuchen, zum Osmanischen Reich einen Modus Vivendi zu finden. 1912 kam es zum 1. Balkan Krieg, einer Allianz von Serbien, Russland, Griechenland und Bulgarien gegen das Osmanische Reich. 1913 folgte der 2. Balkankrieg. Danach teilten Griechen und Serben Mazedonien, bis dahin bulgarisch, untereinander auf. Im ersten Weltkrieg schlug Bulgarien sich auf die Seite Österreich-Ungarns und Deutschlands, u.a. in der Hoffnung so wieder die Herrschaft über Mazedonien zu erlangen. Am 29.9.1918 unterzeichnete Bulgarien die Deklaration der bedingungslosen Kapitulation gegenüber den Siegermächten England, Frankreich und Italien. Im Vertrag von Neuilly wurden dem Land umfangreiche Reparationszahlungen – zunächst 90 Millionen britische Pfund, später reduziert auf 22 Millionen Pfund, rückzahlbar in 60 Jahren – auferlegt und es musste Teile seines Territoriums an Rumänien und an Serbien abtreten.

Zu Beginn der 20er Jahren wurden Landreformen durchgeführt: Ländereiern der Krone und der Kirche und von Großgrundbesitzern wurden enteignet und an mittellose Bauern verteilt. Staatsstreich 1923, Unruhen, kommunistische Agitationen, Spannungen mit Mazedonien und Griechenland, „Hilfsangebote“ aus dem kommunistischen Russland, dies sind Stichworte der weiteren Entwicklung Bulgariens. Zu Beginn der 30er Jahre wirkte sich die Weltwirtschaftskrise auch in Bulgarien aus und 1934 übernahm ein autoritäres Regime die Macht, verbot alle politischen Parteien und ihre Zeitungen. Zu Beginn der 40er Jahre paktierte Bulgarien mit Hitler-Deutschland und räumte deutschen Truppen eine Stationierung im eigenen Land ein als Basis für Operationen gegen Griechenland und Jugoslawien. Dafür durften dann bulgarische Truppen Thrakien in Griechenland, Teile Serbiens und das Jugoslawische Mazedonien angreifen. 1944 versuchte Bulgarien sich von Deutschland abzusetzen und sich für neutral zu erklären. Trotzdem marschierten russische Truppen ein. Die bulgarischen Truppen kamen unter russischen Befehl und kämpften gegen Deutschland. Im Dezember 1944 begannen unter dem neuen Regime Kriegsverbrecherprozesse gegen die früheren Machthaber: 3 Regenten, 22 Minister und 68 Parlamentsabgeordnete als Teil von 2.680 Todesurteilen wurden im Februar 1945 vollstreckt. Mehr und mehr geriet Bulgarien unter kommunistischen Einfluss sowjetischer Prägung, was sich u.a. an Zwangs-Kollektivierungen in der Landwirtschaft zeigte. Nach Stalins Tod 1953 ließ dieser Einfluss nach. 1954 wurden diplomatische Beziehungen zu Griechenland aufgenommen und 1955 trat Bulgarien den Vereinten Nationen bei. Bulgarien schloss Beistandspakte mit anderen kommunistischen Staaten wie Polen ab und nahm mit vier anderen Ländern des Warschauer Pakts an der Niederwerfung des Aufstandes in der Tschechoslowakei 1968 teil. (Alle Angaben übernommen aus der New Encyclopaedia Britannica. Band 15). Das kommunistische Regime erwirkte die Vertreibung von bis zu 370 000 islamischen Personen in Richtung Türkei.

Todor Schiwkow war seit 1962 Ministerpräsident und Generalsekretär der kommunistischen Partei. Zwei Mal – 1963 und 1973 – wurde vergeblich die Auflösung der Volksrepublik Bulgarien als „souveräner“ Staat und die Eingliederung als 16. Sowjetrepublik in die Sowjetunion beraten. Schiwkow trat am 10.11.1989 nach mehr als 30jähriger Amtszeit zurück auf Grund innerparteilichen Drucks. 1990 kam es zu freien Wahlen, die die Oppositionsbewegung SDS – Union der demokratischen Kräfte – für sich entschied. Friedliche Demonstrationen und diese Wahlen beendeten so die kommunistische Herrschaft. 2001 gewann die „Nationale Bewegung Simeon II“ die Wahlen mit 42,7%. Simeon II von Sachsen-Coburg und Gotha war nach 55 Jahren im spanischen Exil nach Bulgarien zurückgekehrt. Da die Verfassung streng republikanisch war, nannte er sich Simeon Sakskoburggolski.

Exkurs zur bulgarischen Judenpolitik

Zar Boris III regierte seit 1935 absolutistisch, unterstützt von einem Parlament mit eingeschränkten Vollmachten. 1941 wurde ein erstes antisemitisches Gesetz verabschiedet, nach dem Juden aus öffentlichen Ämtern ausscheiden und eine Sondersteuer entrichten mussten und teilenteignet wurden. 1942 kam aus dem nationalsozialistischen Berlin der Druck auf Bulgarien, Juden zu deportieren. 13.343 Juden wurden aus den von Bulgarien besetzten Territorien in das Vernichtungslager Treblinka deportiert. Boris III war 1943 in Berlin und entgegnete dem massiven Verlangen, weitere Juden zu deportieren, dass er mindestens 25 000 arbeitsfähige Juden für wichtige öffentliche Arbeiten zurückhalten müsse. Auch aus der bulgarischen Zivilgesellschaft gab es Widerstand gegen die Vertreibung und Ermordung bulgarischer Juden. Die bulgarisch-orthodoxe Kirche intervenierte ebenfalls. So konnten 50 000 Juden aus dem bulgarischen Kernland gerettet werden, von denen ab 1948 40 000 nach Israel auswanderten. Die Frage, wie dieser „Sonderweg“ eines mit Hitler-Deutschland verbündeten Landes möglich war bzw. wie es dazu kam, dass die Juden aus den von Bulgarien besetzten Ländern ausgeliefert wurden, aber die aus dem Kernland nicht, ist nicht abschließend geklärt (Wikipedia).

2. Grunddaten

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Gemeindegliederung Bulgariens 2020, Tschubby, CC BY-Sa 3.0.

Bulgarien hat heute eine kurze Grenze mit dem „europäischen Teil“ der Türken. Es grenzt an Griechenland im Süden und im Westen an Nord-Mazedonien und Serbien und im Norden an Rumänien – die Donau bildet über weite Strecken die Grenze. Nach Osten liegt es an der Küste des Schwarzen Meeres. Die Hauptstadt ist Sofia, Bulgarien hat ca. 7 Millionen Einwohner und 81 Einwohner auf den Quadratkilometer. Die Bevölkerungszahl ist rückläufig wegen der Abwanderung junger Arbeitskräfte – minus 0,7% in 2018. Nach der letzten Volkszählung sind 84,8% Bulgaren, 8,8% Türken, 4,9% Roma und 2% Russen. Bulgarien ist seit 2004 Mitglied der Nato und seit 1.1.2007 Mitglied der EU.

Wichtigste Wirtschaftszweige waren 2018 die Industrie mit 23,1%; Groß- und Einzelhandel, Verkehr, Hotels und Gaststätten 22,6% und öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Bildung, Gesundheits- und Sozialwesen 14,4%. Von den Exporten gehen 69% in die EU Länder, 64% der Importe kommen aus der EU. Die EU zahlte im gleichen Jahr 2,169 Milliarden Euro an Bulgarien, was 3,91% des Sozialprodukts entspricht. Die Gelder wurden eingesetzt für den Straßenbau, für die Forschungsförderung und für den Klimaschutz. Der Gesamtbeitrag Bulgariens zum EU Haushalt betrug 0,487 Milliarden Euro was 0,88% des Sozialprodukts ausmacht. Bulgarien als eins der ärmsten Länder in der EU ist also ein Netto-Empfänger Land (Angaben der EU).

Bulgarien hatte von 1990 – 2000 bis auf das Jahr 1998 (+4,29%) ständig ein Minuswachstum des realen BIP zu verzeichnen. Von 2004 bis 2008 lag das Wachstum immer über +6%, denn: schon vor dem EU Beitritt 2007 gab es von der EU eine „Anschub Finanzierung“. Seit Beginn der weltweiten Finanzkrise 2009 (-3,35%) bis 2014 gab es nur geringe Wachstumsraten. Ab 2015 liegt die Wachstumsrate bis 2019 ständig über 3%, also höher als im EU Durchschnitt (Statista). Bulgarien hat also wirtschaftlich besonders durch den EU Beitritt profitiert. Die Arbeitslosenquote lag im Februar 2020 bei 4,1%. Trotz allem ist Bulgarien immer noch ein sehr armes Land. Das BIP pro Kopf liegt bei 8.680,- Euro jährlich – weit unter dem EU Durchschnitt von 31 110,-Euro.

Die Staatsverschuldung lag 2918 bei 22,3% des BIP und im 4. Quartal 2019 bei sensationell niedrigen 20,4% – nur in Estland ist sie noch geringer, nämlich 8,4%. ( Es ist aber zu berücksichtigen, dass die noch verbliebenen staatlichen Unternehmen hoch verschuldet sind.) Im EU Durchschnitt der 27 ohne Großbritannien liegt sie bei 77,8%.

Im Juli 2020 wurde Bulgarien mit seiner Währung des Lev die Möglichkeit eröffnet, in zwei Jahren dem Euro beitreten zu können. Bulgarien befindet sich damit mit Kroatien im „Wartezimmer“ des Euro, d. h. in dieser Zeit muss die Währung mehr oder weniger stabil bleiben. Die EU sieht in dieser Entwicklung eine Anerkennung der Reformbemühungen Bulgariens.

Der HDI lag 2018 bei erstaunlich hohen 0,816 – Bulgarien lag so auf Rang 52 von 189 Ländern, und damit im vorderen Mittelfeld.

Unter dem Motto „Entwicklung, Frieden und Wohlstand“ startete am 23.5.2019 der Bau eines Verbindungsstücks einer Gasleitung zwischen Bulgarien und Griechenland und damit einen Anschluss an die Trans Adriatic Pipeline. Damit soll Gas aus Aserbaidschan nach Südeuropa gelangen und so den europäischen Gasmarkt diversifizieren. Die EU Kommission unterstützt das Projekt direkt mit 45 Millionen Euro. 110 Millionen Euro steuert die Europäische Investitionsbank als Darlehn bei (Info der EU Kommission). Der Balkan ist allerdings auch an das russische Gasleitungsnetz durch die Ukraine angeschlossen. Insofern ist es dringend geboten, die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen zu reduzieren. Der Bau von North Stream 2 zur Umgehung der Ukraine, der baltischen Staaten und Polens direkt von Russland nach Deutschland ist diesbezüglich ein strategischer Fehler!

Der Corruption Perception Index, der jährlich von der NGO „Transparency International“ erhoben wird, wies 2003 für Bulgarien die Zahl 61 aus, sechzehn Jahre später 2019 noch 57, also nur eine leichte Verbesserung – 100 gleich ganz korrupt, 0 gleich ohne Korruption. Zum Vergleich der Durchschnitt der EU: 2003 insgesamt 42, 2019 noch 40. Bulgarien hat also einen weiten Weg vor sich, um wenigstens den EU Durchschnitt zu erreichen.

Antique-theater-Plovdiv, Edal Anton Lefterov, CC BY-Sa 3.0.jpg

Nenko Lazarov, CC BY 2.5

Mitte 2020 gibt es andauernde Demonstrationen nicht nur in der Hauptstadt Sofia gegen den Regierungschef Bojko Borissow, dem u.a. Korruption und Geldwäsche vorgeworfen und der zum Rücktritt aufgefordert wird. Motto der Proteste: „Verteidigt die Demokratie“. Den Demonstranten geht es um die Wiederherstellung des Rechtsstaates und auch darum sicherzustellen, dass die Gelder aus dem Wiederaufbaufonds der EU in Bulgarien nicht in dunklen Kanälen versickern. Auch der EU Bericht zur Rechtsstaatlichkeit in den EU Mitgliedsländern von 2020 prangert die verbreitete Korruption in Bulgarien an. Als Nationalgericht wird „Bob Tchorba“, eine leckere Bohnensuppe, angepriesen.

Bulgarien besitzt 9 Weltkultur-Erbe-Stätten, darunter die Felsenkirche Iwanowa und das Felsenrelief des Reiters von Madera. Das antike römische Theater von Plovdiv, vollständig ausgegraben, fasste 7000 Zuschauer und war 2020 zur Kulturhauptstadt erkoren. Das orthodoxe Kloster in Rila wurde im 10. Jahrhundert gegründet.

 

 

 

Dänemark (DK)

Satellitenbild von Dänemark, wikimedia, Gemeinfrei.jpg

Satellitenfoto, wikipedia, Gemeinfrei

Dänemark, das Land im Norden der EU und Teil von Skandinavien, gehört als Mutterland einschließlich der Färöer Inseln geographisch zu Nordeuropa, mit Grönland aber zu Nordamerika. Es ist also ein interkontinentaler Staat. Dänemark trat 1949 der Nato und am 1.1.1973 der EU bei, wobei darin weder das autonome Grönland noch die Färöer eingeschlossen sind. Beide Gebiete gehören jedoch zur Nato. Dänemark ist eine konstitutionelle Monarchie. Der Wachwechsel vor dem Schloss Amalienborg hat den Charme einer Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Die Hauptstadt ist Kopenhagen und das Kernland hat 5.8 Millionen Einwohner. In Grönland leben 56.500 Einwohner, auf den Färöern 48.300. Im 1866 bis 1920 zu Preußen gehörenden Nordschleswig lebt eine deutsche Minderheit. Die einzige Landgrenze Dänemarks trennt es von Deutschland. Die Währung ist die dänische Krone. Der Beitritt zum Euro ist durch eine Volksabstimmung im Jahre 2000 ausgeschlossen worden.

 

1. Geschichte

In einem 811 geschlossenen Vertrag mit Karl dem Großen wird von diesem der Fluss Eider als dänische Südgrenze anerkannt, wobei es sich bei den damaligen Dänen um einen nordgermanischen Stammesverband handelte. König Gom der Alte vereinigte die einzelnen Kleinkönigreiche und sein Sohn Harald Blauzahn nahm 960 den christlichen Glauben an. Bis 1035 gelang es den dänischen Königen weite Teile der britischen Inseln und Norwegens zu erobern. Bis weit ins 11. Jahrhundert gründeten die Wikinger – Dänen, Schweden, Norweger – Kolonien in ganz Europa, um Handel zu treiben. Sie führten aber auch Kriege und plünderten andere Bevölkerungen. Wikinger gelangten bis nach Nordamerika.

1397 wurde die Kaimarer Union gegründet: Norwegen, Schweden, Finnland und Island gelangten unter dänische Vorherrschaft, die bis 1523 anhielt, als Schweden seine Selbständigkeit zurück erhielt. Die Rivalität mit Schweden setzte sich aber bis ins 17. Jahrhundert fort und spielte auch im 30jährigen Krieg eine Rolle.

1536 kam es zur Reformation und damit zur Abkehr von der katholischen Kirche. Im Dreißigjährigen Krieg scheiterte Dänemarks Herrscher mit dem Versuch, seinen Herrschaftsbereich auf einige norddeutsche Lande auszudehnen, an den Feldherren Albrecht von Wallenstein und General Tilly. Schwedens Rolle wurde srärker.

1788 wurde in Übereinstimmung mit der Aufklärung die Bauernbefreiung proklamiert.

Während der napoleonischen Zeit verhielt sich Dänemark bis 1807 neutral, kooperierte danach mit Frankreich. Im Kieler Frieden von 1814 musste Dänemark daraufhin Helgoland an Großbritannien und Norwegen an Schweden abtreten.

1849 wurde mit der 1. Verfassung Dänemark in eine konstitutionelle Monarchie umgewandelt. 1864 gab es um Territorien auf der jütländischen Halbinsel einen Krieg zwischen Preußen und Österreich einerseits und Dänemark. Der Ort der dänischen Niederlage an den Düppeler Schanzen ist noch heute für Dänen ein schmerzlicher Gedenkort.

Trotz erklärter Neutralität wurde Dänemark von Deutschland am 9.4.1940 besetzt. In den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges kamen im Frühjahr 1945 zwischen dem 11.2. und dem 5.5.1945 250 000 deutsche Flüchtlinge über die Ostsee aus Ostpreußen, Pommern und dem Baltikum nach Dänemark – ein Drittel Kinder unter 15 Jahre. Sie wurden in streng bewachten Lagern interniert und praktisch nicht versorgt. 1945 hatten der dänische Ärzteverband und das dänische Rote Kreuz beschlossen, keinerlei Hilfe zu gewähren. 80% der Kleinkinder überlebten die nächsten Monate nicht. Allein im Jahre 1945 starben 13 000 dieser Flüchtlinge, darunter 7000 Kinder (Der Spiegel vom 9.5.2005 von Manfred Ertel: „Stumme Steintafeln“. Er bezieht sich auf Recherchen von Dänen und deren Versuch, die Kriegsgeschichte aufzuarbeiten). War es Hass auf die deutschen Besatzer oder auch der Versuch, die eigene Kollaboration vergessen zu machen?

Exkurs zur dänischen Judenpolitik

Als Sternstunde des dänischen Widerstandes gegen die deutsche Besatzungspolitik wird die Verhinderung des Holocaust an der überwiegenden Zahl von in Dänemark lebenden Juden im Jahre 1943 bezeichnet. Als die Deportation auch der dänischen Juden befohlen wurde, warnte der deutsche Diplomat Georg Ferdinand von Duckwitz den Ober-Rabbiner in Kopenhagen. Mit Hilfe dänischer Fischer wurden 7742 Juden – darunter 1576 nicht dänische Staatsangehörige, d.h. wohl überwiegend aus Deutschland Geflohene – nach Schweden in Sicherheit gebracht. Offenbar wollte der Reichsbevollmächtigte für Dänemark, Dr. Werner Best die weitgehend reibungslose Zusammenarbeit mit dänischen Behörden nicht gefährden, um weiterhin die Versorgung Deutschlands mit Nahrungsmitteln aus Dänemark zu sichern. Er hatte der Gestapo verboten, bei ihren Razzien Türen aufzubrechen. Die bereits inhaftierten ca. 550 Juden wurden in Konzentrationslager deportiert (Wikipedia). Best war in Frankreich für die deutsche Judenpolitik verantwortlich gewesen, der zuerst die nach dort Geflohenen und dann auch ein Großteil der Juden in Frankreich zum Opfer gefallen ist.

2. Grunddaten

Die dänische Bevölkerung ist weigehend homogen: knapp 90% sind Dänen. Etwas mehr als 10% gehören zur deutschen Minderheit bzw. haben einen Migrations-Hintergrund. Das BIP pro Einwohner betrug nach Kaufkraftparität 2019 für das ganze Jahr 53.430,- Euro. Nur Luxemburg mit 102.200,- und Irland mit 70.470,- Euro lagen höher. Der EU Durchschnitt betrug 31.080,- Euro mit Bulgarien als Schlusslicht mit 8.680,- Euro.

60% der dänischen Exporte gehen in die EU Länder, 70% der Importe kommen aus diesen Ländern. Die Wachstumsraten des BIP lagen in der Vergangenheit nur 3 Mal im Minusbereich – 1981 bei -048%, 2009, dem schlimmsten Jahr der internationalen Finanzkrise bei -4,9% und 2020, dem Corona Krisenjahr bei -6,5%. In allen anderen Jahren wurden positive Wachstumsraten verzeichnet mit + 4,9% 1986, +5,33% 1995 und +3,6% 2016. Ansonsten schwanken die Raten sehr (Statista). Wissenschaftliche Studien bezweifeln, dass der Vorteil der EU Mitgliedschaft eines Landes an den Wachstumsraten des BIP allein abzulesen ist. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Import-Export Daten darauf hindeuten, dass die dänische Wirtschaft sehr gut in den gemeinsamen Markt ohne Zollschranken integriert ist. Hinzu kommen die Möglichkeiten der Reise- und Kapitalverkehrsfreiheit und die Möglichkeit, den Arbeitsplatz in der gesamten EU frei zu wählen.

2018 betrug der dänische Beitrag zum EU Haushalt 2,54 Milliarden Euro. Aus der EU flossen 1,41 Milliarden nach Dänemark zurück – Dänemark gehört also zu den Netto-Zahlern. Finanziert wurden damit Straßenbau, Forschungsförderung und Umweltschutzmaßnahmen.

Das BIP pro Kopf liegt für Dänemark bei 53 270,- Euro pro Jahr, ein Spitzenwert in der EU und weit, weit über dem Durchschnitt von 31 110,-Euro.

Der HDI lag 2019 bei sehr hohen 0,930 und damit auf Rang 11 der 189 Länder – glückliche und zufriedene Dänen.

52,7% der Landfläche wird agrarisch genutzt. Das sind ca. 2 Millionen Hektar. Auf 60% hiervon wird Getreide angebaut – Gerste, Hafer, Weizen, Roggen. Auf der restlichen Fläche werden Futterpflanzen kultiviert. 3% aller Beschäftigten fallen auf die Landwirtschaft, 24% auf die Industrie und 73% auf den Dienstleistungssektor – Daten von 2005. 46,4% der Erwerbstätigen sind Frauen.

Seit der Finanzkrise ab 2008 wurde in Dänemark eine verschärfte Sparpolitik betrieben. So gelang es 2013 und auch 2014 das Haushaltsdefizit unter 1% des BIP zu drücken – ein sensationeller Wert, denn das Maastricht Kriterium erlaubt maximal 3%. 2020 gehörte Dänemark zu den sog. „sparsamen 4“, die ursprünglich nur Kredite an die von der Corona Krise besonders getroffenen Länder aus dem geplanten Wiederaufbaufonds vergeben wollten.

Der Mehrwertsteuersatz in Dänemark liegt bei 25% und der Spitzensatz der Einkommenssteuer bei 59%.

Die EU Mitgliedschaft wird von Kritikern mit einem Schweizer Käse verglichen – fast mehr Löcher als Käse. Grönland gehörte zunächst mit zur EU. Nachdem Grönland innerhalb Dänemarks mehr Autonomie erhalten hatte, kam es zum EU Austritt, dem ersten Austritt lange vor dem Brexit. 1992 votierte eine Volksabstimmung gegen den Maastrichter Vertrag. Daraufhin handelte die dänische Regierung mit der EU Ausnahmen aus: keine Verpflichtung zum Beitritt zum Euro, keine Mitarbeit in der supranationalen Justizpolitik, keine Beteiligung an EU Militärangelegenheiten. Dies bedeutet keine Teilnahme an der immer bedeutsameren EU Verteidigungspolitik. So gelang es, dass in einer erneuten Volksabstimmung 1993 ein Ja zum Maastricht Vertrag zustande kam. Dänemark verhandelt in Justizangelegenheiten wie Norwegen und die Schweiz nur bilateral mit der EU. Aus EU Sicht sagen die Kritiker: „Etwas ist faul im Staate Dänemark“ (Shakespeare). Shakespears Drama Hamlet spielt im Schloss Helsingör. Besucher können dort ständig Szenen aus dem Stück beiwohnen.

Dänemark, Helsingör, Hamlet, unser foto.JPG Als Nationalgericht gelten Smörrebröd, Roggenbrotschnitten mit Speisefisch, Wurst, Pastete oder Fleisch belegt, garniert mit Ei und eingelegtem Gemüse.

Der Nationaldichter ist Hans Christian Andersen, dessen Märchenerzählungen weit über Dänemark hinaus bekannt sind – ein Denkmal steht in Bratislava am Donauufer. Fast jeder kennt die kleine Meerjungfrau auf dem Felsen im Hafen von Kopenhagen, auch eine Figur aus Andersens Märchen.

 

 

 

 

Deutschland (DE)

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Olga Ernst, CC BY-Sa

Deutschland gehört zu den Gründungsmitgliedern der EG, bzw. EWG, bzw. EU. Es liegt fast genau in der geographischen Mitte der EU. Landgrenzen bestehen zu Dänemark, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Österreich, Tschechien und Polen. Kein anderes Land in Europa hat so viele verschiedene Nachbarn: Dänemark im Norden, aus dem früheren Ostblock, Österreich im Süden den BeNeLux-Ländern und Frankreich im Westen. Mit all diesen Ländern und auch der Schweiz lebt Deutschland heute in Frieden ohne irgendwelche Gebietsstreitereien. Angesichts der Geschichte kann dies nicht oft genug positiv hervorgehoben werden.

Deutschland ist heute ein föderaler Bundesstaat aus 16 Ländern, die zum Teil nach dem 2. Weltkrieg „zusammengesetzt“ wurden wie Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder Nordrhein-Westphalen im Westen oder nach der Wiedervereinigung Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern im Osten. Die Hauptstadt war bis zur Wiedervereinigung Bonn. Heute ist es Berlin. Das Gebäude des Parlaments, der Deutsche Bundestag beeindruckt durch die symbolisch zu verstehende begehbare gläserne Kuppel, durch die man auf die Volksvertreter hinunterschauen kann.

 

1. Geschichte

Die überaus komplexe deutsche Geschichte soll hier nur stichpunktartig erwähnt werden, zumal ein sozialgeschichtlicher Ansatz hier nicht zu leisten ist – vgl. dazu die drei Bände „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ von Hans-Ulrich Wehler entlang der Bereiche Wirtschaft, Herrschaft und Kultur.

Das Gebiet des heutigen Deutschland gehörte zum Teil den Germanenstämmen und zum Teil zum „Imperium Romanum“ mit seiner Hauptstadt Rom. Das römische Recht hat das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 maßgeblich geprägt. Die lateinische Schrift verdanken wir den Römern. Latein war bis weit ins Mittelalter, ja sogar in die Neuzeit hinein die Lingua Franca, zumindest bei den Mönchen und den Gelehrten. Die Römer ließen den Limes vom Rhein bis zur Donau bauen, um sich von den Germanen abzugrenzen. Die nächste Verteidigungslinie war der Rhein mit den linksrheinischen Kastellen Mainz, Koblenz, Bonn und Köln. Trier war zeitweilig die Hauptstadt des Weströmischen Reiches. Kaiser Konstatin förderte ab 312 das Christentum. Die Römer brachten den Weinbau in die Gebiete nördlich der Alpen. Sie bauten die Verkehrsinfrastruktur als Straßen auf, die erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wieder erreicht wurde. Das gilt auch für die römischen Wasserleitungen.

Der nächste große Wendepunkt der Geschichte war die Bildung des Frankenreiches unter Karl dem Großen, der 800 im Dom zu Aachen gekrönt wurde. Dies war der Beginn des „Heiligen römischen Reiches deutscher Nation“. Es umfasste zumindest zeitweilig Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland, die heutigen Kernlande der EU. Die Kaiser wurden von den kirchlichen und weltlichen Kurfürsten gewählt, in Frankfurt am Main inthronisiert und vom Pabst in Rom gesalbt. Dieses Reich wurde erst 1803 von Napoleon aufgelöst und mediatisiert. Da die linksrheinischen Gebiete an Frankreich fielen, wurden die rechtsrheinischen Fürsten mit Besitz aus den Kirchengebieten, die säkularisiert wurden, entschädigt.

Prägend für Deutschland ist die Reformation durch Martin Luther von 1517. Sie hatte viele kirchenpolitsche Auseinandersetzungen zur Folge bis hin zum 30jährigen Krieg auf seinem Boden. Dieser war jedoch nicht nur ein Religionskrieg, sondern gleichzeitig ein Kampf um territoriale Vorherrschaft. Die Verwüstungen dieses Krieges – die Schätzungen der Zahl der Toten schwanken zwischen 4 und 9 Millionen – warfen die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes um Jahrzehnte zurück. Der Frieden von Münster und Osnabrück von 1648 gilt als ein wichtiger völkerrechtlicher Vertrag. Er schaffte eine vorläufige Beruhigung des Religionskampfes in der Festlegung, dass die Untertanen die Religion der Landesherren annehmen mussten – cuius regio, eius religio.

Die weitere deutsche Geschichte ist geprägt durch das Erstarken des Königtums Preußen. Friedrich, genannt der Große, ließ um Schlesien mit der Habsburger Kaiserin Maria Theresia kämpfen und er teilte Polen zwischen sich und dem russischen Zarenreich auf. In den napoleonischen Kriegen focht Preußen an der Seite der russischen Zaren und Österreich-Ungarns. 1848 wurde in der Paulskirche in Frankfurt am Main die erste deutsche Verfassung mit demokratischen Elementen beschlossen. Doch die Restauration der alten Fürstenhäuser stemmte sich erfolgreich dagegen. Der preußische König Friedrich Wilhelm I. nahm die ihm angebotene Kaiserkrone nicht an. Die industrielle Revolution war erfolgreich, die politische war gescheitert. Der Historiker Wehler spricht von „defensiver Modernisierung“. Heinrich Heine schrieb aus dem Pariser Exil: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht!“. Wilhelm I. ließ sich erst nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 in Versailles zum deutschen Kaiser krönen, ein Ausdruck imperialer Großmannssucht und gewollter Demütigung gegenüber dem unterlegenen Land. Es war darum gegangen, Elsass-Lothringen wieder Deutschland zuzuschlagen. 1871 markiert die Gründung des „Deutschen Reiches“ unter Führung Preußens und damit die Beendigung der vorherigen Kleinstaaterei, die allerdings eine enorme kulturelle Vielfalt hervorgebracht hat, die bis heute nachwirkt. Die Verfassung von 1871 führte das Dreiklassenwahlrecht ein, das die Grundbesitzer privilegierte.

1832 verkehrte die erste Dampf getriebene Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth. Vorne weg lief ein Eisenbahner mit roter Fahne, um vor dem Herannahen des fauchenden Ungetüms zu warnen. Die Industrialisierung in Deutschland fand vorrangig im Ruhrgebiet mit seinen Vorkommen aus Kohle und Stahl statt. Die erste schwere Wirtschaftskrise ergab sich als Gründerkrise Anfang der 1870er Jahre. Die erste politische Partei war die Sozialdemokratische Partei, gegründet 1863 in Leipzig als Arbeiterpartei in Reaktion auf frühkapitalistische Ausbeutung und Verarmung der Arbeiterschaft. Die SPD wurde unter dem preußischen Reichskanzler Bismarck verboten aber auch mit ersten sozialen Maßnahmen bekämpft. Später wurde die SPD von den Nationalsozialisten erbarmungslos verfolgt.

Der erste Weltkrieg 1914-1918 wird als die erste Urkatastrophe der 20. Jahrhunderts bezeichnet. Zumindest trägt das kaiserliche Deutschland unter Wilhelm II. ein gerüttelt Maß an Mitschuld an diesem Krieg. Zusammen mit dem Kaiserreich Österreich-Ungarn richtete er sich gegen Russland, wo 1917 die bolschewistische Revolution stattgefunden hatte und dann auch gegen Frankreich. Auslöser war das tödliche Attentat von Sarajewo auf den österreichischen Thronfolger und damit ein zunächst lokaler Konflikt zwischen Österreich und Serbien. Doch auf Grund eines Netzwerkes gegenseitiger Beistandsverpflichtungen eskalierte der Konflikt „schlafwandlerisch“ (wie Christopher Clark meint) zu einem Weltkrieg zwischen dem kaiserlichen Deutschland, Österreich-Ungarn, der osmanischen Türkei, Bulgarien und Italien einerseits, und Frankreich, Russland, Großbritannien und schließlich den USA andererseits. Der Krieg fand vorrangig auf französischem und russischem Boden statt als Stellungskrieg. Die riesigen Friedhöfe der Gefallenen z. B. in Belgien und in Verdun, Frankreich mahnen. Der Versailler Vertrag besiegelte die deutsche Niederlage und gab Elsass-Lothringen an Frankreich zurück. Auch die anderen, auf Seiten Deutschlands beteiligten Länder erfuhren maximale Gebietsverluste. Der Vertrag erlegte Deutschland weitere Gebietsverluste und große Reparationszahlungen auf, die in den Folgejahren besonders den Nationalsozialisten als Vorwand dienten, das „Diktat von Versalles“ abzulehnen und Revanche zu fordern. Das Perfide war, dass die deutsche Generalität die Mähr verbreitete: „Im Felde unbesiegt!“ Das fiel aufgrund der Kriegsschauplätze außerhalb Deutschlands auf fruchtbaren Boden. Die besiegten Generäle „überliessen“ es der sozialdemokratischen Regierung nach der Revolution von 1918 den Vertrag zu unterschreiben – der Kaiser, Wilhelm II. hatte sich ins holländische Asyl begeben. Insofern legten der Versailler Vertrag und die rechtsradikale Propaganda in seinem Gefolge die Saat für den 2. Weltkrieg 1939-1945.

Die Weimarer Verfassung baute auf der von 1871 auf, schrieb aber das allgemeine Wahlrecht zum Berliner Reichstag fest. Ansonsten hatten die Grundrechte nur deklamatorische Bedeutung, d. h. sie konnten nicht vor Gericht durchgesetzt werden. Die politisch instabilen Verhältnisse zwischen 1918 und 1933 begünstigten den Aufstieg der Nationalsozialisten. Es gab Straßenschlachten auch zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten und die Hungersnöte zu Beginn der 20er Jahre taten ein Übriges. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 führte zu einer bis dahin unbekannt hohen Arbeitslosigkeit. Die Regierung Brüning setzte als Antwort fälschlicherweise auf eine Sparpolitik und verschärfte so die Krise zusätzlich.

1933 kamen die Nationalsozialsten unter Hitler – lediglich formal gesehen – legal an die Macht. Die marode Stahlindustrie, die darauf setzte, über Rüstungsaufträge wieder Profite zu machen, hatte Hitler entgegen den Wünschen der exportorientierten Wirtschaft nach außenpolitischem Frieden die Macht „erteilt“. Die barbarische Schreckensherrschaft der deutschen Faschisten führte zum Verbot der Gewerkschaften, der demokratischen Parteien und zu einer in der menschlichen Geschichte bisher einmaligen, systematischen und industriell betriebenen Judenverfolgung und -vernichtung. Das faschistische Deutschland „vereinnahmte“ Österreich, ließ im März 1939 in Böhmen und Mähren einmarschieren und begann den 2. Weltkrieg 1939 – die zweite Urkatastrophe im 20. Jahrhundert – mit dem Überfall auf Polen. Es folgte am 19. Mai 1940 der Überfall auf Frankreich nach „Durchmarsch“ durch Belgien und die Besetzung der Niederlande, Dänemarks und Norwegens, aber auch Griechenlands. Auch Großbritannien wurde der Krieg erklärt. Zunächst kämpfte das faschistische Italien an der Seite Deutschland. Wofür eigentlich? Für eine Weltherrschaft unter faschistischer Kontrolle? Für die Ausbeutung der „östlichen Untermenschen“ zum Wohle der „überlegenen arischen Herrenmenschen“? Für die Vorherrschaft des Deutschen Reiches in ganz Europa bis zum Ural? 1941, Ende Juni folgte auch der Angriff auf die Sowjetunion (SU) i n Polen, d.h. auf dem Gebiet, das die SU aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes besetzt hielt. Dies war angeblich ein Präventivkrieg.

In den Staaten im Osten, in denen es keine eigenen Regierungen mehr gab und in denen Deutschland als Besatzungsmacht unkontrolliert wüten konnte, begann Deutschland sofort mit der Einrichtung großer Konzentrationslager, in denen die Menschen massenhaft umkamen. Darüber hinaus wurde schon kurz nach Beginn des Angriffs auf Polen mit Massenerschießungen begonnen und nach dem Angriff auf die in Polen stationierten Sowjet-Menschen mit der systematischen, penibel geplanten Vernichtung aller in den Gebieten wohnenden oder aus ganz Europa dorthin deportierten Juden. Das geschah durch Fahrten in Gaswagen und bereits ab Herbst 1941 in Gaskammern u. a. in Ausschwitz und Belzec, ab 1942 in Treblinka, Sobibor, und wohl auch in Majdanek. Vorher hatte man die Ermordung durch Gas bereits an Menschen, die in Nervenheilanstalten lebten, erprobt. Später kamen weitere Vernichtungslager in den eroberten Gebieten dazu, wie z.B. Maly Trostenez bei Minsk. So wurden 6 Millionen Menschen systematisch umgebracht. Die Menschen, die nach den Nürnberger Gesetzen von 1936 als Juden identifiziert wurden und auch Sinti und Roma, Homosexuelle und politische Gegner wurden so ermordet. An den Verbrechen war auch die deutsche Wehrmacht beteiligt, nicht nur die Einsatzgruppen von SS und SD und auch viele normale Polizeigruppen, die in den „Osten“ abkommandiert wurden!

Am 20. Juli 1944 scheiterte das letzte von mehreren Attentaten zur Tötung Hitlers. Es blieb ein Fanal des militärischen Widerstandes, der Teil verschiedener Widerstandsgruppen war.

Mit maßgeblicher Hilfe der USA – Landung in der Normandie am D-day im Juni 1944 – wurde Hitler-Deutschland besiegt. Preußen wurde aufgelöst und das Deutsche Reich in 4 Besatzungszonen aufgeteilt zwischen den damals noch Alliierten, den USA unter Franklin Delano Roosevelt, der Sowjetunion unter Stalin, Großbritannien unter Winston Churchill und Frankreich unter Charles De Gaulle.

Der 8. Mai 1945, der Tag der bedingungslosen Kapitulation, nachdem Hitler sich feige durch Selbstmord jeder Verantwortung entzogen hatte, ist als Tag der Befreiung von der Hitler Diktatur über weite Teile Europas anzusehen. Bundespräsident Steinmeier sagte anlässlich der 75. Wiederkehr dieses Datums 2020: „Es gibt keine Erlösung von unserer Geschichte. Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben“. Diese berechtigte Feststellung darf aber nicht als resignativ missverstanden werden. Sie ist eine immerwährende Aufforderung zur Aufarbeitung zu verstehen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Sie ist ebenso als Aufruf zur Völkerverständigung und zur Lösung von Konflikten mit friedlichen Mitteln gemeint und als Mahnung gegen jede Form von Rassismus und Antisemitismus. Sie soll auch auffordern, für die Achtung der Menschenrechte einzutreten.

Durch die großzügige Hilfe aus den USA durch den Marschall-Plan konnte Deutschland, natürlich auch durch eigene Anstrengungen, die Wirtschaft sehr schnell wieder aufbauen. Im Gegensatz zur DDR mussten kaum Reparationen durch den Abbau von Industrieanlagen – nur für Russland – geleistet werden. Diese Form der Solidarität eines früheren „Feindes“ , den USA, sollte nicht vergessen werden, gerade auch bei den Diskussionen über den EU Wiederaufbau Fonds nach der Corona Krise.

Durch den Bau der Berliner Mauer 1961 wurde Deutschland getrennt in die sog. DDR unter kommunistischer Diktatur wie in der Sowjetunion und die Bundesrepublik nach westlichem demokratischen Vorbild. Das Grundgesetz von 1949 ist die freiheitlichste Verfassung, die Deutschland je hatte. Die Grundrechte sind individuell einklagbar und in ihren Wesensbestandteilen unveränderbar. Die Bundesrepublik ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Die konservativen Parteien CDU und CSU, Neugründungen nach 1945, ermöglichten sowohl katholischen als auch evangelischen Christen die Mitgliedschaft und überwanden so den Kulturkampf früherer Jahrzehnte. Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer von der CDU organisierte die Westbindung und den Eintritt in die Nato. Bundeskanzler Willy Brandt von der SPD ebnete durch seine Ostpolitik – „Wandel durch Annäherung“ – mit den Weg zum Zusammenbruch der Sowjetunion und damit zur Wiedervereinigung von 1989/90. Der Fall der Berliner Mauer wurde von den Menschen der DDR in einer friedlichen Revolution – „Montagsdemonstrationen“ – erkämpft und von Michail S. Gorbatschow zugelassen.

Die DDR war in den Warschauer Pakt integriert mit 400 000 Soldaten auf 17 Millionen Einwohner. Die DDR „lebte“ mit einem umfassenden Spitzelsystem, der Stasi, das bis in die einzelnen Familien hinein reichte. Sie war ein Unrechtssystem, gar keine Frage. Bundeskanzler Helmut Kohl von der CDU organisierte die Wiedervereinigung, den Beitritt der ehemaligen DDR zur Bundesrepublik – ein sensationeller Erfolg – unter endgültigem Verzicht auf die deutschen Ostgebiete, insbesondere von Ostpreußen und Schlesien. Die wirtschaftliche Vereinigung ist dagegen sehr kritisch zu sehen. Es ist bis heute nicht nachvollziehbar, wie die Treuhandgesellschaft zur Abwicklung und Privatisierung der staatlichen Betriebe der ehemaligen DDR am Ende Schulden in Höhe von 200 Milliarden DM angehäuft hatte und viele Industriebrachen hinterließ.

Ein wichtiger Einschnitt in der bundesrepublikanischen Geschichte war die sog. Studentenrevolution von 1968 parallel zu der in Frankreich. Sie wandte sich gegen „den Muff von 1000 Jahren unter den Talaren“ der Professoren und gegen die Verdrängung der Geschichte. Danach wurde das kulturelle Klima in der Bundesrepublik freier und offener.

2. Grunddaten

Das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937, also zur Zeit der Herrschaft des Nationalsozialismus, umfasste 407.713 Quadratkilometer, die „alte“ Bundesrepublik 249.000 Quadratkilometer und die ehemalig kommunistische DDR 108.000. Die wieder vereinigte Bundesrepublik hat also gegenüber 1937 ein Gebiet von minus 113.000 Quadratkilometer an Polen „verloren“, und zu einem kleinen Teil an Russland nach einem verbrecherischen Krieg.

Die Bevölkerungszahl betrug 1871 41 Millionen, 1937, als es hieß „Volk ohne Raum“ 67,7 Millionen. 2020 beträgt sie 83 Millionen. Offiziell bestreitet die Bundesregierung, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. 2019 hatten 21,2 Millionen in Deutschland lebende Personen einen Migrationshintergrund, gleich 26%, davon hatten 52 % die deutsche Staatsangehörigkeit. Migrationshintergrund bedeutet, dass die Person selbst oder zumindest ein Elternteil aus dem Ausland nach Deutschland eingewandert ist (Wikipedia). Die „alte“ Bundesrepublik hat zunächst ca. 12 Millionen Flüchtlinge nach 1945 aus dem Osten aufgenommen und integriert. Dann kamen die sog. Gastarbeiter aus der Türkei, Italien, Spanien, Griechenland und Portugal Ende der 50er und in den 60er Jahren zu den Zeiten des „deutschen Wirtschaftswunders“, den Boom-Jahren. Die Bezeichnung Gastarbeiter sollte andeuten, dass sie nach getaner Arbeit bitteschön in ihr Heimatland zurückkehren „möchten“. Doch viele blieben. Besonders Ende der 50er Jahre kamen Flüchtlinge aus der „DDR“ hinzu. 2015ff kamen knapp 1 Million Kriegsflüchtlinge besonders aus Syrien, aber auch aus Eritrea nach Deutschland.

Die Wirtschaft der Bundesrepublik ist durch einen sehr hohen Industrialisierungsgrad gekennzeichnet. Waren es zunächst noch die Werke zur Stahlproduktion, die auf der Kohleförderung im Ruhrgebiet aufbauten, verlagerte sich der Schwerpunkt auf die Pharmaindustrie, die Nachfolgeunternehmen der IG Farben, auf den Maschinenbau und die Automobilproduktion besonders bei VW, Daimler und BMW. Bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts gab es eine enge Zusammenarbeit in der sog. „Deutschland AG“. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank Hermann Josef Abs (schon zur Zeit des Nationalsozialismus) hatte bis zu 30 Aufsichtsratsmandate in anderen Aktiengesellschaften inne, davon 20 als Vorsitzender. Deren „Bosse“ saßen wiederum im Aufsichtsrat der Deutschen Bank oder anderer Banken. Zur Zeit des Bundeskanzlers Gerhard Schröder wurde diese „Deutschland AG“ zwar entflochten u. a. durch Begrenzung von Aufsichtsratsmandaten bei einer Person, um die Unternehmen stärker der Konkurrenz auf dem Weltmarkt auszusetzen. Die Bundeskanzler Schröder und auch Angela Merkel waren aber immer „Autokanzler“, indem sie diese Branche besonders schützten und hofierten. Sichtbar wird dies u.a. daran, dass Deutschland bisher als einziges Land in Europa kein generelles Tempolimit auf Autobahnen kennt und dass der Ausbau der Autobahnen immer Vorrang vor der Schiene hatte.

Die deutsche Nachkriegs-Wirtschaft entwickelte sich sehr schnell zum Exportweltmeister. Es wurde fast immer viel mehr exportiert als importiert. Die Folge sind Devisenüberschüsse, die als Goldbarren in den Tresoren der Bundesbank lagern – 1.710 von insgesamt 3.378 Tonnen! Die enorme Wirtschaftskraft hat mehrere Gründe: Viele Menschen wollten nach den Gräueltaten der NS-Zeit alles „vergessen“ und flüchteten sich in die Arbeit. Die Sparsamkeit und der Fleiß in Deutschland kommt in dem Spruch aus Baden-Württemberg – das sind die, die alles können außer Hochdeutsch – zum Ausdruck: „Schaffe, schaffe, Häusle baue, Hund verkaufe, selber belle!“. Die Währungsreform von 1948 ließ Jeden mit 40,- DM und später noch einmal 20,- DM neu starten, freilich die alten Vermögen blieben erhalten und wurden nur umgerechnet. Der Umrechnungskurs der DM z. B. zum US Dollar begünstigte den Export. Der Marshallplan der USA war eine großartige Starthilfe nach dem Krieg, eine Hilfe zur Selbsthilfe.

Hinzu kommt als wesentlicher Faktor, dass es nach dem 2. Weltkrieg nur noch Einheitsgewerkschaften gibt, d. h. es gibt Industriegewerkschaften wie die IG Metall und nicht kommunistische oder sozialdemokratische oder christliche Gewerkschaften. Die deutschen Gewerkschaften verstanden und verstehen sich, als, wenn auch kritische, Partner der Unternehmen. Sie wollen mitbestimmen und nicht wie z.B. in Frankreich eine Gegenmacht sein. Die bewährte betriebliche und unternehmerische Mitbestimmung hat mit dazu beigetragen, dass es in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern in Europa relativ wenige Streiks gibt.

Die Wachstumsraten des realen BIP lagen in Deutschland 2009 – Finanzkrise – bei minus 5,7% und 2020 – Corona Krise – bei geschätzten minus 9,4%. In allen anderen Jahren waren sie positiv, im Schnitt bei jeweils 1,5% plus im Vergleich zum Vorjahr. Das BIP pro Kopf beträgt 41 510,- Euro pro Jahr. Unter Berücksichtigung der Umbrüche durch die Wiedervereinigung ein respektabler Spitzenplatz innerhalb der EU – EU Durchschnitt 31 110,- Euro.

Im Juni 2020 gab es saisonbereinigt 44,5 Millionen Beschäftigte, was einer sehr hohen Erwerbstätigen Quote von 75,9% entspricht – prozentualer Anteil der Bevölkerung zwischen 20 und 64 Jahren, die einem Beruf ausübten. 33,7 Millionen davon waren sozialversicherungspflichtig, d.h. sie mussten Beiträge zur Gesetzlichen Krankenversicherung, zur Arbeitslosenversicherung und zur Rentenversicherung abführen. Nach Angaben des statistischen Bundesamtes gab es 3,95 Millionen Selbständige, davon 2,65 männlich und 1,3 Millionen weiblich. Es gab 2,5 Millionen Beamte. Die Zahl der Angestellten lag 1991 bei 14,58 Millionen und nahm bis 2019 auf 26,46 Millionen zu. Die Entwicklung bei den Arbeitern läuft genau umgekehrt: Waren es 1991 14,56 Millionen, so lag die Zahl 2019 bei 8,26 Millionen.

Es gibt wohl kein Land in der EU, das mehr vom Gemeinsamen Markt profitiert als Deutschland. Insofern ist es mehr als gerechtfertigt, dass Deutschland der größte Nettozahler zum EU Haushalt ist. Im Februar 2020 also vor der Corona Pandemie lag die Arbeitslosenquote bei nur 3,2%.

3. Entwicklungstendenzen

1994 zählte der Deutsche Gewerkschaftsbund 9,8 Millionen Mitglieder, 2019 waren es nur noch 5,9 Millionen. Hierin kommt auch der Wandel zu den Angestelltentätigkeiten im Dienstleistungssektor zum Ausdruck. Deutschland hat nicht wie Großbritannien alles auf die Karte Dienstleistungssektor gesetzt, besonders bei den Finanzdienstleistungen, sondern an gewichtiger Industrie festgehalten. Obwohl der Computer auch von Konrad Zuse in Deutschland erfunden wurde, sind alle Innovationen im Bereich der Informationstechnologien im Silicon Valley in den USA erfunden und von dort vermarktet worden. In Bezug auf die digitale Infrastruktur hinkt Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern wie z. B. Süd Korea oder Estland massiv hinterher. Der einzige Tech Konzern aus Deutschland – mit Ausnahme von SAP – Wirecard ist 2020 im Strudel eines Skandals um veruntreute Milliarden Euro und eine mangelnde Aufsicht untergegangen. Auch in Bezug auf Hochgeschwindigkeitszüge ist die von Siemens entwickelte Technik kaum konkurrenzfähig und in Deutschland ist die zukunftsweisende Technik der Magnet-Schwebebahn nicht zur Anwendung gekommen. Die einst stolze Deutsche Bank ist heute nur noch ein Schatten ihrer selbst nach der Verwicklung in viele Skandale wie Geldwäsche und sehr riskante Geschäfte im Zusammenhang mit der weltweiten Finanzkrise seit 2008/9. Und nun „die Vorzeige-Branche“, die Automobilindustrie: Sie ist seit mehreren Jahren – offenbar auf Grund gemeinsamer Absprachen – in den Dieselskandal verwickelt – und dies „gedeckt“ durch das Kraftfahrtbundesamt: VW hat auf höchster Stelle zugegeben, dass mit den Abgasmanipulationen die Verbraucher systematisch betrogen und belogen wurden. Am 18.8.2020 wird gemeldet, dass Daimler sich in Vergleichsverhandlungen in den USA sowohl mit Behörden als auch mit Klägern in Verbrauchersammelklagen auf die Zahlung von 2,2 Milliarden US Dollar geeinigt habe. Dies ist ein klares Indiz dafür, dass Daimler auch systematisch und bewusst die Abgaswerte manipuliert hat. Was ist aus der bisher weltweit anerkannten Marke „Made in Germany“ geworden, wenn selbst die „besten“ Ingenieure aus Profitgründen angewiesen werden, zu betrügen? Die EU Kommission ermittelt seit längerem gegen ein Kartell der Automobilhersteller! Der Vertrauensverlust zwischen Automobilkäufern und den Anbietern betrifft nicht nur ihr „Innenverhältnis“, sondern strahlt auf die Gesellschaft insgesamt aus: Wenn die da oben so „bescheißen“, dann werde ich auch immer egoistischer, fahre die Ellbogen aus und lasse mir nichts mehr gefallen!

Hinzu kommt, dass durch die jahrelange „Protektion“ der Automobilindustrie, durch die Politik auf Bundes- als auch auf Landesebene die Automobilindustrie die notwendigen Innovationen verschlafen hat: Sei es das elektrisch angetriebene Automobil – der Radius der Batterien ist immer noch sehr begrenzt, die Ladestationen, falls vorhanden sind nicht kompatibel etc. – sei es die Wasserstofftechnologie als Antriebsart – die Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen. Ein Land ohne nennenswerte Rohstoffe muss Innovationen vorantreiben, will es den Lebensstandard der Bürger erhalten und den Umweltschutz vorantreiben. Entweder es gibt eine vorausschauende Hochschul- und Forschungsförderungspolitik oder wenn es zu spät ist, wird nur noch Krisenpolitik betrieben.

Noch sind es die vielen, vielen mittelständischen Unternehmen in Deutschland, die die Wirtschaftsleistung und den Export aufrecht erhalten.

Deutschland hinkt in Bezug auf die Digitalisierung, insbesondere der Schulen im Vergleich zu anderen Ländern sehr stark hinterher. Schon in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts hat der Autor als Vorsitzender des Vereins „Schulen ans Netz“ in NRW zusammen mit anderen dafür gesorgt, dass Schulen mit Computern, ausrangierte und dann aufgearbeitete, kostenlos versorgt wurden. Fast 30 Jahre später wird diskutiert, wie denn nun endlich die Schulen flächendeckend ausgestattet werden können.

In Deutschland dauern Großprojekte aus den verschiedensten Gründen immer länger: Der Berliner Flughafenbau ist eine endlose Geschichte mit der üblichen Kostenexplosion. Über Stuttgart 21 lässt sich Ähnliches sagen. Während die Schweiz ihre Tunnelprojekte für die schnelle Eisenbahnverbindung von Rotterdam bis Genua bereits fertiggestellt hat, braucht der 4gleisige Ausbau auf deutscher Seite noch bis 2035, wenn denn die Planungen einzuhalten sind.

„Deutschland ist ein Geldwäsche-Paradies“ titelt die Wochenzeitung DIE ZEIT im Wirtschaftsteil am 14.11.2019. Die EU hat die 5. Geldwäsche Richtlinie herausgegeben. Deutschlands darauf hin novelliertes Geldwäsche Gesetz sieht verschärfte Meldevorschriften für Notare, Immobilienmakler, Goldhändler, Auktionshäuser und Kunsthändler vor, doch es ist nach wie vor möglich, eine große Immobilie mit Bargeld zu bezahlen! „Steuerschulden dürfen nicht bar bezahlt werden, einen Millionenvilla schon“ heißt es in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 27.10.2019. Eine Studie schätzt, dass in Deutschland 100 Milliarden Euro im Jahr aus Mafiageschäften, Drogen- oder illegalen Waffenverkäufen, Menschenhandel etc. gewaschen werden, meist durch Barzahlungen. „Bargeld gibt Freiheit, es gibt keine Spuren“ heißt eine Überschrift in dem Zeit-Artikel. Selbst wenn ein Notar seinen Verdacht meldet, kann es Monate dauern bis die Anzeige bearbeitet wird. Bei der Financial Intelligence Unit (FIU) waren im September 2019 in Deutschland 48.229 Meldungen nicht bearbeitet. Was ist das für ein Rechtsstaat?

Weitere Skandale sind das Mautdebakel – Verkehrsminister Scheuer unterschrieb die Verträge mit den zukünftigen Mautbetreibern für Kraftwagen auf deutschen Autobahnen, bevor der EUGH entschied. Und der entschied negativ. So muss der deutsche Steuerzahler wahrscheinlich mehr als 500 Millionen Euro an Entschädigungen an die Mautbetreiber zahlen. Der Minister von der CSU ist immer noch im Amt … Außerdem ist die langjährige staatliche Duldung der sog. Cum Ex bzw. Cum Cum Geschäfte zu nennen: Finanzdienstleister ließen sich für erworbene Wertpapiere, die weiter veräußert wurden, die Kapitalertragssteuer mehrfach von den Finanzämtern erstatten, obwohl nur ein Mal gerechtfertigt war. Derartige illegale Geschäfte lösen beim „Otto Normalverbraucher“ nicht nur mit Recht Kopfschütteln aus sondern auch Wut. Auch hier erodiert das Vertrauen in den Rechtsstaat! Aber die Politik wundet sich über das Aufkommen der AFD.

Die Schattenwirtschaft in Deutschland wird für das Jahr 2003 auf 16,7% des BIP geschätzt. Von da ab sei sie rückläufig und soll sich 2020 auf 9,1% belaufen (statista unter Berufung auf einen in diesem Gebiet besonders ausgewiesenen Experten).

Deutschland – zunächst Westdeutschland – gehört zu den Gründungsmitgliedern von Euratom und der Gemeinschaft von Kohle und Stahl. Deutschland gehört zur Euro Zone und zum Schengen Raum. Es gibt wohl kein anderes Land in der EU, das so vom Gemeinsamen Markt profitiert wie Deutschland. Die deutsche Wirtschaft ist bisher noch in Europa führend. Die Bundesregierung hat bis zum Beginn der Corona Pandemie eisern an dem jeweiligen Haushaltsausgleich mit einer „schwarzen Null“ festgehalten. Bis dahin war es auch gelungen, die Staatsverschuldung unter die Grenze von 60% gemäß dem Maastricht Vertrag zu senken. Die Bundesregierungen waren bisher stabil. Ende 2020 ist Bundeskanzlerin Angela Merkel 15 Jahre im Amt. Sie hat den Ausstieg aus der Atomkraft bis 2022 forciert und auch den Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2038 moderiert. Sie hat sich selbst für die Fertigstellung der Gas Pipeline North Stream 2 von Russland nach Deutschland eingesetzt. Durch die Umgehung der baltischen Staaten und Polens und den Aufbau einer Alternative zu Gaslieferungen durch die Ukraine hat sie nicht gerade EU- und nachbarschaftsfreundlich gehandelt. Wegen angedrohter Sanktionen der USA gegen die Fertigstellung der Leitung besteht die Gefahr einer riesigen Investitionsruine. Die möglichen Sanktionen der USA sind völkerrechtlich inakzeptabel, da sie eine Einmischung in innerstaatliche Angelegenheiten sind. Sie sind außerdem scheinheilig, weil es tatsächlich darum geht, amerikanisches Flüssiggas in Europa zu vermarkten.

Nach dem Mordversuch gegen den Putin-Kritiker Alexej Navalny im August 2020 mit international geächtetem Giftgas durch staatliche russische Stellen im Herrschaftsbereich Putins muss die Bundesregierung klären, ob sie weiterhin an diesem Projekt festhalten will, ein Projekt, das zur Sicherung der Energieversorgung Deutschlands nicht notwendig ist, ein Projekt, dass Putin und den ihn umgebenden Oligarchen ihre Herrschaft sichern hilft und den Spaltpilz in Europa fördert.

Jetzt, wo die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie sichtbar werden, hat die Bundesregierung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron den Vorschlag entwickelt, einen Wideraufbaufond der EU – kreditfinanziert – für die am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder aufzulegen und diese Gelder nicht als Kredite sondern als Zuschüsse zu verteilen – endlich ein Akt von großzügiger Solidarität -, wenn er denn die Zustimmung aller Mitgliedsstaaten erhält.

Der Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International betrug 2019 für Deutschland 80. Deutschland gehört damit zu den Top 10 – relativ wenig Korruption-, angeführt von Dänemark mit 87. Schlusslicht ist Somalia mit 9. Bemängelt wird, dass in Deutschland die Finanzierung der politischen Parteien nicht transparent genug sei.

Der Rechtsstaatsbericht der EU 2020 kritisiert mit Recht, dass in Deutschland die Staatsanwälte formal dem Weisungsrecht des jeweiligen Justizministers unterliegen.

Trotz umfangreicher Bemühungen um die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit und dem Versuch, daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen, gab es 2019 rund 2000 antisemitische Straftaten gegen Juden und jüdische Einrichtungen, einschließlich des vielfachen Mordanschlags gegen die Synagoge in Halle. Schulen, die von jüdischen Kindern besucht werden, müssen ständig bewacht werden. Die Lernfähigkeit von Gesellschaften scheint doch sehr begrenzt zu sein. Ich weiß sehr wohl was es bedeutet, „dass ich so traurig bin…..“

1990 verzeichnete die katholische Kirche in Deutschland 28,5 Millionen Mitglieder, was 35,4% der Bevölkerung entsprach. 2019 sind es noch 22,6 Millionen. Bei der evangelischen Kirche sieht die Entwicklung ähnlich aus: 1990 gab es 29,4 Millionen Mitglieder gleich 36,9%. 2019 waren es nur noch 20,71 Millionen (Statista). Dies bedeutet, dass nur noch etwas mehr als die Hälfte der Bundesbürger sich heute zu einer der christlichen Kirchen zugehörig zählen. Die Missbrauchsfälle haben insgesamt sehr dazu beigetragen, sind aber nicht die einzige Ursache.

Die früheren großen Volksparteien verzeichnen einen kontinuierlichen Mitgliederschwund: Hatte die SPD 1990 noch 943.000 Mitglieder, waren es am 31.12.2019 weniger als die Hälfte: 419.000; die CDU hatte 1990 790.000 Mitglieder, Ende 2019 waren es 406.000, etwas mehr als die Hälfte. Die CSU hat sich im Verhältnis ganz gut gehalten: Waren es 1990 186.000 Mitglieder, wurden Ende 2019 noch 139.000 gezählt. Die Linke hatte 1990 280.000 Mitglieder, 2019 waren sie auf 61.ooo geschrumpft. Die FDP hatte 1990 168.000 Mitglieder, 2019 waren es nur noch 65.000. Lediglich die Grünen, die 1990 41.000 Mitglieder hatten, haben sich bis Ende 2019 auf 96.000 mehr als verdoppelt. Insgesamt zeigen diese Zahlen – so wie auch die in Bezug auf die Mitgliedschaft in den Gewerkschaften und in den christlichen Kirchen – dass die Bindungskraft von Großorganisationen kontinuierlich schwindet und der Trend zur Betonung des (hedonistischen?) Individualismus entsprechend zunimmt.

Die deutschen Staatsbürger sind „Weltmeister“ im Reisen und trotz der grausamen Vergangenheit im Ausland sehr beliebt, auch wenn sie oft als ziemlich humorlos gelten. Der HDI liegt 2018 bei 0,939. Damit liegt Deutschland auf dem 4. Platz der „glücklichsten“ Länder.

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Die Dichterfürsten vor dem Weimarer Theater, Andreas Praefcke, CC O

Johann Sebastian Bach ist auch mit seiner Kirchenmusik „urdeutsch“ und prägend für die späteren Komponisten. Nimmt man den deutschsprachigen Raum mit Österreich zusammen, sind Mozart und Beethoven die bekanntesten klassischen Musiker.                                                                                                 Die Melodie  von Beethovens 9. Symphonie – die Ode an die Freude – ist die Europa-Hymne.

Im Bereich der klassischen Literatur sind wohl Goethe und Schiller, sowie Heinrich Heine und Thomas Mann weltbekannt. Im Bereich der „praktischen“ Philosophie muss Immanuel Kant aus Königsberg, heute Kaliningrad unter russischer Verwaltung, unbedingt erwähnt werden.

 

Im Ausland werden die Deutschen mit Sauerkraut und Bratwurst identifiziert. Das Oktoberfest ist synonym mit viel, viel Bierkonsum, während Rhein, Mosel und Ahr mit Wein gleich gesetzt werden.

 

 

 

 

 

Estland (EE)

Estland gehört zu dBlick auf Tallin.jpgen baltischen Staaten und grenzt im Osten an Russland und im Süden an Lettland. Nach Norden liegt es am Finnischen Meerbusen und nach Westen an der Ostsee. Estland hat sehr gute Beziehungen besonders zu Finnland, aber auch gute kulturelle Verbindungen zu Deutschland. Die Hauptstadt ist Tallin, das frühere Reval. Estland umfasst 45.339 Quadratkilometer und ist damit etwas größer als die Schweiz und etwas kleiner als das deutsche Bundesland Niedersachsen. Estland hat eine Bevölkerung von 1,33 Millionen und damit 29 Einwohner pro Quadratkilometer. Es ist also ein relativ dünn besiedeltes Land. Estland ist heute eine parlamentarische Demokratie.

1. Geschichte

Der Deutsche Orden setzte sich mit seinen Bestrebungen der Christianisierung im Gebiet des heutigen Estland fest. 1252 übernahm er mit den dortigen Vasallen die autonome Landesverwaltung. 1561 endete die Herrschaft des Deutschen Ordens. Danach übernahmen die Städte der Hanse, – ein Bund von 194 Städten in 16 Ländern – Lübeck, Wismar und Danzig in Deutschland, Riga in Lettland, Deventer in den Niederlanden, Visby in Schweden, Bergen in Norwegen, La Rochelle in Frankreich, Turku in Finnland, aber auch Städte im Inland wie Dortmund Selbstverwaltungsaufgaben. Die Oberschicht der Staatsbürger und die Gutsbesitzer waren deutschsprachig. Bis 1885 war Deutsch Unterrichts- und Behördensprache.

Im Großen nordischen Krieg eroberte das zaristische Russland das Gebiet, das dann von 1710 bis 1918 die „Ostseeprovinz Gouvernement Estland“ bildete. Auf Grund einer Russifizierungs- Kampagne der russisch-zaristischen Regierung nach 1885 löste dann russisch die deutsche Sprache als Amtssprache ab. Russland zeigte sich auch hier als imperialistisches, expansives Land, und dies unabhängig von der Staatsform, sei es als das Zarenreich, sei es als die Sowjetunion oder sei es als das heutige autokratische Regime unter Putin.

Während des Zerfalls des russischen Zarenreiches im Zusammenhang mit der Oktober-Revolution von 1917 erlangte Estland am 24. 2. 1918 die Unabhängigkeit. Die Estnische Verfassungsgebende Versammlung bestätigte am 24. 11. 1918 das aktive und passive Wahlrecht für Männer und Frauen und orientierte sich damit an westlichen Vorbildern. 1921 wurde Estland Mitglied im Völkerbund.

Durch den Hitler-Stalin Pakt von 1939 und seine geheimen Zusätze wurde das gesamte Baltikum der sowjetischen Einfluss Sphäre zugeschlagen. So wurden die drei baltischen Staaten in die Sowjetunion integriert. 1940/41 wurden massenhaft Esten, vorrangig aus dem Besitz- und Bildungsbürgertum ins Innere des kommunistischen Reiches, meist gleich in den Gulag deportiert.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 war Estland von deutschen Truppen besetzt. Auch hier exekutierte das nationalsozialistische Regime seine grausame Genozid Politik: Ca. 1000 einheimische Juden und ca. 10 000 Juden aus Ost- und Mitteleuropa wurden im Holocaust ermordet.

1944 wurde Estland erneut von Russland annektiert, diesmal von der Roten Armee. Es kam zu erneuten Deportationen von „Volksfeinden“. In der Sowjetunion war es strengstens verboten, Lieder aus Vaterlandsliebe zu einem anderen Land als der Sowjetunion zu singen. Hierzu gehörten die Hymnen der baltischen Staaten. Bei Verstößen drohte die Deportation nach Sibirien. 1988 in der Zeit der Perestroika versammelten sich auf dem Sängerfestplatz in Tallin 300 000 Esten, um erstmals wieder ihre Hymne „Mein Vaterland, mein Glück und meine Freude“ gemeinsam zu singen. Damit begann die „Singende Revolution“, die 1991 zur erneuten Unabhängigkeit führte. Hunderttausende sangen patriotische Lieder und am 23. August 1989, genau 50 Jahre nach Abschluss des perfiden Hitler-Stalin-Paktes bildeten 2 Millionen Menschen eine Kette von Tallin über Riga nach Vilnius über 600 Kilometer, den „baltischen Weg“ (Wikipedia). Im Gegensatz zu Lettland und Litauen hatte die Unabhängigkeitsbewegung in Estland keine Toten zu beklagen.

2. Grunddaten und Entwicklungstendenzen

Nach einem Referendum im Jahre 2003 wurde Estland 2004 Mitglied in der EU und trat 2011 der Währungsunion des Euro bei. Seit 2004 ist Estland auch Mitglied der Nato. Dies ist besonders wichtig, da die Sowjetunion zwischen 1945 und 1990 eine gezielte Ansiedlung nicht estnischer Einwohner, insbesondere von Russen betrieben hat. So sollte in der Sowjetrepublik die Zusammensetzung der Bevölkerung zu Ungunsten der Esten verschoben werden. 2017 waren von der Bevölkerung 69% Esten, 25% Russen und 1,8% Ukrainer. Für Putin sind die dortigen Russen immer noch ein Faustpfand, mit deren „Schutz“ er eine Invasion in dies souveräne Land „rechtfertigen“ könnte. Diese Befürchtung ist nicht an den Haaren herbeigezogen, denn Russland hatte die Souveränität der Ukraine völkerrechtlich verbindlich anerkannt gehabt und hat dessen ungeachtet die Krim annektiert und im Dombas den Separatismus aktiv unterstützt. Die älteren Russen in Estland tun sich schwer, die Sprache zu erlernen, um die estnische Staatsbürgerschaft zu erlangen. „Die Gefahr einer direkten Auseinandersetzung gilt als niedrig, aber mehr als 25 Jahre nach der Wiederherstellung der estnischen Unabhängigkeit gibt es noch immer kein von beiden Seiten ratifiziertes Grenzabkommen“ (Konrad Adenauer Stiftung 2018). Estland pocht auf das Friedensabkommen von Tartu aus dem Jahre 1920, während Russland die Grenzziehung von 1990 bevorzugt, die ihm Gebiete des früheren Estland erhält.

Im Gegensatz zu den Wohlfahrtstaaten Skandinaviens ist Estland eher durch marktliberale Züge der Wirtschaftsorganisation gekennzeichnet. Die Wachstumsraten des BIP waren seit dem EU Beitritt 2004 sehr hoch, nur 2009 gab es einen Einbruch von minus 14,4%. 2oo6 wuchs die Wirtschaft beispielsweise um 10,8%, 2007 um 7,6%, 2011 schon wieder um 7,4% und 2017 um 4,9%. Lag das BIP pro Kopf kaufkraftbereinigt 2005 bei 19.765,-, so waren es 2017 schon 31.750,- US Dollar, also schon über dem europäischen Durchschnitt. Die Wirtschaftsstruktur ist gekennzeichnet durch Holz- und Möbelindustrie, Elektronik, Nahrungsmittelindustrie und im Energiebereich durch den unter Umweltaspekten sehr umstrittenen Abbau von Ölschiefer. In der Entwicklung und Anwendung der Informationstechnologie ist Estland weltweit vorne: Hier wurde Skype erfunden. In Estland können politische Abstimmungen für alle online durchgeführt werden. Es gibt die Möglichkeit einer E-Residency für Ausländer: Verschlüsselung von Dokumenten, Erstellung von Bankkonten, Gründung von Unternehmen. Estland kann also als Vorbild bei der Digitalisierung gelten. Die estnische Wirtschaft leidet trotz der guten wirtschaftlichen Entwicklung unter dem Problem der Abwanderung junger, gut qualifizierten Arbeitskräfte.

Die Staatsverschuldung lag 2017 bei sensationell niedrigen 9%!

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Die Tradition des Estnisches Sängerfestes wurde 1869 gegründet, ToBreatheAsOne – Flickr , CC BY-SA 2.0

Estland ist eine singende Nation: Die größte Volksliedersammlung der Welt umfasst 133 000 aufgenommene Lieder! (Visit Estonia). Obwohl die Esten nicht sehr religiös sind, glauben 69%, das Bäume, besonders in den Märchenwäldern, eine Seele haben. Eine alte Eiche mitten auf einem Fußballfeld wurde 2015 zu Europas Baum des Jahres erkoren. Sie gilt als 23. Feldspieler!

Das Nationalgericht Estland ist „Verivorst“, eine deftige Blutwurst, die vorrangig im Winter gegessen wird. Der HDI lag 2016 bei 0,865 – ein hoher Wert, angesichts der oft tragischen Geschichte!

Finnland (FI)

Finnland reicht zusammen mit Schweden in den hohen Norden Europas bis an den Polarkreis bzw. mit Lappland darüber hinaus. Im Osten grenzt Finnland mit über 1300 Kilometern an Russland, ganz im Norden an Schweden und Norwegen. Ansonsten grenzt es an den Finnischen Meerbusen als Teil der Ostsee. Finnlands Fläche beträgt 338.145 Quadratkilometer (etwas weniger als Deutschland), wobei es rund 55 000 Seen gibt. Mit 16 Einwohnern pro Quadratkilometer gehört Finnland zu den am dünsten besiedelten Ländern der EU. 2019 betrug die Bevölkerungszahl 5,518 Millionen. Amtssprachen sind Finnisch und Schwedisch. Die Hauptstadt ist Helsinki. Finnland ist seit 1995 EU Mitglied und seit 1999, also von Anfang an Mitglied der Eurozone.

062.jpg1. Geschichte

In den frühen nachchristlichen Jahrhunderten wanderten finnische Stämme aus dem Baltikum oder noch weiter aus dem Osten in das Gebiet des heutigen Finnland ein. Mitte des 12. Jahrhunderts begann die Christianisierung durch Missionare aus dem Bereich des heutigen Schwedens, das dann auch seine Herrschaft auf dieses Gebiet ausdehnte. Unter dem schwedischen König Gustav I. Wasa wurde das lutherische Christentum verbreitet und die finnische Schriftsprache ausgearbeitet. In Helsinki steht der dort sog. Dom. 1581 wurde Finnland zum Großfürstentum erhoben, blieb aber schwedische Provinz.

Im 2. Nordischen Krieg von 1713-1721 wurde Finnland von zaristischen Russland besetzt, das sich im folgenden Frieden Teile von Finnland einverleibte. Es folgte ein russisch-schwedischer Krieg mit dem Ergebnis, dass weitere Teile Finnlands unter russische Herrschaft gerieten.

1807 schlossen Zar Alexander I. und Napoleon den Frieden von Tilsit: Danach fiel Finnland an Russland und wurde 1808 von russischen Truppen besetzt. Finnland wurde damit zum „autonomen“ russischen Großfürstentum. Nach national-finnischen Bewegungen im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts begann unter Zar Alexander III. eine Russifizierungs – Politik, die die relative finnische Autonomie beseitigte. Nach der russischen Revolution von 1905 wurde die Autonomie wieder hergestellt, was eine gewisse Selbstverwaltung ermöglichte. 1906 führte Finnland als erstes Land in Europa das Frauenwahlrecht ein. Stärkste Partei für die Wahl zum Landtag wurde die nach deutschem Vorbild gegründete Sozialdemokratische Partei.

Nach der Oktober-Revolution in Russland im Jahre 1917 erklärte sich Finnland am 6.12.1917 zum souveränen Staat und schloss am 7.3.1918 einen Sonderfrieden mit dem Deutschen Reich. Danach kam es zu einem Bürgerkrieg zwischen „Weißen“, also bürgerlichen Gruppen Finnlands, die von deutschen Truppen unterstützt wurden und den Bolschewisten, den „Roten“. Nach dem Sieg der „Weißen“ wurde 1919 eine republikanische Verfassung angenommen. 1921 trat Finnland dem Völkerbund bei.

Nach Beginn des 2. Weltkrieges wurde Finnland 1939 von der UDSSR angegriffen und musste im Frieden von Moskau am 12.3.1940 erneut finnische Gebiete abtreten. 1941 nahm Finnland an der Seite Hitler-Deutschlands an dem Krieg gegen die Sowjetunion teil und verlor dabei die schon vorher abgetreten Gebiete. Finnland wurden erhebliche Reparationszahlungen an die Sowjetunion auferlegt. Trotz dieser Niederlage konnte Finnland seine Unabhängigkeit gegenüber der Sowjetunion bewahren, indem es einerseits gutnachbarschaftliche Beziehungen zur Sowjetunion unterhielt mit dem Versprechen, sich neutral zu verhalten und keinem westlichen Bündnis beizutreten und andererseits seine Verbindungen insbesondere zu den anderen skandinavischen Ländern ausbaute (Brockhaus Enzyklopädie 19. Auflage, 1988). Finnland ist bis heute nicht der Nato beigetreten – so weit ist das Gefühl verbreitet, dem mächtigen Nachbarn im Osten, von dem man in einer 1340 Kilometer langen Grenze getrennt ist, bloß keinen Vorwand zu liefern, wieder aggressiv aufzutreten.

Finnlands Geschichte ist also die eines dauernden Kampfes gegen schwedische Vorherrschaft einerseits und andauerndem russischem bzw. sowjetischem Imperialismus andererseits.

2. Grunddaten

Die finnische Industrie ist zunächst von der Holz- und Papierindustrie dominiert, denn die riesigen Wälder liefern den wichtigsten Rohstoff. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 kam es in Finnland, das bis dahin viel Handel mit Russland betrieb, zu einer Wirtschaftskrise: Das BIP sank um 13%, und die Arbeitslosigkeit, die 1990 bei 3,4% lag, stieg 1994 auf 18,4%. Nicht zuletzt, um die Reparationszahlungen zu erwirtschaften setzte Finnland nach dieser Krise auf staatlich geförderte Industriealisierung: Es wurde in Hochschulbildung im Hochtechnologiebereich gesetzt. Die Branche der Mikroelektronik mit Nokia wurde das neue Zugpferd. Staatliche Unternehmen wurden privatisiert. Die Petro Industrie, der Schiffsbau und der Maschinen- und Fahrzeugbau kamen hinzu. Diese Neuausrichtung der Wirtschaftsstruktur wurde nach dem EU Beitritt 1995 erleichtert, weil jetzt die Gemeinsame Landwirtschafts- und die Regionalpolitik halfen. Bis 2001 wurde die Arbeitslosenquote praktisch halbiert auf 9,2%. 2018 betrug sie 7,6%. Wichtige Handelspartner Finnlands sind in der EU Deutschland und Schweden, außerhalb der Gemeinschaft das autokratisch geführte Russland.

Der Erfolg der finnischen Wirtschaftspolitik ist auch daran abzulesen, dass die Staatsverschuldung 2019 bei 59% lag, d. h. unterhalb der Grenze des Maastricht Vertrages von 60%. Die Wirtschaft ist so robust, dass sie keine weitere staatliche Unterstützung benötigt.

Finnland weist in den Pisa-Studien zur Messung der schulischen Leistungen immer Spitzenwerte aus.

Im Energiebereich erfolgte 2016 die Stromerzeugung zu 26,2% aus Kernenergie, zu 22,3% aus Importen, zu 13,4% aus Wasserkraft, zu 12% aus Holzverbrennung und zu 7,7% aus Kohle. Trotz der Katastrophe von Fukushima hält Finnland an der Kernkraft fest und hat auch weitere Kernkraftwerke geplant. 47,1% des Stromverbrauchs geht in die Industrie und die Bauwirtschaft, 28,3% in Landwirtschaft und private Haushalte (Wikipedia).

Das BIP pro Einwohner beträgt in Finnland 43.570,- Euro pro Jahr und liegt damit heute weit über dem EU Durchschnitt von 31.110,- Euro. Oder anders ausgedrückt: 2018 liegt das BIP pro Kopf in Finnland bei 111, zum Vergleich in Dänemark bei 129 und in Bulgarien bei 51. Der Global Competitiveness Index sieht Finnland 2017/18 auf Platz 10 von 137 Ländern. Finnland ist also ein hervorragendes Beispiel für eine staatlich geförderte Umstrukturierung der Wirtschaft, die dann aber der internationalen Konkurrenz überlassen wurde, in der sie sich erfolgreich behauptet.

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Die stattliche finnische Eisbrecherflotte hinter dem Zweimaster

Der HDI liegt für Finnland bei 0,925. Damit liegt Finnland auf dem 12. Platz der „glücklichsten“ Länder.

Paavo Nurmi ist mit 9 Gold Medaillen bei olympischen Spielen einer der erfolgreichsten Athleten der Welt. Ansonsten sind die Finnen für Eishockey berühmt und für die Sauna. Der Komponist Jean Sibelius ist weit über die finnischen Grenzen hinaus bekannt.

Karelische Piroggen sind eine finnische Spezialität. In den langen düsteren und kalten Winternächten spielt Wodka eine Rolle…

 

 

 

Frankreich (FR)

Frankreich grenzt im Osten an Deutschland und Luxemburg, im Südosten an die Schweiz und Italien, im Süden an Spanien und im Nordwesten an Belgien. Ansonsten ist es ein Land, das im Norden an die Nordsee, im Westen an den Atlantik und im Süden ans Mittelmeer reicht. Korsika, die Insel im Mittelmeer gehört zu Frankreich ebenso wie eine Reihe von Überseegebieten wie Französisch Guyana, mehrere Inseln in der Karibik wie Guadeloupe und Martinique, im indischen Ozean wie Mayotte und im Pazifik wie Neu-Kaledonien.

2019 hatte Frankreich 67 Millionen Einwohner und eine Bevölkerungsdichte im Schnitt von 103 Personen pro Quadratkilometer. Ballungsgebiete sind die Hauptstadt Paris und Umgebung und die Mittelmeerküste um Marseille.

Frankreich ist eine präsidial-parlamentarische Demokratie und ein zentralistischer Staat. Es gliedert sich in 18 Regionen und 101 Départements, davon 96 in Europa. Frankreich gehört zu den Gründungsmitgliedern der EU und des Euro-Raumes.

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Prof Saxx, Public Domain, geschätzte 17.000 Jahre alt

1. Geschichte

Das heutige Frankreich gilt als seit 48 000 Jahren besiedelt. Aus der Altsteinzeit sind die beindruckenden Felsenmalereien aus den Höhlen von Lascaux überliefert. Ab etwa 600 vor Christi Geburt gründeten griechische Händler Stützpunkte an der Mittelmeerküste. In dem Gebiet lebten Kelten, die von den Römern Gallier genannt wurden. Zwischen 58 und 51 eroberte der römische Imperator Caesar im Gallischen Krieg das Land, aus dem drei römische Provinzen wurden: Gallia Belgica, Gallia Cisalpina und Gallia Narbonensis. Den Widerstand gegen die Römer verkörpern noch heute die Comic Helden Asterix und Obelix: „Die spinnen die Römer!“ Trotzdem prägte die römische Herrschaft das Leben in dieser Region. Herausragende Beispiele sind das römische Amphitheater in Orange und die römische Wasserleitung Pont du Gard. Sie ist 50 km lang bis nach Nimes, das damals ca. 20 000 Einwohner hatte. Die heute noch bestehende Wasserleitung überquert den Fluss Gard in einer Höhe von 49 Metern in 3 Etagen von Rundbögen und transportierte ca. 20 000 Kubikmeter Wasser pro Tag. Dies bedeutet, dass im Durchschnitt jeder Einwohner der Stadt 1 Kubikmeter Wasser zur Verfügung hatte, ein unvorstellbarer Luxus zur damaligen Zeit.

Ab dem 5. Jahrhundert nach Christus kam es zur Einwanderung germanischer Stämme und in deren Gefolge zur Gründung des Reiches der Merowinger. 496 wurde das Christentum „übernommen“. 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers wurde die islamische Expansion von der iberischen Halbinsel abgewehrt. Es folgten die Karolinger; Karl der Große wurde 800 zum Kaiser gekrönt. Sein Reich umfasste die Kernlande der heutigen EU: die Flächen von Frankreich, Deutschland, BeNeLux und Oberitalien. 843 wurde im Vertrag von Verdun das Karolinger Reich unter den Erben Karls aufgeteilt. Der westliche entspricht dem Gebiet des heutigen Frankreich, allerdings ohne Lothringen. Dieser Westteil ging an Karl den Kahlen, Lothar erhielt den Mittelteil von der Nordsee bis nach Oberitalien und Ludwig der Deutsche den Ostteil, aus dem später das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hervorging.

Zur Zeit des Königs Ludwig VII. (1131-1180) begannen langandauernde Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und England, denn 1154 hatte der König von England große Teile Frankreichs durch Heirat erworben. Der hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich dauerte von 1330-1453 und endete mit der Befreiung von englischer Vorherrschaft, auch durch die „Nationalheldin“ Jeanne d´Arc. Zusätzlich zu den Kriegsfolgen raffte die Pest von 1348 ein Drittel der Bevölkerung dahin.

Durch das Wirken des Reformators Johann Calvin dehnte sich der Protestantismus nach Frankreich aus. Die dort Hugenotten genannten Protestanten wurde in dem erzkatholischen Land unterdrückt und in der Bartholomäus Nacht 1572 massakriert. Viele der Überlebenden wanderten zu Hunderttausenden aus, auch nach Preußen. Im Edikt von Nantes 1598 wurde Religionsfreiheit gewährt, aber 1685 für die Hugenotten wieder aufgehoben.

1635 griff Frankreich in den 30-jährigen Krieg ein und führte Krieg gegen Spanien. 1643 wurde der Bourbonen König Ludwig der XIV. als Vier-jähriger inthronisiert, er regierte als „Sonnenkönig“ bis 1715. In seiner Zeit wurde das prunkvolle Schloss Versailles erbaut. Der Absolutismus erreichte unter ihm -„l`état cest moi“ (ich bin der Staat)- seinen Höhepunkt. Französische Kultur und Sprache wurden in Europa in den „gehobenen“ Kreisen zu dieser Zeit erstrebenswert. Doch diverse Kriege, Missernten und eine sehr teure Hofhaltung ließen die Diskrepanzen zwischen den Herrschenden und dem gemeinen Volk immer stärker in Erscheinung treten und führten 1789 zur französischen Revolution. Sie zeitigte die Proklamation von Menschen- und Bürgerrechten, die durch die geflügelten Ausrufe „liberté, egalité, fraternité“ universell wurden. Die erste Republik wurde in Frankreich 1793 verkündet.

Unter dem Terrorregime von Robespierre mit den Massenhinrichtungen durch die Guillotine kam es zu chaotischen Zuständen, die den Weg ebneten zur Machergreifung durch Napoleon Bonaparte, der sich 1804 als Bonaparte zum Kaiser krönte. Es war ein diktatorisches Regime mit plebiszitären Elementen. Einerseits hat Napoleon grundlegende Reformen der öffentlichen Verwaltung durchgeführt, die bis heute prägend für Frankreich sind. Er hat die Säkularisation angeordnet und damit die Bauern von der Pflicht zur Entrichtung eines Zehnten ihrer Ernte an die Kirche befreit. Er hat den Code Civil erlassen, ein fortschrittliches Zivilgesetzbuch. Andererseits hat er Feldzüge nach Ägypten und nach Russland durchgeführt. Letzterer scheiterte kläglich, weil der russische General Kutusow Moskau anzündete, bevor Napoleons Armee eintraf. Die Armee Napoleons bediente sich jeweils plündernd aus den Gebieten, durch die sie zog. Unabhängig davon bleibt die Frage, was wollte Napoleon in Moskau? (Was wollte Hitler mit seinen Armeen 1943 in Moskau?) Seine Feldzüge durch Europa förderten auf der anderen Seite die Befreiungskriege. 1815 wurden Napoleons Truppen endgültig bei Waterloo in Belgien geschlagen und er wurde verbannt. Im Pantheon in Paris wird Napoleon aber auch heute noch verehrt.

Nach Napoleon erfolgte eine Periode der Restauration. Wieder bestieg ein Bourbone den Thron. Er versuchte das französische Kolonialreich wieder aufzubauen. 1848 kam es erneut zu einer bürgerlichen Revolution und der Begründung der 2. Republik. Zum Präsidenten wurde Louis Napoleon Bonaparte gewählt, der sich 1852 als Napoleon III. zum Kaiser krönen ließ. In dieser Zeit wurden Äquatorial-Afrika und Indonesien in das Kolonialreich übernommen.

1870/71 kam es zum deutsch-französischen Krieg. Deutschland siegte und gliederte sich Elsass-Lothringen ein. König Wilhelm I. ließ sich in Versallies zum deutschen Kaiser krönen, ein Zeichen einer bodenlosen Dummheit und überheblichen Arroganz.

Die dritte Republik in Frankreich dauerte von 1871 bis 1940. In diese Zeit fällt die weitere Ausdehnung des französischen Kolonialreiches und die beschleunigte Industriealisierung. 1878, 1889 und 1900 richtete Frankreich drei Weltausstellungen aus. Der Eiffel-Turm ist dafür das Wahrzeichen. Frankreich und das Vereinigte Königreich von England befanden sich in dieser Zeit in einem Wettlauf um die imperialistische Unterwerfung Afrikas. England strebte mit dem Kap-Kairo-Plan eine Nord-Süd-Teilung an, während Frankreich einen Ost-West-Gürtel Dakar-Dschibuti bevorzugte. Letztlich ohne kriegerische Auseinandersetzungen einigten sich beide.

Die antisemitisch befeuerte Dreyfus-Affaire von 1894-1905 erschütterte Frankreich. 1905 kam es zur Trennung von Staat und Kirche, die es so in Deutschland bis heute nicht gibt.

1914 überfiel das kaiserliche Deutschland nach dem Durchmarsch durch das neutrale Belgien Frankreich, nachdem die Großmächte „schlafwandlerisch“ (Chr. Clark) in den Krieg geschliddert waren. Der 1. Weltkrieg fand vorwiegend auf französischem Boden statt als verlustreicher Stellungskrieg. Frankreich hatte 1,5 Millionen gefallene französischen Soldaten zu beklagen – die Friedhöfe von Verdun sind übersät mit weißen Kreuzen. Hinzu kamen 166 000 Opfer durch die spanische Grippe 1918/19. Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages erhielt Frankreich die Gebiete Elsass-Lothringen zurück. Deutschland sollte üppige Reparationen zahlen. Da die nicht eingehalten wurden, besetzte Frankreich zeitweilig das Ruhrgebiet.

1939 brach das faschistische Deutschland den 2. Weltkrieg vom Zaun und marschierte in Frankreich ein. Das Land wurde in 2 Zonen aufgeteilt, eine „zone occupée“ und eine „zone libre“, in der das von Deutschland abhängige Vichy-Regime herrschte. Am 10. Juni 1944 verübte die Waffen SS in dem Ort Oradour sur Glane ein Massaker, bei dem das gesamte Dorf niedergebrannt und 642 Einwohner, darunter 207 Kinder und 254 Frauen ermordet wurden. Von 300 000 Juden, die 1940 in Frankreich lebten, davon die Hälfte ausländischer, überwiegend deutscher Staatsangehörigkeit – Flüchtlinge vor dem Terrorregime Nazi-Deutschlands – wurden 76 000 in den Vernichtungslagern ermordet (In Yad Vashem heißt es 90.000. Dr. Werner Best, der dafür zuständig war, bemühte sich, erst möglichst nur die nach Frankreich Geflohenen deportieren zu lassen). Die Kollaboration des Vichy-Regimes auch bei der Judenverfolgung ist in Frankreich nur zögerlich aufgearbeitet worden.

De Gaulle organisierte von London aus den Widerstand. Im August 1944 wurde Paris befreit, nachdem amerikanische und englische Truppen in der Normandie gelandet waren. General de Gaulle bildete im Oktober 1944 eine provisorische Regierung, die u. a. das allgemeine Frauenwahlrecht einführte (Wikipedia).

Die Jahrhunderte langen oft auch kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Frankreich wurden früher als „Erbfeindschaft“ bezeichnet. Umso mehr ist es ganz positiv zu würdigen, dass es nach dem 2. Weltkrieg zur Aussöhnung kam, besiegelt durch den deutsch-französischen Vertrag von 1963, erneuert 2019.

2. Grunddaten

55% der Staatsfläche Frankreichs werden landwirtschaftlich genutzt. Das sind 23% der gesamten landwirtschaftlichen Flächen der EU. Hier werden 20% der landwirtschaftlichen Produkte der EU erzeugt. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe ist stark zurückgegangen. Waren es früher Betriebe mit Mischkulturen, so sind es heute vorrangig spezialisierte Betriebe, die je nach klimatischen Gegebenheiten Wein und Champagner, Milch- und Käseprodukte oder Getreide produzieren.

Der Anteil der Wirtschaftssektoren am BIP ist in den letzten Jahren praktisch unverändert: Landwirtschaft 1,6%, Industrie 17,1% und Dienstleistungssektor 70,2%. Trotz dieser relativ geringen Bedeutung der Landwirtschaft haben die französischen Bauern durch ihre aggressive Protest“kultur“ großen retardierenden politischen Einfluss besonders auf die Gemeinsame Agrarpolitik der EU, die so den sich wandelnden Erfordernissen der Umweltpolitik auch in dem neuen mehrjährigen Finanzplan keineswegs gerecht wird.

Die Industrie ist geprägt durch die Montanindustrie, den Fahrzeug- und Maschinenbau und die Rüstungsproduktion. Durch die Einbindung in den Gemeinsamen Markt der EU hat Frankreich in den letzten Jahrzehnten eine wirtschaftliche Modernisierung durchgemacht: Zweidrittel des Außenhandels Frankreichs wird innerhalb der EU abgewickelt.

Frankreichs Wirtschaft ist geprägt durch relativ viele Staatsbetriebe wie der Bahnkonzern SNCF, die Pariser Verkehrsbetriebe RATP, die Fluggesellschaft Air France und den Energiekonzern EDF.

Die französische Gewerkschaftsbewegung ist in acht – zum Teil rivalisierenden – Dachverbänden unterschiedlicher Größe zersplittert. Zusammen haben sie knapp 2 Millionen Mitglieder, was 8% der abhängig Beschäftigten entspricht – 1970 waren es noch 20%. Der Organisationsgrad in der Privatwirtschaft beträgt 5%, in den staatlichen Unternehmen bzw. den vor Jahren privatisierten 15%. Deshalb werden Streiks besonders oft bei den Staatskonzern angezettelt. Den französischen Gewerkschaften geht es in der Regel um Gegenmachtbildung, nicht um Mitbestimmung wie in Deutschland.

2019 lag die Arbeitslosenquote bei den 15-64jährigen bei 8,4%, bei den 15-24jährigen aber bei Besorgnis erregenden 19,1%. Hier spielt die Konzentration muslimischer Einwanderer ohne berufliche Qualifikation besonders aus Nord-Afrika in den Vororten der großen Städte, den Banlieus eine besonders negative Rolle. Offenbar gelingt es dem Schulsystem nicht, diese ausreichend zu qualifizieren.

Die Wachstumsraten des BIP in Frankreich waren in den letzten Jahren moderat positiv. Der Einbruch 2020 durch die Corona Krise, die Frankreich besonders hart getroffen hat, wird aber wahrscheinlich über minus 10% liegen.

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Cattenom, Stefan Kuhn, CC BY-Sa 3.0

Die Stromversorgung Frankreichs erfolgt 2019 zu 71% aus Kernenergie, wobei drei Kernkraftwerke – zwei davon störanfällig – an den westlichen Grenzen liegen, Cattenom in Lothringen an der luxemburgisch/deutschen Grenze, Fessenheim im Elsass an der deutschen und Chooz an der belgischen Grenze. 11% der Stromerzeugung erfolgt über Wasserkraft. Die sonstigen erneuerbaren Energieträger sind noch relativ unterentwickelt.

Die Staatsverschuldung lag 2019 bei 99% des BIP und wird in Folge der Maßnahmen zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Corona Pandemie weiter ansteigen.

Trotz der vielen innenpolitischen Auseinandersetzungen lag der HDI in Frankreich 2018 bei 0,891.

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Sonnenuntergang über Paris, Tommie Hansen, CC BY 2.0

Kulinarisch wird Frankreich mit Baguette und Rotwein, mit Austern und Weinbergschnecken in Verbindung gebracht als Inbegriff des „savoir vivre“.

Kulturell stechen die gotischen Kirchen von Reims, Amiens und Paris hervor. Die Schlösser der Loire, so wie Versailles künden von vergangenem königlichem Prunk. Der Louvre mit seinen Kunstschätzen ist weltberühmt. Die französischen Impressionisten Manet, Monet und Renoir, aber auch Picasso, der aus Spanien stammt aber in der Provence lebte, sind hervorzuheben. Außerdem diverse Chanson-Sänger*innen, wie „der Spatz von Paris“, Edith Piaf oder Monsieur Tausend Volt, Gilbert Bécaud und große Filme- und Stummfilme-Macher wie Jean Luc Godard u.a. Die „Tour de France“ begeistert alljährlich viele Radfahrer.

Unter Staatspräsident Charles de Gaulle wurde die französische „force de frappe“, die Atom-Streitmacht begründet. Frankreich ist ständiges Mitglied im Weltsicherheitsrat und neben den USA, China, Russland und Großbritannien mit einem Veto-Recht ausgestattet. Nach dem Brexit ist Frankreich die einzige Nuklearmacht in der EU.

3. Entwicklungsperspektiven

Präsident Emanuel Macron hat versucht, das zersplitterte Rentensystem in Frankreich mit diversen Privilegien für einzelne Berufsgruppen zu reformieren und zu vereinheitlichen. Er ist dabei an den langandauernden Protesten der „Gelbwesten“ und der Gewerkschaften gescheitert. Die Franzosen sind im Vergleich z.B. zu Deutschland sehr Streikfreudig und Obrigkeitskritisch. Verabschiedet werden konnte allerdings trotz massiver Proteste und Ausschreitungen die Arbeitsmarktreform mit der Lockerung des Kündigungsschutzes. Sie soll helfen, Neueinstellungen zu fördern.

Bei der Präsidentenwahl 2017 siegte Emmanuel Macron von der neuen Partei „La République en Marche“. Er marginalisierte die bis dahin dominierenden politischen Parteien der Konservativen und Sozialdemokraten. Nur der rechtsradikale „Front Nationale“ unter Marine le Pen konnte sich mit starken 33,9 % im 2. Wahlgang behaupten.

Durch seine Reformagenda hat Präsident Macron an Beliebtheit eingebüßt. Er ist ein überzeugter Europäer und hat immer wieder versucht, mit Deutschland zusammen zum Motor der fortschreitenden europäischen Integration zu werden, so wie es unter de Gaulle und Adenauer, Giscard d`Estaing und Helmut Schmidt sowie Kohl und Mitterand der Fall war. Staatspräsident Macron hat früh gefordert, dass die EU souverän werden müsse und sich aus der Abhängigkeit von den USA unter Trump lösen müsse. Kanzlerin Merkel hat darauf sträflich zurückhaltend reagiert. Erst als jetzt 2020 die wirtschaftlichen Folgen der Corona Pandemie sichtbar wurden, hat sie gemeinsam mit Staatspräsident Emmanuel Macron den Vorschlag gemacht, einen Wiederaufbaufonds mit nicht rückzahlbaren Zuschüssen in Höhe von 500 Milliarden Euro aufzulegen, finanziert über erstmals von der EU aufgenommene Schulden.

Nur wenn Frankreich und Deutschland kooperieren, kommt die europäischen Integration voran. Deutschland und Frankreich müssen auch in Zukunft eng zusammenarbeiten, nicht nur eingedenk der leidvollen gemeinsamen Geschichte, sondern auch wegen der immer wichtiger werdenden Stellung Europas in der Welt und der wachsenden Bedrohungen: „Restons ensemble“!

Griechenland (GR)

Griechenland liegt in der südöstlichen „Ecke“ der EU im Mittelmeer. Nach Norden grenzt es an Albanien, an Nord-Mazedonien, an Bulgarien und nordöstlich an die Türkei. Ansonsten ist Griechenland vom Mittelmeer umgeben. Die Landfläche beträgt 131. 957 Quadratkilometer, davon entfallen 106. 915 Quadratkilometer auf das Festland und 25. 043 (gleich 19%) auf 3054 Inseln, von denen 87 bewohnt sind. Die größte ist ganz im Süden Kreta. Hier landete der Sage nach Prinzessin Europa auf dem Rücken des Stiers, inkognito der höchste Gott Zeus. Der höchste Berg auf dem Festland ist Mytikas im Olymp Gebirgsstock mit 2.917 Metern Höhe.

Griechenland ist allein schon wegen der Geographie ein Land der Seefahrer. Es begann mit Odysseus, der auf der Rückreise nach dem trojanischen Krieg viele Abenteuer zu bestehen hatte. Odysseus ist der, der mit dem trojanischen Pferd erfolgreich die List in die europäische Geschichte eingeführt hat. Ein weiterer griechischer Seefahrer war der Reeder Aristoteles Onassis, der mit der wohl berühmtesten Sopranistin des vorigen Jahrhunderts verheiratet war, mit Maria Callas, der er das Herz brach, als er sie für Jacqeline Kennedy, die Frau des ermordeten US Präsidenten, verließ.

2019 hat Griechenland 10,72 Millionen Einwohner. Griechenland ist seit 1952 Mitglied der Nato, seit 1981 Mitglied der EU und seit 1.1.2001 Mitglied der Eurozone.

Nach einer Zeit unter einer Militärdiktatur von 1967-1974 ist Griechenland heute eine parlamentarische Demokratie.

1. Geschichte

Die Geschichte Griechenlands ist besonders vielfältig, reich an Wendepunkten und zugleich weltprägend – „Wiege Europas“-, sodass hier nur einige wenige Stichpunkte erwähnt werden können.

Die archaische Zeit beginnt ca. 800 vor Christus. In dieser Zeit verfasste Homer die Ilias, das Drama des trojanischen Krieges und die Odyssee. In dieser Zeit erfolgte die griechische Kolonisation weiter Teile des Mittelmeerraumes und des Schwarzen Meeres mit Handelsniederlassungen. Die beiden größten städtischen Verbünde Sparta auf dem Peleponnes und Athen prägten die klassische hellenistische Zeit ab 300 vor Chr.: Philosophie, Tempelbau, frühe Mathematik, Staatsorganisation, – erste Schritte zu einer Demokratie -, olympische Spiele, Dramen und Tragödien für das Theater erlebten eine Blüte, die zunächst auf die römische Kultur und danach bis in die heutige Zeit besonders in Europa hineinwirkten.

MakedonischesReich von Alexander . CC BY-Sa 3.0.jpg

Makedonisches Reich von Alexander 334-332 v. Chr.

Diese Zeit war geprägt von den Perserkriegen mit der erfolgreichen Selbstbehauptung Athens. Danach kamen über viele Jahre die Kriegen zwischen Sparta und Athen um die Vorherrschaft mit jeweils wechselnden Siegen. In der Zeit des Hellenismus dehnte Alexander der Große von Makedonien aus sein Herrschaftsgebiet über Griechenland und Ägypten bis nach Indien aus und erschloss so den Griechen weitere Siedlungsgebiete. In seiner Nachfolge gewannen föderalistisch organisierte griechische Bünde an Bedeutung. 148 vor Christi Geburt erlangten die Römer die Vorherrschaft und erklärten Makedonien zur römischen Provinz, wodurch Griechenland als Teil Makedoniens vollständig unter römischen Kontrolle geriet.

In der römischen Kaiserzeit kam es zu einer neuen Blüte Griechenlands, da ihm eine gewisse kulturelle Selbstbestimmung gewährt wurde. Mit der Gründung von Konstantinopel als römische Hauptstadt des Ostens stellte Konstantin der Große 300 n. Chr. ein neues Machtzentrum auf. Hier waren drei Grundelemente prägend: Vorstellungen des römischen Imperiums, griechische Kultur und christlicher Glaube, der durch Konstantin verbindlich gemacht worden ist. 395 nach Christi Geburt wurde das römische Reich geteilt und Konstantinopel die Hauptstadt des byzantinischen Reiches, das zunächst weiterhin von der griechischen Kultur geprägt war, bis im 7. Jahrhundert Araber einfielen. Griechenland war danach Spielball slawischer „Einwanderung“, bulgarischer Eroberungen und ab etwa 1200 Beherrschung durch Kreuzfahrer, die aus Venedig und Nordfrankreich stammten.

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Der eindrücklichste antike Teil, die Palästra in Olympia, eine der Trainingsstätten

Die türkische Herrschaft über Griechenland begann 1460 und prägt bis heute das Verhältnis Griechenlands zur Türkei. Bis ins 17/18. Jahrhundert wurde der nicht islamischen Bevölkerung Religionsfreiheit gewährt, doch mussten Steuern abgeführt werden an die osmanischen Stadthalter, wie schon vorher an die Venezianer. Während des russisch-türkischen Krieges 1768-74 und der Landung russischer Truppen auf dem Peleponnes wagten die Griechen einen ersten Aufstand, der aber blutig niedergeschlagen wurde. Weitere Aufstände in dem Bemühen um Unabhängigkeit folgten. Durch militärische Interventionen von Großbritannien, Frankreich und Russland erhielt Griechenland 1830 die volle Souveränität als Königsreich. Prinz Otto von Bayern wurde als König eingesetzt. 1862 wurde er abgesetzt. Prinz Wilhelm von Dänemark wurde als Georg I. (1863-1913) Nachfolger Ottos. 1894 wurde die Idee der olympischen Spiele, die ja immer eine Zeit des friedlichen Miteinanders schaffen sollten, an seiner ursprünglichen Stelle in Olympia auf dem Peloponnes wieder aufgenommen. Wegen Gebietsstreitigkeiten kam es 1897 jedoch wieder zu einem türkisch-griechischen Krieg, den erneut die Türkei für sich entschied.

Griechenland hatte sich Ende des 19. Jahrhunderts zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten derart verschuldet, dass 1893 rund 33% der Staatseinnahmen für den Schuldendienst aufzuwenden waren. Die Gläubigerländer verhängten eine internationale Finanzkontrolle.

Die Jahre der Regierung Venizelos – 1910-1915 – waren Jahre erneuter Blüte: Beitritt zum Balkanbund, Reorganisation der Streitkräfte und erfolgreiche Teilnahme an den Balkankriegen 1912/13. Im ersten Weltkrieg versuchte König Konstantin I., nachdem sein Vater Georg I. ermordet worden war, Griechenland auf die Einhaltung der Neutralität zu verpflichten, doch Venizelos erklärte 1917 den Mittelmächten Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich den Krieg. Griechenland erreichte so den Status als Siegermacht. In den folgenden Friedensverträgen erhielt Griechenland das südliche Makedonien von Bulgarien, Ostthrakien und alle ägäischen Inseln vom osmanischen Reich. Der Krieg gegen die Türkei wurde weiter fortgesetzt, weil die Türkei sich weigerte, Friedensverträge zu ratifizieren. Schließlich musste Griechenland Ostthrakien und seine kleinasiatischen Gebiete wieder aufgeben. Außerdem musste es gegen den Austausch von 600 000 Türken 1,5 Millionen Griechen aus Kleinasien aufnehmen.

1924 wurde die griechische Republik ausgerufen und 1927 nach dem vergeblichen Versuch, eine Militärdiktatur zu errichten, wurde eine parlamentarisch demokratische Verfassung verabschiedet. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 traf Griechenland besonders hart. Die Spannungen zwischen Royalisten und republikanischen Gruppierungen nahmen zu, 1935 wurde die Monarchie wieder eingeführt. Der zurückgekehrte König Georg II. konnte die verfeindeten Parteien nicht versöhnen und so kam es 1936 zu einem diktatorischen Regierungssystem nach dem Vorbild Italiens. 1941 drangen bulgarische Streitkräfte in Griechenland ein. Nach der Kapitulation Italiens 1943 besetzten deutsche Truppen Griechenland. Die deutschen Besatzer unternahmen terroristische Aktionen gegen die griechische Bevölkerung: Geiselerschießungen und Massenexekutionen. Am 19. Juni 1944 verübten SS-Einheiten in Destomo ein Massaker. Im Zuge einer „Vergeltungsaktion“ wurden 214 der am Partisanenkampf unbeteiligten Dorfbewohner, besonders alte Menschen und Frauen und 34 Kinder ermordet und anschließend das Dorf niedergebrannt. Griechische Juden wurden in die Vernichtungslager in Osteuropa verschleppt. 1946 kehrte Georg II. nach einer für die Monarchie positiven Volksabstimmung nach Griechenland zurück. Konservative Kräfte auf der einen Seite und Kommunisten auf der anderen Seite sorgten für instabile politische Verhältnisse. 1967 – 73 herrschte eine brutale Militär-Diktatur. (Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage 9. Band).

Die Geschichte Griechenlands ist bis heute geprägt von den grausamen traumatischen Erlebnissen der Fremdherrschaft, insbesondere durch das Osmanische Reich. Die Geschichte Griechenlands ist außerdem in der Neuzeit geprägt von dem Hin- und Her zwischen Monarchie, Diktatur und Republik.

2. Grunddaten

Die griechische Wirtschaft ist neben der Landwirtschaft, insbesondere dem Olivenanbau, geprägt und abhängig vom Tourismus. 2019 machten die Dienstleistungen 68% des BIP aus, die Industrie 15% und die Landwirtschaft 3,6%. Vor der Corona Krise hatte die konservative Regierung die Unternehmenssteuern gesenkt und hoffte so auf ein Wirtschaftswachstum von 2,8%. Nach dem dramatischen Rückgang des Tourismus im Sommer 2020 wird für das Jahr ein Rückgang des Sozialprodukts von minus 9,7% erwartet. Für 2020 wird eine Arbeitslosenquote von 22% angenommen (statsta).

Die internationale Finanzkrise seit dem Zusammenbruch der US-amerikanischen Bank Lehmann-Brothers 2008 traf die südlichen EU Länder Griechenland, Spanien und Portugal besonders hart. Im Februar 2010 stand der griechische Staat trotz eines großen Sparprogramms vor der Pleite. Im April des gleichen Jahres gewährten die Euroländer Griechenland einen ersten Kredit über 30 Milliarden Euro. Im Mai beschlossen die EU Staaten weitere Milliarden Kredite für Griechenland, verlangten aber im Gegenzug rigorose Sparmaßnahmen, überwacht von der Troika aus IWF, EZB und EU- Kommission. Außerdem wurden Schulden in Höhe von 5,5 Milliarden Euro erlassen. Zu den Sparauflagen gehörten die Privatisierungen von Häfen und Flughäfen. Der wichtigste Hafen Piräus wurde an das kommunistische China verkauft, das damit einen Fuß direkt im europäischen Binnenmarkt hat. Im Juli 2011 wurde ein weiteres Hilfspaket für Griechenland beschlossen über 109 Milliarden Euro. Im September 2011 meldete die griechische Regierung, dass das Haushaltsdefizit in dem Jahr -8,8% betragen wird, ein weiteres Indiz, dass die Reformbemühungen nur schleppend vorankommen. Im Oktober stellte die Troika in einem Bericht fest, dass der zusätzlich Finanzbedarf Griechenlands 444 Milliarden Euro ausmache – eine unvorstellbare Summe, die auf große strukturelle Probleme in der griechischen Wirtschaft, in der Gesellschaft und im Staat hinweist. Die Korruption ist weit verbreitet. Nach Expertenschätzungen haben superreiche Griechen durch Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit ein Vermögen von 200 Milliarden Euro angehäuft. Würde die Steuerverwaltung in Griechenland funktionieren und auch die Gewinne aus diesen Vermögen versteuert, bedürfte es keiner Hilfskredite.

Zur Zeit der internationalen Finanzkrise wurde diskutiert, ob Griechenland besser aus der Euro Zone, nicht aus der EU, ausscheiden sollte, um dann mit einer abgewerteten Drachme wieder wettbewerbsfähiger zu werden. Dann wären griechische Exporte günstiger für die ausländischen Nachfrager geworden, aber Importe teurer. Da Griechenland aber einen Importüberschuss hat – 2019 Exporte in Höhe von 38 Milliarden US Dollar, aber Importe in Höhe von 62 Milliarden US Dollar (statista) – hätte das Ausscheiden unter diesen Bedingungen zu keiner Verbesserung der wirtschaftlichen Situation geführt, sondern zum Gegenteil. Außerdem müsste Griechenland die aufgenommenen Schulden weiter bedienen und bei einer Abwertung der Drachme wären die Zinszahlungen noch umfangreicher. Und – vor einem späteren Wiedereintritt in die Euro-Zone hätten all die notwendigen Reformen, die Griechenland hat vollbringen müssen, ebenso stattfinden müssen. Denn vor dem Eintritt des Landes hatte keiner so genau hingeguckt.

Auf Grund der langen Fremdherrschaft des osmanischen Reiches über Griechenland war die Pflicht zur Zahlung von Steuern an die Kalifen verhasst. Die „Kunst“ der Steuervermeidung wurde so zu einem Element des Nationalcharakters der Griechen, der auch weiter lebt nach Erlangung der Selbstbestimmung: die Verpflichtung zur Zahlung von Mehrwertsteuer steht weitgehend nur auf dem Papier. Griechenland hatte kein Grundbuchamt und Verwandte von verstorbenen Rentnern kassierten deren Rente einfach weiter. Einige der erforderlichen Reformen sind inzwischen durchgeführt, nur: der Verschuldungsgrad des griechischen Staates beträgt 2019 laut statista, also vor der Corona Pandemie 176,64% und dürfte in dieser Krise weiter ansteigen – nach dem Maastricht Vertrag sind maximal 60% erlaubt -; dies ist nur tragbar, weil die EZB die Zinsen für Staatskredite so niedrig hält. Ob Griechenland aus eigener Kraft die jetzige schwere Wirtschaftskrise meistern kann – die Arbeitslosigkeit betrug im Januar 2020, also vor Corona, 17% und dürfte bis Jahresende stark ansteigen – ist mehr als fraglich. Trotzdem war und ist es richtig, Griechenland in der Euro Zone zu halten, denn letztlich modernisieren die Reformen das Land – auch wenn sie schleppend sind. Aber es gibt jetzt beispielsweise ein landesweites Grundbuchamt. Auf mittelfristige Sicht wird Griechenland so fit für den internationalen Wettbewerb. Helfen wir Griechenland bei den Reformen, kommt uns das morgen und übermorgen als Exportland zu gute.

3. Entwicklungsperspektiven und Herausforderungen

Auf Grund der immer noch vorhandenen Feindschaft der Türkei zu Griechenland – diese hat den Nordteil Zyperns völkerrechtswidrig am 16. 8. 1974 besetzt und von dem griechischen Teil getrennt -, hat Griechenland gemessen an der Bevölkerungszahl und der Wirtschaftskraft ein überdimensioniertes Militär. Die Spannungen mit der Türkei eskalierten 2020 in Bezug auf die Frage, wer vor der griechische und der zypriotischen Küste nach Erdgas oder Öl bohren darf. Die Türkei verweigert sich Verhandlungslösungen und so verschärft sich der Konflikt.

Außerdem hat Griechenland eine besondere Last in der internationalen Flüchtlingskrise zu tragen. Eins der vielen Flüchtlingslager, Moria auf Lesbos, unmittelbar vor dem türkischen Festland mit 12 000 Personen völlig überbelegt, brannte im Spätsommer nieder. Griechenland fühlt sich allein überfordert, weil es keine Einigung auf eine „europäische Lösung“ gibt. Besonders osteuropäische Staaten weigern sich, auch nur eine kleine Zahl von, meist muslimischen Flüchtlingen aus Syrien oder Afghanistan aufzunehmen.

2019 betrug der HDI für Griechenland 0,963, ein sehr hoher Wert.

Eine international anerkannte und gewürdigte Griechin ist Melina Mercouri, Schauspielerin und Politikerin. Sie hat sich im Kampf gegen die Militärdiktatur nach dem Putsch von 1967 verdient gemacht und sie hat sich ausdauernd für den Schutz und die Förderung der Kultur eingesetzt. „Ohne Kultur ist die Barbarei nicht fern“ sagte sie 1982 auf einer Veranstaltung Europalia. 2020, sozusagen als Wiederhall ihres Statements wird gemeldet, dass ein griechisches Gericht die rechtsradikale Partei „Goldene Morgenröte“ verboten hat und ihre Vertreter im Parlament angeklagt hat: Sie sollen in die Ermordung eines Journalisten verwickelt gewesen sein!

Kulinarisch wird Griechenland aus deutscher Sicht mit Gyros, Souvlaki und Tsatsiki, mit schweren Weinen, mit Bauernsalat mit Oliven und Schafskäse in Verbindung gebracht. Der kraftvolle Tanz Sirtaki mutet ein wenig melancholisch an.

Irland (IE)

Die Republik Irland nimmt 5/6tel der irischen Insel im Atlantik vor Großbritannien ein. Im Norden grenzt sie an Nordirland, das zu Großbritannien gehört. Auf der „grünen Insel“ leben 4,7 Millionen Menschen, 68 im Schnitt auf dem Quadratkilometer. Hauptstadt ist Dublin. Die Bevölkerung ist ganz überwiegend römisch-katholisch im Gegensatz zu der Mehrheit der Protestanten in Nordirland. In früheren Zeiten waren die Iren bettelarm und wanderten massenhaft aus, besonders in die USA. Heute ist Irland, gemessen am BIP pro Einwohner, Kaufkraft bereinigt, das zweitreichste Land in der EU: 2018 Im Schnitt verdient jeder Ire 79.417,-US Dollar im Jahr.

1. Geschichte

Ab dem 4. Jahrhundert vor Christi Geburt wurde die irische Insel von Kelten von Nordfrankreich aus besiedelt. Es gab zu dieser Zeit 5 Königreiche. Ab dem 5. Jahrhundert nach Christi Geburt begann die Christianisierung. Ab dem 7. Jahrhundert gibt es reiche schriftliche Dokumente sowohl in Latein als auch in Irisch. Als „nationaler Apostel“ wird St. Patrick verehrt, dessen Gedenktag heute noch jährlich auch in den USA – in Chicago wird der Fluss an diesem Tag grün gefärbt – und Kanada begangen wird. Die Kultur der katholischen Mönche und die Auseinandersetzungen um kirchliche Reformen bestimmten die Entwicklung des Landes.

795 überfielen Wikinger von Norwegen aus Irland und gründeten an den Küsten Städte.

Es folgte die englische Fremdherrschaft: Unter dem englischen König Henry II. – Unterwerfung Irlands 1171 – verlor Irland seine Selbständigkeit, doch die Anglo-Normannische Aristokratie Irlands fand sich damit nicht ab. Besonders in der Zeit Heinrich VIII., das ist der, der 6 Ehefrauen hatte, von denen er 2 köpfen ließ. Wegen seiner Scheidung von Katharina von Aragon, um die Hofdame Anne Boleyn zu heiraten brach er mit dem Papst und die Spannungen zwischen Irland und England waren in dieser Zeit sehr intensiv. Das Dubliner Parlament von 1536/37 akzeptierte schließlich die Oberherrschaft des englischen Königs an Stelle der des Papstes. Heinrich VIII. wurde König von Irland und königliches Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche – auch in Irland. Kirchengüter wurden enteignet. Die katholischen Iren rebellierten, konnten sich aber mit ihrer rückwärtsgewandten Rebellion trotz Unterstützung durch den Papst und zeitweilig auch anderer Mächte des europäischen Festlands nicht durchsetzen. Sie bezahlten damit, dass große Teile ihres privaten Landes konfisziert wurden. Mit den sog. Plantations wurden massiv gezielte Ansiedlungen von Engländern in Irland vorgenommen. Der religiöse Konflikt dauerte jedoch an. 1595 gab es einen großen Aufstand der katholischen Iren in Ulster, der mit einer schweren englischen Niederlage endete. 1600 unter Elisabeth I. wurden erneut englische Truppen auf die Insel entsandt. Sie vernichteten die Ernte und beschlagnahmten die Viehherden, um dem irischen Heer die Nahrung zu entziehen. 1601 scheiterte trotz Unterstützung durch 3500 spanische Soldaten ein erneuter irischer Aufstand. Er zog weitere Plantations und den Bau englischer Forts und Zitadellen nach sich.

Nach bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen siegte Oliver Cromwell 1652 mit großer Härte und beendete damit die irischen Rebellion. Besiegte Iren wurden als Sklaven in die Karibik verkauft. Anglikanischen Soldaten wurden mit Land der Besiegten entschädigt. Katholiken durften darüber hinaus nicht in Städten leben und waren von der Teilhabe am politischen Leben ausgeschlossen. Es war ein schwerer Schlag für die irische Wirtschaft, dass Wolle nur noch nach England verkauft werden durfte, denn damit diktierten die Engländer die Preise. Die herrschenden Protestanten feierten jährlich demonstrativ ihre Siege über die Katholiken, so wie es in Nordirland noch bis vor wenigen Jahren üblich war.

Denkmal in Boston für das große Leid, das die Iren in den USA erdulden mußten,.JPG

Denkmal an die Iren, die in die USA eingewandert sind, in Boston, Massachusetts, USA

Ab 1801 wurde die formal selbständige Republik Irland abgeschafft und das Land dem Vereinigten Königreich einverleibt. Irland wurden 20% der Abgeordneten im britischen Unterhaus zugestanden, sodass die Dominanz Englands gewahrt blieb. Irland, ein Agrarland, verkraftete Mitte 1840 den Befall der Kartoffeln mit einer Krankheit, die 40% der Ernte vernichtete, nicht. Die Bevölkerung verarmte zusehends und erlitt in weiten Teilen den Hungertod – the Great Famine! Es kam zu massenhafter Auswanderung besonders in die USA, wo die katholischen Iren nicht gut gelitten waren und nach Kanada. Erst nach dem Unabhängigkeitskrieg erlangte Irland 1922 seine Selbständigkeit bis auf das mehrheitlich anglikanische Nordirland, das beim Vereinigten Königreich verblieb, zurück, wurde dann aber noch von einem Bürgerkrieg heimgesucht. De Valera, der Anführer der republikanischen Rebellen, wandte sich gegen die Teilung Irlands, konnte sich aber nicht durchsetzen: das irische Parlament stimmte der Teilung zu, sozusagen als Preis für die Unabhängigkeit, denn England drohte schon wieder mit Krieg. De Valera war dann aber ab 1932 irischer Ministerpräsident und später Staatspräsident. Erst 1938 wurden die englischen Marinestützpunkte in Irland aufgegeben. Im 2. Weltkrieg verhielt sich Irland strikt neutral.

Großbritannien hat sich auch gegenüber Irland wie eine imperiale Kolonialmacht, die sie weltweit war, geriert. Es ging nicht nur um religiöse Auseinandersetzungen sondern um Vorherrschaft, Landraub, Ausbeutung und Demütigung der „Urbevölkerung“. Diese Auseinandersetzungen wirken bis heute nach, besonders in Konflikten in Nordirland, die aber auf Irland ausstrahlen. Die dreißig Jahre andauernden Kämpfe 1969 bis 1998 zwischen englisch und schottisch stämmigen Protestanten, den Unionisten einerseits, und den überwiegend irisch-nationalistischen Katholiken andererseits zeigen wie in einem Brennglas die Nachwirkungen der Geschichte: Es handelte sich um einen bürgerkriegsähnlichen Identitäts- und Machtkampf um soziale und politische Vorherrschaft in Nordirland. Beide Bevölkerungsgruppen leben in dem kleinen Nordirland segregiert: Im Nordosten die anglikanischen Unionisten, wohlhabend, weil stärker industrialisiert als der ärmere bäuerliche ländliche Westen. Die physische Trennung gibt es auch in den Städten. Die IRA, der militärische Arm der Katholiken, kämpfte für die Vereinigung mit Irland. Dieser Kampf gegen die englische Armee kostete 3500 Menschen das Leben. Erst 1998 kam es zu einem sehr fragilen Frieden, dem sog. Karfreitags-Abkommen zwischen den Konfliktparteien in Nordirland, Irland und Großbritannien, das die politische Teilhabe beider Bevölkerungsgruppen gleichmäßiger regelte: Die Regierung Irlands verzichtete außerdem auf die Forderung nach einer Wiedervereinigung mit Nordirland und die paramilitärischen Truppen sollten entwaffnet werden.

Durch den Brexit zum Beginn des Jahres 2020 entsteht zwischen der Republik Irland und Nordirland eine EU-Außengrenze. Da aber viele Nord-Iren in Irland arbeiten und täglich hin und her pendeln, wurde im Austrittsvertrag geregelt, dass Nordirland solange im gemeinsamen Markt verbleibt, bis ein Handelsvertrag zwischen Großbritannien und der EU ausgehandelt ist. Der britische Premier Boris Johnson hat nun diesen völkerrechtlich gültigen Vertrag, den er selbst Anfang des Jahres ausgehandelt hat, aufgekündigt. Er will auch Nordirland nicht länger an die EU zu binden. Offenbar will er gar kein Handelsabkommen mit der EU schließen. Damit zerstört er nicht nur Vertrauen in die Vertragstreue Großbritanniens, ein bisher einmaliger Vorgang unter EU-Ländern. Die große Gefahr ist zudem, dass er neue bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen herauf beschwört auch in Nordirland. Nach langen Verhandlungen schienen diese durch das „Good Friday Agreement“ beigelegt.

In letzter Sekunde zwischen Weihnachten und 2021 wurde ein Handelsvertrag abgeschlossen, der offenbar auch die harte Grenze ausschließt. Genaueres ist noch nicht bekannt.

2. Grunddaten

Irland ist seit 1973 EU Mitglied und seit dem 1.1.1999 Mitglied der Eurozone.

Die irische Wirtschaft ist stark exportabhängig: die innereuropäischen Ausfuhren machen 50% aus, die Importe aus der EU belaufen sich auf 64% aller Importe. Die Exporte in die USA und nach Gro0britannien machen knapp 40% der Exporte aus. Rindfleisch und Milchprodukte sind die hauptsächlichen landwirtschaftlichen Exportgüter. Eine ähnlich wichtige Rolle spielt die pharmazeutische Industrie. Die Industrie ist im Vergleich z.B. zu Großbritannien bedeutend und trägt zu 36,5% zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Ryanair ist die führende Billigfluglinie Europas.

Irland hat nach der internationalen Finanzkrise, die das Land besonders hart getroffen hatte, hohe Wachstumsraten des realen Bruttosozialprodukts zu verzeichnen: 2014 8,3%, 2015 waren es unglaubliche 25% – Sondereffekte-, 2017 aber auch 6,7%. In Analogie zu den Südostasiatischen Tigerstaaten ist deshalb vom „keltischen Tiger“ die Rede.

2018 betrugen die Gesamtausgaben der EU in Irland 2,064 Milliarden Euro, Irlands Beitrag zum EU Haushalt belief sich auf 2,320 Milliarden Euro. Irland gehört also zu den Netto Zahlern.

Das spezielle irische Unternehmenssteuerrecht begünstigt internationale Großkonzerne wie Google oder Amazon, die keine oder nur geringe Steuern auf ihre europäischen Gewinne zahlen. Diese Form der Steuervermeidung wird „Double Irish with a Dutch Sandwich“ genannt frei übersetzt: ein Gewinnverschiebungskarussell zwischen Irland, Holland plus irischer Bank auf den Bermudas. Das ist innerhalb der EU höchst umstritten. Die EU Kommission hat Irland bereits aufgefordert, viele Milliarden Euro als Steuern von diesen Konzernen nachzufordern.

Die katholische Kirche, die nach wie vor in Irland sehr einflussreich ist, wurde in den vergangenen Jahren von zahlreichen Missbrauchsskandalen stark erschüttert. Am 12. 1.2010 wurde ein 3000 Seiten starker Bericht über Missbrauch durch Priester in katholischen Kinderheimen veröffentlicht, an dem 12 Jahre lang gearbeitet worden ist. Die Rede ist von „Hunderttausende(n) von Kindern, (die) vor allem zwischen den 20er- und den 70er-Jahren auf furchtbarste Weise misshandelt, zur Arbeit geprügelt, unterernährt und missbraucht wurden. Es war ein Missbrauch von industriellem Ausmaß…“, so eine Aussage im Bericht (RBB London, tagesschau.de)  Am 12. Januar 2021 wird ein ebenso langer  Untersuchungsbericht bekannt, der 6 Jahre lang in 18 von  180 Mutter-Kind-Heimen nachgeforscht hat, was  zwischen 1922 und 1998 mit den dort geborenen Babys passiert ist. Deren Mütter, die nicht verheiratet waren, wurden von Kirchenoberen und z.T. auch ihren Familie gezwungen, hinter hohen Mauern zu leben und zu entbinden. 9000 tote Babys werden für die 18 untersuchten Heime nachgewiesen, etwa 15% der dort zur Welt gebrachten Kinder. Gräber zu finden, ist oft nicht möglich. 2014 entdeckte jedoch eine Historikerin, dass für ein Heim Hunderte Bestattungsunterlagen fehlten. Nachforschungen auf dem Gelände ergaben den Fund vieler Knochen in stillgelegten unterirdischen Klärgruben. Die Mütter mussten oft jahrelange Zwangsarbeit leisten. Die Nonnen warfen ihnen vor, dass sie die Moral verderben würden und für ihre Sünden bezahlen müssten. Überlebende Babys wurden gegen den Willen der Mütter oft für viel Geld  zur Adoption „verkauft“.  Schon 2013 wurde darüber der zigfach preisgekrönte  Film Philomena gedreht, in dem die mittlerweile alt gewordene Mutter Philomena Lee sich auf die Suche nach ihrem Erstgeborenen begibt und seine Spuren in den USA findet – kurz nachdem er an Aids gestorben ist. (CNN, 12.1.2021) Eine wahre Geschichte.

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Traditionelle Musik-Session in einem Pub, Gtapp, CC BY-SA 3.0

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Das Wappen von Irland, Setanta Saki, Gemeinfrei

George Bernhard Shaw (1856-1950), Dramatiker, Kritiker und Pazifist, erhielt 1925 den Literaturnobelpreis. Sein Stück „Pygmalion“ war die Vorlage zum Musical „My fair Lady“. Andere berühmte irische Literaten sind James Joyce, Oscar Wild und Samuel Becket mit seinem absurden Theaterstück „Warten auf Godot“. In irischen Pubs wird inmitten aller Besucher gerne musiziert. Irische Folkmusik ist weltweit bekannt.

 

 

 

 

Italien (IT)

1842 wird die Oper Nabucco von Verdi zum ersten Mal aufgeführt. Der Text des Klageliedes des Gefangenenchores, den Verdi den Juden fern ihrer Heimat in den Mund legt, lautet:

„Flieg Gedanke, getragen von Sehnsucht, lass dich nieder in jenen Gefilden, wo in Freiheit wir glücklich einst lebten, wo die Heimat unserer Seele ist“.

Dieser Text und seine Vertonung sind die inoffizielle Nationalhymne Italiens: Die Zeit nach dem Wiener Kongress von 1815 bis zur Wiedererstehung eines einheitlichen italienischen Nationalstaates 1870 wird „Risorgimento“ genannt und umfasst die Zeit von 3 Unabhängigkeitskriegen von 1848-1870 unter dem Anführer Garibaldi. Vorher gehörten das Königreich Venetien und die Lombardei zu Österreich-Ungarn, es gab ein eigenständiges Königreich beider Sizilien (vorher voneinander unabhängige Reiche), einen selbständigen Kirchenstaat, ein Großherzogtum Toskana und ein Fürstentum Savoyen-Piemont einschließlich des Königreichs Sardinien. Italien wurde eine konstitutionelle Monarchie und Viktor Emanuel der erste König.

Italien ist eine stiefelförmige Halbinsel im Mittelmeer, angrenzend im Norden an Österreich und die Schweiz und im Nordwesten an Frankreich. Italien hatte 2019 60,36 Millionen Einwohner mit rückläufiger Tendenz und einer Bevölkerungsdichte von 200 Einwohner pro Quadratkilometer. Die Hauptstadt ist Rom, wo auch im kleinen Vatikanstaat der Sitz des Papstes der weltweiten katholischen Kirche sich befindet. Mit dem Ätna besitzt Italien den einzigen aktiven Vulkan Europas.

Italien hat eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt: sie betrug 2016 für Frauen 84,9 Jahre, für Männer 80,3.

Italien gehört zu den Gründungsmitgliedern der EU und zu den ersten Ländern, die den Euro einführten. Bedeutsame Namen in diesem Zusammenhang sind Altiero Spinelli und Alcide de Gasperie.

1. Geschichte

Pont_du_Gard_BLS, aus südlicher Richtung, Benh Lieu Song, CC BY-Sa 3.0.jpg

Pont du Gard aus südlicher Richtung, 265 m lang, Benh LIEU SONG, CC BY-Sa 3.0

Die italienische Geschichte durch Schriftquellen belegt, beginnt mit den Etruskern ca. 600 vor Christi Geburt. Sie hatten bereits wassergeführte Fußbodenheizungen in ihren Palästen. Entlang der Küsten folgten Kolonien der Phönizier und der Griechen besonders im Süden Italiens. Rom, der Sage nach von Remus und Romulus gegründet, aufgezogen von einer Wölfin, erstarkte als eigenständige Macht. 146 vor Christi Geburt wurden Korinth in Griechenland und Karthago in Nordafrika von Rom zerstört. Italien wurde das Zentrum des römischen Reiches. Es vollbrachte solch technische Meisterleistungen wie den römische Bibliothek in Ephesos.jpgBau der fast 50 km langen Wasserleitung nach Nimes, die pro km ein Gefälle von 25 Zentimetern hatte und auf dem ersten Bogen auch eine Straße bereit hielt, die noch im vorigen Jahrhundert benutzt wurde, obwohl sie 60 nach Christus fertig gestellt worden ist. Aber auch kulturelle Schätze wurden durch die Römer bereits vermittelt. Als Sinnbild dafür mag die 1903 entdeckte, berühmte Ruine der großen öffentlichen (!) Celsus Bibliothek in Ephesos in der anatolischen Türkei stehen, zwischen 117 und 125 nach Chr. erbaut und in den siebziger Jahren restauriert.

Das römische Reich, das von der heutigen Türkei bis Spanien und in England bis zum Hadrian-Wall reichte, und von dort bis nach Nordafrika, war erschlossen durch ein dichtes Straßennetz, durch Wasserleitungen und durch ein straff geführtes Militär. Die agrarische Lebensweise beruhte auf weitreichenden Latifundien, die durch Sklaven bewirtschaftet wurden. Für Rom galt die Devise: Brot und Spiele. Diese waren u.a. Gladiatoren-Kämpfe oder Seeschlachten, die im Kolosseum in Rom inszeniert wurden. Frühe Christen wurden öffentlich den Löwen zum Fraß vorgeworfen, bis zum Untergang Westroms im Jahre 476 nach Christi Geburt

Ab dem 5. Jahrhundert übernahmen germanische Stämme die Herrschaft in Italien. Nachdem es im 8. Jahrhundert zeitweilig unter den Langobarden zu Frankreich gehörte, wurde es später Teil des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Im Süden herrschten jedoch Araber und Byzantiner.

Im 12. und 13. Jahrhundert bildeten sich eigenständige Territorien heraus wie Mailand und Florenz und die Seemächte Venedig und Genua. Im 14. bis 16. Jahrhundert war Italien das kulturelle Zentrum Europas. Die Renaissance ist verbunden mit den Bauten – Petersdom -, Gemälden – Sixtinische Kapelle – und Bildhauer Arbeiten – „David“ und „Piéta“ – von Michelangelo und den Gemälden von Leonardo da Vinci – „das letzte Abendmahl“. Er war nicht nur ein begnadeter Künstler sondern auch ein Wissenschaftler – u. a. bei der Erforschung der Flugfähigkeit des Menschen.

Das Risorgimento im 19. Jahrhundert wurde bereits erwähnt. Italien „erwarb“ als Kolonien in Afrika Libyen in Nord- und Äthiopien in Ostafrika.

Trotz eines Bündnisses – Dreierbund – mit Osterreich-Ungarn und Deutschland trat Italien 1915 in den ersten Weltkrieg auf Seiten der Entente-Mächte gegen Österreich-Ungarn ein. Grund war die Hoffnung, zusätzliche Gebiete erwerben zu können: Südtirol, Trentino und Triest. Was auch geschah.

1922 bis 1943 regierten die Faschisten unter Benito Mussolini Italien. In den beiden letzten Kriegsjahren herrschten die deutschen Nationalsozialisten über weite Teile Italiens bis es von Süden her von den Alliierten befreit wurde. 1946 wurde die Monarchie abgeschafft und erstmals das Frauenwahlrecht eingeführt. In der Nachkriegspolitik war die Partei „Democrazia Christiana“ über lange Jahre führend auch in der Auseinandersetzung mit den Kommunisten.

Der Vatikan hat mit der Organisation der sog. Rattenlinie ehemaligen deutschen Nationalsozialisten zur Flucht nach Südamerika geholfen. In Bezug auf die Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten schwieg Pabst Pius XII, offenbar um das mit den Nazis vereinbarte Konkordat von 1938 nicht zu gefährden.

2. Grunddaten

Wirtschaftlich ist Italien zwischen Nord und Süd gespalten. Während im Norden die durchaus im Weltmaßstab konkurrenzfähige Industrie z. B. mit dem Autobauer FIAT angesiedelt ist, ist der Süden eher traditionell landwirtschaftlich geprägt. Hinzu kommt der immer noch hohe Einfluss der Mafia, der bis in Regierungskreise hineinreicht. Daher kann in Italien nicht von einer durchgehend effizienten Verwaltung, insbesondere der Steuerverwaltung, gesprochen werden. Öffentliche Aufträge sind in Folge dessen in Italien viel teurer als im „Rest“ von Europa: die durchschnittlichen Kosten für den Bau von Hochgeschwindigkeitsbahnstrecken liegen in Italien bei 61 Millionen Euro pro Kilometer. In Frankreich und Spanien sind es lediglich 10 Millionen (Bericht des europäischen Parlaments über Korruption in der EU, zitiert nach: DIE ZEIT vom 6.8.2020 „Schienen und Stühle für Italien“). Im jüngsten Weltbankbericht über Barrieren für die Geschäftstätigkeit von Unternehmen liegt Italien auf dem fünftletzten Platz in der EU (ebenda).

Es wird geschätzt, dass die Schattenwirtsschaft, von der Mafia gelenkt, 20% des jährlichen BIP ausmacht. Das geringe Wachstum des offiziellen BIP von 0,5% sei deshalb irreführend (information-italien.de/wirtschaft). Trotzdem: die Mafia bleibt das Krebsgeschwür der italienischen Gesellschaft, auch weil ihre Tätigkeit mit Morden einhergeht und „ihre“ Wirtschaft völlig am Staat vorbei geht bzw. diesen unterhöhlt. Der Containerhafen Gioia Tauro im äußersten Süden Kalabriens gilt als größter Kokain-Umschlagsplatz Europas. Von dort verteilt die Mafia Drogen über ganz Europa – auch nach Deutschland (tagesschau.de 10.10.2020:“ Hafen in Mafia Hand“).

Italiens Wirtschaft ist vorrangig vom Dienstleistungssektor geprägt: Beitrag zum BIP 66,3%, gefolgt von der Industrie mit 21,4%. Der Beitrag der Landwirtschaft beträgt lediglich 1,9% (statista). Italien ist das zweitwichtigste Industrieland Europas. Es dominieren hochspezialisierte Kleinunternehmen. Exportiert werden modische Luxusartikel, Autos und Jachten. Wichtigste Regionen sind die Lombardei mit einem Beitrag zum BIP von 22%, gefolgt von Latium – 11% – und Venetien – 9% – . Schlusslicht ist Sizilien mit lediglich 5% bei einer Bevölkerung, die halb so groß ist wie die der Lombardei. Das kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf liegt bei 39.675,- US Dollar im Jahr.

Die Corona Pandemie hat Italien besonders hart getroffen, wobei die Defizite des italienischen Gesundheitssystems offensichtlich wurden. Deshalb wartet Italien besonders sehnsüchtig auf die Zahlungen aus dem Wiederaufbaufonds der EU.

Die Staatsverschuldung Italiens liegt 2018 bei 135% des BIP, 2007 lag sie bei 100% (statista). Sie stieg massiv nach der Finanzkrise. Die Corona Pandemie wird diesen Anstieg noch beschleunigen. Zur Relativierung dieser Zahlen werden drei Argumente vorgetragen: Erstens lebe Italien unter seinen Verhältnissen, weil es seit 2012 mehr exportiere als importiere. Zweitens seien es nicht die Italiener, die verschuldet seien sondern der Staat und drittens handele es sich bei den Schulden um Altlasten aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts (Niki Kowall, Philipp Hamberger: Fakten, die sie über Italiens Wirtschaft nicht wussten). Als Matteo Salvini von der Lega Nord Vizepremier, Innenminister und der starke Mann in Italien war, hatte er verkündet, dass ihn die Staatsverschuldung nicht interessiere und dass er bereit sei, großzügige sozialpolitische Maßnahmen zu ergreifen.

Die „Argumente“ der Autoren können in keiner Weise überzeugen: Exportüberschüsse sind zwar ein Indiz für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes, haben aber mit der Staatsverschuldung nichts zu tun. Staatsverschuldung entsteht, wenn der Staat mehr ausgibt als er einnimmt, z. B. weil die Finanzverwaltung nicht in der Lage ist, die Steuern wirklich einzutreiben. Die Steuerquote für Italien wird mit sehr hohen 43% angegeben: Für natürliche Personen seien bis zu 43% Einkommenssteuer zu zahlen, die Körperschaftssteuer, die Steuer auf Gewinne der Unternehmen, betrage 27,5% und die Umsatzsteuer 20%. Hinzu komme eine regionale Wertschöpfungsabgabe von 4,25%. Wenn diese Steuersätze nicht nur auf dem Papier stehen, sondern tatsächlich angewandt würden, dürfte es bei der florierenden Wirtschaft keine strukturelle Staatsverschuldung geben. Das Problem in Italien ist doch, dass die Schattenwirtschaft nicht neben der offiziellen Wirtschaft besteht, sondern mafiose Strukturen bis in die Staatsverwaltung hinein reichen und so das rechtsstaatlich einwandfreie Funktionieren des Staates behindern. Außerdem ist es kein Trost, wenn es stimmt, dass die hohe Staatsverschuldung auf Fehlverhalten im vorigen Jahrhundert zurückgeht. Dieser Verweis mutet an wie der unterschwellige Wunsch, dass „Altschulden“ doch endlich erlassen werden müssten.

Die Erwerbsquote, also die Quote der potentiellen Erwerbspersonen liegt bei niedrigen 58%, bedingt durch die geringe Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt. Die Selbständigen Quote beträgt 33% der Erwerbspersonen, in Spanien liegt sie bei 17%, in Deutschland bei 10%. Dies deutet darauf hin, dass es viele „Selbständige“ gibt in prekären Verhältnissen. In Krisenzeiten sind ihre Existenzen direkt bedroht.

Italien ist Nettozahler zum EU Haushalt: Es zahlt 5,1 Milliarden Euro mehr nach Brüssel, als es zurück erhält.

72,4% der Italiener leben in einem eigenen Haus, die Mieten sind sehr hoch: 28% der italienischen Mieter zahlen mehr als 40% ihres Einkommens für Miete.

Gegenwärtig wird Italien von einer Koalition aus der populistischen 5-Sternebewegung und den Sozialdemokraten regiert, ein fragiles Bündnis, da die rechtsradikalen Politiker wie Salvini von der Lega (erst Lega Nord) mit besonders markigen populistischen Parolen Druck machen.

infografik-der FAZ zu Mose, dem Hochwassrschutzwall für Venedig.jpg Premier Guiseppe Conte und sein Kabinett konnten aber nach langer – immer wieder von Skandalen unterbrochener – Bauzeit im Juli 2020 der ersten Erprobung des Hochwasser-Schutzwalls MO.S.E für Venedig beiwohnen. Ein technisches Großprojekt. Wenn es sich bewähren sollte (zumindest so lange, wie der Meeresspiegel durch die Klimaerwärmung nicht weltweit steigt), wäre dies – nach 2000 Jahren – erneut eine technische Meisterleistung. Sie könnte dann Venedig helfen, länger zu überleben. Die drei Öffnungen zur Lagune (im Süden, mittig und im Norden, s. Karte von wikimedia) werden bei 1,10m Hochwasser durch von unten hochfahrende Fluttore verschlossen. Die Inbetriebnahme erfolgte im Oktober 2020, kurz vor Beginn der Hochwassersaison.

Aktuelle Ergänzung vom 10.12.2020: 1. Bewährungsprobe kläglich gescheitert

Nicht die Technik war es! Es lag 1.  am Zuständigkeitswirrwarr und 2.  an falschen Einschätzungen und 3. an Zeitperspektiven. Obwohl massive Regenfälle voraus gesagt waren, standen in Venedig erneut alle Läden unter Wasser, sehr zum Verdruss ihrer Besitzer. Warum?

1. Die Stadt darf bisher nicht entscheiden, wann die Tore zugefahren werden, sondern eine vom Staat, d.h. der Regierung bestellte Kommissarin.    2. Sie muss sich auf die Vorhersagen der für die Flutprognosen zuständigen Behörde stützen. Gerechnet hatte man mit 125 über normal. Nach dem Bericht der RZ vom 10.12. werden die ca. 80 gelben Barrieren erst ab 130 cm Hochwasser aktiviert. 3. Und das muss 48 Stunden vorher beginnen! 4. Tatsächlich stieg das Wasser auf 140 cm. Angeblich drückten starke Winde aus Richtung Kroatien so viel Wasser in die Lagune. Die Lehre: Das Zusammenspiel zwischen Mensch und Technik will gelernt sein.

Der HDI für Italien liegt 2019 bei 0,863 mit sinkender Tendenz – Ausdruck einer relativ weit verbreiteten Unzufriedenheit? Italien hat die niedrigste Geburtenrate in Europa. Die ökonomische Unsicherheit ist den jungen Paaren einfach zu groß.

Kulinarisch wird Italien weltweit mit Pizza, Olivenöl, Parma Schinken und gesunder Mittelmeerkost in Verbindung gebracht.

Als Opernsänger*in waren Maria Callas und Luciano Pavarotti weltberühmt.

 

3. Reformnotwendigkeiten

  • a. Italien muss den Kampf gegen die Mafia konsequent fortsetzen. Als EU Mitglied ist es zu rechtsstaatlichen Verfahren im Vergaberecht, in der Steuerverwaltung und in der Politik verpflichtet.
  • b. Italien muss die hohe Staatsverschuldung endlich bekämpfen. Nach dem Maastricht Vertrag sind 60% als Höchstgrenze erlaubt. Ein Mittel dazu ist die konsequente Eintreibung von Steuern. Außerdem sind Reformen im Bankensektor dringend erforderlich.
  • c. Die Gelder aus dem EU Wiederaufbaufonds müssen so angelegt werden, dass sie das Gesundheitswesen stärken und ein nachhaltigeres Wirtschaften unterstützen. Der Wiederaufbaufonds hat seinen Sinn nur dann erfüllt, wenn Italien stärker und resilienter aus der Krise hervor geht als es zu deren Beginn war.
  • d. Nach den Regionalwahlen im September 2020 hat die Regierung versprochen, weitere Reformen in Angriff zu nehmen. In einem Referendum haben 70% der Italiener dafür gestimmt, das 2-Kammer Parlament um ein Drittel auf 600 Mitglieder zu verkleinern. Auch sollen die Bezüge der Parlamentarier gekürzt werden.
  • e. Italien muss bürokratische Hürden für die Geschäftstätigkeit insbesondere für start up Unternehmen abbauen. Ein Land mit solcher Geschichte wie Italien sollte trotz der Fehlentwicklungen in Zeiten des Faschismus mit Zuversicht nach vorne blicken.