EU Politik ist vorrangig Innenpolitik der Gemeinschaft.

Die einzelnen Mitgliedsstaaten sind wie Bundesländer in Deutschland anzusehen, aber unter dem Dach der EU Kommission, des Europäischen Parlamentes und des Rates der Staats- und Regierungschefs.

Die einzelnen Mitgliedsstaaten sind nicht mehr souverän im Sinne früherer Definitionen von Selbstbestimmung und Nation. Durch den Beitritt zur Europäischen Union haben sie politische Kompetenzen nach Brüssel delegiert und haben sich damit dessen Verordnungen und Richtlinien unterworfen, an deren Zustandekommen sie freilich mitwirken. Dies gilt auch für jedes neue Mitglied.

Um die EU Innenpolitik in ihrer Wirkung besser zu verstehen, sollen hier die einzelnen Mitgliedsstaaten vorgestellt werden sozusagen als die Bundes-Länder oder Provinzen in unserer Gemeinschaft.

A. Indikatoren für den Zustand der Länder und Indizes (Kennziffern)

Zum Verständnis der Vielfalt der Mitgliedsstaaten der EU in geschichtlicher, sprachlicher, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht sollen jeweils kurz behandelt werden als wesentliche Indikatoren: historische Entwicklung, Beitrittsdatum, Bevölkerungsentwicklung, Rechtsstaat und Demokratie, Wirtschaftsstruktur und Sozialpolitik, Infrastruktur und Energieproduktion, Bildung und Ausbildung und die Entwicklung durch Integration in die EU.

So wie bisher üblich, werden auch die offiziellen Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) des jeweiligen Landes verglichen. Dies sagt aber nichts aus über die Nachhaltigkeit der Produktion und über die verursachten Umweltschäden und deren Kosten. Das BIP pro Kopf, Kaufkraft bereinigt, ist ein Durchschnittswert, der im Vergleich zu anderen Ländern den Stand der wirtschaftlichen Entwicklung wiederspiegelt. Er sagt jedoch nichts aus über die Einkommens- oder Vermögensverteilung im jeweiligen Land.

Der Vergleich der offiziell ausgewiesenen Wachstumsraten sagt auch nichts aus über die Bedeutung der Schattenwirtschaft im jeweiligen Land. Zur Schattenwirtschaft zählt die legale Nachbarschaftshilfe, die Schwarzarbeit, in der weder Umsatzsteuer noch Sozialversicherungsbeiträge und oft auch kein Mindestlohn gezahlt werden, die Geldwäsche z. B. beim Immobilienkauf gegen Bargeld und die Aktivitäten der Mafia mit Drogen- und Menschenhandel, Zahlung von Bestechungsgeldern, um bei Staatsaufträgen bevorzugt zu werden usw. Die Schattenwirtschaft ist bis auf die Nachbarschaftshilfe ein Krebsgeschwür der Gesellschaft und ein Indiz für die Schwäche des Rechtsstaates.

Die Vereinten Nationen veröffentlichen seit 1990 einen „Human Development Index“ (HDI) für 189 Länder. Darin werden berücksichtigt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, die Lebenserwartung und die Ausbildung anhand der Schuljahre, die ein 25jähriger im Schnitt absolviert hat. Der Index sagt nichts über die Verteilung der Lebenschancen in der Gesellschaft, da er mit Durchschnittswerten arbeitet. Trotzdem kann man ihn als erste Annäherung an den Lebensstandard des jeweiligen Landes im Vergleich zu anderen Ländern benutzen. Ein Wert über 0,9 bedeutet eine sehr hohe durchschnittliche Lebensqualität.

Es gibt außerdem einen Global Competitiveness Index, der die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft eines Landes misst und damit sowohl die Beurteilung der Entwicklung des Landes im Zeitablauf ermöglicht als auch den Vergleich zu anderen Volkswirtschaften.

Generell dient der Vergleich der einzelnen Mitgliedsstaaten auch dazu festzustellen, wie weit die sozialen Grundbedürfnisse der Bürger im Sinne der Daseinsvorsorge befriedigt werden: Zugang zu sauberem Trinkwasser zu erschwinglichen Preisen, Abwasserbeseitigung, Versicherungsschutz gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit, Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems, Rentenversicherung bzw. andere Formen der Altersvorsorge, Zugang zur Allgemein- und beruflichen Bildung, Mindestsicherung bei Armut, Schutz vor Diskriminierung, „gerechtes“ Steuersystem, funktionsfähiger Rechtsstaat, faire, demokratische Wahlen etc. Einzelne Länder können dann zumindest für einzelne Bereiche als „bench mark“ dienen: Skandinavische Länder sind z.B. vorbildlich in der Korruptionsbekämpfung. Wir Europäer sollten voneinander ohne Vorurteile lernen, um gemeinsam den Lebensstandard zu verbessern. Dann wird aus dem Vergleich eine win-win-Situation!

Die geschichtliche Entwicklung nimmt jeweils einen relativ breiten Raum ein, weil sonst die Gegenwart mit ihren spezifischen Eigenarten gerade auch gegenüber Nachbarländern nicht verständlich ist. Politisch-kulturelle Animositäten wenn nicht gar Feindschaften und kriegerische Niederlagen wirken oft auch noch Jahrhunderte später nach (In Serbien war in den neunziger Jahren z.B. immer vom Amselfeld die Rede, einer vernichtenden Niederlage der Serben 1389 durch die Osmanen.) In geschichtlichen Darstellungen sind allenfalls die berichteten Fakten objektiv nachvollziehbar. Die Interpretation der Entwicklungen erfolgte in der Vergangenheit meist aus nationalstaatlicher Perspektive und ist daher meist einseitig. Bis heute hin betreiben viele Länder Geschichtspolitik zur Legitimierung ihrer Macht- und Expansionsinteressen. So rekurriert -bezieht sich- der Präsident der Türkei auf das osmanische Reich, um Gasbohrungen vor Griechenland zu rechtfertigen oder Mitspracherechte in Libyen einzufordern. So bezieht sich Russlands autokratischer Präsident Putin auf die Größe der untergegangenen Sowjetunion, um seine Herrschaftsansprüche gegenüber der Ukraine und Weißrussland zu legitimieren.

Die hier vorgestellten Kurz-Darstellungen der einzelnen Mitgliedsländer der EU versuchen jeweils die Fakten zu berichten, so wie sie aus Wikipedia, dem Brockhaus und der Enzyclopedia Britannica zu entnehmen sind. Die Einordnung erfolgt aus der Perspektive der Werte, für die die EU steht: Achtung der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, freie Presse, soziale Marktwirtschaft, Freizügigkeit und Hochachtung vor der kulturellen Vielfalt des Kontinents.

Generell ist darauf hinzuweisen, dass über Jahrhunderte in Europa um Territorien Krieg geführt wurde, die Grenzen also immer wieder verschoben wurden je nach den Wünschen der Sieger. Heute in der EU sind die Grenzen der jeweiligen Mitgliedsstaaten mit wenigen Ausnahme festgeschrieben und nicht mehr umkämpft, ein gewaltiger Fortschritt gegenüber früher. Ausnahmen sind: – Zypern, wo die Türkei einen Teil besetzt hält und im Konflikt mit Griechenland um die Grenzen ihres Festlandssockels zur Ausbeutung von Rohstoffen aus dem Meer streitet, Gibraltar, das zwischen Großbritannien und Spanien umstritten ist und Estland, das die Grenzfragen mit Russland nicht abschließend klären konnte. Heute sind innerhalb der EU allenfalls separatistische Bewegungen virulent, so in Katalonien, im Baskenland oder auf Korsika.

Praktisch alle heutigen Mitgliedsstaaten der EU waren früher einmal größer bzw. gehörten zu einem größeren Staatenverbund.

Karl V. konnte sich rühmen, dass in seinem habsburgischen Reich die Sonne nicht untergeht. Heute sind Österreich und Spanien relativ kleine Staaten ohne Kolonien.

Auch Belgien, die Niederlande, Frankreich, Portugal und Italien waren dereinst Kolonialreiche.

Nur Irland, das 1922 selbständig wurde durch Abspaltung von Großbritannien, und Malta und auch Luxemburg waren früher keine Großmächte.

Die Europäische Union mit ihren Freiheiten: insbesondere der Niederlassungsfreiheit und der Reisefreiheit macht die bestehenden Grenzen durchlässig. Die Frage, welcher Landesteil früher zu einem anderen Land gehörte verliert daher an Bedeutung. Beispiele dafür sind Süd-Tirol oder Elsass-Lothringen oder (das poln.)Ostpreußen.

Durch die europäische Geschichte zieht sich wie ein roter Faden die Auseinandersetzung zwischen den Religionen, einerseits zwischen Katholizismus und griechischer Orthodoxie, zwischen Katholizismus und Protestantismus innerhalb Europas. Andererseits gravierend waren und sind die Auseinandersetzungen zwischen Christentum und Islam, dies besonders auf dem Balkan in dem Jahrhunderte andauernden Kampf gegen das Osmanische Reich. Aber auch in Spanien das Eindringen der Muslime aus Nordafrika, sowie später deren Vertreibung waren prägende Epochen in Europa.

Ein zweiter Grundzug der europäischen Geschichte ist die Auseinandersetzung zwischen der „herrschenden“ Weltdeutung der katholischen Kirche – blutig durchgesetzt zunächst mit Kreuzzügen, später der Inquisition und der zahllosen Hexenverbrennungen – und der Aufklärung und rationalen Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Gallileo Gallilei erkannte, dass die Erde eine Kugel ist und nicht eine Scheibe und wurde von der Kirche gezwungen, die wissenschaftliche Erkenntnis zu wiederrufen. Der praktische Philosoph und wissenschaftlich hoch gebildete Emanuel Kant aus Königsberg begründete das Völkerrecht als Vertragsrecht zur Sicherung des Friedens. Auch er hatte seine Schwierigkeiten mit der kirchlichen Zensur, diesmal der protestantischen Kirche.

Die große Besonderheit der EU ist, dass sie zunächst aus westeuropäischen Staaten gebildet wurde, die sich nach dem Ende des 2. Weltkrieges als Demokratien in mehr als 70 Jahren entwickeln konnten – allerdings dauerten die Militärdiktaturen in Griechenland, Spanien und Portugal bist in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Die 10 Staaten Osteuropas, die nach und nach seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 der EU beigetreten sind – die ehemalige DDR kam durch die Vereinigung mit Westdeutschland schon sehr viel früher in die EU – lebten viele Jahrzehnte im totalitären Kommunismus. Das gleiche gilt für Slowenien und Kroatien, die im ehemaligen Jugoslawien ebenfalls kommunistisch sozialisiert wurden. Ihre Erfahrungen mit Demokratie sind zum Teil kürzer als 20 Jahre.

Wenn auch der „Eiserne Vorhang“ zwischen Ost und West verschwunden ist und die Freiheiten der EU auch im Osten gelten, so sind die unterschiedlichen Erfahrungen mit den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Systemen noch virulent. Wie sonst soll erklärt werden, dass z. B. Ungarn vom Regierungschef Viktor Orban als „illiberale Demokratie“ im positiven Sinne bezeichnet wird? Die USA haben die Geschichte der Sklaverei in den Südstaaten bis heute nicht aufgearbeitet. Deshalb gibt es bis heute kein friedliches Zusammenleben – und dies nach der Aufhebung der Sklaverei vor knapp 150 Jahren. Die Überwindung der Teilung in Ost und West unter dem Dach der EU wird hoffentlich schneller voranschreiten, aber es muss ständig daran gearbeitet werden!

In der EU gibt es 24 Amtssprachen einschließlich dem Englischen als Lingua franca (trotz Brexit) und es gibt 3 Alphabete: Lateinisch, Griechisch und kyrillisch (die slawische Schriftart). Die EU muss also einen umfangreichen Apparat an Übersetzern vorhalten, um die Verständigung auf diesem so vielfältigen Kontinent zu organisieren. Verständigung ist aber immer mehr als sprachliche Übersetzung.

B. Die einzelnen Länder

Belgien (BE)

Es trifft sich gut, dass Belgien die alphabetische Liste der Mitgliedsstaaten anführt: Belgien gehört zu den ältesten Ländern Europas. Schon bei Julius Caesars „De bello gallico“ werden die „Belgae“ erwähnt und von seinen Truppen unterjocht. Belgien gehört zu den 6 Gründungsmitgliedern der Europäischen Union. Belgien liegt im Herzen Europas und beherbergt mit seiner Hauptstad Brüssel den Sitz der Kommission und neben Straßburg das Europäische Parlament. Außerdem ist Brüssel das Nato-Hauptquartier. 2/3 der Belgier sind proeuropäisch eingestellt. Belgien ist eine von 5 konstitutionellen Monarchien in der EU neben Schweden, Dänemark, den Niederlanden und Spanien. (Luxemburg ist ein Groß-Herzogtum)..

1. Geschichtliche Entwicklung

Bei Caesar werden die „Belgae“ von seinen Legionären unterworfen. Die römische Herrschaft dauerte bis zu Beginn des 5. nachchristlichen Jahrhunderts. Dann folgte die Herrschaft der Merowinger und der Karolinger bis Mitte des 9. Jahrhunderts. In der wechselvollen Geschichte Belgiens folgte eine Zeit der Verbindung mit Frankreich.

Im Hochmittelalter war Belgien eins der zwei Zentren der europäischen Wirtschaft mit der Tuchindustrie in Flandern. Brüsseler Spitzen zeugen heute noch von besonderer Qualität. Das andere Zentrum bildeten die norditalienischen Städte, allen voran Venedig.

1504 kam Belgien unter spanisch-habsburgische Herrschaft. Der 80jährige Krieg zwischen Spanien und den aus spanischer Sicht separatistischen Niederlanden dauerte von 1568 bis zu seiner Beendigung durch den westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück im Jahre 1648, nur unterbrochen durch einen 12 jährigen Waffenstillstand. Herzog Alba, Abgesandter des spanischen Königs, ließ im „Blutrat“ von Brüssel mehr als 6000 „Aufständische“ hinrichten. Aus niederländischer Sicht war es ein Krieg der Befreiung von der „Spanischen Furie“ mit dem Ziel der Selbstbestimmung, die in dem besagten Frieden (oben) von Spanien anerkannt wurde. Die nördlichen Niederlande inklusive des heute belgischen Flanderns schieden damit aus dem „Heiligen Römischen Reich“ aus.

Die spanischen südlichen Niederlande blieben bis 1700 unter habsburgischer Herrschaft. Nach den Napoleonischen Kriegen – Waterloo liegt in Belgien – wurden Belgien und die Niederlande zu einem Land vereinigt. Doch die belgische Revolution von 1830 führte zur Trennung von den Niederlanden. Belgien wurde ein eigenständiger Staat als konstitutionelle Monarchie. Leopold von Sachsen-Coburg wurde der 1. König. Leopold II. – 1865-1909 – „erwarb“ 1885 als persönliches Eigentum den Kongo in Afrika. Es ging in dieser später auf den Staat Belgien übertragenen Kolonie um die Ausbeutung der Natur zur Kautschukgewinnung, von Bodenschätzen wie Diamanten und von Menschen mit vielen, vielen Toten. Die „Kongogräuel“ mittels Sklaverei und Zwangsarbeit, Geiselnahme, Verstümmelungen und Vergewaltigungen hatten nach Schätzungen 8-10 Millionen Tote zur Folge, etwa die Hälfte der damaligen Bevölkerung (vgl. Wikipedia). Im Jahre 2020 hat sich der jetzige König von Belgien für die barbarische Kolonialherrschaft im Kongo entschuldigt. Im Zusammenhang mit der weltweiten Bewegung „Black Lives matter“ geht es auch um den Umgang mit belgischen Denkmälern für Leopold II.

Obwohl sich Belgien im 1. Weltkrieg für neutral erklärt hatte, wurde es von Deutschland gemäß dem Schliefen Plan überfallen. Es kam zu zahlreichen deutschen Kriegsverbrechen: Gewalttaten gegen die Zivilbevölkerung, 6000 Zivilisten, auch Frauen und Kinder wurden umgebracht, allein bei dem Massaker von Dinant gab es 674 Tote zu beklagen. 25. August 1914: Verwüstung der Stadt Leuven (Löwen) und vorsätzliche Niederbrennung der hochwertigen Universitätsbibliothek. 1000 Handschriften, 800 Inkunabeln und 300 000 Bücher, die in 500 jähriger Arbeit zusammengetragen worden waren, wurden mutwillig und unwiederbringlich zerstört – 248 festgenommene Einwohner Leuvens wurden von deutschen Soldaten erschossen und 1081 Häuser wurden niedergebrannt. Am 22. 4. 1915 wurde von dem deutschen Chemiker Fritz Haber entwickeltes Giftgas (Chlorgas) erstmals bei Ypern eingesetzt, obwohl dies seit 1899 durch die Haager Landkriegsordnung völkerrechtlich verboten war.

Rund 100 000 Soldaten fanden im 1. Weltkrieg an allen Fronten so einen grausamen Tod. Vergiftet wurden etwa 1,2 Millionen. Sie starben oft bald nach Ende des Krieges.

Am 10. Mai 1940 wird Belgien im 2. Weltkrieg erneut von Deutschland überfallen und besetzt. Im Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg 1946 werden die Beschuldigten wegen der Planung und Durchführung eines nicht provozierten Angriffskrieges auf Belgien verurteilt. Von den 1940 in Belgien lebenden 90 000 Juden wurden 25 000 im „Dritten Reich“ ermordet (Bundeszentrale für politische Bildung). Am 4.9.1944 wurde Brüssel durch britische Truppen von der deutschen Besatzung befreit.

2. Grunddaten

Die drei Sprachgebiete Belgiens, Vascer Knorck, CC BY-Sa 3.0.png

Vascer Knorck, CC BY-Sa 3.0

Belgien ist seit den siebziger Jahren als föderaler Staat gegliedert und besteht aus 3 Regionen. Da ist: a) das niederländisch sprachige Flandern im Norden, b) das französisch sprachige Wallonien im Süden mit der kleinen deutschsprachigen Gemeinschaft und c) Brüssel als Hauptstadt, das zweisprachig ist. Belgien hat rund 11,5 Millionen Einwohner. Auf Grund der Spannungen zwischen den beiden großen Gemeinschaften, die sich allein auf Grund der unterschiedlichen Sprachen an zwei verschiedenen Nachbarn orientieren, den Niederlanden und Frankreich, hat Belgiens Regierung versucht, die politische Verantwortung immer mehr zu dezentralisieren und so das „geteilte“ Land zusammenzuhalten. Weitere Nachbarn sind Deutschland und Luxemburg. Im Wappen von Belgien heißt es: „L´Union fait la Force“, ( aus der Einheit ergibt sich die Stärke, eig. Übersetzung) ein Slogan, der auch für die gesamte EU stehen könnte.

Belgien zählt 374 Einwohner pro Quadratkilometer und zählt damit zu den am dichtesten besiedelten Staaten Europas. Der Anteil der Stadtbewohner an der Bevölkerung macht 98% aus.

Obwohl Belgien auf eine große industrielle Tradition zurückblicken kann als Gründungsmitglied der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl von 1952, beherrscht heute der Dienstleistungssektor mit einem Anteil von 77% am BIP die belgische Wirtschaft. Die verarbeitende Wirtschaft der pharmazeutischen, chemischen und der Lebensmittelindustrie hat einen Anteil von 17%. 70% der Exporte gehen in andere EU Länder, allen voran in die direkten Nachbarn Deutschland, Frankreich und die Niederlande. Belgien lebt von einem strukturellen Exportüberschuss. Durch die Einbindung in den gemeinsamen Europäischen Markt hat sich Belgiens Wirtschaft hervorragend entwickelt: BIP Veränderung (reale Abweichung gegenüber 2008 bis 2017) Deutschland 11,7%, Belgien nur 9,1%, EU 28 7,7%. Damit hat die belgische Wirtschaft die Krise ab 2008 besser als viele andere EU Staaten überwunden. Das BIP pro Kopf liegt bei 41 200,- Euro jährlich – erheblich höher als der EU Durchschnitt von 31 110,- Euro.

Die Stromerzeugung Belgiens erfolgt zu ca. 25% durch seine beiden Atomkraftwerke. Das 35 bis 45 Jahre alte (verschiedene Blöcke) Kraftwerk Tihange 2 in der Nähe von Aachen führt immer wieder durch seine Störanfälligkeit – u.a. Haarrisse im maroden Beton – zu Verängstigungen der grenznahen Bevölkerung. Belgien hat beschlossen, bis 2025 aus der Atomkraft zur Stromerzeugung auszusteigen. 2016 wurde eine Laufzeitverlängerung beschlossen ohne Umweltverträglichkeitsprüfung, was vom EUGH gerügt wurde. „Der Kohlenstoffdioxidausstoß pro Kopf des Landes gehört zu den weltweit höchsten“ (Wikip.)

Der Schuldenstand Belgiens lag 2019 bei 98,6% des BIP. Für 2020 wegen der Folgen der Corona Pandemie wird ein Anstieg auf 115% erwartet. Außerdem geht man davon aus, dass die Arbeitslosenquote, die im Mai 2019 bei 5,4% lag, 2020 auf 7% ansteigt. Der EU Bericht zum notwendigen Reformprogramm Belgiens von 2020 hat einen strukturellen Mangel an der Verfügbarkeit von Gesundheitspersonal festgestellt. Belgien wird mit Recht aufgefordert zur Gewährleistung eines ausreichenden Bestandes an kritischen medizinischen Produkten. Außerdem wird angemahnt, dass Belgien, wenn die Wirtschaftskrise in Folge der Corona Pandemie überwunden sein wird, alles tut, um die Verschuldung abzubauen, um in Übereinstimmung mit den Maastricht Kriterien zu kommen.

Der HDI (Human Development Index) für Belgien 2018 beträgt 0,919. Belgien belegt damit den Rang 17 von 189 Ländern – glückliches Belgien!

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Der große Markt in Antwerpen, Maros, CC BY.SA 3.0

Zum Schluss, Belgien kulturell und kulinarisch, rein subjektiv. Einer der bedeutendsten europäischen Maler ist der 1599 in Antwerpen geborene Anthonis van Dyck, Repräsentant des flämischen Barock. Er war auch ein freier Mitarbeiter von Peter Paul Rubens. In heutiger Zeit erfreut der Violinist André Rieu mit seinem Johann-Strauß-Orchester Menschen aus aller Welt, und auch auf vielen großen Marktplätzen in Belgien mit seinen leicht klassischen Konzerten und manchmal zum Mitsingen ermunternd die Herzen seiner Fans.

Die Belgier lieben hochprozentiges Bier. Der Belgier spricht bei weniger als 8% Alkoholgehalt von Wasser. Als typisches Gericht gilt „Moules frites“, Miesmuscheln mit Pommes frites.

Bulgarien (BG)

1. Geschichte

Während Belgien im Zentrum der Europäischen Union liegt, begeben wir uns mit Bulgarien eher in die Peripherie Europas auf dem Balkan. Auch die bulgarische Geschichte ist „typisch“ europäisch, weil das Land unter sehr verschiedenen Herrschaftssystem zu leiden hatte und erst 1989 seine hoffentlich dauerhafte Unabhängigkeit erlangte. Aber Bulgarien war nicht immer Opfer, sondern zeitweise auch Täter.

Zunächst Teil des Königreichs Mazedonien war das Gebiet des heutigen Bulgariens Teil des römischen Imperiums. Im 6. und 7. Jahrhundert nach Christi Geburt wurde auch dieser Teil des Balkans von slawischen Stämmen „überrannt“. Erstmalig zum Ende des 5. Jahrhunderts findet sich die Erwähnung von Bulgaren im Nachgang zu Überfällen durch den Hunnen König Attila. Die slawischen Khans herrschten, doch die militärische Aristokratie blieb weitgehend bulgarisch. Der Nordosten Bulgariens wurde mehrfach von Russen und Magyaren überfallen und ausgeraubt. Im Jahr 865 ließ sich der Herrscher Boris I taufen. Damit mussten alle Untertanen auch zum Christentum übertreten. In der Kontroverse zwischen Rom und Byzanz entschied sich Boris I für die oströmische Kirche. 893 – 927 herrschte König Simeon und dehnte seine Macht auch auf die Serben aus. Er nahm den Titel „Kaiser und Autokrat aller Bulgaren und Griechen“ an und versuchte vergeblich, Konstantinopel zu erobern. Als größter bulgarischer Herrscher wird Ivan Asen II (1218-1258) bezeichnet, der sein Reich auf Albanien, Epirus, Mazedonien und Thrakien – heute Griechenland – ausdehnte. Bulgarien erlebte eine bis dahin ungeahnte Blüte in den verschiedenen kulturellen und wirtschaftlichen Bereichen.

Ab 1340 geriet Bulgarien unter türkische Herrschaft und damit begann in den 5 Jahrhunderten bis 1878 die „dunkle Ära“ für das Land: Verwüstungen mit Feuer und Schwert insbesondere gegen Kirchen und Klöster, hohe Abgaben auf verbliebene christliche Bewohner in Form einer Kopfsteuer und landwirtschaftliche Naturalleistungen und „Requirierung“ von 10-12 jährigen Jungen, die nach Konstantinopel verbracht wurden, um bei den Janitscharen, der Elitetruppe der osmanischen Armee, zwangsweise zu dienen. Nach der gescheiterten Belagerung Wiens durch die Türken 1683 kam es auf dem Balkan zu anarchischen Verhältnissen. Die türkischen Armeen auf ihren Durchmärschen durch Bulgarien im Zusammenhang ihrer Kriege mit Österreich plünderten in den ländlichen Gebieten und begingen Massaker.

Gleichzeitig trug die griechisch-orthodoxe Kirche mit ihrer geistlichen Dominanz zur nationalen Erhebung der Bulgaren bei. 1876 kam es zu einem Aufstand, der aber von den Türken blutig niedergeschlagen wurde. 15 000 Bulgaren wurden abgeschlachtet. Serbien und Russland, erklärten daraufhin dem osmanischen Reich den Krieg und konnten im Vertrag von St. Stefano den bulgarischen Forderungen nach Eigenstaatlichkeit entsprechen – 3/5 des Gebietes der Balkan Halbinsel mit etwa 4 Millionen Einwohnern. Doch auf dem Berliner Kongress vom 13. Juli 1878 wurde Bulgarien wieder zusammengestutzt. Bis zur Verabschiedung einer demokratischen Verfassung im Jahre 1879 blieb Bulgarien von russischen Truppen besetzt. Die Nationalversammlung wählte den 22jährigen Prinzen Alexander von Battenberg aus dem Großherzogtum Hessen und Neffen des russischen Zaren Alexander II zum König. Unter russischem Einfluss wurde zeitweise die Verfassung außer Kraft gesetzt. Auch seine Nachfolger waren hin und her gerissen zwischen den Anforderungen aus Russland und Serbien und den Versuchen, zum Osmanischen Reich einen Modus Vivendi zu finden. 1912 kam es zum 1. Balkan Krieg, einer Allianz von Serbien, Russland, Griechenland und Bulgarien gegen das Osmanische Reich. 1913 folgte der 2. Balkankrieg. Danach teilten Griechen und Serben Mazedonien, bis dahin bulgarisch, untereinander auf. Im ersten Weltkrieg schlug Bulgarien sich auf die Seite Österreich-Ungarns und Deutschlands, u.a. in der Hoffnung so wieder die Herrschaft über Mazedonien zu erlangen. Am 29.9.1918 unterzeichnete Bulgarien die Deklaration der bedingungslosen Kapitulation gegenüber den Siegermächten England, Frankreich und Italien. Im Vertrag von Neuilly wurden dem Land umfangreiche Reparationszahlungen – zunächst 90 Millionen britische Pfund, später reduziert auf 22 Millionen Pfund, rückzahlbar in 60 Jahren – auferlegt und es musste Teile seines Territoriums an Rumänien und an Serbien abtreten.

Zu Beginn der 20er Jahren wurden Landreformen durchgeführt: Ländereiern der Krone und der Kirche und von Großgrundbesitzern wurden enteignet und an mittellose Bauern verteilt. Staatsstreich 1923, Unruhen, kommunistische Agitationen, Spannungen mit Mazedonien und Griechenland, „Hilfsangebote“ aus dem kommunistischen Russland, dies sind Stichworte der weiteren Entwicklung Bulgariens. Zu Beginn der 30er Jahre wirkte sich die Weltwirtschaftskrise auch in Bulgarien aus und 1934 übernahm ein autoritäres Regime die Macht, verbot alle politischen Parteien und ihre Zeitungen. Zu Beginn der 40er Jahre paktierte Bulgarien mit Hitler-Deutschland und räumte deutschen Truppen eine Stationierung im eigenen Land ein als Basis für Operationen gegen Griechenland und Jugoslawien. Dafür durften dann bulgarische Truppen Thrakien in Griechenland, Teile Serbiens und das Jugoslawische Mazedonien angreifen. 1944 versuchte Bulgarien sich von Deutschland abzusetzen und sich für neutral zu erklären. Trotzdem marschierten russische Truppen ein. Die bulgarischen Truppen kamen unter russischen Befehl und kämpften gegen Deutschland. Im Dezember 1944 begannen unter dem neuen Regime Kriegsverbrecherprozesse gegen die früheren Machthaber: 3 Regenten, 22 Minister und 68 Parlamentsabgeordnete als Teil von 2.680 Todesurteilen wurden im Februar 1945 vollstreckt. Mehr und mehr geriet Bulgarien unter kommunistischen Einfluss sowjetischer Prägung, was sich u.a. an Zwangs-Kollektivierungen in der Landwirtschaft zeigte. Nach Stalins Tod 1953 ließ dieser Einfluss nach. 1954 wurden diplomatische Beziehungen zu Griechenland aufgenommen und 1955 trat Bulgarien den Vereinten Nationen bei. Bulgarien schloss Beistandspakte mit anderen kommunistischen Staaten wie Polen ab und nahm mit vier anderen Ländern des Warschauer Pakts an der Niederwerfung des Aufstandes in der Tschechoslowakei 1968 teil. (Alle Angaben übernommen aus der New Encyclopaedia Britannica. Band 15). Das kommunistische Regime erwirkte die Vertreibung von bis zu 370 000 islamischen Personen in Richtung Türkei.

Todor Schiwkow war seit 1962 Ministerpräsident und Generalsekretär der kommunistischen Partei. Zwei Mal – 1963 und 1973 – wurde vergeblich die Auflösung der Volksrepublik Bulgarien als „souveräner“ Staat und die Eingliederung als 16. Sowjetrepublik in die Sowjetunion beraten. Schiwkow trat am 10.11.1989 nach mehr als 30jähriger Amtszeit zurück auf Grund innerparteilichen Drucks. 1990 kam es zu freien Wahlen, die die Oppositionsbewegung SDS – Union der demokratischen Kräfte – für sich entschied. Friedliche Demonstrationen und diese Wahlen beendeten so die kommunistische Herrschaft. 2001 gewann die „Nationale Bewegung Simeon II“ die Wahlen mit 42,7%. Simeon II von Sachsen-Coburg und Gotha war nach 55 Jahren im spanischen Exil nach Bulgarien zurückgekehrt. Da die Verfassung streng republikanisch war, nannte er sich Simeon Sakskoburggolski.

Exkurs zur bulgarischen Judenpolitik

Zar Boris III regierte seit 1935 absolutistisch, unterstützt von einem Parlament mit eingeschränkten Vollmachten. 1941 wurde ein erstes antisemitisches Gesetz verabschiedet, nach dem Juden aus öffentlichen Ämtern ausscheiden und eine Sondersteuer entrichten mussten und teilenteignet wurden. 1942 kam aus dem nationalsozialistischen Berlin der Druck auf Bulgarien, Juden zu deportieren. 13.343 Juden wurden aus den von Bulgarien besetzten Territorien in das Vernichtungslager Treblinka deportiert. Boris III war 1943 in Berlin und entgegnete dem massiven Verlangen, weitere Juden zu deportieren, dass er mindestens 25 000 arbeitsfähige Juden für wichtige öffentliche Arbeiten zurückhalten müsse. Auch aus der bulgarischen Zivilgesellschaft gab es Widerstand gegen die Vertreibung und Ermordung bulgarischer Juden. Die bulgarisch-orthodoxe Kirche intervenierte ebenfalls. So konnten 50 000 Juden aus dem bulgarischen Kernland gerettet werden, von denen ab 1948 40 000 nach Israel auswanderten. Die Frage, wie dieser „Sonderweg“ eines mit Hitler-Deutschland verbündeten Landes möglich war bzw. wie es dazu kam, dass die Juden aus den von Bulgarien besetzten Ländern ausgeliefert wurden, aber die aus dem Kernland nicht, ist nicht abschließend geklärt (Wikipedia).

2. Grunddaten

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Gemeindegliederung Bulgariens 2020, Tschubby, CC BY-Sa 3.0.

Bulgarien hat heute eine kurze Grenze mit dem „europäischen Teil“ der Türken. Es grenzt an Griechenland im Süden und im Westen an Nord-Mazedonien und Serbien und im Norden an Rumänien – die Donau bildet über weite Strecken die Grenze. Nach Osten liegt es an der Küste des Schwarzen Meeres. Die Hauptstadt ist Sofia, Bulgarien hat ca. 7 Millionen Einwohner und 81 Einwohner auf den Quadratkilometer. Die Bevölkerungszahl ist rückläufig wegen der Abwanderung junger Arbeitskräfte – minus 0,7% in 2018. Nach der letzten Volkszählung sind 84,8% Bulgaren, 8,8% Türken, 4,9% Roma und 2% Russen. Bulgarien ist seit 2004 Mitglied der Nato und seit 1.1.2007 Mitglied der EU.

Wichtigste Wirtschaftszweige waren 2018 die Industrie mit 23,1%; Groß- und Einzelhandel, Verkehr, Hotels und Gaststätten 22,6% und öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Bildung, Gesundheits- und Sozialwesen 14,4%. Von den Exporten gehen 69% in die EU Länder, 64% der Importe kommen aus der EU. Die EU zahlte im gleichen Jahr 2,169 Milliarden Euro an Bulgarien, was 3,91% des Sozialprodukts entspricht. Die Gelder wurden eingesetzt für den Straßenbau, für die Forschungsförderung und für den Klimaschutz. Der Gesamtbeitrag Bulgariens zum EU Haushalt betrug 0,487 Milliarden Euro was 0,88% des Sozialprodukts ausmacht. Bulgarien als eins der ärmsten Länder in der EU ist also ein Netto-Empfänger Land (Angaben der EU).

Bulgarien hatte von 1990 – 2000 bis auf das Jahr 1998 (+4,29%) ständig ein Minuswachstum des realen BIP zu verzeichnen. Von 2004 bis 2008 lag das Wachstum immer über +6%, denn: schon vor dem EU Beitritt 2007 gab es von der EU eine „Anschub Finanzierung“. Seit Beginn der weltweiten Finanzkrise 2009 (-3,35%) bis 2014 gab es nur geringe Wachstumsraten. Ab 2015 liegt die Wachstumsrate bis 2019 ständig über 3%, also höher als im EU Durchschnitt (Statista). Bulgarien hat also wirtschaftlich besonders durch den EU Beitritt profitiert. Die Arbeitslosenquote lag im Februar 2020 bei 4,1%. Trotz allem ist Bulgarien immer noch ein sehr armes Land. Das BIP pro Kopf liegt bei 8.680,- Euro jährlich – weit unter dem EU Durchschnitt von 31 110,-Euro.

Die Staatsverschuldung lag 2918 bei 22,3% des BIP und im 4. Quartal 2019 bei sensationell niedrigen 20,4% – nur in Estland ist sie noch geringer, nämlich 8,4%. ( Es ist aber zu berücksichtigen, dass die noch verbliebenen staatlichen Unternehmen hoch verschuldet sind.) Im EU Durchschnitt der 27 ohne Großbritannien liegt sie bei 77,8%.

Im Juli 2020 wurde Bulgarien mit seiner Währung des Lev die Möglichkeit eröffnet, in zwei Jahren dem Euro beitreten zu können. Bulgarien befindet sich damit mit Kroatien im „Wartezimmer“ des Euro, d. h. in dieser Zeit muss die Währung mehr oder weniger stabil bleiben. Die EU sieht in dieser Entwicklung eine Anerkennung der Reformbemühungen Bulgariens.

Der HDI lag 2018 bei erstaunlich hohen 0,816 – Bulgarien lag so auf Rang 52 von 189 Ländern, und damit im vorderen Mittelfeld.

Unter dem Motto „Entwicklung, Frieden und Wohlstand“ startete am 23.5.2019 der Bau eines Verbindungsstücks einer Gasleitung zwischen Bulgarien und Griechenland und damit einen Anschluss an die Trans Adriatic Pipeline. Damit soll Gas aus Aserbaidschan nach Südeuropa gelangen und so den europäischen Gasmarkt diversifizieren. Die EU Kommission unterstützt das Projekt direkt mit 45 Millionen Euro. 110 Millionen Euro steuert die Europäische Investitionsbank als Darlehn bei (Info der EU Kommission). Der Balkan ist allerdings auch an das russische Gasleitungsnetz durch die Ukraine angeschlossen. Insofern ist es dringend geboten, die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen zu reduzieren. Der Bau von North Stream 2 zur Umgehung der Ukraine, der baltischen Staaten und Polens direkt von Russland nach Deutschland ist diesbezüglich ein strategischer Fehler!

Der Corruption Perception Index, der jährlich von der NGO „Transparency International“ erhoben wird, wies 2003 für Bulgarien die Zahl 61 aus, sechzehn Jahre später 2019 noch 57, also nur eine leichte Verbesserung – 100 gleich ganz korrupt, 0 gleich ohne Korruption. Zum Vergleich der Durchschnitt der EU: 2003 insgesamt 42, 2019 noch 40. Bulgarien hat also einen weiten Weg vor sich, um wenigstens den EU Durchschnitt zu erreichen.

Antique-theater-Plovdiv, Edal Anton Lefterov, CC BY-Sa 3.0.jpg

Nenko Lazarov, CC BY 2.5

Mitte 2020 gibt es andauernde Demonstrationen nicht nur in der Hauptstadt Sofia gegen den Regierungschef Bojko Borissow, dem u.a. Korruption und Geldwäsche vorgeworfen und der zum Rücktritt aufgefordert wird. Motto der Proteste: „Verteidigt die Demokratie“. Den Demonstranten geht es um die Wiederherstellung des Rechtsstaates und auch darum sicherzustellen, dass die Gelder aus dem Wiederaufbaufonds der EU in Bulgarien nicht in dunklen Kanälen versickern. Auch der EU Bericht zur Rechtsstaatlichkeit in den EU Mitgliedsländern von 2020 prangert die verbreitete Korruption in Bulgarien an. Als Nationalgericht wird „Bob Tchorba“, eine leckere Bohnensuppe, angepriesen.

Bulgarien besitzt 9 Weltkultur-Erbe-Stätten, darunter die Felsenkirche Iwanowa und das Felsenrelief des Reiters von Madera. Das antike römische Theater von Plovdiv, vollständig ausgegraben, fasste 7000 Zuschauer und war 2020 zur Kulturhauptstadt erkoren. Das orthodoxe Kloster in Rila wurde im 10. Jahrhundert gegründet.

 

 

 

Dänemark (DK)

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Satellitenfoto, wikipedia, Gemeinfrei

Dänemark, das Land im Norden der EU und Teil von Skandinavien, gehört als Mutterland einschließlich der Färöer Inseln geographisch zu Nordeuropa, mit Grönland aber zu Nordamerika. Es ist also ein interkontinentaler Staat. Dänemark trat 1949 der Nato und am 1.1.1973 der EU bei, wobei darin weder das autonome Grönland noch die Färöer eingeschlossen sind. Beide Gebiete gehören jedoch zur Nato. Dänemark ist eine konstitutionelle Monarchie. Der Wachwechsel vor dem Schloss Amalienborg hat den Charme einer Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Die Hauptstadt ist Kopenhagen und das Kernland hat 5.8 Millionen Einwohner. In Grönland leben 56.500 Einwohner, auf den Färöern 48.300. Im 1866 bis 1920 zu Preußen gehörenden Nordschleswig lebt eine deutsche Minderheit. Die einzige Landgrenze Dänemarks trennt es von Deutschland. Die Währung ist die dänische Krone. Der Beitritt zum Euro ist durch eine Volksabstimmung im Jahre 2000 ausgeschlossen worden.

 

1. Geschichte

In einem 811 geschlossenen Vertrag mit Karl dem Großen wird von diesem der Fluss Eider als dänische Südgrenze anerkannt, wobei es sich bei den damaligen Dänen um einen nordgermanischen Stammesverband handelte. König Gom der Alte vereinigte die einzelnen Kleinkönigreiche und sein Sohn Harald Blauzahn nahm 960 den christlichen Glauben an. Bis 1035 gelang es den dänischen Königen weite Teile der britischen Inseln und Norwegens zu erobern. Bis weit ins 11. Jahrhundert gründeten die Wikinger – Dänen, Schweden, Norweger – Kolonien in ganz Europa, um Handel zu treiben. Sie führten aber auch Kriege und plünderten andere Bevölkerungen. Wikinger gelangten bis nach Nordamerika.

1397 wurde die Kaimarer Union gegründet: Norwegen, Schweden, Finnland und Island gelangten unter dänische Vorherrschaft, die bis 1523 anhielt, als Schweden seine Selbständigkeit zurück erhielt. Die Rivalität mit Schweden setzte sich aber bis ins 17. Jahrhundert fort und spielte auch im 30jährigen Krieg eine Rolle.

1536 kam es zur Reformation und damit zur Abkehr von der katholischen Kirche. Im Dreißigjährigen Krieg scheiterte Dänemarks Herrscher mit dem Versuch, seinen Herrschaftsbereich auf einige norddeutsche Lande auszudehnen, an den Feldherren Albrecht von Wallenstein und General Tilly. Schwedens Rolle wurde srärker.

1788 wurde in Übereinstimmung mit der Aufklärung die Bauernbefreiung proklamiert.

Während der napoleonischen Zeit verhielt sich Dänemark bis 1807 neutral, kooperierte danach mit Frankreich. Im Kieler Frieden von 1814 musste Dänemark daraufhin Helgoland an Großbritannien und Norwegen an Schweden abtreten.

1849 wurde mit der 1. Verfassung Dänemark in eine konstitutionelle Monarchie umgewandelt. 1864 gab es um Territorien auf der jütländischen Halbinsel einen Krieg zwischen Preußen und Österreich einerseits und Dänemark. Der Ort der dänischen Niederlage an den Düppeler Schanzen ist noch heute für Dänen ein schmerzlicher Gedenkort.

Trotz erklärter Neutralität wurde Dänemark von Deutschland am 9.4.1940 besetzt. In den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges kamen im Frühjahr 1945 zwischen dem 11.2. und dem 5.5.1945 250 000 deutsche Flüchtlinge über die Ostsee aus Ostpreußen, Pommern und dem Baltikum nach Dänemark – ein Drittel Kinder unter 15 Jahre. Sie wurden in streng bewachten Lagern interniert und praktisch nicht versorgt. 1945 hatten der dänische Ärzteverband und das dänische Rote Kreuz beschlossen, keinerlei Hilfe zu gewähren. 80% der Kleinkinder überlebten die nächsten Monate nicht. Allein im Jahre 1945 starben 13 000 dieser Flüchtlinge, darunter 7000 Kinder (Der Spiegel vom 9.5.2005 von Manfred Ertel: „Stumme Steintafeln“. Er bezieht sich auf Recherchen von Dänen und deren Versuch, die Kriegsgeschichte aufzuarbeiten). War es Hass auf die deutschen Besatzer oder auch der Versuch, die eigene Kollaboration vergessen zu machen?

Exkurs zur dänischen Judenpolitik

Als Sternstunde des dänischen Widerstandes gegen die deutsche Besatzungspolitik wird die Verhinderung des Holocaust an der überwiegenden Zahl von in Dänemark lebenden Juden im Jahre 1943 bezeichnet. Als die Deportation auch der dänischen Juden befohlen wurde, warnte der deutsche Diplomat Georg Ferdinand von Duckwitz den Ober-Rabbiner in Kopenhagen. Mit Hilfe dänischer Fischer wurden 7742 Juden – darunter 1576 nicht dänische Staatsangehörige, d.h. wohl überwiegend aus Deutschland Geflohene – nach Schweden in Sicherheit gebracht. Offenbar wollte der Reichsbevollmächtigte für Dänemark, Dr. Werner Best die weitgehend reibungslose Zusammenarbeit mit dänischen Behörden nicht gefährden, um weiterhin die Versorgung Deutschlands mit Nahrungsmitteln aus Dänemark zu sichern. Er hatte der Gestapo verboten, bei ihren Razzien Türen aufzubrechen. Die bereits inhaftierten ca. 550 Juden wurden in Konzentrationslager deportiert (Wikipedia). Best war in Frankreich für die deutsche Judenpolitik verantwortlich gewesen, der zuerst die nach dort Geflohenen und dann auch ein Großteil der Juden in Frankreich zum Opfer gefallen ist.

2. Grunddaten

Die dänische Bevölkerung ist weigehend homogen: knapp 90% sind Dänen. Etwas mehr als 10% gehören zur deutschen Minderheit bzw. haben einen Migrations-Hintergrund. Das BIP pro Einwohner betrug nach Kaufkraftparität 2019 für das ganze Jahr 53.430,- Euro. Nur Luxemburg mit 102.200,- und Irland mit 70.470,- Euro lagen höher. Der EU Durchschnitt betrug 31.080,- Euro mit Bulgarien als Schlusslicht mit 8.680,- Euro.

60% der dänischen Exporte gehen in die EU Länder, 70% der Importe kommen aus diesen Ländern. Die Wachstumsraten des BIP lagen in der Vergangenheit nur 3 Mal im Minusbereich – 1981 bei -048%, 2009, dem schlimmsten Jahr der internationalen Finanzkrise bei -4,9% und 2020, dem Corona Krisenjahr bei -6,5%. In allen anderen Jahren wurden positive Wachstumsraten verzeichnet mit + 4,9% 1986, +5,33% 1995 und +3,6% 2016. Ansonsten schwanken die Raten sehr (Statista). Wissenschaftliche Studien bezweifeln, dass der Vorteil der EU Mitgliedschaft eines Landes an den Wachstumsraten des BIP allein abzulesen ist. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Import-Export Daten darauf hindeuten, dass die dänische Wirtschaft sehr gut in den gemeinsamen Markt ohne Zollschranken integriert ist. Hinzu kommen die Möglichkeiten der Reise- und Kapitalverkehrsfreiheit und die Möglichkeit, den Arbeitsplatz in der gesamten EU frei zu wählen.

2018 betrug der dänische Beitrag zum EU Haushalt 2,54 Milliarden Euro. Aus der EU flossen 1,41 Milliarden nach Dänemark zurück – Dänemark gehört also zu den Netto-Zahlern. Finanziert wurden damit Straßenbau, Forschungsförderung und Umweltschutzmaßnahmen.

Das BIP pro Kopf liegt für Dänemark bei 53 270,- Euro pro Jahr, ein Spitzenwert in der EU und weit, weit über dem Durchschnitt von 31 110,-Euro.

Der HDI lag 2019 bei sehr hohen 0,930 und damit auf Rang 11 der 189 Länder – glückliche und zufriedene Dänen.

52,7% der Landfläche wird agrarisch genutzt. Das sind ca. 2 Millionen Hektar. Auf 60% hiervon wird Getreide angebaut – Gerste, Hafer, Weizen, Roggen. Auf der restlichen Fläche werden Futterpflanzen kultiviert. 3% aller Beschäftigten fallen auf die Landwirtschaft, 24% auf die Industrie und 73% auf den Dienstleistungssektor – Daten von 2005. 46,4% der Erwerbstätigen sind Frauen.

Seit der Finanzkrise ab 2008 wurde in Dänemark eine verschärfte Sparpolitik betrieben. So gelang es 2013 und auch 2014 das Haushaltsdefizit unter 1% des BIP zu drücken – ein sensationeller Wert, denn das Maastricht Kriterium erlaubt maximal 3%. 2020 gehörte Dänemark zu den sog. „sparsamen 4“, die ursprünglich nur Kredite an die von der Corona Krise besonders getroffenen Länder aus dem geplanten Wiederaufbaufonds vergeben wollten.

Der Mehrwertsteuersatz in Dänemark liegt bei 25% und der Spitzensatz der Einkommenssteuer bei 59%.

Die EU Mitgliedschaft wird von Kritikern mit einem Schweizer Käse verglichen – fast mehr Löcher als Käse. Grönland gehörte zunächst mit zur EU. Nachdem Grönland innerhalb Dänemarks mehr Autonomie erhalten hatte, kam es zum EU Austritt, dem ersten Austritt lange vor dem Brexit. 1992 votierte eine Volksabstimmung gegen den Maastrichter Vertrag. Daraufhin handelte die dänische Regierung mit der EU Ausnahmen aus: keine Verpflichtung zum Beitritt zum Euro, keine Mitarbeit in der supranationalen Justizpolitik, keine Beteiligung an EU Militärangelegenheiten. Dies bedeutet keine Teilnahme an der immer bedeutsameren EU Verteidigungspolitik. So gelang es, dass in einer erneuten Volksabstimmung 1993 ein Ja zum Maastricht Vertrag zustande kam. Dänemark verhandelt in Justizangelegenheiten wie Norwegen und die Schweiz nur bilateral mit der EU. Aus EU Sicht sagen die Kritiker: „Etwas ist faul im Staate Dänemark“ (Shakespeare). Shakespears Drama Hamlet spielt im Schloss Helsingör. Besucher können dort ständig Szenen aus dem Stück beiwohnen.

Dänemark, Helsingör, Hamlet, unser foto.JPG Als Nationalgericht gelten Smörrebröd, Roggenbrotschnitten mit Speisefisch, Wurst, Pastete oder Fleisch belegt, garniert mit Ei und eingelegtem Gemüse.

Der Nationaldichter ist Hans Christian Andersen, dessen Märchenerzählungen weit über Dänemark hinaus bekannt sind – ein Denkmal steht in Bratislava am Donauufer. Fast jeder kennt die kleine Meerjungfrau auf dem Felsen im Hafen von Kopenhagen, auch eine Figur aus Andersens Märchen.

 

 

 

 

Deutschland (DE)

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Olga Ernst, CC BY-Sa

Deutschland gehört zu den Gründungsmitgliedern der EG, bzw. EWG, bzw. EU. Es liegt fast genau in der geographischen Mitte der EU. Landgrenzen bestehen zu Dänemark, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Österreich, Tschechien und Polen. Kein anderes Land in Europa hat so viele verschiedene Nachbarn: Dänemark im Norden, aus dem früheren Ostblock, Österreich im Süden den BeNeLux-Ländern und Frankreich im Westen. Mit all diesen Ländern und auch der Schweiz lebt Deutschland heute in Frieden ohne irgendwelche Gebietsstreitereien. Angesichts der Geschichte kann dies nicht oft genug positiv hervorgehoben werden.

Deutschland ist heute ein föderaler Bundesstaat aus 16 Ländern, die zum Teil nach dem 2. Weltkrieg „zusammengesetzt“ wurden wie Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder Nordrhein-Westphalen im Westen oder nach der Wiedervereinigung Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern im Osten. Die Hauptstadt war bis zur Wiedervereinigung Bonn. Heute ist es Berlin. Das Gebäude des Parlaments, der Deutsche Bundestag beeindruckt durch die symbolisch zu verstehende begehbare gläserne Kuppel, durch die man auf die Volksvertreter hinunterschauen kann.

 

1. Geschichte

Die überaus komplexe deutsche Geschichte soll hier nur stichpunktartig erwähnt werden, zumal ein sozialgeschichtlicher Ansatz hier nicht zu leisten ist – vgl. dazu die drei Bände „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ von Hans-Ulrich Wehler entlang der Bereiche Wirtschaft, Herrschaft und Kultur.

Das Gebiet des heutigen Deutschland gehörte zum Teil den Germanenstämmen und zum Teil zum „Imperium Romanum“ mit seiner Hauptstadt Rom. Das römische Recht hat das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 maßgeblich geprägt. Die lateinische Schrift verdanken wir den Römern. Latein war bis weit ins Mittelalter, ja sogar in die Neuzeit hinein die Lingua Franca, zumindest bei den Mönchen und den Gelehrten. Die Römer ließen den Limes vom Rhein bis zur Donau bauen, um sich von den Germanen abzugrenzen. Die nächste Verteidigungslinie war der Rhein mit den linksrheinischen Kastellen Mainz, Koblenz, Bonn und Köln. Trier war zeitweilig die Hauptstadt des Weströmischen Reiches. Kaiser Konstatin förderte ab 312 das Christentum. Die Römer brachten den Weinbau in die Gebiete nördlich der Alpen. Sie bauten die Verkehrsinfrastruktur als Straßen auf, die erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wieder erreicht wurde. Das gilt auch für die römischen Wasserleitungen.

Der nächste große Wendepunkt der Geschichte war die Bildung des Frankenreiches unter Karl dem Großen, der 800 im Dom zu Aachen gekrönt wurde. Dies war der Beginn des „Heiligen römischen Reiches deutscher Nation“. Es umfasste zumindest zeitweilig Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland, die heutigen Kernlande der EU. Die Kaiser wurden von den kirchlichen und weltlichen Kurfürsten gewählt, in Frankfurt am Main inthronisiert und vom Pabst in Rom gesalbt. Dieses Reich wurde erst 1803 von Napoleon aufgelöst und mediatisiert. Da die linksrheinischen Gebiete an Frankreich fielen, wurden die rechtsrheinischen Fürsten mit Besitz aus den Kirchengebieten, die säkularisiert wurden, entschädigt.

Prägend für Deutschland ist die Reformation durch Martin Luther von 1517. Sie hatte viele kirchenpolitsche Auseinandersetzungen zur Folge bis hin zum 30jährigen Krieg auf seinem Boden. Dieser war jedoch nicht nur ein Religionskrieg, sondern gleichzeitig ein Kampf um territoriale Vorherrschaft. Die Verwüstungen dieses Krieges – die Schätzungen der Zahl der Toten schwanken zwischen 4 und 9 Millionen – warfen die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes um Jahrzehnte zurück. Der Frieden von Münster und Osnabrück von 1648 gilt als ein wichtiger völkerrechtlicher Vertrag. Er schaffte eine vorläufige Beruhigung des Religionskampfes in der Festlegung, dass die Untertanen die Religion der Landesherren annehmen mussten – cuius regio, eius religio.

Die weitere deutsche Geschichte ist geprägt durch das Erstarken des Königtums Preußen. Friedrich, genannt der Große, ließ um Schlesien mit der Habsburger Kaiserin Maria Theresia kämpfen und er teilte Polen zwischen sich und dem russischen Zarenreich auf. In den napoleonischen Kriegen focht Preußen an der Seite der russischen Zaren und Österreich-Ungarns. 1848 wurde in der Paulskirche in Frankfurt am Main die erste deutsche Verfassung mit demokratischen Elementen beschlossen. Doch die Restauration der alten Fürstenhäuser stemmte sich erfolgreich dagegen. Der preußische König Friedrich Wilhelm I. nahm die ihm angebotene Kaiserkrone nicht an. Die industrielle Revolution war erfolgreich, die politische war gescheitert. Der Historiker Wehler spricht von „defensiver Modernisierung“. Heinrich Heine schrieb aus dem Pariser Exil: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht!“. Wilhelm I. ließ sich erst nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 in Versailles zum deutschen Kaiser krönen, ein Ausdruck imperialer Großmannssucht und gewollter Demütigung gegenüber dem unterlegenen Land. Es war darum gegangen, Elsass-Lothringen wieder Deutschland zuzuschlagen. 1871 markiert die Gründung des „Deutschen Reiches“ unter Führung Preußens und damit die Beendigung der vorherigen Kleinstaaterei, die allerdings eine enorme kulturelle Vielfalt hervorgebracht hat, die bis heute nachwirkt. Die Verfassung von 1871 führte das Dreiklassenwahlrecht ein, das die Grundbesitzer privilegierte.

1832 verkehrte die erste Dampf getriebene Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth. Vorne weg lief ein Eisenbahner mit roter Fahne, um vor dem Herannahen des fauchenden Ungetüms zu warnen. Die Industrialisierung in Deutschland fand vorrangig im Ruhrgebiet mit seinen Vorkommen aus Kohle und Stahl statt. Die erste schwere Wirtschaftskrise ergab sich als Gründerkrise Anfang der 1870er Jahre. Die erste politische Partei war die Sozialdemokratische Partei, gegründet 1863 in Leipzig als Arbeiterpartei in Reaktion auf frühkapitalistische Ausbeutung und Verarmung der Arbeiterschaft. Die SPD wurde unter dem preußischen Reichskanzler Bismarck verboten aber auch mit ersten sozialen Maßnahmen bekämpft. Später wurde die SPD von den Nationalsozialisten erbarmungslos verfolgt.

Der erste Weltkrieg 1914-1918 wird als die erste Urkatastrophe der 20. Jahrhunderts bezeichnet. Zumindest trägt das kaiserliche Deutschland unter Wilhelm II. ein gerüttelt Maß an Mitschuld an diesem Krieg. Zusammen mit dem Kaiserreich Österreich-Ungarn richtete er sich gegen Russland, wo 1917 die bolschewistische Revolution stattgefunden hatte und dann auch gegen Frankreich. Auslöser war das tödliche Attentat von Sarajewo auf den österreichischen Thronfolger und damit ein zunächst lokaler Konflikt zwischen Österreich und Serbien. Doch auf Grund eines Netzwerkes gegenseitiger Beistandsverpflichtungen eskalierte der Konflikt „schlafwandlerisch“ (wie Christopher Clark meint) zu einem Weltkrieg zwischen dem kaiserlichen Deutschland, Österreich-Ungarn, der osmanischen Türkei, Bulgarien und Italien einerseits, und Frankreich, Russland, Großbritannien und schließlich den USA andererseits. Der Krieg fand vorrangig auf französischem und russischem Boden statt als Stellungskrieg. Die riesigen Friedhöfe der Gefallenen z. B. in Belgien und in Verdun, Frankreich mahnen. Der Versailler Vertrag besiegelte die deutsche Niederlage und gab Elsass-Lothringen an Frankreich zurück. Auch die anderen, auf Seiten Deutschlands beteiligten Länder erfuhren maximale Gebietsverluste. Der Vertrag erlegte Deutschland weitere Gebietsverluste und große Reparationszahlungen auf, die in den Folgejahren besonders den Nationalsozialisten als Vorwand dienten, das „Diktat von Versalles“ abzulehnen und Revanche zu fordern. Das Perfide war, dass die deutsche Generalität die Mähr verbreitete: „Im Felde unbesiegt!“ Das fiel aufgrund der Kriegsschauplätze außerhalb Deutschlands auf fruchtbaren Boden. Die besiegten Generäle „überliessen“ es der sozialdemokratischen Regierung nach der Revolution von 1918 den Vertrag zu unterschreiben – der Kaiser, Wilhelm II. hatte sich ins holländische Asyl begeben. Insofern legten der Versailler Vertrag und die rechtsradikale Propaganda in seinem Gefolge die Saat für den 2. Weltkrieg 1939-1945.

Die Weimarer Verfassung baute auf der von 1871 auf, schrieb aber das allgemeine Wahlrecht zum Berliner Reichstag fest. Ansonsten hatten die Grundrechte nur deklamatorische Bedeutung, d. h. sie konnten nicht vor Gericht durchgesetzt werden. Die politisch instabilen Verhältnisse zwischen 1918 und 1933 begünstigten den Aufstieg der Nationalsozialisten. Es gab Straßenschlachten auch zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten und die Hungersnöte zu Beginn der 20er Jahre taten ein Übriges. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 führte zu einer bis dahin unbekannt hohen Arbeitslosigkeit. Die Regierung Brüning setzte als Antwort fälschlicherweise auf eine Sparpolitik und verschärfte so die Krise zusätzlich.

1933 kamen die Nationalsozialsten unter Hitler – lediglich formal gesehen – legal an die Macht. Die marode Stahlindustrie, die darauf setzte, über Rüstungsaufträge wieder Profite zu machen, hatte Hitler entgegen den Wünschen der exportorientierten Wirtschaft nach außenpolitischem Frieden die Macht „erteilt“. Die barbarische Schreckensherrschaft der deutschen Faschisten führte zum Verbot der Gewerkschaften, der demokratischen Parteien und zu einer in der menschlichen Geschichte bisher einmaligen, systematischen und industriell betriebenen Judenverfolgung und -vernichtung. Das faschistische Deutschland „vereinnahmte“ Österreich, ließ im März 1939 in Böhmen und Mähren einmarschieren und begann den 2. Weltkrieg 1939 – die zweite Urkatastrophe im 20. Jahrhundert – mit dem Überfall auf Polen. Es folgte am 19. Mai 1940 der Überfall auf Frankreich nach „Durchmarsch“ durch Belgien und die Besetzung der Niederlande, Dänemarks und Norwegens, aber auch Griechenlands. Auch Großbritannien wurde der Krieg erklärt. Zunächst kämpfte das faschistische Italien an der Seite Deutschland. Wofür eigentlich? Für eine Weltherrschaft unter faschistischer Kontrolle? Für die Ausbeutung der „östlichen Untermenschen“ zum Wohle der „überlegenen arischen Herrenmenschen“? Für die Vorherrschaft des Deutschen Reiches in ganz Europa bis zum Ural? 1941, Ende Juni folgte auch der Angriff auf die Sowjetunion (SU) i n Polen, d.h. auf dem Gebiet, das die SU aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes besetzt hielt. Dies war angeblich ein Präventivkrieg.

In den Staaten im Osten, in denen es keine eigenen Regierungen mehr gab und in denen Deutschland als Besatzungsmacht unkontrolliert wüten konnte, begann Deutschland sofort mit der Einrichtung großer Konzentrationslager, in denen die Menschen massenhaft umkamen. Darüber hinaus wurde schon kurz nach Beginn des Angriffs auf Polen mit Massenerschießungen begonnen und nach dem Angriff auf die in Polen stationierten Sowjet-Menschen mit der systematischen, penibel geplanten Vernichtung aller in den Gebieten wohnenden oder aus ganz Europa dorthin deportierten Juden. Das geschah durch Fahrten in Gaswagen und bereits ab Herbst 1941 in Gaskammern u. a. in Ausschwitz und Belzec, ab 1942 in Treblinka, Sobibor, und wohl auch in Majdanek. Vorher hatte man die Ermordung durch Gas bereits an Menschen, die in Nervenheilanstalten lebten, erprobt. Später kamen weitere Vernichtungslager in den eroberten Gebieten dazu, wie z.B. Maly Trostenez bei Minsk. So wurden 6 Millionen Menschen systematisch umgebracht. Die Menschen, die nach den Nürnberger Gesetzen von 1936 als Juden identifiziert wurden und auch Sinti und Roma, Homosexuelle und politische Gegner wurden so ermordet. An den Verbrechen war auch die deutsche Wehrmacht beteiligt, nicht nur die Einsatzgruppen von SS und SD und auch viele normale Polizeigruppen, die in den „Osten“ abkommandiert wurden!

Am 20. Juli 1944 scheiterte das letzte von mehreren Attentaten zur Tötung Hitlers. Es blieb ein Fanal des militärischen Widerstandes, der Teil verschiedener Widerstandsgruppen war.

Mit maßgeblicher Hilfe der USA – Landung in der Normandie am D-day im Juni 1944 – wurde Hitler-Deutschland besiegt. Preußen wurde aufgelöst und das Deutsche Reich in 4 Besatzungszonen aufgeteilt zwischen den damals noch Alliierten, den USA unter Franklin Delano Roosevelt, der Sowjetunion unter Stalin, Großbritannien unter Winston Churchill und Frankreich unter Charles De Gaulle.

Der 8. Mai 1945, der Tag der bedingungslosen Kapitulation, nachdem Hitler sich feige durch Selbstmord jeder Verantwortung entzogen hatte, ist als Tag der Befreiung von der Hitler Diktatur über weite Teile Europas anzusehen. Bundespräsident Steinmeier sagte anlässlich der 75. Wiederkehr dieses Datums 2020: „Es gibt keine Erlösung von unserer Geschichte. Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben“. Diese berechtigte Feststellung darf aber nicht als resignativ missverstanden werden. Sie ist eine immerwährende Aufforderung zur Aufarbeitung zu verstehen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Sie ist ebenso als Aufruf zur Völkerverständigung und zur Lösung von Konflikten mit friedlichen Mitteln gemeint und als Mahnung gegen jede Form von Rassismus und Antisemitismus. Sie soll auch auffordern, für die Achtung der Menschenrechte einzutreten.

Durch die großzügige Hilfe aus den USA durch den Marschall-Plan konnte Deutschland, natürlich auch durch eigene Anstrengungen, die Wirtschaft sehr schnell wieder aufbauen. Im Gegensatz zur DDR mussten kaum Reparationen durch den Abbau von Industrieanlagen – nur für Russland – geleistet werden. Diese Form der Solidarität eines früheren „Feindes“ , den USA, sollte nicht vergessen werden, gerade auch bei den Diskussionen über den EU Wiederaufbau Fonds nach der Corona Krise.

Durch den Bau der Berliner Mauer 1961 wurde Deutschland getrennt in die sog. DDR unter kommunistischer Diktatur wie in der Sowjetunion und die Bundesrepublik nach westlichem demokratischen Vorbild. Das Grundgesetz von 1949 ist die freiheitlichste Verfassung, die Deutschland je hatte. Die Grundrechte sind individuell einklagbar und in ihren Wesensbestandteilen unveränderbar. Die Bundesrepublik ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Die konservativen Parteien CDU und CSU, Neugründungen nach 1945, ermöglichten sowohl katholischen als auch evangelischen Christen die Mitgliedschaft und überwanden so den Kulturkampf früherer Jahrzehnte. Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer von der CDU organisierte die Westbindung und den Eintritt in die Nato. Bundeskanzler Willy Brandt von der SPD ebnete durch seine Ostpolitik – „Wandel durch Annäherung“ – mit den Weg zum Zusammenbruch der Sowjetunion und damit zur Wiedervereinigung von 1989/90. Der Fall der Berliner Mauer wurde von den Menschen der DDR in einer friedlichen Revolution – „Montagsdemonstrationen“ – erkämpft und von Michail S. Gorbatschow zugelassen.

Die DDR war in den Warschauer Pakt integriert mit 400 000 Soldaten auf 17 Millionen Einwohner. Die DDR „lebte“ mit einem umfassenden Spitzelsystem, der Stasi, das bis in die einzelnen Familien hinein reichte. Sie war ein Unrechtssystem, gar keine Frage. Bundeskanzler Helmut Kohl von der CDU organisierte die Wiedervereinigung, den Beitritt der ehemaligen DDR zur Bundesrepublik – ein sensationeller Erfolg – unter endgültigem Verzicht auf die deutschen Ostgebiete, insbesondere von Ostpreußen und Schlesien. Die wirtschaftliche Vereinigung ist dagegen sehr kritisch zu sehen. Es ist bis heute nicht nachvollziehbar, wie die Treuhandgesellschaft zur Abwicklung und Privatisierung der staatlichen Betriebe der ehemaligen DDR am Ende Schulden in Höhe von 200 Milliarden DM angehäuft hatte und viele Industriebrachen hinterließ.

Ein wichtiger Einschnitt in der bundesrepublikanischen Geschichte war die sog. Studentenrevolution von 1968 parallel zu der in Frankreich. Sie wandte sich gegen „den Muff von 1000 Jahren unter den Talaren“ der Professoren und gegen die Verdrängung der Geschichte. Danach wurde das kulturelle Klima in der Bundesrepublik freier und offener.

2. Grunddaten

Das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937, also zur Zeit der Herrschaft des Nationalsozialismus, umfasste 407.713 Quadratkilometer, die „alte“ Bundesrepublik 249.000 Quadratkilometer und die ehemalig kommunistische DDR 108.000. Die wieder vereinigte Bundesrepublik hat also gegenüber 1937 ein Gebiet von minus 113.000 Quadratkilometer an Polen „verloren“, und zu einem kleinen Teil an Russland nach einem verbrecherischen Krieg.

Die Bevölkerungszahl betrug 1871 41 Millionen, 1937, als es hieß „Volk ohne Raum“ 67,7 Millionen. 2020 beträgt sie 83 Millionen. Offiziell bestreitet die Bundesregierung, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. 2019 hatten 21,2 Millionen in Deutschland lebende Personen einen Migrationshintergrund, gleich 26%, davon hatten 52 % die deutsche Staatsangehörigkeit. Migrationshintergrund bedeutet, dass die Person selbst oder zumindest ein Elternteil aus dem Ausland nach Deutschland eingewandert ist (Wikipedia). Die „alte“ Bundesrepublik hat zunächst ca. 12 Millionen Flüchtlinge nach 1945 aus dem Osten aufgenommen und integriert. Dann kamen die sog. Gastarbeiter aus der Türkei, Italien, Spanien, Griechenland und Portugal Ende der 50er und in den 60er Jahren zu den Zeiten des „deutschen Wirtschaftswunders“, den Boom-Jahren. Die Bezeichnung Gastarbeiter sollte andeuten, dass sie nach getaner Arbeit bitteschön in ihr Heimatland zurückkehren „möchten“. Doch viele blieben. Besonders Ende der 50er Jahre kamen Flüchtlinge aus der „DDR“ hinzu. 2015ff kamen knapp 1 Million Kriegsflüchtlinge besonders aus Syrien, aber auch aus Eritrea nach Deutschland.

Die Wirtschaft der Bundesrepublik ist durch einen sehr hohen Industrialisierungsgrad gekennzeichnet. Waren es zunächst noch die Werke zur Stahlproduktion, die auf der Kohleförderung im Ruhrgebiet aufbauten, verlagerte sich der Schwerpunkt auf die Pharmaindustrie, die Nachfolgeunternehmen der IG Farben, auf den Maschinenbau und die Automobilproduktion besonders bei VW, Daimler und BMW. Bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts gab es eine enge Zusammenarbeit in der sog. „Deutschland AG“. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank Hermann Josef Abs (schon zur Zeit des Nationalsozialismus) hatte bis zu 30 Aufsichtsratsmandate in anderen Aktiengesellschaften inne, davon 20 als Vorsitzender. Deren „Bosse“ saßen wiederum im Aufsichtsrat der Deutschen Bank oder anderer Banken. Zur Zeit des Bundeskanzlers Gerhard Schröder wurde diese „Deutschland AG“ zwar entflochten u. a. durch Begrenzung von Aufsichtsratsmandaten bei einer Person, um die Unternehmen stärker der Konkurrenz auf dem Weltmarkt auszusetzen. Die Bundeskanzler Schröder und auch Angela Merkel waren aber immer „Autokanzler“, indem sie diese Branche besonders schützten und hofierten. Sichtbar wird dies u.a. daran, dass Deutschland bisher als einziges Land in Europa kein generelles Tempolimit auf Autobahnen kennt und dass der Ausbau der Autobahnen immer Vorrang vor der Schiene hatte.

Die deutsche Nachkriegs-Wirtschaft entwickelte sich sehr schnell zum Exportweltmeister. Es wurde fast immer viel mehr exportiert als importiert. Die Folge sind Devisenüberschüsse, die als Goldbarren in den Tresoren der Bundesbank lagern – 1.710 von insgesamt 3.378 Tonnen! Die enorme Wirtschaftskraft hat mehrere Gründe: Viele Menschen wollten nach den Gräueltaten der NS-Zeit alles „vergessen“ und flüchteten sich in die Arbeit. Die Sparsamkeit und der Fleiß in Deutschland kommt in dem Spruch aus Baden-Württemberg – das sind die, die alles können außer Hochdeutsch – zum Ausdruck: „Schaffe, schaffe, Häusle baue, Hund verkaufe, selber belle!“. Die Währungsreform von 1948 ließ Jeden mit 40,- DM und später noch einmal 20,- DM neu starten, freilich die alten Vermögen blieben erhalten und wurden nur umgerechnet. Der Umrechnungskurs der DM z. B. zum US Dollar begünstigte den Export. Der Marshallplan der USA war eine großartige Starthilfe nach dem Krieg, eine Hilfe zur Selbsthilfe.

Hinzu kommt als wesentlicher Faktor, dass es nach dem 2. Weltkrieg nur noch Einheitsgewerkschaften gibt, d. h. es gibt Industriegewerkschaften wie die IG Metall und nicht kommunistische oder sozialdemokratische oder christliche Gewerkschaften. Die deutschen Gewerkschaften verstanden und verstehen sich, als, wenn auch kritische, Partner der Unternehmen. Sie wollen mitbestimmen und nicht wie z.B. in Frankreich eine Gegenmacht sein. Die bewährte betriebliche und unternehmerische Mitbestimmung hat mit dazu beigetragen, dass es in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern in Europa relativ wenige Streiks gibt.

Die Wachstumsraten des realen BIP lagen in Deutschland 2009 – Finanzkrise – bei minus 5,7% und 2020 – Corona Krise – bei geschätzten minus 9,4%. In allen anderen Jahren waren sie positiv, im Schnitt bei jeweils 1,5% plus im Vergleich zum Vorjahr. Das BIP pro Kopf beträgt 41 510,- Euro pro Jahr. Unter Berücksichtigung der Umbrüche durch die Wiedervereinigung ein respektabler Spitzenplatz innerhalb der EU – EU Durchschnitt 31 110,- Euro.

Im Juni 2020 gab es saisonbereinigt 44,5 Millionen Beschäftigte, was einer sehr hohen Erwerbstätigen Quote von 75,9% entspricht – prozentualer Anteil der Bevölkerung zwischen 20 und 64 Jahren, die einem Beruf ausübten. 33,7 Millionen davon waren sozialversicherungspflichtig, d.h. sie mussten Beiträge zur Gesetzlichen Krankenversicherung, zur Arbeitslosenversicherung und zur Rentenversicherung abführen. Nach Angaben des statistischen Bundesamtes gab es 3,95 Millionen Selbständige, davon 2,65 männlich und 1,3 Millionen weiblich. Es gab 2,5 Millionen Beamte. Die Zahl der Angestellten lag 1991 bei 14,58 Millionen und nahm bis 2019 auf 26,46 Millionen zu. Die Entwicklung bei den Arbeitern läuft genau umgekehrt: Waren es 1991 14,56 Millionen, so lag die Zahl 2019 bei 8,26 Millionen.

Es gibt wohl kein Land in der EU, das mehr vom Gemeinsamen Markt profitiert als Deutschland. Insofern ist es mehr als gerechtfertigt, dass Deutschland der größte Nettozahler zum EU Haushalt ist. Im Februar 2020 also vor der Corona Pandemie lag die Arbeitslosenquote bei nur 3,2%.

3. Entwicklungstendenzen

1994 zählte der Deutsche Gewerkschaftsbund 9,8 Millionen Mitglieder, 2019 waren es nur noch 5,9 Millionen. Hierin kommt auch der Wandel zu den Angestelltentätigkeiten im Dienstleistungssektor zum Ausdruck. Deutschland hat nicht wie Großbritannien alles auf die Karte Dienstleistungssektor gesetzt, besonders bei den Finanzdienstleistungen, sondern an gewichtiger Industrie festgehalten. Obwohl der Computer auch von Konrad Zuse in Deutschland erfunden wurde, sind alle Innovationen im Bereich der Informationstechnologien im Silicon Valley in den USA erfunden und von dort vermarktet worden. In Bezug auf die digitale Infrastruktur hinkt Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern wie z. B. Süd Korea oder Estland massiv hinterher. Der einzige Tech Konzern aus Deutschland – mit Ausnahme von SAP – Wirecard ist 2020 im Strudel eines Skandals um veruntreute Milliarden Euro und eine mangelnde Aufsicht untergegangen. Auch in Bezug auf Hochgeschwindigkeitszüge ist die von Siemens entwickelte Technik kaum konkurrenzfähig und in Deutschland ist die zukunftsweisende Technik der Magnet-Schwebebahn nicht zur Anwendung gekommen. Die einst stolze Deutsche Bank ist heute nur noch ein Schatten ihrer selbst nach der Verwicklung in viele Skandale wie Geldwäsche und sehr riskante Geschäfte im Zusammenhang mit der weltweiten Finanzkrise seit 2008/9. Und nun „die Vorzeige-Branche“, die Automobilindustrie: Sie ist seit mehreren Jahren – offenbar auf Grund gemeinsamer Absprachen – in den Dieselskandal verwickelt – und dies „gedeckt“ durch das Kraftfahrtbundesamt: VW hat auf höchster Stelle zugegeben, dass mit den Abgasmanipulationen die Verbraucher systematisch betrogen und belogen wurden. Am 18.8.2020 wird gemeldet, dass Daimler sich in Vergleichsverhandlungen in den USA sowohl mit Behörden als auch mit Klägern in Verbrauchersammelklagen auf die Zahlung von 2,2 Milliarden US Dollar geeinigt habe. Dies ist ein klares Indiz dafür, dass Daimler auch systematisch und bewusst die Abgaswerte manipuliert hat. Was ist aus der bisher weltweit anerkannten Marke „Made in Germany“ geworden, wenn selbst die „besten“ Ingenieure aus Profitgründen angewiesen werden, zu betrügen? Die EU Kommission ermittelt seit längerem gegen ein Kartell der Automobilhersteller! Der Vertrauensverlust zwischen Automobilkäufern und den Anbietern betrifft nicht nur ihr „Innenverhältnis“, sondern strahlt auf die Gesellschaft insgesamt aus: Wenn die da oben so „bescheißen“, dann werde ich auch immer egoistischer, fahre die Ellbogen aus und lasse mir nichts mehr gefallen!

Hinzu kommt, dass durch die jahrelange „Protektion“ der Automobilindustrie, durch die Politik auf Bundes- als auch auf Landesebene die Automobilindustrie die notwendigen Innovationen verschlafen hat: Sei es das elektrisch angetriebene Automobil – der Radius der Batterien ist immer noch sehr begrenzt, die Ladestationen, falls vorhanden sind nicht kompatibel etc. – sei es die Wasserstofftechnologie als Antriebsart – die Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen. Ein Land ohne nennenswerte Rohstoffe muss Innovationen vorantreiben, will es den Lebensstandard der Bürger erhalten und den Umweltschutz vorantreiben. Entweder es gibt eine vorausschauende Hochschul- und Forschungsförderungspolitik oder wenn es zu spät ist, wird nur noch Krisenpolitik betrieben.

Noch sind es die vielen, vielen mittelständischen Unternehmen in Deutschland, die die Wirtschaftsleistung und den Export aufrecht erhalten.

Deutschland hinkt in Bezug auf die Digitalisierung, insbesondere der Schulen im Vergleich zu anderen Ländern sehr stark hinterher. Schon in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts hat der Autor als Vorsitzender des Vereins „Schulen ans Netz“ in NRW zusammen mit anderen dafür gesorgt, dass Schulen mit Computern, ausrangierte und dann aufgearbeitete, kostenlos versorgt wurden. Fast 30 Jahre später wird diskutiert, wie denn nun endlich die Schulen flächendeckend ausgestattet werden können.

In Deutschland dauern Großprojekte aus den verschiedensten Gründen immer länger: Der Berliner Flughafenbau ist eine endlose Geschichte mit der üblichen Kostenexplosion. Über Stuttgart 21 lässt sich Ähnliches sagen. Während die Schweiz ihre Tunnelprojekte für die schnelle Eisenbahnverbindung von Rotterdam bis Genua bereits fertiggestellt hat, braucht der 4gleisige Ausbau auf deutscher Seite noch bis 2035, wenn denn die Planungen einzuhalten sind.

„Deutschland ist ein Geldwäsche-Paradies“ titelt die Wochenzeitung DIE ZEIT im Wirtschaftsteil am 14.11.2019. Die EU hat die 5. Geldwäsche Richtlinie herausgegeben. Deutschlands darauf hin novelliertes Geldwäsche Gesetz sieht verschärfte Meldevorschriften für Notare, Immobilienmakler, Goldhändler, Auktionshäuser und Kunsthändler vor, doch es ist nach wie vor möglich, eine große Immobilie mit Bargeld zu bezahlen! „Steuerschulden dürfen nicht bar bezahlt werden, einen Millionenvilla schon“ heißt es in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 27.10.2019. Eine Studie schätzt, dass in Deutschland 100 Milliarden Euro im Jahr aus Mafiageschäften, Drogen- oder illegalen Waffenverkäufen, Menschenhandel etc. gewaschen werden, meist durch Barzahlungen. „Bargeld gibt Freiheit, es gibt keine Spuren“ heißt eine Überschrift in dem Zeit-Artikel. Selbst wenn ein Notar seinen Verdacht meldet, kann es Monate dauern bis die Anzeige bearbeitet wird. Bei der Financial Intelligence Unit (FIU) waren im September 2019 in Deutschland 48.229 Meldungen nicht bearbeitet. Was ist das für ein Rechtsstaat?

Weitere Skandale sind das Mautdebakel – Verkehrsminister Scheuer unterschrieb die Verträge mit den zukünftigen Mautbetreibern für Kraftwagen auf deutschen Autobahnen, bevor der EUGH entschied. Und der entschied negativ. So muss der deutsche Steuerzahler wahrscheinlich mehr als 500 Millionen Euro an Entschädigungen an die Mautbetreiber zahlen. Der Minister von der CSU ist immer noch im Amt … Außerdem ist die langjährige staatliche Duldung der sog. Cum Ex bzw. Cum Cum Geschäfte zu nennen: Finanzdienstleister ließen sich für erworbene Wertpapiere, die weiter veräußert wurden, die Kapitalertragssteuer mehrfach von den Finanzämtern erstatten, obwohl nur ein Mal gerechtfertigt war. Derartige illegale Geschäfte lösen beim „Otto Normalverbraucher“ nicht nur mit Recht Kopfschütteln aus sondern auch Wut. Auch hier erodiert das Vertrauen in den Rechtsstaat! Aber die Politik wundet sich über das Aufkommen der AFD.

Die Schattenwirtschaft in Deutschland wird für das Jahr 2003 auf 16,7% des BIP geschätzt. Von da ab sei sie rückläufig und soll sich 2020 auf 9,1% belaufen (statista unter Berufung auf einen in diesem Gebiet besonders ausgewiesenen Experten).

Deutschland – zunächst Westdeutschland – gehört zu den Gründungsmitgliedern von Euratom und der Gemeinschaft von Kohle und Stahl. Deutschland gehört zur Euro Zone und zum Schengen Raum. Es gibt wohl kein anderes Land in der EU, das so vom Gemeinsamen Markt profitiert wie Deutschland. Die deutsche Wirtschaft ist bisher noch in Europa führend. Die Bundesregierung hat bis zum Beginn der Corona Pandemie eisern an dem jeweiligen Haushaltsausgleich mit einer „schwarzen Null“ festgehalten. Bis dahin war es auch gelungen, die Staatsverschuldung unter die Grenze von 60% gemäß dem Maastricht Vertrag zu senken. Die Bundesregierungen waren bisher stabil. Ende 2020 ist Bundeskanzlerin Angela Merkel 15 Jahre im Amt. Sie hat den Ausstieg aus der Atomkraft bis 2022 forciert und auch den Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2038 moderiert. Sie hat sich selbst für die Fertigstellung der Gas Pipeline North Stream 2 von Russland nach Deutschland eingesetzt. Durch die Umgehung der baltischen Staaten und Polens und den Aufbau einer Alternative zu Gaslieferungen durch die Ukraine hat sie nicht gerade EU- und nachbarschaftsfreundlich gehandelt. Wegen angedrohter Sanktionen der USA gegen die Fertigstellung der Leitung besteht die Gefahr einer riesigen Investitionsruine. Die möglichen Sanktionen der USA sind völkerrechtlich inakzeptabel, da sie eine Einmischung in innerstaatliche Angelegenheiten sind. Sie sind außerdem scheinheilig, weil es tatsächlich darum geht, amerikanisches Flüssiggas in Europa zu vermarkten.

Nach dem Mordversuch gegen den Putin-Kritiker Alexej Navalny im August 2020 mit international geächtetem Giftgas durch staatliche russische Stellen im Herrschaftsbereich Putins muss die Bundesregierung klären, ob sie weiterhin an diesem Projekt festhalten will, ein Projekt, das zur Sicherung der Energieversorgung Deutschlands nicht notwendig ist, ein Projekt, dass Putin und den ihn umgebenden Oligarchen ihre Herrschaft sichern hilft und den Spaltpilz in Europa fördert.

Jetzt, wo die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie sichtbar werden, hat die Bundesregierung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron den Vorschlag entwickelt, einen Wideraufbaufond der EU – kreditfinanziert – für die am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder aufzulegen und diese Gelder nicht als Kredite sondern als Zuschüsse zu verteilen – endlich ein Akt von großzügiger Solidarität -, wenn er denn die Zustimmung aller Mitgliedsstaaten erhält.

Der Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International betrug 2019 für Deutschland 80. Deutschland gehört damit zu den Top 10 – relativ wenig Korruption-, angeführt von Dänemark mit 87. Schlusslicht ist Somalia mit 9. Bemängelt wird, dass in Deutschland die Finanzierung der politischen Parteien nicht transparent genug sei.

Der Rechtsstaatsbericht der EU 2020 kritisiert mit Recht, dass in Deutschland die Staatsanwälte formal dem Weisungsrecht des jeweiligen Justizministers unterliegen.

Trotz umfangreicher Bemühungen um die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit und dem Versuch, daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen, gab es 2019 rund 2000 antisemitische Straftaten gegen Juden und jüdische Einrichtungen, einschließlich des vielfachen Mordanschlags gegen die Synagoge in Halle. Schulen, die von jüdischen Kindern besucht werden, müssen ständig bewacht werden. Die Lernfähigkeit von Gesellschaften scheint doch sehr begrenzt zu sein. Ich weiß sehr wohl was es bedeutet, „dass ich so traurig bin…..“

1990 verzeichnete die katholische Kirche in Deutschland 28,5 Millionen Mitglieder, was 35,4% der Bevölkerung entsprach. 2019 sind es noch 22,6 Millionen. Bei der evangelischen Kirche sieht die Entwicklung ähnlich aus: 1990 gab es 29,4 Millionen Mitglieder gleich 36,9%. 2019 waren es nur noch 20,71 Millionen (Statista). Dies bedeutet, dass nur noch etwas mehr als die Hälfte der Bundesbürger sich heute zu einer der christlichen Kirchen zugehörig zählen. Die Missbrauchsfälle haben insgesamt sehr dazu beigetragen, sind aber nicht die einzige Ursache.

Die früheren großen Volksparteien verzeichnen einen kontinuierlichen Mitgliederschwund: Hatte die SPD 1990 noch 943.000 Mitglieder, waren es am 31.12.2019 weniger als die Hälfte: 419.000; die CDU hatte 1990 790.000 Mitglieder, Ende 2019 waren es 406.000, etwas mehr als die Hälfte. Die CSU hat sich im Verhältnis ganz gut gehalten: Waren es 1990 186.000 Mitglieder, wurden Ende 2019 noch 139.000 gezählt. Die Linke hatte 1990 280.000 Mitglieder, 2019 waren sie auf 61.ooo geschrumpft. Die FDP hatte 1990 168.000 Mitglieder, 2019 waren es nur noch 65.000. Lediglich die Grünen, die 1990 41.000 Mitglieder hatten, haben sich bis Ende 2019 auf 96.000 mehr als verdoppelt. Insgesamt zeigen diese Zahlen – so wie auch die in Bezug auf die Mitgliedschaft in den Gewerkschaften und in den christlichen Kirchen – dass die Bindungskraft von Großorganisationen kontinuierlich schwindet und der Trend zur Betonung des (hedonistischen?) Individualismus entsprechend zunimmt.

Die deutschen Staatsbürger sind „Weltmeister“ im Reisen und trotz der grausamen Vergangenheit im Ausland sehr beliebt, auch wenn sie oft als ziemlich humorlos gelten. Der HDI liegt 2018 bei 0,939. Damit liegt Deutschland auf dem 4. Platz der „glücklichsten“ Länder.

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Die Dichterfürsten vor dem Weimarer Theater, Andreas Praefcke, CC O

Johann Sebastian Bach ist auch mit seiner Kirchenmusik „urdeutsch“ und prägend für die späteren Komponisten. Nimmt man den deutschsprachigen Raum mit Österreich zusammen, sind Mozart und Beethoven die bekanntesten klassischen Musiker.                                                                                                 Die Melodie  von Beethovens 9. Symphonie – die Ode an die Freude – ist die Europa-Hymne.

Im Bereich der klassischen Literatur sind wohl Goethe und Schiller, sowie Heinrich Heine und Thomas Mann weltbekannt. Im Bereich der „praktischen“ Philosophie muss Immanuel Kant aus Königsberg, heute Kaliningrad unter russischer Verwaltung, unbedingt erwähnt werden.

 

Im Ausland werden die Deutschen mit Sauerkraut und Bratwurst identifiziert. Das Oktoberfest ist synonym mit viel, viel Bierkonsum, während Rhein, Mosel und Ahr mit Wein gleich gesetzt werden.

 

 

 

 

 

Estland (EE)

Estland gehört zu dBlick auf Tallin.jpgen baltischen Staaten und grenzt im Osten an Russland und im Süden an Lettland. Nach Norden liegt es am Finnischen Meerbusen und nach Westen an der Ostsee. Estland hat sehr gute Beziehungen besonders zu Finnland, aber auch gute kulturelle Verbindungen zu Deutschland. Die Hauptstadt ist Tallin, das frühere Reval. Estland umfasst 45.339 Quadratkilometer und ist damit etwas größer als die Schweiz und etwas kleiner als das deutsche Bundesland Niedersachsen. Estland hat eine Bevölkerung von 1,33 Millionen und damit 29 Einwohner pro Quadratkilometer. Es ist also ein relativ dünn besiedeltes Land. Estland ist heute eine parlamentarische Demokratie.

1. Geschichte

Der Deutsche Orden setzte sich mit seinen Bestrebungen der Christianisierung im Gebiet des heutigen Estland fest. 1252 übernahm er mit den dortigen Vasallen die autonome Landesverwaltung. 1561 endete die Herrschaft des Deutschen Ordens. Danach übernahmen die Städte der Hanse, – ein Bund von 194 Städten in 16 Ländern – Lübeck, Wismar und Danzig in Deutschland, Riga in Lettland, Deventer in den Niederlanden, Visby in Schweden, Bergen in Norwegen, La Rochelle in Frankreich, Turku in Finnland, aber auch Städte im Inland wie Dortmund Selbstverwaltungsaufgaben. Die Oberschicht der Staatsbürger und die Gutsbesitzer waren deutschsprachig. Bis 1885 war Deutsch Unterrichts- und Behördensprache.

Im Großen nordischen Krieg eroberte das zaristische Russland das Gebiet, das dann von 1710 bis 1918 die „Ostseeprovinz Gouvernement Estland“ bildete. Auf Grund einer Russifizierungs- Kampagne der russisch-zaristischen Regierung nach 1885 löste dann russisch die deutsche Sprache als Amtssprache ab. Russland zeigte sich auch hier als imperialistisches, expansives Land, und dies unabhängig von der Staatsform, sei es als das Zarenreich, sei es als die Sowjetunion oder sei es als das heutige autokratische Regime unter Putin.

Während des Zerfalls des russischen Zarenreiches im Zusammenhang mit der Oktober-Revolution von 1917 erlangte Estland am 24. 2. 1918 die Unabhängigkeit. Die Estnische Verfassungsgebende Versammlung bestätigte am 24. 11. 1918 das aktive und passive Wahlrecht für Männer und Frauen und orientierte sich damit an westlichen Vorbildern. 1921 wurde Estland Mitglied im Völkerbund.

Durch den Hitler-Stalin Pakt von 1939 und seine geheimen Zusätze wurde das gesamte Baltikum der sowjetischen Einfluss Sphäre zugeschlagen. So wurden die drei baltischen Staaten in die Sowjetunion integriert. 1940/41 wurden massenhaft Esten, vorrangig aus dem Besitz- und Bildungsbürgertum ins Innere des kommunistischen Reiches, meist gleich in den Gulag deportiert.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 war Estland von deutschen Truppen besetzt. Auch hier exekutierte das nationalsozialistische Regime seine grausame Genozid Politik: Ca. 1000 einheimische Juden und ca. 10 000 Juden aus Ost- und Mitteleuropa wurden im Holocaust ermordet.

1944 wurde Estland erneut von Russland annektiert, diesmal von der Roten Armee. Es kam zu erneuten Deportationen von „Volksfeinden“. In der Sowjetunion war es strengstens verboten, Lieder aus Vaterlandsliebe zu einem anderen Land als der Sowjetunion zu singen. Hierzu gehörten die Hymnen der baltischen Staaten. Bei Verstößen drohte die Deportation nach Sibirien. 1988 in der Zeit der Perestroika versammelten sich auf dem Sängerfestplatz in Tallin 300 000 Esten, um erstmals wieder ihre Hymne „Mein Vaterland, mein Glück und meine Freude“ gemeinsam zu singen. Damit begann die „Singende Revolution“, die 1991 zur erneuten Unabhängigkeit führte. Hunderttausende sangen patriotische Lieder und am 23. August 1989, genau 50 Jahre nach Abschluss des perfiden Hitler-Stalin-Paktes bildeten 2 Millionen Menschen eine Kette von Tallin über Riga nach Vilnius über 600 Kilometer, den „baltischen Weg“ (Wikipedia). Im Gegensatz zu Lettland und Litauen hatte die Unabhängigkeitsbewegung in Estland keine Toten zu beklagen.

2. Grunddaten und Entwicklungstendenzen

Nach einem Referendum im Jahre 2003 wurde Estland 2004 Mitglied in der EU und trat 2011 der Währungsunion des Euro bei. Seit 2004 ist Estland auch Mitglied der Nato. Dies ist besonders wichtig, da die Sowjetunion zwischen 1945 und 1990 eine gezielte Ansiedlung nicht estnischer Einwohner, insbesondere von Russen betrieben hat. So sollte in der Sowjetrepublik die Zusammensetzung der Bevölkerung zu Ungunsten der Esten verschoben werden. 2017 waren von der Bevölkerung 69% Esten, 25% Russen und 1,8% Ukrainer. Für Putin sind die dortigen Russen immer noch ein Faustpfand, mit deren „Schutz“ er eine Invasion in dies souveräne Land „rechtfertigen“ könnte. Diese Befürchtung ist nicht an den Haaren herbeigezogen, denn Russland hatte die Souveränität der Ukraine völkerrechtlich verbindlich anerkannt gehabt und hat dessen ungeachtet die Krim annektiert und im Dombas den Separatismus aktiv unterstützt. Die älteren Russen in Estland tun sich schwer, die Sprache zu erlernen, um die estnische Staatsbürgerschaft zu erlangen. „Die Gefahr einer direkten Auseinandersetzung gilt als niedrig, aber mehr als 25 Jahre nach der Wiederherstellung der estnischen Unabhängigkeit gibt es noch immer kein von beiden Seiten ratifiziertes Grenzabkommen“ (Konrad Adenauer Stiftung 2018). Estland pocht auf das Friedensabkommen von Tartu aus dem Jahre 1920, während Russland die Grenzziehung von 1990 bevorzugt, die ihm Gebiete des früheren Estland erhält.

Im Gegensatz zu den Wohlfahrtstaaten Skandinaviens ist Estland eher durch marktliberale Züge der Wirtschaftsorganisation gekennzeichnet. Die Wachstumsraten des BIP waren seit dem EU Beitritt 2004 sehr hoch, nur 2009 gab es einen Einbruch von minus 14,4%. 2oo6 wuchs die Wirtschaft beispielsweise um 10,8%, 2007 um 7,6%, 2011 schon wieder um 7,4% und 2017 um 4,9%. Lag das BIP pro Kopf kaufkraftbereinigt 2005 bei 19.765,-, so waren es 2017 schon 31.750,- US Dollar, also schon über dem europäischen Durchschnitt. Die Wirtschaftsstruktur ist gekennzeichnet durch Holz- und Möbelindustrie, Elektronik, Nahrungsmittelindustrie und im Energiebereich durch den unter Umweltaspekten sehr umstrittenen Abbau von Ölschiefer. In der Entwicklung und Anwendung der Informationstechnologie ist Estland weltweit vorne: Hier wurde Skype erfunden. In Estland können politische Abstimmungen für alle online durchgeführt werden. Es gibt die Möglichkeit einer E-Residency für Ausländer: Verschlüsselung von Dokumenten, Erstellung von Bankkonten, Gründung von Unternehmen. Estland kann also als Vorbild bei der Digitalisierung gelten. Die estnische Wirtschaft leidet trotz der guten wirtschaftlichen Entwicklung unter dem Problem der Abwanderung junger, gut qualifizierten Arbeitskräfte.

Die Staatsverschuldung lag 2017 bei sensationell niedrigen 9%!

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Die Tradition des Estnisches Sängerfestes wurde 1869 gegründet, ToBreatheAsOne – Flickr , CC BY-SA 2.0

Estland ist eine singende Nation: Die größte Volksliedersammlung der Welt umfasst 133 000 aufgenommene Lieder! (Visit Estonia). Obwohl die Esten nicht sehr religiös sind, glauben 69%, das Bäume, besonders in den Märchenwäldern, eine Seele haben. Eine alte Eiche mitten auf einem Fußballfeld wurde 2015 zu Europas Baum des Jahres erkoren. Sie gilt als 23. Feldspieler!

Das Nationalgericht Estland ist „Verivorst“, eine deftige Blutwurst, die vorrangig im Winter gegessen wird. Der HDI lag 2016 bei 0,865 – ein hoher Wert, angesichts der oft tragischen Geschichte!

Finnland (FI)

Finnland reicht zusammen mit Schweden in den hohen Norden Europas bis an den Polarkreis bzw. mit Lappland darüber hinaus. Im Osten grenzt Finnland mit über 1300 Kilometern an Russland, ganz im Norden an Schweden und Norwegen. Ansonsten grenzt es an den Finnischen Meerbusen als Teil der Ostsee. Finnlands Fläche beträgt 338.145 Quadratkilometer (etwas weniger als Deutschland), wobei es rund 55 000 Seen gibt. Mit 16 Einwohnern pro Quadratkilometer gehört Finnland zu den am dünsten besiedelten Ländern der EU. 2019 betrug die Bevölkerungszahl 5,518 Millionen. Amtssprachen sind Finnisch und Schwedisch. Die Hauptstadt ist Helsinki. Finnland ist seit 1995 EU Mitglied und seit 1999, also von Anfang an Mitglied der Eurozone.

062.jpg1. Geschichte

In den frühen nachchristlichen Jahrhunderten wanderten finnische Stämme aus dem Baltikum oder noch weiter aus dem Osten in das Gebiet des heutigen Finnland ein. Mitte des 12. Jahrhunderts begann die Christianisierung durch Missionare aus dem Bereich des heutigen Schwedens, das dann auch seine Herrschaft auf dieses Gebiet ausdehnte. Unter dem schwedischen König Gustav I. Wasa wurde das lutherische Christentum verbreitet und die finnische Schriftsprache ausgearbeitet. In Helsinki steht der dort sog. Dom. 1581 wurde Finnland zum Großfürstentum erhoben, blieb aber schwedische Provinz.

Im 2. Nordischen Krieg von 1713-1721 wurde Finnland von zaristischen Russland besetzt, das sich im folgenden Frieden Teile von Finnland einverleibte. Es folgte ein russisch-schwedischer Krieg mit dem Ergebnis, dass weitere Teile Finnlands unter russische Herrschaft gerieten.

1807 schlossen Zar Alexander I. und Napoleon den Frieden von Tilsit: Danach fiel Finnland an Russland und wurde 1808 von russischen Truppen besetzt. Finnland wurde damit zum „autonomen“ russischen Großfürstentum. Nach national-finnischen Bewegungen im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts begann unter Zar Alexander III. eine Russifizierungs – Politik, die die relative finnische Autonomie beseitigte. Nach der russischen Revolution von 1905 wurde die Autonomie wieder hergestellt, was eine gewisse Selbstverwaltung ermöglichte. 1906 führte Finnland als erstes Land in Europa das Frauenwahlrecht ein. Stärkste Partei für die Wahl zum Landtag wurde die nach deutschem Vorbild gegründete Sozialdemokratische Partei.

Nach der Oktober-Revolution in Russland im Jahre 1917 erklärte sich Finnland am 6.12.1917 zum souveränen Staat und schloss am 7.3.1918 einen Sonderfrieden mit dem Deutschen Reich. Danach kam es zu einem Bürgerkrieg zwischen „Weißen“, also bürgerlichen Gruppen Finnlands, die von deutschen Truppen unterstützt wurden und den Bolschewisten, den „Roten“. Nach dem Sieg der „Weißen“ wurde 1919 eine republikanische Verfassung angenommen. 1921 trat Finnland dem Völkerbund bei.

Nach Beginn des 2. Weltkrieges wurde Finnland 1939 von der UDSSR angegriffen und musste im Frieden von Moskau am 12.3.1940 erneut finnische Gebiete abtreten. 1941 nahm Finnland an der Seite Hitler-Deutschlands an dem Krieg gegen die Sowjetunion teil und verlor dabei die schon vorher abgetreten Gebiete. Finnland wurden erhebliche Reparationszahlungen an die Sowjetunion auferlegt. Trotz dieser Niederlage konnte Finnland seine Unabhängigkeit gegenüber der Sowjetunion bewahren, indem es einerseits gutnachbarschaftliche Beziehungen zur Sowjetunion unterhielt mit dem Versprechen, sich neutral zu verhalten und keinem westlichen Bündnis beizutreten und andererseits seine Verbindungen insbesondere zu den anderen skandinavischen Ländern ausbaute (Brockhaus Enzyklopädie 19. Auflage, 1988). Finnland ist bis heute nicht der Nato beigetreten – so weit ist das Gefühl verbreitet, dem mächtigen Nachbarn im Osten, von dem man in einer 1340 Kilometer langen Grenze getrennt ist, bloß keinen Vorwand zu liefern, wieder aggressiv aufzutreten.

Finnlands Geschichte ist also die eines dauernden Kampfes gegen schwedische Vorherrschaft einerseits und andauerndem russischem bzw. sowjetischem Imperialismus andererseits.

2. Grunddaten

Die finnische Industrie ist zunächst von der Holz- und Papierindustrie dominiert, denn die riesigen Wälder liefern den wichtigsten Rohstoff. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 kam es in Finnland, das bis dahin viel Handel mit Russland betrieb, zu einer Wirtschaftskrise: Das BIP sank um 13%, und die Arbeitslosigkeit, die 1990 bei 3,4% lag, stieg 1994 auf 18,4%. Nicht zuletzt, um die Reparationszahlungen zu erwirtschaften setzte Finnland nach dieser Krise auf staatlich geförderte Industriealisierung: Es wurde in Hochschulbildung im Hochtechnologiebereich gesetzt. Die Branche der Mikroelektronik mit Nokia wurde das neue Zugpferd. Staatliche Unternehmen wurden privatisiert. Die Petro Industrie, der Schiffsbau und der Maschinen- und Fahrzeugbau kamen hinzu. Diese Neuausrichtung der Wirtschaftsstruktur wurde nach dem EU Beitritt 1995 erleichtert, weil jetzt die Gemeinsame Landwirtschafts- und die Regionalpolitik halfen. Bis 2001 wurde die Arbeitslosenquote praktisch halbiert auf 9,2%. 2018 betrug sie 7,6%. Wichtige Handelspartner Finnlands sind in der EU Deutschland und Schweden, außerhalb der Gemeinschaft das autokratisch geführte Russland.

Der Erfolg der finnischen Wirtschaftspolitik ist auch daran abzulesen, dass die Staatsverschuldung 2019 bei 59% lag, d. h. unterhalb der Grenze des Maastricht Vertrages von 60%. Die Wirtschaft ist so robust, dass sie keine weitere staatliche Unterstützung benötigt.

Finnland weist in den Pisa-Studien zur Messung der schulischen Leistungen immer Spitzenwerte aus.

Im Energiebereich erfolgte 2016 die Stromerzeugung zu 26,2% aus Kernenergie, zu 22,3% aus Importen, zu 13,4% aus Wasserkraft, zu 12% aus Holzverbrennung und zu 7,7% aus Kohle. Trotz der Katastrophe von Fukushima hält Finnland an der Kernkraft fest und hat auch weitere Kernkraftwerke geplant. 47,1% des Stromverbrauchs geht in die Industrie und die Bauwirtschaft, 28,3% in Landwirtschaft und private Haushalte (Wikipedia).

Das BIP pro Einwohner beträgt in Finnland 43.570,- Euro pro Jahr und liegt damit heute weit über dem EU Durchschnitt von 31.110,- Euro. Oder anders ausgedrückt: 2018 liegt das BIP pro Kopf in Finnland bei 111, zum Vergleich in Dänemark bei 129 und in Bulgarien bei 51. Der Global Competitiveness Index sieht Finnland 2017/18 auf Platz 10 von 137 Ländern. Finnland ist also ein hervorragendes Beispiel für eine staatlich geförderte Umstrukturierung der Wirtschaft, die dann aber der internationalen Konkurrenz überlassen wurde, in der sie sich erfolgreich behauptet.

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Die stattliche finnische Eisbrecherflotte hinter dem Zweimaster

Der HDI liegt für Finnland bei 0,925. Damit liegt Finnland auf dem 12. Platz der „glücklichsten“ Länder.

Paavo Nurmi ist mit 9 Gold Medaillen bei olympischen Spielen einer der erfolgreichsten Athleten der Welt. Ansonsten sind die Finnen für Eishockey berühmt und für die Sauna. Der Komponist Jean Sibelius ist weit über die finnischen Grenzen hinaus bekannt.

Karelische Piroggen sind eine finnische Spezialität. In den langen düsteren und kalten Winternächten spielt Wodka eine Rolle…

 

 

 

Frankreich (FR)

Frankreich grenzt im Osten an Deutschland und Luxemburg, im Südosten an die Schweiz und Italien, im Süden an Spanien und im Nordwesten an Belgien. Ansonsten ist es ein Land, das im Norden an die Nordsee, im Westen an den Atlantik und im Süden ans Mittelmeer reicht. Korsika, die Insel im Mittelmeer gehört zu Frankreich ebenso wie eine Reihe von Überseegebieten wie Französisch Guyana, mehrere Inseln in der Karibik wie Guadeloupe und Martinique, im indischen Ozean wie Mayotte und im Pazifik wie Neu-Kaledonien.

2019 hatte Frankreich 67 Millionen Einwohner und eine Bevölkerungsdichte im Schnitt von 103 Personen pro Quadratkilometer. Ballungsgebiete sind die Hauptstadt Paris und Umgebung und die Mittelmeerküste um Marseille.

Frankreich ist eine präsidial-parlamentarische Demokratie und ein zentralistischer Staat. Es gliedert sich in 18 Regionen und 101 Départements, davon 96 in Europa. Frankreich gehört zu den Gründungsmitgliedern der EU und des Euro-Raumes.

Lascaux animal painting, Prof saxx, Public Domain.jpg

Prof Saxx, Public Domain, geschätzte 17.000 Jahre alt

1. Geschichte

Das heutige Frankreich gilt als seit 48 000 Jahren besiedelt. Aus der Altsteinzeit sind die beindruckenden Felsenmalereien aus den Höhlen von Lascaux überliefert. Ab etwa 600 vor Christi Geburt gründeten griechische Händler Stützpunkte an der Mittelmeerküste. In dem Gebiet lebten Kelten, die von den Römern Gallier genannt wurden. Zwischen 58 und 51 eroberte der römische Imperator Caesar im Gallischen Krieg das Land, aus dem drei römische Provinzen wurden: Gallia Belgica, Gallia Cisalpina und Gallia Narbonensis. Den Widerstand gegen die Römer verkörpern noch heute die Comic Helden Asterix und Obelix: „Die spinnen die Römer!“ Trotzdem prägte die römische Herrschaft das Leben in dieser Region. Herausragende Beispiele sind das römische Amphitheater in Orange und die römische Wasserleitung Pont du Gard. Sie ist 50 km lang bis nach Nimes, das damals ca. 20 000 Einwohner hatte. Die heute noch bestehende Wasserleitung überquert den Fluss Gard in einer Höhe von 49 Metern in 3 Etagen von Rundbögen und transportierte ca. 20 000 Kubikmeter Wasser pro Tag. Dies bedeutet, dass im Durchschnitt jeder Einwohner der Stadt 1 Kubikmeter Wasser zur Verfügung hatte, ein unvorstellbarer Luxus zur damaligen Zeit.

Ab dem 5. Jahrhundert nach Christus kam es zur Einwanderung germanischer Stämme und in deren Gefolge zur Gründung des Reiches der Merowinger. 496 wurde das Christentum „übernommen“. 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers wurde die islamische Expansion von der iberischen Halbinsel abgewehrt. Es folgten die Karolinger; Karl der Große wurde 800 zum Kaiser gekrönt. Sein Reich umfasste die Kernlande der heutigen EU: die Flächen von Frankreich, Deutschland, BeNeLux und Oberitalien. 843 wurde im Vertrag von Verdun das Karolinger Reich unter den Erben Karls aufgeteilt. Der westliche entspricht dem Gebiet des heutigen Frankreich, allerdings ohne Lothringen. Dieser Westteil ging an Karl den Kahlen, Lothar erhielt den Mittelteil von der Nordsee bis nach Oberitalien und Ludwig der Deutsche den Ostteil, aus dem später das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hervorging.

Zur Zeit des Königs Ludwig VII. (1131-1180) begannen langandauernde Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und England, denn 1154 hatte der König von England große Teile Frankreichs durch Heirat erworben. Der hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich dauerte von 1330-1453 und endete mit der Befreiung von englischer Vorherrschaft, auch durch die „Nationalheldin“ Jeanne d´Arc. Zusätzlich zu den Kriegsfolgen raffte die Pest von 1348 ein Drittel der Bevölkerung dahin.

Durch das Wirken des Reformators Johann Calvin dehnte sich der Protestantismus nach Frankreich aus. Die dort Hugenotten genannten Protestanten wurde in dem erzkatholischen Land unterdrückt und in der Bartholomäus Nacht 1572 massakriert. Viele der Überlebenden wanderten zu Hunderttausenden aus, auch nach Preußen. Im Edikt von Nantes 1598 wurde Religionsfreiheit gewährt, aber 1685 für die Hugenotten wieder aufgehoben.

1635 griff Frankreich in den 30-jährigen Krieg ein und führte Krieg gegen Spanien. 1643 wurde der Bourbonen König Ludwig der XIV. als Vier-jähriger inthronisiert, er regierte als „Sonnenkönig“ bis 1715. In seiner Zeit wurde das prunkvolle Schloss Versailles erbaut. Der Absolutismus erreichte unter ihm -„l`état cest moi“ (ich bin der Staat)- seinen Höhepunkt. Französische Kultur und Sprache wurden in Europa in den „gehobenen“ Kreisen zu dieser Zeit erstrebenswert. Doch diverse Kriege, Missernten und eine sehr teure Hofhaltung ließen die Diskrepanzen zwischen den Herrschenden und dem gemeinen Volk immer stärker in Erscheinung treten und führten 1789 zur französischen Revolution. Sie zeitigte die Proklamation von Menschen- und Bürgerrechten, die durch die geflügelten Ausrufe „liberté, egalité, fraternité“ universell wurden. Die erste Republik wurde in Frankreich 1793 verkündet.

Unter dem Terrorregime von Robespierre mit den Massenhinrichtungen durch die Guillotine kam es zu chaotischen Zuständen, die den Weg ebneten zur Machergreifung durch Napoleon Bonaparte, der sich 1804 als Bonaparte zum Kaiser krönte. Es war ein diktatorisches Regime mit plebiszitären Elementen. Einerseits hat Napoleon grundlegende Reformen der öffentlichen Verwaltung durchgeführt, die bis heute prägend für Frankreich sind. Er hat die Säkularisation angeordnet und damit die Bauern von der Pflicht zur Entrichtung eines Zehnten ihrer Ernte an die Kirche befreit. Er hat den Code Civil erlassen, ein fortschrittliches Zivilgesetzbuch. Andererseits hat er Feldzüge nach Ägypten und nach Russland durchgeführt. Letzterer scheiterte kläglich, weil der russische General Kutusow Moskau anzündete, bevor Napoleons Armee eintraf. Die Armee Napoleons bediente sich jeweils plündernd aus den Gebieten, durch die sie zog. Unabhängig davon bleibt die Frage, was wollte Napoleon in Moskau? (Was wollte Hitler mit seinen Armeen 1943 in Moskau?) Seine Feldzüge durch Europa förderten auf der anderen Seite die Befreiungskriege. 1815 wurden Napoleons Truppen endgültig bei Waterloo in Belgien geschlagen und er wurde verbannt. Im Pantheon in Paris wird Napoleon aber auch heute noch verehrt.

Nach Napoleon erfolgte eine Periode der Restauration. Wieder bestieg ein Bourbone den Thron. Er versuchte das französische Kolonialreich wieder aufzubauen. 1848 kam es erneut zu einer bürgerlichen Revolution und der Begründung der 2. Republik. Zum Präsidenten wurde Louis Napoleon Bonaparte gewählt, der sich 1852 als Napoleon III. zum Kaiser krönen ließ. In dieser Zeit wurden Äquatorial-Afrika und Indonesien in das Kolonialreich übernommen.

1870/71 kam es zum deutsch-französischen Krieg. Deutschland siegte und gliederte sich Elsass-Lothringen ein. König Wilhelm I. ließ sich in Versallies zum deutschen Kaiser krönen, ein Zeichen einer bodenlosen Dummheit und überheblichen Arroganz.

Die dritte Republik in Frankreich dauerte von 1871 bis 1940. In diese Zeit fällt die weitere Ausdehnung des französischen Kolonialreiches und die beschleunigte Industriealisierung. 1878, 1889 und 1900 richtete Frankreich drei Weltausstellungen aus. Der Eiffel-Turm ist dafür das Wahrzeichen. Frankreich und das Vereinigte Königreich von England befanden sich in dieser Zeit in einem Wettlauf um die imperialistische Unterwerfung Afrikas. England strebte mit dem Kap-Kairo-Plan eine Nord-Süd-Teilung an, während Frankreich einen Ost-West-Gürtel Dakar-Dschibuti bevorzugte. Letztlich ohne kriegerische Auseinandersetzungen einigten sich beide.

Die antisemitisch befeuerte Dreyfus-Affaire von 1894-1905 erschütterte Frankreich. 1905 kam es zur Trennung von Staat und Kirche, die es so in Deutschland bis heute nicht gibt.

1914 überfiel das kaiserliche Deutschland nach dem Durchmarsch durch das neutrale Belgien Frankreich, nachdem die Großmächte „schlafwandlerisch“ (Chr. Clark) in den Krieg geschliddert waren. Der 1. Weltkrieg fand vorwiegend auf französischem Boden statt als verlustreicher Stellungskrieg. Frankreich hatte 1,5 Millionen gefallene französischen Soldaten zu beklagen – die Friedhöfe von Verdun sind übersät mit weißen Kreuzen. Hinzu kamen 166 000 Opfer durch die spanische Grippe 1918/19. Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages erhielt Frankreich die Gebiete Elsass-Lothringen zurück. Deutschland sollte üppige Reparationen zahlen. Da die nicht eingehalten wurden, besetzte Frankreich zeitweilig das Ruhrgebiet.

1939 brach das faschistische Deutschland den 2. Weltkrieg vom Zaun und marschierte in Frankreich ein. Das Land wurde in 2 Zonen aufgeteilt, eine „zone occupée“ und eine „zone libre“, in der das von Deutschland abhängige Vichy-Regime herrschte. Am 10. Juni 1944 verübte die Waffen SS in dem Ort Oradour sur Glane ein Massaker, bei dem das gesamte Dorf niedergebrannt und 642 Einwohner, darunter 207 Kinder und 254 Frauen ermordet wurden. Von 300 000 Juden, die 1940 in Frankreich lebten, davon die Hälfte ausländischer, überwiegend deutscher Staatsangehörigkeit – Flüchtlinge vor dem Terrorregime Nazi-Deutschlands – wurden 76 000 in den Vernichtungslagern ermordet (In Yad Vashem heißt es 90.000. Dr. Werner Best, der dafür zuständig war, bemühte sich, erst möglichst nur die nach Frankreich Geflohenen deportieren zu lassen). Die Kollaboration des Vichy-Regimes auch bei der Judenverfolgung ist in Frankreich nur zögerlich aufgearbeitet worden.

De Gaulle organisierte von London aus den Widerstand. Im August 1944 wurde Paris befreit, nachdem amerikanische und englische Truppen in der Normandie gelandet waren. General de Gaulle bildete im Oktober 1944 eine provisorische Regierung, die u. a. das allgemeine Frauenwahlrecht einführte (Wikipedia).

Die Jahrhunderte langen oft auch kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Frankreich wurden früher als „Erbfeindschaft“ bezeichnet. Umso mehr ist es ganz positiv zu würdigen, dass es nach dem 2. Weltkrieg zur Aussöhnung kam, besiegelt durch den deutsch-französischen Vertrag von 1963, erneuert 2019.

2. Grunddaten

55% der Staatsfläche Frankreichs werden landwirtschaftlich genutzt. Das sind 23% der gesamten landwirtschaftlichen Flächen der EU. Hier werden 20% der landwirtschaftlichen Produkte der EU erzeugt. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe ist stark zurückgegangen. Waren es früher Betriebe mit Mischkulturen, so sind es heute vorrangig spezialisierte Betriebe, die je nach klimatischen Gegebenheiten Wein und Champagner, Milch- und Käseprodukte oder Getreide produzieren.

Der Anteil der Wirtschaftssektoren am BIP ist in den letzten Jahren praktisch unverändert: Landwirtschaft 1,6%, Industrie 17,1% und Dienstleistungssektor 70,2%. Trotz dieser relativ geringen Bedeutung der Landwirtschaft haben die französischen Bauern durch ihre aggressive Protest“kultur“ großen retardierenden politischen Einfluss besonders auf die Gemeinsame Agrarpolitik der EU, die so den sich wandelnden Erfordernissen der Umweltpolitik auch in dem neuen mehrjährigen Finanzplan keineswegs gerecht wird.

Die Industrie ist geprägt durch die Montanindustrie, den Fahrzeug- und Maschinenbau und die Rüstungsproduktion. Durch die Einbindung in den Gemeinsamen Markt der EU hat Frankreich in den letzten Jahrzehnten eine wirtschaftliche Modernisierung durchgemacht: Zweidrittel des Außenhandels Frankreichs wird innerhalb der EU abgewickelt.

Frankreichs Wirtschaft ist geprägt durch relativ viele Staatsbetriebe wie der Bahnkonzern SNCF, die Pariser Verkehrsbetriebe RATP, die Fluggesellschaft Air France und den Energiekonzern EDF.

Die französische Gewerkschaftsbewegung ist in acht – zum Teil rivalisierenden – Dachverbänden unterschiedlicher Größe zersplittert. Zusammen haben sie knapp 2 Millionen Mitglieder, was 8% der abhängig Beschäftigten entspricht – 1970 waren es noch 20%. Der Organisationsgrad in der Privatwirtschaft beträgt 5%, in den staatlichen Unternehmen bzw. den vor Jahren privatisierten 15%. Deshalb werden Streiks besonders oft bei den Staatskonzern angezettelt. Den französischen Gewerkschaften geht es in der Regel um Gegenmachtbildung, nicht um Mitbestimmung wie in Deutschland.

2019 lag die Arbeitslosenquote bei den 15-64jährigen bei 8,4%, bei den 15-24jährigen aber bei Besorgnis erregenden 19,1%. Hier spielt die Konzentration muslimischer Einwanderer ohne berufliche Qualifikation besonders aus Nord-Afrika in den Vororten der großen Städte, den Banlieus eine besonders negative Rolle. Offenbar gelingt es dem Schulsystem nicht, diese ausreichend zu qualifizieren.

Die Wachstumsraten des BIP in Frankreich waren in den letzten Jahren moderat positiv. Der Einbruch 2020 durch die Corona Krise, die Frankreich besonders hart getroffen hat, wird aber wahrscheinlich über minus 10% liegen.

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Cattenom, Stefan Kuhn, CC BY-Sa 3.0

Die Stromversorgung Frankreichs erfolgt 2019 zu 71% aus Kernenergie, wobei drei Kernkraftwerke – zwei davon störanfällig – an den westlichen Grenzen liegen, Cattenom in Lothringen an der luxemburgisch/deutschen Grenze, Fessenheim im Elsass an der deutschen und Chooz an der belgischen Grenze. 11% der Stromerzeugung erfolgt über Wasserkraft. Die sonstigen erneuerbaren Energieträger sind noch relativ unterentwickelt.

Die Staatsverschuldung lag 2019 bei 99% des BIP und wird in Folge der Maßnahmen zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Corona Pandemie weiter ansteigen.

Trotz der vielen innenpolitischen Auseinandersetzungen lag der HDI in Frankreich 2018 bei 0,891.

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Sonnenuntergang über Paris, Tommie Hansen, CC BY 2.0

Kulinarisch wird Frankreich mit Baguette und Rotwein, mit Austern und Weinbergschnecken in Verbindung gebracht als Inbegriff des „savoir vivre“.

Kulturell stechen die gotischen Kirchen von Reims, Amiens und Paris hervor. Die Schlösser der Loire, so wie Versailles künden von vergangenem königlichem Prunk. Der Louvre mit seinen Kunstschätzen ist weltberühmt. Die französischen Impressionisten Manet, Monet und Renoir, aber auch Picasso, der aus Spanien stammt aber in der Provence lebte, sind hervorzuheben. Außerdem diverse Chanson-Sänger*innen, wie „der Spatz von Paris“, Edith Piaf oder Monsieur Tausend Volt, Gilbert Bécaud und große Filme- und Stummfilme-Macher wie Jean Luc Godard u.a. Die „Tour de France“ begeistert alljährlich viele Radfahrer.

Unter Staatspräsident Charles de Gaulle wurde die französische „force de frappe“, die Atom-Streitmacht begründet. Frankreich ist ständiges Mitglied im Weltsicherheitsrat und neben den USA, China, Russland und Großbritannien mit einem Veto-Recht ausgestattet. Nach dem Brexit ist Frankreich die einzige Nuklearmacht in der EU.

3. Entwicklungsperspektiven

Präsident Emanuel Macron hat versucht, das zersplitterte Rentensystem in Frankreich mit diversen Privilegien für einzelne Berufsgruppen zu reformieren und zu vereinheitlichen. Er ist dabei an den langandauernden Protesten der „Gelbwesten“ und der Gewerkschaften gescheitert. Die Franzosen sind im Vergleich z.B. zu Deutschland sehr Streikfreudig und Obrigkeitskritisch. Verabschiedet werden konnte allerdings trotz massiver Proteste und Ausschreitungen die Arbeitsmarktreform mit der Lockerung des Kündigungsschutzes. Sie soll helfen, Neueinstellungen zu fördern.

Bei der Präsidentenwahl 2017 siegte Emmanuel Macron von der neuen Partei „La République en Marche“. Er marginalisierte die bis dahin dominierenden politischen Parteien der Konservativen und Sozialdemokraten. Nur der rechtsradikale „Front Nationale“ unter Marine le Pen konnte sich mit starken 33,9 % im 2. Wahlgang behaupten.

Durch seine Reformagenda hat Präsident Macron an Beliebtheit eingebüßt. Er ist ein überzeugter Europäer und hat immer wieder versucht, mit Deutschland zusammen zum Motor der fortschreitenden europäischen Integration zu werden, so wie es unter de Gaulle und Adenauer, Giscard d`Estaing und Helmut Schmidt sowie Kohl und Mitterand der Fall war. Staatspräsident Macron hat früh gefordert, dass die EU souverän werden müsse und sich aus der Abhängigkeit von den USA unter Trump lösen müsse. Kanzlerin Merkel hat darauf sträflich zurückhaltend reagiert. Erst als jetzt 2020 die wirtschaftlichen Folgen der Corona Pandemie sichtbar wurden, hat sie gemeinsam mit Staatspräsident Emmanuel Macron den Vorschlag gemacht, einen Wiederaufbaufonds mit nicht rückzahlbaren Zuschüssen in Höhe von 500 Milliarden Euro aufzulegen, finanziert über erstmals von der EU aufgenommene Schulden.

Nur wenn Frankreich und Deutschland kooperieren, kommt die europäischen Integration voran. Deutschland und Frankreich müssen auch in Zukunft eng zusammenarbeiten, nicht nur eingedenk der leidvollen gemeinsamen Geschichte, sondern auch wegen der immer wichtiger werdenden Stellung Europas in der Welt und der wachsenden Bedrohungen: „Restons ensemble“!

Griechenland (GR)

Griechenland liegt in der südöstlichen „Ecke“ der EU im Mittelmeer. Nach Norden grenzt es an Albanien, an Nord-Mazedonien, an Bulgarien und nordöstlich an die Türkei. Ansonsten ist Griechenland vom Mittelmeer umgeben. Die Landfläche beträgt 131. 957 Quadratkilometer, davon entfallen 106. 915 Quadratkilometer auf das Festland und 25. 043 (gleich 19%) auf 3054 Inseln, von denen 87 bewohnt sind. Die größte ist ganz im Süden Kreta. Hier landete der Sage nach Prinzessin Europa auf dem Rücken des Stiers, inkognito der höchste Gott Zeus. Der höchste Berg auf dem Festland ist Mytikas im Olymp Gebirgsstock mit 2.917 Metern Höhe.

Griechenland ist allein schon wegen der Geographie ein Land der Seefahrer. Es begann mit Odysseus, der auf der Rückreise nach dem trojanischen Krieg viele Abenteuer zu bestehen hatte. Odysseus ist der, der mit dem trojanischen Pferd erfolgreich die List in die europäische Geschichte eingeführt hat. Ein weiterer griechischer Seefahrer war der Reeder Aristoteles Onassis, der mit der wohl berühmtesten Sopranistin des vorigen Jahrhunderts verheiratet war, mit Maria Callas, der er das Herz brach, als er sie für Jacqeline Kennedy, die Frau des ermordeten US Präsidenten, verließ.

2019 hat Griechenland 10,72 Millionen Einwohner. Griechenland ist seit 1952 Mitglied der Nato, seit 1981 Mitglied der EU und seit 1.1.2001 Mitglied der Eurozone.

Nach einer Zeit unter einer Militärdiktatur von 1967-1974 ist Griechenland heute eine parlamentarische Demokratie.

1. Geschichte

Die Geschichte Griechenlands ist besonders vielfältig, reich an Wendepunkten und zugleich weltprägend – „Wiege Europas“-, sodass hier nur einige wenige Stichpunkte erwähnt werden können.

Die archaische Zeit beginnt ca. 800 vor Christus. In dieser Zeit verfasste Homer die Ilias, das Drama des trojanischen Krieges und die Odyssee. In dieser Zeit erfolgte die griechische Kolonisation weiter Teile des Mittelmeerraumes und des Schwarzen Meeres mit Handelsniederlassungen. Die beiden größten städtischen Verbünde Sparta auf dem Peleponnes und Athen prägten die klassische hellenistische Zeit ab 300 vor Chr.: Philosophie, Tempelbau, frühe Mathematik, Staatsorganisation, – erste Schritte zu einer Demokratie -, olympische Spiele, Dramen und Tragödien für das Theater erlebten eine Blüte, die zunächst auf die römische Kultur und danach bis in die heutige Zeit besonders in Europa hineinwirkten.

MakedonischesReich von Alexander . CC BY-Sa 3.0.jpg

Makedonisches Reich von Alexander 334-332 v. Chr.

Diese Zeit war geprägt von den Perserkriegen mit der erfolgreichen Selbstbehauptung Athens. Danach kamen über viele Jahre die Kriegen zwischen Sparta und Athen um die Vorherrschaft mit jeweils wechselnden Siegen. In der Zeit des Hellenismus dehnte Alexander der Große von Makedonien aus sein Herrschaftsgebiet über Griechenland und Ägypten bis nach Indien aus und erschloss so den Griechen weitere Siedlungsgebiete. In seiner Nachfolge gewannen föderalistisch organisierte griechische Bünde an Bedeutung. 148 vor Christi Geburt erlangten die Römer die Vorherrschaft und erklärten Makedonien zur römischen Provinz, wodurch Griechenland als Teil Makedoniens vollständig unter römischen Kontrolle geriet.

In der römischen Kaiserzeit kam es zu einer neuen Blüte Griechenlands, da ihm eine gewisse kulturelle Selbstbestimmung gewährt wurde. Mit der Gründung von Konstantinopel als römische Hauptstadt des Ostens stellte Konstantin der Große 300 n. Chr. ein neues Machtzentrum auf. Hier waren drei Grundelemente prägend: Vorstellungen des römischen Imperiums, griechische Kultur und christlicher Glaube, der durch Konstantin verbindlich gemacht worden ist. 395 nach Christi Geburt wurde das römische Reich geteilt und Konstantinopel die Hauptstadt des byzantinischen Reiches, das zunächst weiterhin von der griechischen Kultur geprägt war, bis im 7. Jahrhundert Araber einfielen. Griechenland war danach Spielball slawischer „Einwanderung“, bulgarischer Eroberungen und ab etwa 1200 Beherrschung durch Kreuzfahrer, die aus Venedig und Nordfrankreich stammten.

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Der eindrücklichste antike Teil, die Palästra in Olympia, eine der Trainingsstätten

Die türkische Herrschaft über Griechenland begann 1460 und prägt bis heute das Verhältnis Griechenlands zur Türkei. Bis ins 17/18. Jahrhundert wurde der nicht islamischen Bevölkerung Religionsfreiheit gewährt, doch mussten Steuern abgeführt werden an die osmanischen Stadthalter, wie schon vorher an die Venezianer. Während des russisch-türkischen Krieges 1768-74 und der Landung russischer Truppen auf dem Peleponnes wagten die Griechen einen ersten Aufstand, der aber blutig niedergeschlagen wurde. Weitere Aufstände in dem Bemühen um Unabhängigkeit folgten. Durch militärische Interventionen von Großbritannien, Frankreich und Russland erhielt Griechenland 1830 die volle Souveränität als Königsreich. Prinz Otto von Bayern wurde als König eingesetzt. 1862 wurde er abgesetzt. Prinz Wilhelm von Dänemark wurde als Georg I. (1863-1913) Nachfolger Ottos. 1894 wurde die Idee der olympischen Spiele, die ja immer eine Zeit des friedlichen Miteinanders schaffen sollten, an seiner ursprünglichen Stelle in Olympia auf dem Peloponnes wieder aufgenommen. Wegen Gebietsstreitigkeiten kam es 1897 jedoch wieder zu einem türkisch-griechischen Krieg, den erneut die Türkei für sich entschied.

Griechenland hatte sich Ende des 19. Jahrhunderts zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten derart verschuldet, dass 1893 rund 33% der Staatseinnahmen für den Schuldendienst aufzuwenden waren. Die Gläubigerländer verhängten eine internationale Finanzkontrolle.

Die Jahre der Regierung Venizelos – 1910-1915 – waren Jahre erneuter Blüte: Beitritt zum Balkanbund, Reorganisation der Streitkräfte und erfolgreiche Teilnahme an den Balkankriegen 1912/13. Im ersten Weltkrieg versuchte König Konstantin I., nachdem sein Vater Georg I. ermordet worden war, Griechenland auf die Einhaltung der Neutralität zu verpflichten, doch Venizelos erklärte 1917 den Mittelmächten Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich den Krieg. Griechenland erreichte so den Status als Siegermacht. In den folgenden Friedensverträgen erhielt Griechenland das südliche Makedonien von Bulgarien, Ostthrakien und alle ägäischen Inseln vom osmanischen Reich. Der Krieg gegen die Türkei wurde weiter fortgesetzt, weil die Türkei sich weigerte, Friedensverträge zu ratifizieren. Schließlich musste Griechenland Ostthrakien und seine kleinasiatischen Gebiete wieder aufgeben. Außerdem musste es gegen den Austausch von 600 000 Türken 1,5 Millionen Griechen aus Kleinasien aufnehmen.

1924 wurde die griechische Republik ausgerufen und 1927 nach dem vergeblichen Versuch, eine Militärdiktatur zu errichten, wurde eine parlamentarisch demokratische Verfassung verabschiedet. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 traf Griechenland besonders hart. Die Spannungen zwischen Royalisten und republikanischen Gruppierungen nahmen zu, 1935 wurde die Monarchie wieder eingeführt. Der zurückgekehrte König Georg II. konnte die verfeindeten Parteien nicht versöhnen und so kam es 1936 zu einem diktatorischen Regierungssystem nach dem Vorbild Italiens. 1941 drangen bulgarische Streitkräfte in Griechenland ein. Nach der Kapitulation Italiens 1943 besetzten deutsche Truppen Griechenland. Die deutschen Besatzer unternahmen terroristische Aktionen gegen die griechische Bevölkerung: Geiselerschießungen und Massenexekutionen. Am 19. Juni 1944 verübten SS-Einheiten in Destomo ein Massaker. Im Zuge einer „Vergeltungsaktion“ wurden 214 der am Partisanenkampf unbeteiligten Dorfbewohner, besonders alte Menschen und Frauen und 34 Kinder ermordet und anschließend das Dorf niedergebrannt. Griechische Juden wurden in die Vernichtungslager in Osteuropa verschleppt. 1946 kehrte Georg II. nach einer für die Monarchie positiven Volksabstimmung nach Griechenland zurück. Konservative Kräfte auf der einen Seite und Kommunisten auf der anderen Seite sorgten für instabile politische Verhältnisse. 1967 – 73 herrschte eine brutale Militär-Diktatur. (Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage 9. Band).

Die Geschichte Griechenlands ist bis heute geprägt von den grausamen traumatischen Erlebnissen der Fremdherrschaft, insbesondere durch das Osmanische Reich. Die Geschichte Griechenlands ist außerdem in der Neuzeit geprägt von dem Hin- und Her zwischen Monarchie, Diktatur und Republik.

2. Grunddaten

Die griechische Wirtschaft ist neben der Landwirtschaft, insbesondere dem Olivenanbau, geprägt und abhängig vom Tourismus. 2019 machten die Dienstleistungen 68% des BIP aus, die Industrie 15% und die Landwirtschaft 3,6%. Vor der Corona Krise hatte die konservative Regierung die Unternehmenssteuern gesenkt und hoffte so auf ein Wirtschaftswachstum von 2,8%. Nach dem dramatischen Rückgang des Tourismus im Sommer 2020 wird für das Jahr ein Rückgang des Sozialprodukts von minus 9,7% erwartet. Für 2020 wird eine Arbeitslosenquote von 22% angenommen (statsta).

Die internationale Finanzkrise seit dem Zusammenbruch der US-amerikanischen Bank Lehmann-Brothers 2008 traf die südlichen EU Länder Griechenland, Spanien und Portugal besonders hart. Im Februar 2010 stand der griechische Staat trotz eines großen Sparprogramms vor der Pleite. Im April des gleichen Jahres gewährten die Euroländer Griechenland einen ersten Kredit über 30 Milliarden Euro. Im Mai beschlossen die EU Staaten weitere Milliarden Kredite für Griechenland, verlangten aber im Gegenzug rigorose Sparmaßnahmen, überwacht von der Troika aus IWF, EZB und EU- Kommission. Außerdem wurden Schulden in Höhe von 5,5 Milliarden Euro erlassen. Zu den Sparauflagen gehörten die Privatisierungen von Häfen und Flughäfen. Der wichtigste Hafen Piräus wurde an das kommunistische China verkauft, das damit einen Fuß direkt im europäischen Binnenmarkt hat. Im Juli 2011 wurde ein weiteres Hilfspaket für Griechenland beschlossen über 109 Milliarden Euro. Im September 2011 meldete die griechische Regierung, dass das Haushaltsdefizit in dem Jahr -8,8% betragen wird, ein weiteres Indiz, dass die Reformbemühungen nur schleppend vorankommen. Im Oktober stellte die Troika in einem Bericht fest, dass der zusätzlich Finanzbedarf Griechenlands 444 Milliarden Euro ausmache – eine unvorstellbare Summe, die auf große strukturelle Probleme in der griechischen Wirtschaft, in der Gesellschaft und im Staat hinweist. Die Korruption ist weit verbreitet. Nach Expertenschätzungen haben superreiche Griechen durch Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit ein Vermögen von 200 Milliarden Euro angehäuft. Würde die Steuerverwaltung in Griechenland funktionieren und auch die Gewinne aus diesen Vermögen versteuert, bedürfte es keiner Hilfskredite.

Zur Zeit der internationalen Finanzkrise wurde diskutiert, ob Griechenland besser aus der Euro Zone, nicht aus der EU, ausscheiden sollte, um dann mit einer abgewerteten Drachme wieder wettbewerbsfähiger zu werden. Dann wären griechische Exporte günstiger für die ausländischen Nachfrager geworden, aber Importe teurer. Da Griechenland aber einen Importüberschuss hat – 2019 Exporte in Höhe von 38 Milliarden US Dollar, aber Importe in Höhe von 62 Milliarden US Dollar (statista) – hätte das Ausscheiden unter diesen Bedingungen zu keiner Verbesserung der wirtschaftlichen Situation geführt, sondern zum Gegenteil. Außerdem müsste Griechenland die aufgenommenen Schulden weiter bedienen und bei einer Abwertung der Drachme wären die Zinszahlungen noch umfangreicher. Und – vor einem späteren Wiedereintritt in die Euro-Zone hätten all die notwendigen Reformen, die Griechenland hat vollbringen müssen, ebenso stattfinden müssen. Denn vor dem Eintritt des Landes hatte keiner so genau hingeguckt.

Auf Grund der langen Fremdherrschaft des osmanischen Reiches über Griechenland war die Pflicht zur Zahlung von Steuern an die Kalifen verhasst. Die „Kunst“ der Steuervermeidung wurde so zu einem Element des Nationalcharakters der Griechen, der auch weiter lebt nach Erlangung der Selbstbestimmung: die Verpflichtung zur Zahlung von Mehrwertsteuer steht weitgehend nur auf dem Papier. Griechenland hatte kein Grundbuchamt und Verwandte von verstorbenen Rentnern kassierten deren Rente einfach weiter. Einige der erforderlichen Reformen sind inzwischen durchgeführt, nur: der Verschuldungsgrad des griechischen Staates beträgt 2019 laut statista, also vor der Corona Pandemie 176,64% und dürfte in dieser Krise weiter ansteigen – nach dem Maastricht Vertrag sind maximal 60% erlaubt -; dies ist nur tragbar, weil die EZB die Zinsen für Staatskredite so niedrig hält. Ob Griechenland aus eigener Kraft die jetzige schwere Wirtschaftskrise meistern kann – die Arbeitslosigkeit betrug im Januar 2020, also vor Corona, 17% und dürfte bis Jahresende stark ansteigen – ist mehr als fraglich. Trotzdem war und ist es richtig, Griechenland in der Euro Zone zu halten, denn letztlich modernisieren die Reformen das Land – auch wenn sie schleppend sind. Aber es gibt jetzt beispielsweise ein landesweites Grundbuchamt. Auf mittelfristige Sicht wird Griechenland so fit für den internationalen Wettbewerb. Helfen wir Griechenland bei den Reformen, kommt uns das morgen und übermorgen als Exportland zu gute.

3. Entwicklungsperspektiven und Herausforderungen

Auf Grund der immer noch vorhandenen Feindschaft der Türkei zu Griechenland – diese hat den Nordteil Zyperns völkerrechtswidrig am 16. 8. 1974 besetzt und von dem griechischen Teil getrennt -, hat Griechenland gemessen an der Bevölkerungszahl und der Wirtschaftskraft ein überdimensioniertes Militär. Die Spannungen mit der Türkei eskalierten 2020 in Bezug auf die Frage, wer vor der griechische und der zypriotischen Küste nach Erdgas oder Öl bohren darf. Die Türkei verweigert sich Verhandlungslösungen und so verschärft sich der Konflikt.

Außerdem hat Griechenland eine besondere Last in der internationalen Flüchtlingskrise zu tragen. Eins der vielen Flüchtlingslager, Moria auf Lesbos, unmittelbar vor dem türkischen Festland mit 12 000 Personen völlig überbelegt, brannte im Spätsommer nieder. Griechenland fühlt sich allein überfordert, weil es keine Einigung auf eine „europäische Lösung“ gibt. Besonders osteuropäische Staaten weigern sich, auch nur eine kleine Zahl von, meist muslimischen Flüchtlingen aus Syrien oder Afghanistan aufzunehmen.

2019 betrug der HDI für Griechenland 0,963, ein sehr hoher Wert.

Eine international anerkannte und gewürdigte Griechin ist Melina Mercouri, Schauspielerin und Politikerin. Sie hat sich im Kampf gegen die Militärdiktatur nach dem Putsch von 1967 verdient gemacht und sie hat sich ausdauernd für den Schutz und die Förderung der Kultur eingesetzt. „Ohne Kultur ist die Barbarei nicht fern“ sagte sie 1982 auf einer Veranstaltung Europalia. 2020, sozusagen als Wiederhall ihres Statements wird gemeldet, dass ein griechisches Gericht die rechtsradikale Partei „Goldene Morgenröte“ verboten hat und ihre Vertreter im Parlament angeklagt hat: Sie sollen in die Ermordung eines Journalisten verwickelt gewesen sein!

Kulinarisch wird Griechenland aus deutscher Sicht mit Gyros, Souvlaki und Tsatsiki, mit schweren Weinen, mit Bauernsalat mit Oliven und Schafskäse in Verbindung gebracht. Der kraftvolle Tanz Sirtaki mutet ein wenig melancholisch an.

Irland (IE)

Die Republik Irland nimmt 5/6tel der irischen Insel im Atlantik vor Großbritannien ein. Im Norden grenzt sie an Nordirland, das zu Großbritannien gehört. Auf der „grünen Insel“ leben 4,7 Millionen Menschen, 68 im Schnitt auf dem Quadratkilometer. Hauptstadt ist Dublin. Die Bevölkerung ist ganz überwiegend römisch-katholisch im Gegensatz zu der Mehrheit der Protestanten in Nordirland. In früheren Zeiten waren die Iren bettelarm und wanderten massenhaft aus, besonders in die USA. Heute ist Irland, gemessen am BIP pro Einwohner, Kaufkraft bereinigt, das zweitreichste Land in der EU: 2018 Im Schnitt verdient jeder Ire 79.417,-US Dollar im Jahr.

1. Geschichte

Ab dem 4. Jahrhundert vor Christi Geburt wurde die irische Insel von Kelten von Nordfrankreich aus besiedelt. Es gab zu dieser Zeit 5 Königreiche. Ab dem 5. Jahrhundert nach Christi Geburt begann die Christianisierung. Ab dem 7. Jahrhundert gibt es reiche schriftliche Dokumente sowohl in Latein als auch in Irisch. Als „nationaler Apostel“ wird St. Patrick verehrt, dessen Gedenktag heute noch jährlich auch in den USA – in Chicago wird der Fluss an diesem Tag grün gefärbt – und Kanada begangen wird. Die Kultur der katholischen Mönche und die Auseinandersetzungen um kirchliche Reformen bestimmten die Entwicklung des Landes.

795 überfielen Wikinger von Norwegen aus Irland und gründeten an den Küsten Städte.

Es folgte die englische Fremdherrschaft: Unter dem englischen König Henry II. – Unterwerfung Irlands 1171 – verlor Irland seine Selbständigkeit, doch die Anglo-Normannische Aristokratie Irlands fand sich damit nicht ab. Besonders in der Zeit Heinrich VIII., das ist der, der 6 Ehefrauen hatte, von denen er 2 köpfen ließ. Wegen seiner Scheidung von Katharina von Aragon, um die Hofdame Anne Boleyn zu heiraten brach er mit dem Papst und die Spannungen zwischen Irland und England waren in dieser Zeit sehr intensiv. Das Dubliner Parlament von 1536/37 akzeptierte schließlich die Oberherrschaft des englischen Königs an Stelle der des Papstes. Heinrich VIII. wurde König von Irland und königliches Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche – auch in Irland. Kirchengüter wurden enteignet. Die katholischen Iren rebellierten, konnten sich aber mit ihrer rückwärtsgewandten Rebellion trotz Unterstützung durch den Papst und zeitweilig auch anderer Mächte des europäischen Festlands nicht durchsetzen. Sie bezahlten damit, dass große Teile ihres privaten Landes konfisziert wurden. Mit den sog. Plantations wurden massiv gezielte Ansiedlungen von Engländern in Irland vorgenommen. Der religiöse Konflikt dauerte jedoch an. 1595 gab es einen großen Aufstand der katholischen Iren in Ulster, der mit einer schweren englischen Niederlage endete. 1600 unter Elisabeth I. wurden erneut englische Truppen auf die Insel entsandt. Sie vernichteten die Ernte und beschlagnahmten die Viehherden, um dem irischen Heer die Nahrung zu entziehen. 1601 scheiterte trotz Unterstützung durch 3500 spanische Soldaten ein erneuter irischer Aufstand. Er zog weitere Plantations und den Bau englischer Forts und Zitadellen nach sich.

Nach bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen siegte Oliver Cromwell 1652 mit großer Härte und beendete damit die irischen Rebellion. Besiegte Iren wurden als Sklaven in die Karibik verkauft. Anglikanischen Soldaten wurden mit Land der Besiegten entschädigt. Katholiken durften darüber hinaus nicht in Städten leben und waren von der Teilhabe am politischen Leben ausgeschlossen. Es war ein schwerer Schlag für die irische Wirtschaft, dass Wolle nur noch nach England verkauft werden durfte, denn damit diktierten die Engländer die Preise. Die herrschenden Protestanten feierten jährlich demonstrativ ihre Siege über die Katholiken, so wie es in Nordirland noch bis vor wenigen Jahren üblich war.

Denkmal in Boston für das große Leid, das die Iren in den USA erdulden mußten,.JPG

Denkmal an die Iren, die in die USA eingewandert sind, in Boston, Massachusetts, USA

Ab 1801 wurde die formal selbständige Republik Irland abgeschafft und das Land dem Vereinigten Königreich einverleibt. Irland wurden 20% der Abgeordneten im britischen Unterhaus zugestanden, sodass die Dominanz Englands gewahrt blieb. Irland, ein Agrarland, verkraftete Mitte 1840 den Befall der Kartoffeln mit einer Krankheit, die 40% der Ernte vernichtete, nicht. Die Bevölkerung verarmte zusehends und erlitt in weiten Teilen den Hungertod – the Great Famine! Es kam zu massenhafter Auswanderung besonders in die USA, wo die katholischen Iren nicht gut gelitten waren und nach Kanada. Erst nach dem Unabhängigkeitskrieg erlangte Irland 1922 seine Selbständigkeit bis auf das mehrheitlich anglikanische Nordirland, das beim Vereinigten Königreich verblieb, zurück, wurde dann aber noch von einem Bürgerkrieg heimgesucht. De Valera, der Anführer der republikanischen Rebellen, wandte sich gegen die Teilung Irlands, konnte sich aber nicht durchsetzen: das irische Parlament stimmte der Teilung zu, sozusagen als Preis für die Unabhängigkeit, denn England drohte schon wieder mit Krieg. De Valera war dann aber ab 1932 irischer Ministerpräsident und später Staatspräsident. Erst 1938 wurden die englischen Marinestützpunkte in Irland aufgegeben. Im 2. Weltkrieg verhielt sich Irland strikt neutral.

Großbritannien hat sich auch gegenüber Irland wie eine imperiale Kolonialmacht, die sie weltweit war, geriert. Es ging nicht nur um religiöse Auseinandersetzungen sondern um Vorherrschaft, Landraub, Ausbeutung und Demütigung der „Urbevölkerung“. Diese Auseinandersetzungen wirken bis heute nach, besonders in Konflikten in Nordirland, die aber auf Irland ausstrahlen. Die dreißig Jahre andauernden Kämpfe 1969 bis 1998 zwischen englisch und schottisch stämmigen Protestanten, den Unionisten einerseits, und den überwiegend irisch-nationalistischen Katholiken andererseits zeigen wie in einem Brennglas die Nachwirkungen der Geschichte: Es handelte sich um einen bürgerkriegsähnlichen Identitäts- und Machtkampf um soziale und politische Vorherrschaftin Nordirland. Beide Bevölkerungsgruppen leben in dem kleinen Nordirland segregiert: Im Nordosten die anglikanischen Unionisten, wohlhabend, weil stärker industrialisiert als der ärmere bäuerliche ländliche Westen. Die physische Trennung gibt es auch in den Städten. Die IRA, der militärische Arm der Katholiken, kämpfte für die Vereinigung mit Irland. Dieser Kampf gegen die englische Armee kostete 3500 Menschen das Leben. Erst 1998 kam es zu einem sehr fragilen Frieden, dem sog. Karfreitags-Abkommen zwischen den Konfliktparteien in Nordirland, Irland und Großbritannien, das die politische Teilhabe beider Bevölkerungsgruppen gleichmäßiger regelte: Die Regierung Irlands verzichtete außerdem auf die Forderung nach einer Wiedervereinigung mit Nordirland und die paramilitärischen Truppen sollten entwaffnet werden.

Durch den Brexit zum Beginn des Jahres 2020 entsteht zwischen der Republik Irland und Nordirland eine EU-Außengrenze. Da aber viele Nord-Iren in Irland arbeiten und täglich hin und her pendeln, wurde im Austrittsvertrag geregelt, dass Nordirland solange im gemeinsamen Markt verbleibt, bis ein Handelsvertrag zwischen Großbritannien und der EU ausgehandelt ist. Der britische Premier Boris Johnson hat nun diesen völkerrechtlich gültigen Vertrag, den er selbst Anfang des Jahres ausgehandelt hat, aufgekündigt. Er will auch Nordirland nicht länger an die EU zu binden. Offenbar will er gar kein Handelsabkommen mit der EU schließen. Damit zerstört er nicht nur Vertrauen in die Vertragstreue Großbritanniens, ein bisher einmaliger Vorgang unter EU-Ländern. Die große Gefahr ist zudem, dass er neue bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen herauf beschwört auch in Nordirland. Nach langen Verhandlungen schienen diese durch das „Good Friday Agreement“ beigelegt.

2. Grunddaten

Irland ist seit 1973 EU Mitglied und seit dem 1.1.1999 Mitglied der Eurozone.

Die irische Wirtschaft ist stark exportabhängig: die innereuropäischen Ausfuhren machen 50% aus, die Importe aus der EU belaufen sich auf 64% aller Importe. Die Exporte in die USA und nach Gro0britannien machen knapp 40% der Exporte aus. Rindfleisch und Milchprodukte sind die hauptsächlichen landwirtschaftlichen Exportgüter. Eine ähnlich wichtige Rolle spielt die pharmazeutische Industrie. Die Industrie ist im Vergleich z.B. zu Großbritannien bedeutend und trägt zu 36,5% zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Ryanair ist die führende Billigfluglinie Europas.

Irland hat nach der internationalen Finanzkrise, die das Land besonders hart getroffen hatte, hohe Wachstumsraten des realen Bruttosozialprodukts zu verzeichnen: 2014 8,3%, 2015 waren es unglaubliche 25% – Sondereffekte-, 2017 aber auch 6,7%. In Analogie zu den Südostasiatischen Tigerstaaten ist deshalb vom „keltischen Tiger“ die Rede.

2018 betrugen die Gesamtausgaben der EU in Irland 2,064 Milliarden Euro, Irlands Beitrag zum EU Haushalt belief sich auf 2,320 Milliarden Euro. Irland gehört also zu den Netto Zahlern.

Das spezielle irische Unternehmenssteuerrecht begünstigt internationale Großkonzerne wie Google oder Amazon, die keine oder nur geringe Steuern auf ihre europäischen Gewinne zahlen. Diese Form der Steuervermeidung wird „Double Irish with a Dutch Sandwich“ genannt frei übersetzt: ein Gewinnverschiebungskarussell zwischen Irland, Holland plus irischer Bank auf den Bermudas. Das ist innerhalb der EU höchst umstritten. Die EU Kommission hat Irland bereits aufgefordert, viele Milliarden Euro als Steuern von diesen Konzernen nachzufordern.

Die katholische Kirche, die nach wie vor in Irland sehr einflussreich ist, wurde in den vergangenen Jahren von zahlreichen Missbrauchsskandalen stark erschüttert.

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Traditionelle Musik-Session in einem Pub, Gtapp, CC BY-SA 3.0

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Das Wappen von Irland, Setanta Saki, Gemeinfrei

George Bernhard Shaw (1856-1950), Dramatiker, Kritiker und Pazifist, erhielt 1925 den Literaturnobelpreis. Sein Stück „Pygmalion“ war die Vorlage zum Musical „My fair Lady“. Andere berühmte irische Literaten sind James Joyce, Oscar Wild und Samuel Becket mit seinem absurden Theaterstück „Warten auf Godot“. In irischen Pubs wird inmitten aller Besucher gerne musiziert. Irische Folkmusik ist weltweit bekannt.

 

 

 

 

Italien (IT)

1842 wird die Oper Nabucco von Verdi zum ersten Mal aufgeführt. Der Text des Klageliedes des Gefangenenchores, den Verdi den Juden fern ihrer Heimat in den Mund legt, lautet:

„Flieg Gedanke, getragen von Sehnsucht, lass dich nieder in jenen Gefilden, wo in Freiheit wir glücklich einst lebten, wo die Heimat unserer Seele ist“.

Dieser Text und seine Vertonung sind die inoffizielle Nationalhymne Italiens: Die Zeit nach dem Wiener Kongress von 1815 bis zur Wiedererstehung eines einheitlichen italienischen Nationalstaates 1870 wird „Risorgimento“ genannt und umfasst die Zeit von 3 Unabhängigkeitskriegen von 1848-1870 unter dem Anführer Garibaldi. Vorher gehörten das Königreich Venetien und die Lombardei zu Österreich-Ungarn, es gab ein eigenständiges Königreich beider Sizilien (vorher voneinander unabhängige Reiche), einen selbständigen Kirchenstaat, ein Großherzogtum Toskana und ein Fürstentum Savoyen-Piemont einschließlich des Königreichs Sardinien. Italien wurde eine konstitutionelle Monarchie und Viktor Emanuel der erste König.

Italien ist eine stiefelförmige Halbinsel im Mittelmeer, angrenzend im Norden an Österreich und die Schweiz und im Nordwesten an Frankreich. Italien hatte 2019 60,36 Millionen Einwohner mit rückläufiger Tendenz und einer Bevölkerungsdichte von 200 Einwohner pro Quadratkilometer. Die Hauptstadt ist Rom, wo auch im kleinen Vatikanstaat der Sitz des Papstes der weltweiten katholischen Kirche sich befindet. Mit dem Ätna besitzt Italien den einzigen aktiven Vulkan Europas.

Italien hat eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt: sie betrug 2016 für Frauen 84,9 Jahre, für Männer 80,3.

Italien gehört zu den Gründungsmitgliedern der EU und zu den ersten Ländern, die den Euro einführten. Bedeutsame Namen in diesem Zusammenhang sind Altiero Spinelli und Alcide de Gasperie.

1. Geschichte

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Pont du Gard aus südlicher Richtung, 265 m lang, Benh LIEU SONG, CC BY-Sa 3.0

Die italienische Geschichte durch Schriftquellen belegt, beginnt mit den Etruskern ca. 600 vor Christi Geburt. Sie hatten bereits wassergeführte Fußbodenheizungen in ihren Palästen. Entlang der Küsten folgten Kolonien der Phönizier und der Griechen besonders im Süden Italiens. Rom, der Sage nach von Remus und Romulus gegründet, aufgezogen von einer Wölfin, erstarkte als eigenständige Macht. 146 vor Christi Geburt wurden Korinth in Griechenland und Karthago in Nordafrika von Rom zerstört. Italien wurde das Zentrum des römischen Reiches. Es vollbrachte solch technische Meisterleistungen wie den römische Bibliothek in Ephesos.jpgBau der fast 50 km langen Wasserleitung nach Nimes, die pro km ein Gefälle von 25 Zentimetern hatte und auf dem ersten Bogen auch eine Straße bereit hielt, die noch im vorigen Jahrhundert benutzt wurde, obwohl sie 60 nach Christus fertig gestellt worden ist. Aber auch kulturelle Schätze wurden durch die Römer bereits vermittelt. Als Sinnbild dafür mag die 1903 entdeckte, berühmte Ruine der großen öffentlichen (!) Celsus Bibliothek in Ephesos in der anatolischen Türkei stehen, zwischen 117 und 125 nach Chr. erbaut und in den siebziger Jahren restauriert.

Das römische Reich, das von der heutigen Türkei bis Spanien und in England bis zum Hadrian-Wall reichte, und von dort bis nach Nordafrika, war erschlossen durch ein dichtes Straßennetz, durch Wasserleitungen und durch ein straff geführtes Militär. Die agrarische Lebensweise beruhte auf weitreichenden Latifundien, die durch Sklaven bewirtschaftet wurden. Für Rom galt die Devise: Brot und Spiele. Diese waren u.a. Gladiatoren-Kämpfe oder Seeschlachten, die im Kolosseum in Rom inszeniert wurden. Frühe Christen wurden öffentlich den Löwen zum Fraß vorgeworfen, bis zum Untergang Westroms im Jahre 476 nach Christi Geburt

Ab dem 5. Jahrhundert übernahmen germanische Stämme die Herrschaft in Italien. Nachdem es im 8. Jahrhundert zeitweilig unter den Langobarden zu Frankreich gehörte, wurde es später Teil des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Im Süden herrschten jedoch Araber und Byzantiner.

Im 12. und 13. Jahrhundert bildeten sich eigenständige Territorien heraus wie Mailand und Florenz und die Seemächte Venedig und Genua. Im 14. bis 16. Jahrhundert war Italien das kulturelle Zentrum Europas. Die Renaissance ist verbunden mit den Bauten – Petersdom -, Gemälden – Sixtinische Kapelle – und Bildhauer Arbeiten – „David“ und „Piéta“ – von Michelangelo und den Gemälden von Leonardo da Vinci – „das letzte Abendmahl“. Er war nicht nur ein begnadeter Künstler sondern auch ein Wissenschaftler – u. a. bei der Erforschung der Flugfähigkeit des Menschen.

Das Risorgimento im 19. Jahrhundert wurde bereits erwähnt. Italien „erwarb“ als Kolonien in Afrika Libyen in Nord- und Äthiopien in Ostafrika.

Trotz eines Bündnisses – Dreierbund – mit Osterreich-Ungarn und Deutschland trat Italien 1915 in den ersten Weltkrieg auf Seiten der Entente-Mächte gegen Österreich-Ungarn ein. Grund war die Hoffnung, zusätzliche Gebiete erwerben zu können: Südtirol, Trentino und Triest. Was auch geschah.

1922 bis 1943 regierten die Faschisten unter Benito Mussolini Italien. In den beiden letzten Kriegsjahren herrschten die deutschen Nationalsozialisten über weite Teile Italiens bis es von Süden her von den Alliierten befreit wurde. 1946 wurde die Monarchie abgeschafft und erstmals das Frauenwahlrecht eingeführt. In der Nachkriegspolitik war die Partei „Democrazia Christiana“ über lange Jahre führend auch in der Auseinandersetzung mit den Kommunisten.

Der Vatikan hat mit der Organisation der sog. Rattenlinie ehemaligen deutschen Nationalsozialisten zur Flucht nach Südamerika geholfen. In Bezug auf die Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten schwieg Pabst Pius XII, offenbar um das mit den Nazis vereinbarte Konkordat von 1938 nicht zu gefährden.

2. Grunddaten

Wirtschaftlich ist Italien zwischen Nord und Süd gespalten. Während im Norden die durchaus im Weltmaßstab konkurrenzfähige Industrie z. B. mit dem Autobauer FIAT angesiedelt ist, ist der Süden eher traditionell landwirtschaftlich geprägt. Hinzu kommt der immer noch hohe Einfluss der Mafia, der bis in Regierungskreise hineinreicht. Daher kann in Italien nicht von einer durchgehend effizienten Verwaltung, insbesondere der Steuerverwaltung, gesprochen werden. Öffentliche Aufträge sind in Folge dessen in Italien viel teurer als im „Rest“ von Europa: die durchschnittlichen Kosten für den Bau von Hochgeschwindigkeitsbahnstrecken liegen in Italien bei 61 Millionen Euro pro Kilometer. In Frankreich und Spanien sind es lediglich 10 Millionen (Bericht des europäischen Parlaments über Korruption in der EU, zitiert nach: DIE ZEIT vom 6.8.2020 „Schienen und Stühle für Italien“). Im jüngsten Weltbankbericht über Barrieren für die Geschäftstätigkeit von Unternehmen liegt Italien auf dem fünftletzten Platz in der EU (ebenda).

Es wird geschätzt, dass die Schattenwirtsschaft, von der Mafia gelenkt, 20% des jährlichen BIP ausmacht. Das geringe Wachstum des offiziellen BIP von 0,5% sei deshalb irreführend (information-italien.de/wirtschaft). Trotzdem: die Mafia bleibt das Krebsgeschwür der italienischen Gesellschaft, auch weil ihre Tätigkeit mit Morden einhergeht und „ihre“ Wirtschaft völlig am Staat vorbei geht bzw. diesen unterhöhlt. Der Containerhafen Gioia Tauro im äußersten Süden Kalabriens gilt als größter Kokain-Umschlagsplatz Europas. Von dort verteilt die Mafia Drogen über ganz Europa – auch nach Deutschland (tagesschau.de 10.10.2020:“ Hafen in Mafia Hand“).

Italiens Wirtschaft ist vorrangig vom Dienstleistungssektor geprägt: Beitrag zum BIP 66,3%, gefolgt von der Industrie mit 21,4%. Der Beitrag der Landwirtschaft beträgt lediglich 1,9% (statista). Italien ist das zweitwichtigste Industrieland Europas. Es dominieren hochspezialisierte Kleinunternehmen. Exportiert werden modische Luxusartikel, Autos und Jachten. Wichtigste Regionen sind die Lombardei mit einem Beitrag zum BIP von 22%, gefolgt von Latium – 11% – und Venetien – 9% – . Schlusslicht ist Sizilien mit lediglich 5% bei einer Bevölkerung, die halb so groß ist wie die der Lombardei. Das kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf liegt bei 39.675,- US Dollar im Jahr.

Die Corona Pandemie hat Italien besonders hart getroffen, wobei die Defizite des italienischen Gesundheitssystems offensichtlich wurden. Deshalb wartet Italien besonders sehnsüchtig auf die Zahlungen aus dem Wiederaufbaufonds der EU.

Die Staatsverschuldung Italiens liegt 2018 bei 135% des BIP, 2007 lag sie bei 100% (statista). Sie stieg massiv nach der Finanzkrise. Die Corona Pandemie wird diesen Anstieg noch beschleunigen. Zur Relativierung dieser Zahlen werden drei Argumente vorgetragen: Erstens lebe Italien unter seinen Verhältnissen, weil es seit 2012 mehr exportiere als importiere. Zweitens seien es nicht die Italiener, die verschuldet seien sondern der Staat und drittens handele es sich bei den Schulden um Altlasten aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts (Niki Kowall, Philipp Hamberger: Fakten, die sie über Italiens Wirtschaft nicht wussten). Als Matteo Salvini von der Lega Nord Vizepremier, Innenminister und der starke Mann in Italien war, hatte er verkündet, dass ihn die Staatsverschuldung nicht interessiere und dass er bereit sei, großzügige sozialpolitische Maßnahmen zu ergreifen.

Die „Argumente“ der Autoren können in keiner Weise überzeugen: Exportüberschüsse sind zwar ein Indiz für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes, haben aber mit der Staatsverschuldung nichts zu tun. Staatsverschuldung entsteht, wenn der Staat mehr ausgibt als er einnimmt, z. B. weil die Finanzverwaltung nicht in der Lage ist, die Steuern wirklich einzutreiben. Die Steuerquote für Italien wird mit sehr hohen 43% angegeben: Für natürliche Personen seien bis zu 43% Einkommenssteuer zu zahlen, die Körperschaftssteuer, die Steuer auf Gewinne der Unternehmen, betrage 27,5% und die Umsatzsteuer 20%. Hinzu komme eine regionale Wertschöpfungsabgabe von 4,25%. Wenn diese Steuersätze nicht nur auf dem Papier stehen, sondern tatsächlich angewandt würden, dürfte es bei der florierenden Wirtschaft keine strukturelle Staatsverschuldung geben. Das Problem in Italien ist doch, dass die Schattenwirtschaft nicht neben der offiziellen Wirtschaft besteht, sondern mafiose Strukturen bis in die Staatsverwaltung hinein reichen und so das rechtsstaatlich einwandfreie Funktionieren des Staates behindern. Außerdem ist es kein Trost, wenn es stimmt, dass die hohe Staatsverschuldung auf Fehlverhalten im vorigen Jahrhundert zurückgeht. Dieser Verweis mutet an wie der unterschwellige Wunsch, dass „Altschulden“ doch endlich erlassen werden müssten.

Die Erwerbsquote, also die Quote der potentiellen Erwerbspersonen liegt bei niedrigen 58%, bedingt durch die geringe Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt. Die Selbständigen Quote beträgt 33% der Erwerbspersonen, in Spanien liegt sie bei 17%, in Deutschland bei 10%. Dies deutet darauf hin, dass es viele „Selbständige“ gibt in prekären Verhältnissen. In Krisenzeiten sind ihre Existenzen direkt bedroht.

Italien ist Nettozahler zum EU Haushalt: Es zahlt 5,1 Milliarden Euro mehr nach Brüssel, als es zurück erhält.

72,4% der Italiener leben in einem eigenen Haus, die Mieten sind sehr hoch: 28% der italienischen Mieter zahlen mehr als 40% ihres Einkommens für Miete.

Gegenwärtig wird Italien von einer Koalition aus der populistischen 5-Sternebewegung und den Sozialdemokraten regiert, ein fragiles Bündnis, da die rechtsradikalen Politiker wie Salvini von der Lega (erst Lega Nord) mit besonders markigen populistischen Parolen Druck machen.

infografik-der FAZ zu Mose, dem Hochwassrschutzwall für Venedig.jpg Premier Guiseppe Conte und sein Kabinett konnten aber nach langer – immer wieder von Skandalen unterbrochener – Bauzeit im Juli 2020 der ersten Erprobung des Hochwasser-Schutzwalls MO.S.E für Venedig beiwohnen. Ein technisches Großprojekt. Wenn es sich bewähren sollte (zumindest so lange, wie der Meeresspiegel durch die Klimaerwärmung nicht weltweit steigt), wäre dies – nach 2000 Jahren – erneut eine technische Meisterleistung. Sie könnte dann Venedig helfen, länger zu überleben. Die drei Öffnungen zur Lagune (im Süden, mittig und im Norden, s. Karte von wikimedia) werden bei 1,10m Hochwasser durch von unten hochfahrende Fluttore verschlossen. Die Inbetriebnahme erfolgte im Oktober 2020, kurz vor Beginn der Hochwassersaison.

Der HDI für Italien liegt 2019 bei 0,863 mit sinkender Tendenz – Ausdruck einer relativ weit verbreiteten Unzufriedenheit? Italien hat die niedrigste Geburtenrate in Europa. Die ökonomische Unsicherheit ist den jungen Paaren einfach zu groß.

Kulinarisch wird Italien weltweit mit Pizza, Olivenöl, Parma Schinken und gesunder Mittelmeerkost in Verbindung gebracht.

Als Opernsänger*in waren Maria Callas und Luciano Pavarotti weltberühmt.

 

3. Reformnotwendigkeiten

  • a. Italien muss den Kampf gegen die Mafia konsequent fortsetzen. Als EU Mitglied ist es zu rechtsstaatlichen Verfahren im Vergaberecht, in der Steuerverwaltung und in der Politik verpflichtet.
  • b. Italien muss die hohe Staatsverschuldung endlich bekämpfen. Nach dem Maastricht Vertrag sind 60% als Höchstgrenze erlaubt. Ein Mittel dazu ist die konsequente Eintreibung von Steuern. Außerdem sind Reformen im Bankensektor dringend erforderlich.
  • c. Die Gelder aus dem EU Wiederaufbaufonds müssen so angelegt werden, dass sie das Gesundheitswesen stärken und ein nachhaltigeres Wirtschaften unterstützen. Der Wiederaufbaufonds hat seinen Sinn nur dann erfüllt, wenn Italien stärker und resilienter aus der Krise hervor geht als es zu deren Beginn war.
  • d. Nach den Regionalwahlen im September 2020 hat die Regierung versprochen, weitere Reformen in Angriff zu nehmen. In einem Referendum haben 70% der Italiener dafür gestimmt, das 2-Kammer Parlament um ein Drittel auf 600 Mitglieder zu verkleinern. Auch sollen die Bezüge der Parlamentarier gekürzt werden.
  • e. Italien muss bürokratische Hürden für die Geschäftstätigkeit insbesondere für start up Unternehmen abbauen. Ein Land mit solcher Geschichte wie Italien sollte trotz der Fehlentwicklungen in Zeiten des Faschismus mit Zuversicht nach vorne blicken.

Kroatien (HR)

Kroatien ist 2013 als bisher letztes Land der EU beigetreten. Es ist das 2. Land des früheren kommunistischen Jugoslawien – Unabhängigkeit 1991 – nach Slowenien, das sich für die europäische Zukunft entschieden hat. Weitere Balkanländer warten darauf. 2009 wurde Kroatien Nato-Mitglied. Kroatien ist heute eine parlamentarische Republik.

1997 hat das unabhängige Europäische Medieninstitut (EIM) im Auftrag der EU Kommission – Phare Programm – die Medien bei den Präsidentschaftswahlen in Kroatien im Juni des Jahres beobachtet und ihre Berichterstattung kritisch bewertet. Der Generaldirektor des EIM. Prof. Dr. Bernd-Peter Lange schreibt in seinem Vorwort des Abschluss-Berichts: „Croatia today is no longer a communist country. And relatively speaking, she is free. But the need for concern – and vigilance – from both democratically-minded people in Croatia and international bodies outside of it, remain high – and not only because her current leader sees General Franco as an admired model to emulate. As media activities (and the lack of them) in these presidential elections show, Croatia is still far from democracy“. Im Bericht des gleichen Instituts aus dem Jahr 2000 – Assessment of the Croatian State Broadcaster HTV – wird der staatlich gesteuerte Rundfunkveranstalter an den Standards des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Westeuropa gemessen. Es wird der Mangel an politischer Unabhängigkeit, der Mangel an rechtlichen Garantien für seine Selbständigkeit und der Mangel an Selbstverwaltung festgestellt.

Damit wird deutlich, wie weit der Weg eines ehemals kommunistischen Landes ist bis zu einer Mitgliedschaft in der EU, da für die EU Demokratie, freie Medien und Rechtsstaatlichkeit konstitutiv sind.

Kroatien liegt auf der Balkan Halbinsel. Es grenzt im Norden an Slowenien und im Osten an Ungarn und Serbien. Außer dem Hauptgebiet hat Kroatien eine langgezogene Küste an der Adria (bekannt als Dalmatien) mit mehr als 1000 Inseln. Das südlichste Gebiet ist das um Dubrovnik. Es ist eine kroatische Exklave, die in einem kurzen Abschnitt ganz im Süden an Montenegro grenzt. Bosnien-Herzegowina, das südlich des Hauptgebietes von Kroatien östlich hinter dem kroatischen Küstenstreifen liegt, unterbricht diesen mit einen kleinen Zugang zur Adria. Die Hauptstadt von Kroatien ist Zagreb. In Kroatien leben 4 Millionen Einwohner, d.h. so viele wie Rheinland-Pfalz. Pro Quadratkilometer zählt Kroatien 74 Personen. Die Kroaten sind zu 86% katholisch und zu 4,4% serbisch-orthodox.

1. Geschichte

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2014, Amphitheater in Pula, Berthold Werner, CC BY-Sa 3.0

Offenbar gibt es den Nachweis von Neandertalern, denn nördlich von Zagreb gibt es ein Neandertal-Museum mit Nachbildungen unserer Vorfahren – ein beliebtes Fotomotiv. Im Altertum gab es frühe griechische Siedlungen im Gebiet des heutigen Kroatiens. 34 vor Christi Geburt verleibte Octavian, der spätere Kaiser Augustus, das Gebiet nach 20 Jahren Krieg dem römischen Herrschaftsgebiet ein. In der Zeit von Kaiser Augustus wurde das heute noch erhaltene Amphitheater in Pula erbaut. Pula liegt an der Spitze, der Kroatien vorgelagerten Halbinsel Istrien. Diese großen römischen Bauten dienten der Bildung des Volkes. Später war Dalmatien Provinz im römischen Reich.

Im 7. bis 9. Jahrhundert begann die Christianisierung im Einflussbereich des oströmischen bzw. byzantinischen Reiches. Zum Ende des 13. Jahrhunderts wurde der Einfluss der römisch-katholischen Kirche stärker.

925 – 1102 bildete sich das kroatische Königreich heraus. Dieses Königreich verteidigte sich erfolgreich gegen einfallende Ungarn. 1102 bis 1526 wurde Kroatien sodann in Personalunion mit dem Königreich Ungarn geführt. Diese Personalunion dauerte mit Ausnahme der Türkenkriege im 16., 17. und frühen 18. Jahrhundert bis 1918 an.

Jahrhunderte lang gab es Kämpfe gegen das Osmanische Reich. Zur Abwehr wurde eine Militärgrenze als ein Gebiet von 50 000 Quadratkilometern und einer Länge von 1850 km gebildet. Es bestand aus Generalaten, Gebieten, in denen Generäle das Sagen hatten: das kroatische 1538-1878, das slawonische 1702-1878, das Banater 1742-1872 und das Siebenbürger Grenzgebiet 1764-1851. Auch orthodoxe Christen wurden hier angesiedelt. Die „Grenzschützer“ erhielten Privilegien.

Nach den Napoleonischen Kriegen fielen Dalmatien, vorher unter der Herrschaft Venedigs, und Istrien an Österreich-Ungarn. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es ein Aufbegehren gegen die zunehmende „Magyarisierungspolitik“ Ungarns, es blieb aber erfolglos.

1918 wurde das vereinigte Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen gegründet, in dem die Serben die (brutale) Vorherrschaft hatten. 1928 wurden im jugoslawischen Parlament mehrere kroatische Politiker, darunter Stepan Radic, der Anführer der kroatischen Fraktion, erschossen. Daraufhin löste Serbiens König Alexander I. das Parlament auf und errichtete, gestützt auf das Militär, eine Königsdiktatur im Königreich Jugoslawien.

Ein Teil der kroatischen Elite floh nach Ungarn und Italien, um von dort für einen großkroatischen Nationalstaat zu kämpfen. In Italien bildete sich mit Unterstützung Mussolinis die faschistische Ustascha-Bewegung. Sie ist 1934 verantwortlich für das tödliche Attentat auf Alexander I. in Marseille.

Am 15. April 1941 im Rahmen des Balkanfeldzuges zog die deutsche Wehrmacht in Zagreb ein. Am 17. April ergab sich das Königreich Jugoslawien, das nunmehr zu einem deutschen Vasallenstaat wurde. Territoriale Veränderungen wurden angeordnet: große Teile von Bosnien-Herzogowina wurden Kroatien zugeschlagen, Dalmatien ging an Italien. Die faschistische Diktatur der Ustascha unter Ante Pavelic´ ließ Hunderttausende Serben und kroatische Antifaschisten, aber auch die kroatischen Juden (geschätzt 40.000) und Roma systematisch verfolgen und ermorden. Das Konzentrationslager Jasenovac wird als Ausschwitz des Balkans bezeichnet. Es gab weitere Lager.

Im Sommer 1941 begann der Aufstand der kroatischen Kommunisten gegen das Ustascha-Regime. Einer der Anführer war Tito. Es gelang diesen „Partisanen“, große Teile des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen. 1945, als das nationalsozialistische deutsche Reich besiegt war, kam es zum Massaker von Bleiburg mit Massenhinrichtungen und Todesmärschen, sozusagen als Rache der Kommunisten an den früheren Unterdrückern. Auch die mit Hilfe der katholischen Kirche und des Vatikans nach Südamerika geflohenen Ustaschas wurden dort verfolgt und umgebracht. (Wikipedia)

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Diego Delso, CC BY-Sa 3.0

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde Kroatien eine von 6 Teilrepubliken des kommunistischen Jugoslawien unter der Führung Titos. 1971 wurde die kroatische Protest- und Reformbewegung niedergeschlagen. Die Serben dominierten Jugoslawien. 1980 starb Tito, der sich außenpolitisch „Block frei“ hielt, also auch auf Distanz ging zu den Kommunisten der Sowjetunion. Die Spannungen innerhalb des „Vielvölkerstaates“ Jugoslawiens nahmen zu. Der Kroate Franjo Tudman, der mit Tito gegen das Ustascha-Regime gekämpft hatte, wurde zum Anführer der kroatischen Unabhängigkeit. Nachdem 1990 ein Mehrparteiensystem zugelassen worden war, gründete er die politische Partei „Kroatische Demokratische Gemeinschaft“ (HDZ). Bei den Wahlen im gleichen Jahr erreichte die HDZ 40% der Stimmen und 67,5% der Parlamentssitze. Tudman wurde zum Staatspräsidenten gewählt. 1991 ergab ein Referendum eine überwältigende Mehrheit für die Unabhängigkeit.

Die von Serben dominierte jugoslawische Volksarmee suchte in einem vierjährigen Krieg die Unabhängigkeitsbestrebungen militärisch zu unterbinden. Auch die UNESCO Welterbestadt Dubrovnik wurde beschossen. 1995 siegten die Kroaten. Beim Abzug der Truppen der Volksarmee wurden militärische Objekte in Kroatien zerstört und strategisch wichtige Zonen vermint (Wikipedia). Unter Tudmans Führung wurde die Ustascha umfassend rehabilitiert.

2. Grunddaten

Die Hälfte der Landfläche Kroatiens wird landwirtschaftlich genutzt. Es werden Zuckerrüben, Kartoffeln, Mais und Weizen angebaut. Im Bereich der Viehhaltung dominieren Rinder-, Schaf- und Schweinezucht. Die Landwirtschaft trägt 2,8% zum BIP bei, der Dienstleistungssektor 59% einschließlich der 20%, die allein der Tourismus ausmacht, und die Industrie kommt auf 20% Anteil am BIP.

Die Wachstumsraten des BIP lagen 2013 bei -0,6%, nach dem EU-Beitritt 2015 bei 2,3%, 2016 bei 3,2% und 2017 bei 2,6%. Die Arbeitslosenrate lag 2007 bei 14,7%, 2017 bei 12,2%. Das BIP pro Kopf kaufkraftbereinigt lag 2006 bei 18.556,- US Dollar pro Jahr, 2018 nach fünf Jahren Mitgliedschaft in der EU bei 26.256,-, d.h. es hat sich in etwas mehr als 10 Jahren um mehr als 33% gesteigert, wie gesagt Kaufkraft bereinigt, also real! Diese Zahlen deuten darauf hin, dass Kroatien von der Zugehörigkeit zur EU enorm profitiert hat. 2018 hat Kroatien als Nettoempfängerland 660 Millionen Euro mehr von der EU überwiesen bekommen als es selber an Mitgliedsbeiträgen gezahlt hat (statista).

Im Juli 2020 wurde Kroatien mit seiner Währung Kuma die Möglichkeit eröffnet, in zwei Jahren dem Euro beizutreten. In diesen 2 Jahren im „Wartezimmer“ des Euro darf der Wechselkurs der Währung nicht mehr stark schwanken. Diese Perspektive zeigt einerseits das Vertrauen der EU-Institutionen in die Reformfortschritte Kroatiens. Sie zeigt andererseits auch die nach wie vor bestehende Attraktivität der gemeinsamen Währung Euro. Wenn Bulgarien und Kroatien in zwei Jahren das Wartezimmer tatsächlich erfolgreich verlassen können, umfasst die Eurozone 21 Mitglieder.

2016 wurde von der kroatischen Regierung der Generaldirektor des – formal so genannten – öffentlich-rechtlichen Rundfunks HRT entlassen und nach Aussage von „Reporter ohne Grenzen“ durch einen regierungstreuen Direktor ersetzt. Wie hieß es am Anfang diesen Artikels: Der Weg zu unabhängigen Medien in einer Demokratie nach EU Standards ist weit ….

Der HDI lag 2017 bei 0,831.

Kroatische Sprichwörter lauten: „Der Gutmütige und der Dumme sind Brüder“, „Beglichene Rechnung, lange Liebe“ und „ein Mensch ist so viel wert, wie die Anzahl der Sprachen, die er spricht“.

Als kroatisches Nationalgericht gilt Cevapcici mit Zwiebelringen und gegrillter Fisch aus der Adria.

Lettland (LV)

eins der vielen Jugendstilhäuser in Riga.jpg Lettland ist das mittlere der drei baltischen Staaten. Es grenzt im Norden an Estland, im Osten an Russland, im Südosten an Weißrussland und im Süden an Litauen. Die Hauptstadt ist die alte und stolze Hansestadt Riga an der Ostsee. Das imposanteste Gebäude der Stadt ist ein in den neunziger Jahren wieder errichtetes Gildehaus, das sog. Schwarzhäupterhaus vom Beginn des 14. Jhdts. Da das im Juni 1941, gleich nach Beginn des Rußlandfeldzuges von Nazi-Deutschland zerstörte Gebäude zigmal im Internet abgebildet ist, zeigen wir hier lieber ein besonders geschmücktes Jugendstilhaus, zumal Riga durch eine Vielzahl beeindruckender Gebäude des Jugendstils hervorsticht.

Lettland ist seit 2004 Nato- und EU Mitglied und ist 2014 der Euro Zone beigetreten. 2019 lag die Bevölkerungszahl bei 1.940.000 mit abnehmender Tendenz. Lettland ist mit 30 Einwohnern auf den Quadratkilometer relativ dünn besiedelt.

 

1. Geschichte

1237 erschloss der deutsche Orden das Land und begründete die deutsche Einwanderung. Jahrhunderte lang stellte die deutsche Oberschicht das Stadtbürgertum und auch die Großgrundbesitzer.

In der Zeit der Reformation wurden die Letten lutherisch. Im 16. Jahrhundert geriet Lettland in die Abhängigkeit des Königreichs Polen-Litauen. Daher sind Teile Lettlands heute katholisch.

Bis ins 18. Jahrhundert war das Baltikum zwischen dem zaristischen Russland, Schweden und Polen umkämpft. In Folge der 3. polnischen Teilung – ein eigenständiges Polen verschwandt von der Landkarte – wurde Lettland 1795 Russland zugeschlagen, (während Westpolen zu Preußen und die südlichen Teile Polens zu Österreich kamen). Die deutschen Balten durften ihre Privilegien aber behalten.

Nach dem 1. Weltkrieg erklärte Lettland am 18.11.1918 die Unabhängigkeit von Russland und konnte diese auch im lettischen Unabhängigkeitskrieg durchsetzen. Es folgte in den 20er Jahren eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte: 1922 wurden 300 kommunale Bibliotheken eröffnet. Am 7.11.1922 gab sich das Land eine eigene Verfassung, die trotz der Fremdherrschaft in den folgenden Jahren bis heute gilt. Lettland organisierte Schulen in 7 Minderheiten-Sprachen, Ausdruck einer großen Toleranz.

Im 2. Weltkrieg wurde Lettland aufgrund des sog. Hitler-Stalin-Pakts 1940 von der kommunistischen Sowjetunion okkupiert und nach manipulierten Wahlen als „sozialistische Republik“ in das imperialistische Reich eingegliedert. Unter dieser Zwangsherrschaft wurden 15 000 Personen in die sibirischen Gulags verschleppt, von denen 40% nicht überlebten. 81% dieser Verschleppten waren christliche Letten und 12% Juden.

Innenhof von Rigas Ghetto.jpg Im Juni 1941 besetzte Nazi-Deutschland das Land. 70 000 lettische Juden wurden in den Wäldern bei Riga ermordet, sowie ca. 20 000 Juden aus dem „Reich“ und den besetzten Gebieten, die oft schon 1941 nach Riga transportiert wurden. Etwa 140 000 Letten waren in SS Verbänden organisiert und waren an deren zahlreichen Kriegsverbrechen beteiligt. Obwohl das Ghetto nicht weit von den riesigen Hallen des großen Zentralmarktes in Riga entfernt liegt, ist es den Menschen dort kaum bekannt. Hinter einer unscheinbaren Mauer liegt dieser Innenhof, der an einer Holzwand eine Tafel mit einigen Gesichtern von Juden und etwas Text enthält, sowie das hier rechts stehende kleine Denkmal aus dunklen Marmor, in das ein jüdischer Chanukka-Leuchter eingraviert ist. Er endet in gläsernen Behältern für Kerzenlicht.

Zum Ende des 2. Weltkrieges wurde Lettland „befreit“ von der Roten Armee und erneut zwangsweise in die kommunistische Sowjetunion eingegliedert. 1944/45 verließen etwa 200.000 oft gut ausgebildete Letten ihre Heimat. Mehr als 170 Schriftsteller zogen nach West-Deutschland. 1949 wurden mehr als 42 000 Letten, zumeist Frauen und Kinder, nach Sibirien verschleppt. In der Folgezeit war Lettland einer aggressiven Russifizierungs – Politik ausgesetzt. Heute sind 35% der in Lettland lebenden Menschen Russen, Weißrussen oder Ukrainer.

1991 nach dem Zerfall der Sowjetunion erlangte Lettland seine Unabhängigkeit wieder (Wikipedia zur lettischen Geschichte).

2. Grunddaten

Das verarbeitende Gewerbe trägt 25% zum BIP bei: Maschinen- und Fahrzeugbau, Omnibusse, Waggons, Fischverarbeitung als Teil der Nahrungsmittelindustrie und Textilindustrie. Über 30% der Exporte sind Holzprodukte.

Lettland verzeichnet seit dem EU Betritt immer höhere Wachstumsraten des BIP als der EU Durchschnitt oder die Eurozone:

Jahr                Lettland                             EU                  Durchschnitt Eurozone

2011                  6,4%                               1,8%                                           1,6%

2012                 4,0%                             -0,4%                                         -0,9%

2013                 2,4%                               0,3%                                        -0,3%

2014                 1,9%                               1,8%                                           1,4%

2015                3,0%                               2,3%                                           2,1%

2016                2,1%                               2,0%                                           2,0%

2017                4,6%                               2,4%                                           2,4%

2018                4,8%                              2,0%                                           1,9%

Der Global Competitiveness Index weist Lettland 2016 auf Platz 49 von 138 Ländern aus, also auf einem hervorragenden vorderen Platz.

2018 betrug das Kaufkraft bereinigte BIP pro Kopf der Bevölkerung 29.912 US Dollar im Jahr.

2016 betrug die Staatsverschuldung 34,3% des BIP, ein sensationell niedriger Wert. Lettland hat auf den Einbruch der Wirtschaft im Zuge der weltweiten Finanzkrise sehr schnell mit drastischen Sparmaßnahmen reagiert und dann von einem niedrigen Niveau aus einen rasanten wirtschaftlichen Aufholprozess mit technologischen Innovationen begonnen. Dazu trägt der hohe Anteil der schnellen Glasfasernetze für das Breitbandinternet bei. Es gibt in den dünn besiedelten Land mehr als 4500 kostenlose Wifi-Hotspots.

Die Energieerzeugung, was die Elektrizität angeht, erfolgt zu 38% aus Wasserkraft. Hinzu kommen zwei Verbrennungskraftwerke nahe Riga, die mit Erdgas befeuert werden.

Die Eisenbahn in Lettland benutzt noch eine andere Spurweite als in Westeuropa, sodass eine Reise z. B. nach Deutschland mit mehreren Umstiegen verbunden ist.

Kulturell zeichnet sich Lettland als sangesfreudig aus: Alle 5 Jahre gibt es in Riga ein großes Liederfest mit hunderten von Chören.

Das Nationalgericht wird als Pultra bezeichnet, eine gekochte Gerstengrütze, kräftig mit Sauerrahm abgeschmeckt. Ein typisches Getränk ist Kwas oder Kwass, ein alkoholfreier Hefedrink, aus Roggenbrot, manchmal auch Malz, und einer speziellen Hefe zubereitet. Überhaupt ist Brot den Letten heilig.

Litauen (LT)

Litauen ist das südlichste der drei baltischen Staaten. Es grenzt im Norden an Lettland, im Osten an Weißrussland, im Südosten an Polen und im Süden an die russische Exklave Kaliningrad, das frühere preußische Königsberg und Masuren. Hauptstadt ist Vilnius. Litauen wurde 2004 Mitglied der EU und der Nato. 2007 trat es dem Schengen Raum bei, wobei ein erleichtertes Einreisen ermöglichte wurde. 2015 erfolgte dann der Beitritt zur Eurozone.

Litauen umfasst 65.286 Quadratkilometer. 2 800 000 Menschen leben in Litauen, 1992 waren es noch 3,7 Millionen. Trotz guter wirtschaftlicher Entwicklung gibt es nach wie vor eine relativ große Auswanderung.

1. Geschichte

Die eigentliche litauische Geschichte beginnt 1253, als sich der Fürst Mindangas vom Pabst in Rom zum König segnen ließ. Dieses litauische Großfürstentum leistete erfolgreich Widerstand gegen den deutschen Orden, der sich in den nördlichen baltischen Staaten, vor allem in Riga und Reval festgesetzt hatte. In der Schlacht von Tannenberg 1410 wurde der deutsche Orden endgültig zurückgeschlagen.

Die Expansionsbestrebungen nach Osten führten 1362 zur Eroberung von Kiew. Damit geriet Litauen in Konkurrenz zu den russischen Fürstentümern, die ähnlich raumgreifend waren. Ab 1386 wurde Litauen Teil der Union Polen-Litauen. Infolgedessen ging Litauen zu Zeiten der Reformation den polnischen Weg und blieb katholisch.

Mit der dritten Teilung Polens zwischen dem zaristischen Russland, Preußen und Österreich fiel Litauen 1795 an Russland. Zwei polnisch-litauische Aufstände 1831 und 1863 wurden von Truppen des Zaren blutig niedergeschlagen.

Im ersten Weltkrieg wurde Litauen von Deutschland 1915 besetzt. Nach Kämpfen gegen die rote Armee und polnische Truppen konnte Litauen 1918 seine Unabhängigkeit erklären. Ab 1919 gilt das aktive und passive Frauenwahlrecht. Die Republik Litauen gab sich 1922 eine Verfassung, in der sie sich zur parlamentarischen Demokratie bekannte. 1926 jedoch putschte Antanas Smetona, der bis 1940 ein diktatorisches Regime ausübte.

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Ännchen von Tharau in Memel, heute Klaipeda, besungen im gleichnamigen Lied von Simon Dach, ein Sehnsuchtslied geflohener Ostpreußen nach dem 2. Weltkrieg

Am 23. März 1939 musste Litauen nach einem Ultimatum das Memel-Land, dessen Zugehörigkeit seit 1918 umstritten war, an Deutschland zurückgeben. Es stand seit 1918 auf Grund des Versailler Vertrages unter französischer Völkerbunds Verwaltung. 1940 wurde Litauen nach dem Hitler-Stalin-Pakt von sowjetischen Truppen besetzt. Von 1941-1944 folgte die Besetzung durch deutsche Truppen. In dieser Zeit wurde ein Großteil der jüdischen Bevölkerung und dorthin Deportierte von SS und Einsatzgruppen ermordet, insgesamt 135 000. (Angaben von Yad Vashem in Israel).

Nach 1944 schloss sich erneut die Okkupation durch die kommunistische Sowjetunion an – „Wiederbegründung der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik“, die bis 1990 andauerte. Auch dies war wieder eine schreckliche Zwangsherrschaft: Der Diktator Stalin ließ 1949 in einer dritten großem Deportationswelle zehntausende „staatsfeindliche Elemente“ nach Sibirien deportieren.

Im Zuge der von Michail Gorbatschow eingeleiteten Perestroika (Umgestaltung), die im Baltikum die „singende“ Revolution auslöste, erklärte sich Litauen als erste Sowjetrepublik zum souveränen Staat. Am 13.1.1991, dem Blutsonntag von Vilnius, versuchten Streitkräfte der Sowjetunion, Spezialkräfte des sowjetischen Innenministeriums des Inlandsgeheimdienstes (OMON) und des KGB – das sind die, die seit August 2020 in Minsk die friedlich und unbewaffnet demonstrierenden Frauen verhaften und brutal foltern – , erfolglos die junge Demokratie mit Panzern buchstäblich niederzuwalzen. 14 jugendliche Demonstranten wurden am Fernsehturm, ihrem Symbol der Freiheit, erschossen und mehr als 1000 verletzt. Hier in Litauen war es mit der Perestroika offenbar nicht weit her … Es wird daher verständlich, wieso die litauische Bevölkerung sich besonders solidarisch zeigt mit den Protesten gegen die gefälschte Präsidentenwahl in Weißrussland und gegen den Diktator Lukaschenko. Für Deutschland ist es vor diesem historischen und aktuellen Hintergrund ein großes Glück, dass die friedliche Revolution 1989 in der früheren DDR nicht mit Gewalt durch die Sowjetunion unterdrückt worden ist wie der Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953, in Ungarn 1956 und in Prag 1968.

2. Grunddaten

Zur Kennzeichnung der Wirtschaftsstruktur des Landes sei erwähnt, dass 32% des BIP durch den Einzelhandel, den Verkehrssektor und das Hotel- und Gaststättengewerbe erwirtschaftet wird. Es folgt die Industrie mit 30%. 14% entfallen auf die öffentliche Verwaltung, den Bildungssektor und das Gesundheits- und Sozialwesen. Die Ausfuhren gehen zu 59% in andere EU Länder, 69% werden von dort importiert.

2018 beliefen sich die Gesamtausgaben der EU in Litauen auf 2,07 Milliarden Euro, was 4,8% der Wirtschaftsleistung des Landes ausmacht. Die Gelder werden für den Straßenbau, die Förderung der Forschung und den Umweltschutz verwandt. Der Gesamtbeitrag Litauens zum EU Haushalt belief sich im gleichen Jahr auf 0,356 Milliarden Euro. Dies entspricht 0,65% der Wirtschaftsleistung. Litauen ist also ein Nettoempfänger Land. Die EU Zahlungen tragen damit zu einem wesentlichen Teil zum Wachstum des BIP bei.

Das BIP pro Kopf Kaufkraft bereinigt lag 1995 bei 6.786,-US Dollar im Jahr, 2007 bei 21.319,- und 2017 bei 32.298,- US Dollar. Berücksichtigt man, dass Litauen wie andere Länder der früheren Sowjetunion den Übergang von einer völlig ineffizienten Planwirtschaft zu einer privatwirtschaftlichen Marktwirtschaft in der Konkurrenz der etablierten Marktwirtschaften des gemeinsamen Marktes der EU zu organisieren und zu verkraften hatte, so sind diese Entwicklungen als hervorragend einzustufen. Die Arbeitslosigkeit lag 2017 bei 7,1% und die Staatsverschuldung bei sensationell niedrigen 37%. Litauen ist also sehr gut in den gemeinsamen Markt der EU integriert und hat enorm von der Mitgliedschaft in der EU profitiert.

Im Jahre 2000 wurde der Strom in Litauen zu 75% aus Kernkraft gewonnen. 2009 ging der letzte Meiler – baugleich mit den Reaktoren von Tschernobyl – vom Netz, so wie es die EU im Beitrittsvertrag verlangt hatte. Der Ersatz sind Gas- und Schweröl Kraftwerke. Dies hat zur verstärkten Abhängigkeit Litauens von der Lieferung fossiler Brennstoffe aus Russland geführt.

Der HDI beläuft sich auf 0,869 – „very high human development“ -. Litauen nimmt damit den 34. Platz auf der Liste von 189 Ländern ein.

Die Dünen der Kurischen Nehrung gehören zum UNESCO Welt Natur Erbe. Thomas Mann hatte dort früher ein Sommerhaus, das heute von den Litauern in Ehren gehalten wird. Bernstein vom Ostseestrand ist ein beliebtes Mitbringsel einer Reise.

Musik ist in Litauen ein hervorragender Teil von Kunst und Kultur. Basketball ist Nationalsport.

Das Nationalgericht heißt Cepelinai, Kartoffelklöße mit Hackfleisch oder Quark gefüllt.

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Unter- und Oberstadt, die Kasematten im Hintergrund, der Kirchberg mit dem Europa-Zentrum rechts oben

Luxemburg (LU)

Luxemburg ist eins der wenigen Länder der EU, die keinen natürlichen Zugang zu einem der Meere hat, die Europa umspülen. Es grenzt an Belgien, Frankreich und Deutschland. Es ist als Großherzogtum eine parlamentarische Monarchie. Die Hauptstadt mit der auf und an dem Bockfelsen gelegenen, befestigten Altstadt heißt wie das Land. 2019 hatte Luxemburg 630 000 Einwohner, davon 48% Ausländer. Luxemburg liegt geographisch fast und politisch ganz im Zentrum der EU neben Brüssel. Hier ist der Sitz des Europäischen Gerichtshofes – EUGH – und auf dem Kirchberg sind die Gebäude, die die Büros der Europa Abgeordneten beherbergen, hier ist der Sitz des Europäischen Rechnungshofes. Luxemburg gehört zu den Gründungsmitgliedern der EU, u.a. wegen seiner Kohle- und Stahlproduktion. Es ist von Anfang an Mitglied in der Euro Zone.

1. Geschichte

Vorab sei bemerkt, dass die häufigen Wechsel des Landes von einer Herrschaft zur anderen, z. B. vom Habsburger Reich zu Frankreich und umgekehrt mit „herrschaftlichen“ Heiraten zusammenhängen und mit Machtverschiebungen, meist nach Kriegen. Die einfache Bevölkerung hatte nichts zu sagen. Sie war Objekt der „hohen“ Politik der Fürstenhäuser.

Aus dem 2. Jahrhundert vor Christi Geburt finden sich Siedlungsspuren der Kelten. In der Zeit von 58-51 vor Christi Geburt gliederte Gaius Julius Caesar im Gallischen Krieg das Gebiet Luxemburgs in das Imperium Romanum ein. Im 5. Jahrhundert drängten germanische Franken die Römer zurück. Der angelsächsische Wandermönch und Missionar Willibrod gründete das Kloster Echternach. Echternach ist bekannt wegen der Springprozession: 2 Schritte vor, einen zurück bzw. zur Seite.

963 datiert den Beginn der Grafschaft Luxemburg innerhalb des fränkischen Reiches. 1308 wird Graf Heinrich von Luxemburg zum römisch-deutschen König gewählt als Vorstufe zur Krönung zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. 1477 erfolgt die Eingliederung in die römisch-deutsche Herrschaft der Habsburger und die Verbindung mit den nördlichen und südlichen Niederlanden.

Ab 1659 gehörte Luxemburg zunächst teilweise und später ganz zu Frankreich. 1713 im spanischen Erbfolgekrieg wird Luxemburg den österreichischen Niederlande zugeschlagen und kommt dadurch erneut unter habsburgische Herrschaft. 1814 wird es dann wieder französisch, um dann 1815 nach den Regelungen des Wiener Kongresses ein Bundesstaat im deutschen Bund zu werden, wobei einige Gebiete Luxemburgs den Niederlanden zugeschlagen werden.

Die Luxemburgkrise von 1867 bedeutet, dass Napoleon III. von Frankreich versucht, Luxemburg von König Wilhelm III. der Niederlande zu kaufen. Es kommt zu einer Protestbewegung der Bevölkerung unter dem Slogan: „Mer welle blewe wat mir sinn“. In der zweiten Londoner Konferenz im gleichen Jahr wird Luxemburg „für immer“ als neutral erklärt und die Festung des deutschen Bundes in der Stadt geschleift. Nach dem Tode Wilhelms III. der Niederlande erhält Luxemburg die volle Selbständigkeit.

Im 1. Weltkrieg verletzen die deutschen Truppen die Neutralität Luxemburgs auf dem Durchmarsch gegen Frankreich. Die überarbeitete Verfassung von 1919 gewährt auch den Frauen das Wahlrecht. 1922 wird die „Union Économique Belgo Luxembourgoise etabliert. Sie regelt u.a. die Parität der Währungen, als das Austauschverhältnis zwischen belgischem Franken und Luxemburger Franc.

Der auch in Luxemburg verbreitete Antisemitismus führt 1936 zu verschärften Einreisebestimmungen für jüdische Flüchtlinge aus dem nationalsozialistisch beherrschten Deutschland. Die Nürnberger Gesetze von 1935 waren in Luxemburg übernommen worden. Dies bedeutete u.a., dass Deutschen, die in Luxemburg lebten, eine Ehe mit jüdischen Frauen verboten wurde.

Im Mai 1940 wurde Luxemburg von deutschen Truppen besetzt. Die Regierung und die Großherzogin flohen ins Exil nach London. 1400 jüdische Bürger wurden auch unter Mithilfe der luxemburgischen Verwaltung in deutsche Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Dies entspricht 33% der Juden, die in Luxemburg lebten. 2015 gab es eine offizielle Entschuldigung Luxemburgs für die Kollaboration der luxemburgischen Verwaltung.

Am 19. September 1944 wurde Luxemburg von US amerikanischen Truppen erstmals befreit. Es folgte jedoch die deutsche Ardennen Offensive, obwohl der Krieg längst verloren war. Sie blieb erfolglos, aber forderte erneut viele Opfer auf beiden Seiten. Im Januar 1945 war Luxemburg dann endgültig befreit. Auch vor den Toren der Stadt Luxemburg liegen zwei große Soldatenfriedhöfe, der eine für die amerikanischen Soldaten, der andere etwas abseits für die deutschen.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Währungsunion auf die Niederlande ausgedehnt: BeNeLux. Luxemburg Stadt wurde 1952 Sitz der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Auf dem Kirchberg ist ein richtiges Europa Viertel entstanden: Sitz des EUGH, Sitz des Europäischen Rechnungshofes, Sitz der Europäischen Investitionsbank und Verwaltungsgebäude mit den Büros der Abgeordneten des Europäischen Parlament. 1985 wurde im luxemburgischen Ort Schengen das Abkommen über die Reisefreiheit ohne Passkontrolle abgeschlossen. 1986 wurde der Karlspreis an das gesamte luxemburgische Volk verliehen wegen der Verdienste um die europäische Einigung (Angaben von Wikipedia).

2. Grunddaten

Luxemburg ist das reichste Land der EU: 2017 betrug das BIP Kaufkraft bereinigt 106.376,- US Dollar, mehr als dreimal so viel wie der EU Durchschnitt und mehr als zwölfmal so viel wie im ärmsten EU Land Bulgarien. Dabei muss man berücksichtigen, dass täglich viele Arbeitnehmer nach Luxemburg hinein pendeln und durch ihre Arbeit das Sozialprodukt wesentlich erhöhen. Die Staatsverschuldung lag 2018 bei 22,7%, also noch niedriger als bei den sensationell niedrigen Verschuldungen in Lettland und Litauen, aber höher als beim 3. Baltischen Staat, Estland, wo sie mit unter 10 unerreicht bleibt.

Philharmonie auf dem Kirchberg und Baustell als Symbol, dass Europa wächst.jpg

Philharmonie, dahinter das Convention Center und im Vordergrund eine Baustelle als Symbol für weiter große Bautätigkeit im Europa-Zentrum

Die Wirtschaftsstruktur wird dominiert durch den Dienstleistungssektor und innerhalb diesem durch den Finanzsektor. 2018 trug dieser Sektor 26,5% zum BIP Luxemburgs bei. Begünstigt wurde dieser Sektor durch vorteilhafte Rahmenbedingungen, eine internationale Ausrichtung und attraktive Steuersätze. Tochtergesellschaften von Banken aus 35 Ländern sind hier ansässig, besonders aus Deutschland. Es geht vorrangig um die Verwaltung von Fonds. 2011 galt Luxemburg noch als Steueroase gleich hinter den Cayman Islands. 2014 deckten 80 Journalisten aus 26 Ländern die Steuervermeidungsmodelle globaler Konzerne in Luxemburg auf: Luxemburg Leaks.

 

Die Immobilienverwaltung, die Vermietung und die Dienstleistungen für Unternehmen machen 19% des BIP aus. Handel, Gastgewerbe, Transport und Nachrichten-Übermittlung tragen 24,3% zum BIP bei. Der Fernsehsender RTL begann von Luxemburg aus mit der Ausstrahlung privatwirtschaftlicher, werbungsfinanzierter Programme des Fernsehens auch über Satelliten nach Deutschland. Die Schwerindustrie mit Kohle und Stahl, die früher sehr bedeutsam war, spielt heute keine große Rolle mehr.

Der HDI lag 2016 in Luxemburg bei 0,897. Kulinarisch wird als Nationalgericht „Carré de porc fumé“, angegeben, Schweinefleisch mit dicken Bohnen oder Sauerkraut. Luxemburg gewann fünfmal den Eurovision Song Contest, u.a. 1972 mit Vicky Leandros mit Après toi.

 

Malta (MT)

Blick von La Valetta auf The_three_Cities, AFR66, CCO.JPG

Blick von der Hauptinsel auf die drei anderen Städte, AFR66, CCO

Malta sind drei Inseln im Mittelmeer zwischen Sizilien und Nordafrika, die kleineren Comina und Gozo und die Hauptinsel Malta mit der Hauptstadt La Valetta. Als der Meeresspiegel des Mittelmeeres ganz früher niedriger war, gab es offenbar eine Landverbindung nach Sizilien. Die Spuren von Zwergelefanten auf beiden Inseln sind identisch.

2019 hatte Malta 515.000 Einwohner, 1371 auf dem Quadratkilometer. Malta ist damit das kleinste und am dichtesten besiedelte Land der EU.

Malta trat 2004 der EU bei und 2008 der Eurozone.

1. Geschichte

Aus der Jungsteinzeit datiert das Hypogäum, eine unterirdische Tempelanlage mit Grabkammern – ca. 4000 Jahre vor Christi Geburt.

Wie viele andere Staaten der EU durchlebte, um nicht zu sagen durchlitt Malta einen ständigen Wechsel von Fremdherrschaft.

Ab 800 vor Christi ist die Phönizische Herrschaft, die Herrschaft von Händlern rund ums Mittelmeer, nachweisbar. Ab 217 vor Christus befand sich Malta unter römischer Herrschaft. Die Inseln leiden unter Trinkwasserknappheit. Aus der Römerzeit gibt es noch die Reste eines imposanten Viadukts als Wasserleitung.

395 nach Christus beginnt die oströmisch-byzantinische Macht sich auf Malta zu etablieren. 870 wird Malta durch Araber aus Nordafrika erobert. Es beginnt die Islamisierung. Nach einer Volkszählung aus dieser Zeit lebten 6.339 christliche und 14.972 muslimische Familien auf Malta.

Nach 1091 „übernahmen“ die Normannen, die „Skandinavier des Mittelalters“ die Herrschaft. 1240 wurden die Muslime auf Malta vom Staufer König Friedrich II., der auf Sizilien residierte, vertrieben bzw. sie traten zum Christentum über. In der Folgezeit war Malta Teil der Stauferherrschaft über Sizilien.

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Bild des Hafens, Hajotthu, CC BY-SA 3.0

1530 gehörten die maltesischen Inseln mit Aragonien und Kastilien, nachdem auch dort die Muslime vertrieben worden waren, zur Habsburger Herrschaft über Spanien. Kaiser Karl V. übergab Malta dem Johanniterorden zum Lehen – „Orden des heiligen Johannis zu Jerusalem, zu Rhodos und Malta“, später Malteserorden genannt. Die Befestigungen der Häfen wurden verstärkt insbesondere gegen osmanische Angriffe. 1565/66 kam es dann zur „Großen Belagerung„. Der osmanische Sultan Süleyman, genannt der Prächtige trieb seine

Expansionspläne bis vor die Tore Wiens und wollte nun auch Malta erobern. Doch die Festungsstadt La Valetta, benannt nach dem Großmeister Jean Parisot la Valetta hielt stand. Von den 40 000 Soldaten auf osmanischer Seite wurden 24 000 getötet und 10 000 verwundet. Auf maltesischer Seite starben von den 17 350 Mann etwa 10 000 und 1 300 wurden verwundet. Ernie Bradford schrieb das Buch „The Great Siege, Malta 1565“, wobei die deutsche Ausgabe interessanter Weise den Titel trägt: „Der Schild Europas, der Kampf der Malteserritter gegen die Türken 1565″.

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1798 kämpften französische Revolutionstruppen unter Napoleon gegen die Ritter des Ordens. Nach Napoleons Niederlagen wird Malta 1814 britische Kronkolonie.

Im 2. Weltkrieg war Malta als „unversenkbarer Flugzeugträger“ eine britische Basis zur Bekämpfung des Nachschubs deutscher Truppen in Nordafrika.

2. Grunddaten

Der Tourismus trägt 40% zum BIP Maltas bei, macht die Wirtschaft wie jetzt in der Corona Pandemie besonders Krisen anfällig. Die Wirtschaftsstruktur ist ansonsten von Landwirtschaft und Fischerei geprägt. Malta kann aber nur 20% des Nahrungsmittelbedarfs aus eigener Produktion decken.

Größter Arbeitgeber Maltas sind die „Malta Drydocks“, die zweitgrößte Werft Europas.

Der Sektor der Finanzdienstleistungen trägt zu 11% zum BIP bei. Mit niedrigen Steuersätzen sollen europäische Unternehmen angelockt werden. 55 deutsche Unternehmen produzieren in Malta für den Export, darunter Playmobil.

Die Arbeitslosenquote lag 2018 bei 3,9%, die der Jugendarbeitslosigkeit bei 10%. Die Staatsverschuldung wurde 2015 mit 60% ausgewiesen.

2018 betrug das BIP Maltas pro Kopf Kaufkraft bereinigt 45.165,- US Dollar, mehr als der EU Durchschnitt, und dies sind nur die offiziellen Zahlen – ohne Berücksichtigung der Einnahmen aus der Schattenwirtschaft, die als recht groß eingeschätzt wird.

Der HDI lag 2017 bei 0,878 – offenbar fühlen sich die Malteser in ihrem Land mit all seinen Fehlentwicklungen wohl.

93% der Bevölkerung sind katholisch. Laut der maltesischen Verfassung ist der Katholizismus Staatsreligion.

2017 wurde die investigative Journalistin Daphne Caruna Galicia durch eine unter ihrem Auto versteckte Bombe ermordet. Sie war dabei, die Korruption bis in höchste Regierungskrise aufzudecken. Sie hatte herausgefunden, dass ein enger Mitarbeiter des Ministerpräsidenten sowie ein Minister in Panama Unternehmen unterhielten, von denen sie Geldüberweisungen erhielten. Der Ministerpräsident Joseph Muscat, als mutmaßlicher Mitwisser musste, wenn auch spät, zurücktreten. Seine Partei aber regiert weiter. Die Strafverfahren gegen die Hintermänner des Mordes sind immer noch nicht abgeschlossen. Mehr als 2 Jahre nach dem Mord wurde der Unternehmer Yorgen Fenech, Millionär, als Auftraggeber des Mordes angeklagt. Er versucht, den Mord als im Sinne des Stabchefs von J. Muscat darzustellen. Es geht auch um Korruption im Zusammenhang mit dem Baus eines Gaskraftwerkes. Laut dem Demokratie Index gilt Malta als unvollständige Demokratie. Das 2020 von der EU veröffentliche Justizbarometer weist aus, dass auf Malta Gerichtsverfahren zu Geldwäsche Vorwürfen im Jahre 2018 ganze 2 300 Tage dauern, das sind 6,3 Jahre!

Die EU verlangt von Malta die Aufklärung des Mordes an Daphne Caruna Galicia, Angaben zur konkreten Bekämpfung der Korruption, der Geldwäsche und der Vergabe von EU-Pässen an EU Ausländer. Diese „Golden Visa Praxis“, dass Ausländer, die nicht mal einen Wohnsitz in Malta haben müssen, gegen die Zusage hoher Investitionen in Malta Pässe erhalten, mit denen sie sich frei in der gesamten EU bewegen können, wird nun spruchreif. Nach Angaben von Transparency International hat Malta zwischen 2014 und 2017 offenbar 2027 solcher Pässe illegal ausgestellt, darunter auch für vermögende russische Geschäftsleute.

Der Rechtsstaatsbericht 2020 der EU sagt zu Malta: „Die beiden wichtigsten im Parlament politischen vertretenen Parteien besitzen, kontrollieren oder leiten faktisch mehrere maltesische Medienunternehmen und Rundfunkanstalten.“ Daraus folgt, dass die politische Unabhängigkeit der Medien hochgradig gefährdet ist.

Der EUGH hat am 21.Juni 2018 in Anwendung der EU Vogelschutzrichtlinie den traditionellen Fang von Finken in Malta für illegal erklärt. 4000 Fänger, die mit Netzen oder Fangkäfigen arbeiten, verkaufen die Vögel EU weit. Es ist Aufgabe der Regierung in Malta, dieses Verbot durchzusetzen. 2020 wird gemeldet, dass der Vogelfang auf Malta so verbreitet sei wie nie zuvor! Offenbar haben wir besonders in Malta ein Problem der Durchsetzung von EU Recht!

 

Niederlande (NL)

Friedenspalast in Den_Haag, 1913 fertiggestellt im Neoklassischen Stil, aufgrund der vielen Friedensinitiativen , Dierk Schaefer, CC BY 2.0.jpg

Den Haag, Friedenspalast, 1913 fertiggestellt im Neorenaissance Stil, weil es so viele Initiativen für Frieden gab! Auch Sitz des Ständigen Schieds-Hofes und der Akademie für Völkerrecht, Dierk Schaefer, CC BY 2.0

Die Niederlande sind eine konstitutionelle Monarchie an der Nordsee. Das Land grenzt an Deutschland und Belgien. Zu den Niederlanden gehören die niederländischen Antillen und Aruba in der Karibik. Die Niederlande haben 17,3 Millionen Einwohner, fast so viele wie Nordrhein-Westfalen. Mit 413 pro Quadratkilometer gehören sie zu den am dichtesten besiedelten Ländern Europas. Regierungssitz ist Den Haag wo auch der Internationale Strafgerichtshof angesiedelt ist. Die Niederlande gehören zur Nato und zu den Gründungsmitgliedern der Gemeinschaft für Kohle und Stahl und von EURATOM, den Vorläufern der EU. Und sie gehören zur Eurozone. Sie bilden mit Belgien und Luxemburg die BeNeLux-Länder, sozusagen eine Ländereinheit innerhalb der EU. Der Wahlspruch des Landes lautet: „Je maintiendrai“ – Ich werde Stand halten. Dies bezieht sich sowohl auf die lange Fremdherrschaft durch Spanien, auf die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg als auch auf die Nordsee, denn ca. die Hälfte des Landes liegt unterhalb des Meeresspiegels. Das Land wird durch aufwendige Deiche und Sperranlagen geschützt.

1. Geschichte

Nachdem das weströmische Reich 476 untergegangen war, gehörten die niederen Lande vom 5. – 9. Jahrhundert zunächst zum Frankenreich, das das römische Gallien und rechtsrheinische germanische Siedlungsgebiete umfasste. Das Frankenreich war für Europa die historisch wichtigste Reichsbildung nach der Antike und hatte seine Blütezeit unter Karl dem Großen. Nach der Aufteilung dieses Reiches im Vertrag von Verdun kamen die Niederlande oder auch Friesland genannt zum Mittelreich Lotharingen, das von der Nordsee bis nach Norditalien reichte. Im darauf folgenden Vertrag von Meerssen von 870 wurden die Niederlande dem Ostfrankenreich unter Ludwig dem Deutschen zugeschanzt. Dieses Land war die Keimzelle des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation.

In diesem Reich wurden die Niederlande unter Kaiser Karl V., der auch gleichzeitig spanischer König war, in 17 Provinzen aufgeteilt. Ab 1566 kam es zu einer Serie von Aufständen, die sowohl religiöse Gründe – ein Teil der Niederländer hatte sich dem protestantischen Calvinismus angeschlossen – als auch wirtschaftliche und politische Ursachen hatten – die spanischen Herrscher versuchten gewährte Freiheiten wieder rückgängig zu machen. Der Nachfolger von Karl V., Phillip II. verschärfte die Inquisition und schickte Herzog Alba zur Unterdrückung der Aufstände. Wilhelm von Oranien organisierte den Widerstand vor Ort ab 1572 und versuchte – jedoch vergeblich – die spanisch treuen Katholiken und die Calvinisten zur friedlichen Koexistenz zu bewegen.

1579 schlossen sich die calvinistischen Provinzen Holland, Zeeland und Utrecht zu einem eigenen Verteidigungsbündnis zusammen, der Utrechter Union. Dieser Vertrag wird als Gründungsurkunde der Republik Vereinigte Niederlande angesehen. 1581 erfolgte die Erklärung der Unabhängigkeit von Spanien: ein von Gott inthronisierter König, so war damals das Selbstverständnis der Herrscher, wird als abgesetzt erklärt! Da diese „unerhörte“ Tatsache nicht akzeptiert wurde, kam es zu einem 80-jährigen Unabhängigkeits-Krieg. Erst 1648 im westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück wurde die niederländische Unabhängigkeit – auch von anderen Mächten inklusive Spanien – als Teil der Habsburger Herrschaft, anerkannt. Die südlichen Niederlande, das heutige Belgien, blieb – weil treu katholisch – bei Spanien und so kam es zu einer Trennung.

Die sieben vereinigten Provinzen der Republik der Niederlande erlebten ihr „Goldenes Zeitalter“ als sie Ende des 17. Jahrhunderts zur größten Wirtschaftsmacht ihrer Zeit aufstiegen. Sie errichteten Handelsposten auf der ganzen Welt: Sie gründeten in Nordamerika New Amsterdam, das heutige New York. Sie gründeten in Asien das Kolonialreich Niederländisch-Indien, das heutige Indonesien. Im Nordosten Südamerikas gründeten sie die Kolonie Suriname. Zum Goldenen Zeitalter gehören so weltberühmte Maler wie Rembrandt und Vermeer. Zum Goldenen Zeitalter gehört aber auch die maßgebliche Beteiligung am Sklavenhandel in einer Kreislaufwirtschaft: Diese bildete ein Dreieck zwischen „Schwarzafrika“, Europa und Nordamerika bzw. der Karibik. Sklavenhändler aus England aber auch aus den Niederlanden kauften Sklaven in Afrika, brachten sie per Schiff nach Amerika. Dort verkauften sie die Menschen für ein Vielfaches des „Einstandspreises“. Mit dem Erlös erwarben sie Produkte von dort wie z.B. die von den „Sklaven“ geerntete Baumwolle. Diese verkauften sie dann in ihren europäischen Heimatländern. Dieses florierende Geschäft dauerte bis zur Abschaffung der Sklaverei in den USA 1876, also ungefähr 200 Jahre lang.

1806 verleibte Kaiser Napoleon – er hatte sich selber zum Kaiser gekrönt – die Niederlande in das französische Reich ein, doch schon 1813 wurden sie wieder unabhängig. Wilhelm I. aus dem Hause Oranien-Nassau wurde König. Auf dem Wiener Kongress wurden die südlichen Niederlande, das heutige Belgien, dem Königreich hinzugefügt, um im Norden Frankreichs einen starken Pufferstaat zu etablieren – so wurde früher Geopolitik betrieben ohne Beteiligung der hin- und her geschobenen Bevölkerung. Die Verfassung von damals ist auch heute noch in Kraft, freilich mit einer Reihe von Änderungen, wie z.B. der Einführung der Ministerverantwortung dem Parlament gegenüber im Jahre 1848.

Im 1. Weltkrieg verhielten sich die Niederlande neutral und nahmen viele Flüchtlinge aus dem von Deutschland besetzten Belgien auf. 1918 floh der letzte deutsche Kaisen Wilhelm II. ins Exil in die Niederlande. Im 2. Weltkrieg wurden die Niederlande 1940von deutschen Truppen besetzt nach verheerendem Bombardement von Rotterdam. Adolf Hitler im Wahn seines Strebens nach Weltherrschaft hatte es auf die Flughäfen der Niederlande abgesehen, von denen aus die deutsche Wehrmacht die Angriffe auf Großbritannien starten sollte.

Von den 160 000 jüdischen Holländern und den 20 000 jüdischen Flüchtlingen überlebten nur ca. 30 000 den 2. Weltkrieg. Mit anderen Worten: 150 000 jüdische Menschen wurden von Deutschen ermordet. Dies Schicksale der brutalen Verfolgung und Auslöschung findet sich personifiziert im Leidensweg der Anne Frank: Geboren 1929 in Frankfurt am Main, floh sie 1934 mit Eltern und Schwester nach Amsterdam. Nachdem die deutsche Wehrmacht die Niederlande besetzt hatten, lebte sie mit anderen Verfolgten in einem Versteck hinter dem Geschäft ihres Vaters, der es an einen Mittelsmann übergeben hatte. Es ist offenbar bis heute nicht geklärt, wie dieses Versteck von der Gestapo entdeckt wurde: War es Verrat, war es eine „Entdeckung“ von Kopfgeldjägern? Jedenfalls wurde die Familie am 4.8.1944 verhaftet und über das Durchgangslager Westerbork auf einen Eisenbahntransport in verplombten Viehwagons ins Vernichtungslager Ausschwitz geschickt. Die Deportierten mussten für diese in jeder Hinsicht unfreiwillige Fahrt selbst auch noch bezahlen, nämlich 4 Pfennig pro Kilometer, Kinder die Hälfte. Die Reichsbahn kassierte diese „Gebühren“ beim Reichsicherheitshauptamt, das sich das Geld von den Betroffenen zwangsweise holte (Spiegel. online vom 2.11.2020: „Nur wer zahlt, meint es ernst“, ein Shoa-Überlebender aus Amsterdam fordert von der Deutschen Bahn Entschädigungen). Als sich sowjetische Truppen Ausschwitz näherten, wurden Frauen von dort in das Konzentrationslager Bergen-Belsen verfrachtet. Anne Frank erkrankte wegen der unsäglichen hygienischen Verhältnissen im Lager an Fleckfieber und verstarb dort wenige Wochen vor der Befreiung von Bergen-Belsen durch englische Truppen. „Ein schönes Volk, die Deutschen, und da gehöre ich eigentlich auch noch dazu! Aber nein, Hitler hat uns längst staatenlos gemacht. Und im Übrigen gibt es keine größere Feindschaft auf dieser Welt als zwischen Deutschen und Juden“ (Eintrag im Tagebuch der Anne Frank am 9. 10. 1942).

Am 11. 1. 1942 begann die japanische Invasion in Niederländisch-Indien. Am 1.3.42 kapitulierten die Niederlande. Nach längeren Auseinandersetzungen wurde Indonesien in die Unabhängigkeit entlassen.

2. Grunddaten

Das BIP in den Niederlanden beträgt kaufkraftbereinigt 59 693,-US Dollar. Dieser Wert liegt weit oberhalb des Durchschnittswertes der EU. 1,2% der Arbeitskräfte arbeiten in der Landwirtschaft, die hoch technisiert ist. Die Landwirtschaft produziert Gemüse, Früchte und Schnittblumen, besonders Tulpen. Die Milchviehhaltung ist die Voraussetzung für den weltweit bekannten holländischen Käse. 17,2% der Arbeitskräfte arbeiten in der Industrie. Nach dem 2. Weltkrieg wuchsen die Niederlande zu einer der 10 größten Wirtschaftsmächte der Welt heran und das bei einer relativ kleinen Bevölkerung. Zur Industrie gehören international agierende Konzerne wie Royal Dutch Shell, Unilever und Phillips und die Raffinerien im Rotterdamer Hafen, dem größten Hafen in der Europäischen Union: 5 Ölraffinerien, 5 Pflanzenölraffinerien und 45 Chemieunternehmen. 81,6% der Beschäftigten entfallen auf den Dienstleistungssektor. 46% der Beschäftigten sind Frauen, ein sehr hoher Anteil an der Erwerbsbevölkerung. 2015 waren die Niederlande der 5. größte Exporteur weltweit. 2018 lag die Arbeitslosigkeit bei 3,9%, deutlich unter dem EU Durchschnitt.

Der Global Competitiveness Index weist 2017/18 der Wirtschaft der Niederlande einen hervorragenden Platz 4 unter 137 Ländern zu. In Bezug auf den Index für wirtschaftliche Freiheit erreichen die Niederlande 2017 den Platz 15 von 180 Ländern.

Gesellschaftlich kann man sagen, dass sich die Niederlande von einer Nation des sittenstrengen Calvinismus zum Vorreiter des Liberalismus und des Pluralismus entwickelt haben. Dabei spielt die Konsenskultur im Verhältnis von Arbeitgebern zu Arbeitnehmern und von Regierung zur Opposition eine wichtige Rolle.

Angesichts von Morden, – zum einen durch einen Umweltschutzaktivisten an dem Politiker der rechtspopulistischen LPF Pim Fortyn: „Wählt mich, dann dürft ihr Pelzmäntel tragen“ – zum anderen an dem islamkritischen Regisseur und beißenden Satiriker Theo van Gogh durch einen Amsterdamer marokkanischer Herkunft – entwickelte sich die niederländische Gesellschaft im politischen Spektrum nach rechts. Trotzdem lag der HDI 2018 bei hohen 0,931.

Am 1. Juni 2005 lehnten die Niederländer in einer Volkabstimmung den Vertrag über eine Europäische Verfassung ab. Diese wurde in leicht abgewandelter Form später als Lissabon Vertrag angenommen. Im Sommer 2020, als es um die Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen der Corona Pandemie ging, gehörte die niederländische Regierung zu den „sparsamen Vier“, die ursprünglich nur günstige Kredite an die am schwersten betroffenen Länder vergeben wollten. Nach langen Verhandlungen stimmte sie doch der Vergabe nicht rückzahlbarer Zuschüsse in Höhe von 390 Milliarden Euro zu.

Kulinarisch steht in den Niederlanden Stampot, ein Eintopf mit gestampften Kartoffeln und verschieden Gemüsen weit vorne, aber auch die Erwtensoep. Es gibt in den Niederlanden viele Biersorten. Bekannt ist der Eierlikör in der Form des Advokat.

Das Gemälde „die Nachtwache“ von Rembrandt im Reichsmuseum in Amsterdam muss nicht extra gezeigt werden, auch nicht die Sonnenblumen von van Gogh, dann schon eher der extravagante Neubau des Museums in Groningen, hier in zwei Bildern, 1993 fertig gestellt. Der blaue Komplex scheint hinter der Brücke an den vorderen anzuschließen.

Groninger_Museum_2, Ra-smit, CC BY-SA 3.0.jpg Groninger-museum, Andre Engels, CC BY 1.0.jpg

Ra-smit, CC BY-SA 3.0                                                                                                                                        Andre Engels, CC BY 1.0

 

Österreich (AT)

Österreich – Austria gleich Ostland – ist eine Alpenrepublik ohne Zugang zu einem der vielen Meere, die die EU umspülen. Nachbarn sind im Norden Deutschland und die Tschechische Republik, im Osten die Slowakei und Ungarn, im Süden Slowenien und Italien und im Westen die Schweiz und Lichtenstein. Österreich hat 8,9 Millionen Einwohner, 106 im Schnitt auf dem Quadratkilometer. Die Hauptstadt ist Wien, gleichzeitig neben New York, Genf und Nairobi mit der Uno-City Amtssitz der Vereinten Nationen.

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MatthiasKabel, CC BY-Sa 3.0

1. Geschichte

Aus der jung paläolithischen Zeit stammt die Figur der Venus von Willendorf, eine der ältesten Plastiken der Welt. Die Mumie des berühmten Gletschermannes Ötzi wird auf die Jungsteinzeit datiert. In der Bronzezeit beginnt der systematische Abbau von Salz u.a. in Hallstadt.

Die Kelten gründeten auf dem Gebiet des heutigen Österreichs ein erstes Staatsgebilde, das Königreich Noricum. Seit 15 vor Christi Geburt war das Gebiet dann römische Provinz. Im 2. nachchristlichen Jahrhundert wurde das Christentum ausgebreitet. Im Zuge des Niedergangs des römischen Reiches kam es im Zuge der Völkerwanderung zur Besiedlung durch Bajuwaren und Alemannen, im Osten u.a. durch Slawen.

Ab 700 gehörte das Gebiet zum Frankenreich des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen. Im späten 8. Jahrhundert war es Stammesherzogtum im Reich Karl des Großen. 976 wurde die „Markgrafschaft Österreich“ unabhängig von Bayern und damit ein eigenständiges Territorium im Heiligen Römischen Reich. Ab 1282 waren die Habsburger die Landesherren und dehnten ihre Herrschaft als Erzherzogtum Österreich aus. Ab 1438 hatten sie fast immer die Kaiserwürde inne und waren daher vorherrschend im Reich.

Vom späten 15. Jahrhundert bis 1690 war Österreich ständigen Angriffen durch das Osmanische Reich, von Ungarn westwärts vordringend, ausgesetzt. Die Türken kamen in den Sommermonaten, verpflegten sich plündernd aus dem Durchzugsgebiet und kehrten im Herbst in ihr Gebiet zurück. 1683 befehligte der Großvisier Kara Mustafa ein zweites großes Belagerungsheer von 120 000(oder sogar 200.000) Mann, die vor den Toren der Stadt lagerten. Die Türken mit ihrer Elitetruppe der Janischaren versuchten durch Tunnel die Befestigungsanlagen von Wien zu untergraben. Die Verteidiger stellten Wasserbottiche in den Straßen auf: Sobald der Boden durch unterirdische Sprengungen erzitterte, kräuselte sich das Wasser und die Wiener wussten, wo sie unterminiert und unterirdisch angegriffen wurden. Vielleicht sollen die Rauchwolken auf dem Bild das zeigen.

Polens König Jan III. Sobieski führte ein Entsatzheer heran und zusammen mit Truppen des Hl. Röm. Reiches wurden die Osmanen in der Schlacht am Kahlen Berge im September 1683 geschlagen. Wie aggressiv expansiv das osmanische Reich war, erkennt man auch daran, dass Serbien erst 1878 die türkische Vorherrschaft abschütteln konnte. Dies über Jahrhunderte jährlich neu verfestigte Trauma scheint noch heute Untergrund serbischer Identität zu sein.

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Frans Geffels, südniederländischer Hofmaler, Öl auf Leinwand, 1688, Wien Museum, Gemeinfrei. Die Entsatzheere kommen von links. Im Hintergrund die nicht kanalisierte Donau und die Wachau.

Die Habsburger als politische Herrscher sahen sich dafür verantwortlich, in ihrem Kaiserreich die Reformation zurückzudrängen und dem Katholizismus eine Vormachtstellung zu sichern. Nach der Einführung auch der Erbfolge in weiblicher Linie ab 1713 stieg Maria Theresia als Tochter Karl VI. zur Monarchin auf. Ihr Wahlspruch lautete: „Mögen die anderen Krieg führen, Du, glückliches Österreich, heirate“. So wurde ihre Tochter Marie Antoinette mit dem französischen König Ludwig XVI. vermählt. Doch die Allianz überlebte die Französische Revolution von 1789 nicht: Marie Antoinette war es, die auf die Nachricht, das Volk hungere, da es kein Brot gebe, antwortete: Dann sollen die doch Kuchen essen! Ihr Mann und sie wurden durch die Guillotine hingerichtet. Maria Theresias Wahlspruch hinderte sie nicht, bei der Aufteilung Polens zwischen dem zaristischen Russland, dem Königtum Preußen sowie Österreich Galicien ihrem Reich einzuverleiben. Außerdem führte sie mit Friedrich dem Großen von Preußen Krieg um Schlesien.

Unter dem Druck des französischen Kaisers Napoleon legte Franz II. 1806 die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches nieder. Damit endete dieses europäische Herrschaftssystem, das ab 700 nach Christi Geburt über Jahrhunderte die verschiedensten Völkerschaften zusammengehalten hatte. Es folgte bis 1867 das Kaisertum Österreich, ebenfalls ein Vielvölkerstaat, in dem außer deutsch, ungarisch, italienisch, tschechisch, polnisch, ukrainisch, rumänisch, kroatisch, serbisch, slowenisch und slowakisch gesprochen wurde. Diese 10 Sprachen sind fast die Hälfte der 24 Amtssprachen der EU, wobei heute weder die Ukraine noch Serbien zur Europäischen Union gehören. Außenminister und späterer Staatskanzler dieses Kaisertums Österreich bzw. Österreich-Ungarns war Klemens Wenzel Nepomuk Lothar von Metternich, der 1773 in Koblenz geboren worden ist. Er war der wohl einflussreichste Politiker im 19. Jahrhundert, der besonders auf dem Wiener Kongress 1814/15 nach dem Sturz Napoleons I. die Weichen für die Zukunft auf dem europäischen Kontinent stellte: Reaktionär, auch weiterhin Vertreter des monarchischen Prinzips und Kämpfer gegen nationale und liberale Bewegungen in Italien und Deutschland. Das Kaisertum Österreich war ab 1815 Mitglied des Deutschen Bundes. Nach der Revolution von 1848 wurde Metternich aus Wien vertrieben. Er floh nach London, kehrte aber schon ein Jahr später zurück, um weiterhin die Restauration früherer Verhältnisse zu unterstützen.

Im Deutschen Bund setzte der Reichskanzler Otto von Bismarck die kleindeutsche Lösung durch, die Preußen die Vorherrschaft sicherte und Österreich außen vor ließ. 1866 kam es zum Krieg zwischen Preußen und Österreich. Das geschwächte Österreich sah sich gezwungen, Reformen durchzuführen, u. a. die Einführung einer konstitutionellen Monarchie.

Als 1914 der österreichische Thronfolger in Sarajewo von serbischen Nationalisten ermordet wurde, schlitterte Österreich als Verbündeter Deutschlands schlafwandlerisch in den 1. Weltkrieg, der ersten Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Auf der anderen Seite standen, ebenfalls durch Beistandsverpflichtungen gebunden, England, Frankreich und das zaristische Russland als Schutzmacht Serbiens.

Nach der Niederlage Deutschlands und Österreichs verlor Österreich 1918 gemäß dem Vertrag von Saint Germain Südtirol an Italien – Ungarn war schon vorher aus der Gemeinschaft mit Österreich ausgetreten. Am 12.11.1918 wurde die Republik ausgerufen. Das Frauenwahlrecht wurde eingeführt und 1919 der Adel abgeschafft. Es kam zu bedeutenden Sozialreformen wie der gesetzlichen Festlegung auf den 8 Stundentag, der Einführung der Sozialversicherung und der Schaffung der Arbeiterkammer als Vertretung von Arbeitern und Angestellten.

Ende der 20er Jahre brachen auch wegen der Wirtschaftskrise turbulente Zeiten an: Die gesellschaftliche Pluralisierung schritt fort, auf der einen Seite standen diejenigen, die den Austromarxismus propagierten, auf der anderen diejenigen, die die Meinung vertraten, die Demokratie sei nicht in der Lage, die Probleme zu lösen. Sie orientierten sich am Vorbild des Faschismus von Mussolini in Italien. 1933 bis 1938 war Österreich ein austro – faschistischer Ständestaat, sodass die Einverleibung in das Deutsche Reich unter nationalsozialistischer Herrschaft 1938 kaum eine feindliche Übernahme war. Von den deutschen Faschisten wurden zwei Konzentrationslager in Mauthausen und in Gusen eingerichtet. Allein in Mauthausen wurden etwa 100 000 Häftlinge ermordet.

Nach 1945 wurde die Republik wiederhergestellt, doch bis 1955 war der größte Teil Österreichs sowjetische Besatzungszone. Gegen das Bekenntnis zur „ewigen“ Neutralität erhielt Österreich die volle Souveränität zurück und die Besatzungstruppen zogen ab. Nach der österreichischen Verfassung wird der Bundespräsident direkt vom Volk gewählt. Kurt Waldheim war von 1968-1970 Außenminister, von 1972-1981 UN Generalsekretär und von 1986-1992 Bundespräsident. Die sog. „Waldheim – Affaire“ bezog sich darauf, dass er seine Verstrickungen in die nationalsozialistische Herrschaft verschwiegen hatte. Lange Zeit gab es in Österreich große Koalitionen zwischen SPÖ und ÖVP. 1995 trat Österreich der EU bei. Die Neutralitätsverpflichtung spielt seitdem keine Rolle mehr. Österreich hat durch Volksabstimmung entschieden, auf die Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung zu verzichten.

2. Grunddaten

Das kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf lag 2019 bei 58.850,- US Dollar. Österreich gehört damit zu den reichsten Ländern der EU.

Die Wirtschaftsstruktur gliedert sich nach dem Beitrag zum BIP: Land- und Forstwirtschaft und Fischerei 1,2%, Güterproduktion, Bergbau, Energie- und Wasserversorgung 23% und Dienstleistungen 70,7%. Der Dienstleistungssektor ist von dem ganzjährigen Tourismus geprägt. Damit ist Österreich von den Einschränkungen durch die Corona Pandemie besonders betroffen. Die Güterproduktion ist gekennzeichnet durch den Maschinenbau und die Kfz-Zulieferer. Einige hochspezialisierte mittelständische Unternehmen gehören zu den Weltmarktführern. Der Global Competitiveness Index sieht Österreich 2017 auf Platz 18 von 137 Ländern. Der Index der wirtschaftlichen Freiheit weist Österreich Platz 32 von 130 Ländern zu.

Österreich gehört zu den Netto – Zahlern zum EU Budget: 2015 flossen 2,52 Milliarden Euro nach Brüssel, 1,79 Milliarden kamen zurück. Seit 1995, dem Jahr des EU Beitritts, haben sich die Exporte der österreichischen Wirtschaft auf jährlich 87 Milliarden Euro mehr als verdreifacht. Durch die EU Mitgliedschaft entstanden jährlich 17 000 Arbeitsplätze zusätzlich (Studie Wifo). Die indirekten Effekte der EU Mitgliedschaft, die österreichische Wirtschaft profitiert von den Investitionen in die von der EU geförderten Mitgliedsländer, machen Österreich eigentlich zum Nettoempfänger (Österreichische Nationalbank).

Tirol, Südtirol und Trentino sind ein erfolgreiches Beispiel regionaler Zusammenarbeit, gefördert von der EU.

Österreich gehört zu den Gründungsmitgliedern des Euro.

Österreich ist durch eine hohe Medienkonzentration gekennzeichnet: Zum „Zeitungsriesen“ Mediaprint gehören die auflagenstärkste „Kronen Zeitung“, außerdem „News“ und „Profil“ sowie der „Kurier“.

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Bertha Freifrau von Suttner erhielt als erste Frau wegen ihres friedenspolitischen Engagements den Friedensnobelpreis im Jahre 1905 . (Briefmarke, Anima, Gemeinfrei, Wikimedia) 

Als im Weltmaßstab hervorragende Komponisten aus Österreich sind zu nennen: Josef Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Strauß und Gustav Mahler. Als Schriftsteller sind zu erwähnen Hugo von Hofmannsthal, Stephan Zweig und Franz Werfel. Auch der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud stammt aus Österreich. Der Maler Gustav Klimt gehört zu denen, der heute am Kunstmarkt höchste Preise erzielt.

Kulinarisch ist in aller Munde die Sachertorte und das Wiener Schnitzel.

 

 Polen (PL)

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Warsaw Spire, AGC Glass Europe, CC BY 2.0

Im Nordwesten grenzt Polen an die Ostsee, im Norden an das russische Gebiet des früheren Ostpreußen und an Litauen, im Osten an Belarus, im Südosten an die Ukraine, im Süden an die Slowakei, im Südwesten an Tschechien, im Westen heute an Deutschland, bis 1989 an die DDR. Das heutige Polen ist damit ein Grenzland der EU und kann eine Brücke sein zu Weißrussland und der Ukraine, ebenfalls europäische Staaten im erweiterten Sinne. Polens Hauptstadt ist Warschau. Polen ist eine präsidial-parlamentarische Republik. 1999 trat Polen der Nato bei, 2004 der EU. Polen ist Mitglied im Schengen Raum. Die EU Grenzschutz Agentur Frontex hat ihren Sitz in Warschau.

Polen hat 2020 38.354.000 Einwohner bei im Schnitt 123 pro Quadratkilometer. Es wird geschätzt, dass 20 Millionen Polen im Ausland leben. Viele Polen sind in der Vergangenheit ausgewandert, weil sie sich bessere Lebensbedingungen erhoffen: 3 Millionen nach dem Ende des Kommunismus. Polen ist seit dem 2.Weltkrieg ethnisch ein äußerst homogener Staat. 87% der Bevölkerung werden der katholischen Kirche zugerechnet, die einen großen politischen Einfluss ausübt. Seit2014/15, den Kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine leben und arbeiten 2 Millionen Ukrainer in der boomenden polnischen Wirtschaft. Allerdings sind sie in Polen wenig anerkannt, denn in der Geschichte gab es viele kriegerische Auseinandersetzungen zwischen beiden Völkern.

1. Geschichte

Aus der Zeit von ca. 700 bis 400 vor Christi Geburt datiert die Pfahlbauten Siedlung Biskupin. In der Antike gab es über die „Bernsteinstraße“ von der ganzen Ostseeküste vom heutigen St. Petersburg herunter bis Danzig, dann nach Süden durch Polen, durch das Wiener Becken bis nach Venedig einen intensiven Handelsaustausch mit dem römischen Reich.

Um Christi Geburt siedelten von Skandinavien kommend die germanischen Stämme der Goten und Vandalen im Gebiet des heutigen Nord- und Südpolens. Zur Zeit der Völkerwanderung (ca. 375- 565) zogen Balten und Slaven durch. Wikinger, Awaren und Magyaren überfielen immer wieder das heutige Südpolen.

Um ca. 900 nach Christi Geburt wurde ein Herzogtum Polen gegründet, das 990 dem unmittelbaren Schutz von Pabst Johannes XV. unterstellt wurde. König Boleslaus I. dehnte zeitweise sein Herrschaftsgebiet auf die heutige Slowakei, auf Böhmen und Mähren sowie auf die Kiewer RUS aus.

1138 zerfiel Polen in 6 Herzogtümer: Kleinpolen, Großpolen, Pommern, Pommerellen, Schlesien und Masowien. 1241 besiegte eine mongolische Horde ein polnisch-deutsches Heer in der Schlacht bei Liegnitz. Um die Verluste zu kompensieren, wurden deutsche Bauern angeworben und angesiedelt und nach den Pogromen in Westeuropa auch Juden, denen die Schuld an der Pest Mitte des 14. Jahrhunderts zugewiesen wurde und die es schafften zu fliehen. Polen war von der Pest verschont geblieben und galt schon vorher als religionspolitisch ausgesprochen liberal, auch judenfreundlich.

Konrad I. von Masowien holte 1226 den deutschen Orden ins Kurland, von wo er Preußen unterwarf. Außerdem leitete er die Expansion Polens nach Osten ein. In der Zeit der Herrschaft der Jagiellonen stieg Polen ab 1386 durch Heirat zum mächtigen Doppelstaat Polen – Litauen auf. Er erstreckte sich von den baltischen Staaten bis zum Schwarzen Meer, er umfasste also Teile der heutigen Ukraine, und reichte von der Adria bis vor die Tore Moskaus. Für die folgenden 400 Jahre beeinflusste dieser zur damaligen Zeit größte Staat Europas die Entwicklung Mittel- und Osteuropas maßgeblich, nachdem in der Schlacht bei Tannenberg 1410 auch der deutsche Orden als eigenständige Herrschaft besiegt worden war.

Jagiellonen- Machtbereich um 1500.jpgLegende

      1. weiße Umrandung: Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation
  1. rote Umrandung: Machtbereich der Jagiellonen Polens, Litauens, Ungarns und Böhmens
  2. gelbe Umrandung: Gebietsverluste an Russland (Großfürstentum Moskau) nach einem Russisch-Litauischen Krieg 1494.
  3. Schraffur: unter polnischer Oberhoheit bzw. Lehensabhängigkeit stehendes Fürstentum Moldau (Moldova), Deutschordensland in Preußen (Preußen), sowie Herzogtum Masowien (Mazowsze).

Ende des 15. Jahrhunderts wurde eine republikanische Staatsform erkämpft, d. h. der König durfte nur nach Ermächtigung durch das Parlament handeln. 1596 endete die Herrschaft der Jagiellonen. Die folgende Adelsrepublik Polen-Litauen wurde u. a. von Königen aus dem Haus der französischen Valois, der schwedischen Dynastie der Vasa und der sächsischen Weltiner regiert – August II. der Starke und August III. Im 17. und 18. Jahrhundert war Polen-Litauen durch zahlreiche Kriege mit Schweden, mit dem osmanischen Reich – Hilfe bei der Verteidigung Wiens- , mit Russland und Siebenbürgen und durch innere Unruhen – Kosakenaufstände und Konfrontationen mit den Krimtartaren – geschwächt. Diese Schwäche nutzten Preußen, das zaristische Russland und das habsburgische Österreich zur Aufteilung des Landes untereinander aus: 3 Teilungen 1772, 1793 und 1795, ohne dass die betroffene Bevölkerung auch nur einen Hauch einer Mitsprache hatte, durch wen sie regiert werden wollten. Damit verschwand Polen als eigenständige Nation von der europäischen politischen und geographischen Landkarte.

Auf Drängen Kaiser Napoleons wurde 1807 ein kleines Herzogtum Warschau gegründet mit Teilen aus den preußischen „Erwerbungen“. 1809 musste auch Österreich Teile Westgaliziens an das Herzogtum Warschau zurückgeben. Doch der Wiener Kongress schlug die Provinz Posen wieder Preußen zu. Es folgte für die unter russischer Vorherrschaft stehenden Gebiete im Zuge der nationalistischen Entwicklung in Russland eine zunehmende Russifizierung, gegen die sich der Novemberaufstand von 1830 richtete. Er wurde von der zaristischen Armee 1831 blutig niedergeschlagen.

Nach dem Ausbruch des 1. Weltkrieges gründeten die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn Legionen aus Soldaten aus den früheren polnischen Gebieten unter dem Kommando von Josef Pilsudski, die gegen das zaristische Russland eingesetzt wurden. Nach der Oktoberrevolution 1917 legten diese die Waffen nieder, da das Ziel der Niederwerfung Russland erreicht war. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson hatte in seinem 14 Punkte-Plan von 1917 für die Nachkriegszeit das Ziel der Unabhängigkeit Polens formuliert. Als Marschall Josep Pilsudski aus der Internierung in Deutschland nach Polen zurückkehrte, wurde am 11. November 1918 die 2. unabhängige polnische Republik ausgerufen. Gleichzeitig wurde das aktive und passive Wahlrecht für Frauen und Männer gesetzlich festgeschrieben. Die polnische Unabhängigkeit wurde im Versailler Vertrag 1919 bestätigt. Im Osten wurde die sog. Curzon-Line als Grenze festgelegt. Polen wurde so Gründungsmitglied des Völkerbundes.

Die Siegermächte des 1. Weltkrieges hatten Volkabstimmungen für Grenzziehungen im Westen vorgesehen. Durch eine der Abstimmung mit ca. 60% für Polen, 40% für Deutschland war die Weimarer Republik gezwungen, Westpreußen und Posen größtenteils an Polen zu geben. Da den Polen auch ein Zugang zur Ostsee zugesichert worden war, wurde Ostpreußen vom Deutschen Reich getrennt. Die Folge waren 200 000 Flüchtlinge aus diesen Gebieten in das Deutsche Reich.

Polen war mit seinen Gebietsgewinnen nicht zufrieden, orientierte sich an der Ausdehnung des großpolnischen Reiches und führte nach Osten weiter Kriege. Ab März 1919 siegte Marshall Pilsudski im polnisch-sowjetischen Krieg. Im darauf folgenden Friedensvertrag von Riga vom 21.3.1921 wurde die polnische Ostgrenze von der 1918 festgelegten Curzon-Line ca. 250 km nach Osten verschoben, auf zu der Zeit von Russen beherrschtes Land. Das Gebiet wies eine gemischte Bevölkerungsstruktur auf: es lebten dort Polen, Ukrainer, Weißrussen, Litauer, Juden und Deutsche. 1 Million der deutschen Minderheit emigrierte. 1926 putschte Pilsudski und war von 1926 bis 1935 Kriegsminister, faktisch aber autoritär bestimmender Führer seines Landes.

Im August 1939 schlossen das faschistische Deutschland und die Sowjetunion den Hitler-Stalin Pakt. In dem geheimen Zusatzprotokoll wurde vereinbart, dass das Deutsche Reich Polen überfällt und die Sowjetunion die baltischen Staaten annektiert. Am 1. September 1939 begann Nazi-Deutschland mit dem Überfall auf Polen den 2. Weltkrieg. 5,62 bis 5,82 Millionen polnische Staatsbürger, darunter mehr als die Hälfte jüdischen Glaubens verloren ihr Leben in diesem verbrecherischen Krieg bzw. in den Vernichtungslagern. Am 17. September folgte der Überfall der Roten Armee auf Ostpolen. Damit wiederholte sich die vollständige Teilung ein zweites Mal. Allein in den ersten 4 Monaten der deutschen Besatzungsherrschaft wurden mehrere 10 000 Menschen nach dem Plan der „Liquidierung des führenden Polentums“ (R. Heidrich) ermordet. Anfang der 40er Jahre wurden die Konzentrations- und Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka errichtet, etwas später auch Ausschwitz und Maydanek.

Durch sowjetische Truppen wurden 1940 in Ostpolen im Massaker von Katyn 30 000 Personen, vorwiegend polnische Offiziere, ermordet. Schon vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatte der brutale Diktator Stalin über 100 000 Polen in seinem Herrschaftsbereich umbringen lassen (Wikipedia zu Polen).

Polnische Partisanengruppen leisteten in Polen Widerstand gegen die Fremdherrschaft. Sie waren die größte Widerstandsbewegung im besetzten Europa. Vom 19. April bis zum 16. Mai 1943 dauerte der heldenhafte Aufstand fast aller jüdischen Bürger*innen aus den von ihnen angelegten unterirdischen Bunkern im Warschauer Ghetto gegen die Deportationen in die Vernichtungslager. Das Ghetto mit seinen Kämpfern wurde von der deutschen Wehrmacht niedergebrannt. Am 1. August 1944 kam es zum Warschauer Aufstand. Auch er wurde von den deutschen Besatzungstruppen blutig niedergeschlagen unter großflächiger Zerstörung der Stadt. Schätzungsweise fanden 100-250 000 Menschen den Tod.

Nach Ende des zweiten Weltkrieges 1945 erfolgte entsprechend dem Potsdamer Abkommen die Westverschiebung Polens ungefähr zurück auf die in Versailles festgelegte Curzon Linie. 1,5 Millionen Polen wurden daraufhin von Russland vertrieben. Für das im Osten „verloren“ gegangene Gebiet „gewann“ Polen im Westen die ehemals deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie: Schlesien und Pommern sowie die südliche Hälfte von Ostpreußen. 5 Millionen Deutsche waren gegen Kriegsende aus diesen Gebieten nach Westen geflohen, nach dem Krieg wurden weitere 3,5 Millionen vertrieben – nur Oberschlesier durften bleiben, weil man ihr Wissen und ihre Arbeitskraft in den Kohlegruben behalten wollte.

Es folgte die von der Sowjetunion oktroyierte kommunistische Diktatur: die Volksrepublik Polen wurde Mitglied im Warschauer Pakt. Ab 1956 kam es nach Aufständen u.a. in Posen sowie der Arbeiter in Lokomotiven-Werken zur Entstalinisierung, Stalin war 1953 gestorben. Nach weiteren Aufständen – März Unruhen 1968, Danziger Aufstand 1970 und Volksaufstand in Warschau 1976 – wurde 1979 die Gewerkschaft Solidarnosc auf der Danziger Werft mit Lech Walesas, dem späteren Staatspräsidenten, an der Spitze, gegründet. Diese Entwicklung nach dem ersten Pabst Besuch von Johannes Paul II., der aus Polen stammte, war eine revolutionäre Wende. Die Risse im Ostblock waren nicht mehr zu übersehen. Es folgten turbulente Jahre: 1980 bis 1989 waren gekennzeichnet einerseits durch die Verhängung des Kriegsrechts zur Unterdrückung der Opposition, anderseits durch die Organisation von „Runden Tischen“ – es gibt keine hierarchische Sitzordnung mehr. Das Ergebnis waren am 4. und 18. Juni 1989 erste freie Wahlen im Ostblock, der Beginn der Rückkehr Polens in die europäische Völkerfamilie.

2. Grunddaten

1920pxImport_i_eksport_Polski, Außenhandelsentwicklung in Polen 1960 bis 2018, Ra.sz, CCO.jpg

Abbildung Außenhandlungsentwicklung in Polen 1960-2018, Förderung durch EU ab 2002, Ra.sz, CCO

Die Wirtschaft in Polen hat sich seit dem Übergang von der kommunistischen Staatswirtschaft zur Marktwirtschaft prächtig entwickelt. Die Exporte lagen 2004, dem Jahr des Beitritts zur EU, bei 80 Milliarden US Dollar, im Jahre 2018 bei 220 Milliarden US Dollar. Sie haben sich also fast verdreifacht! Polen hat durch die Finanzkrise ab 2008 keine Rezession erlebt.

Die Wachstumsraten des BIP lagen meist oberhalb des Durchschnitts der EU. Die Wirtschaftsstruktur Polens wird mit 63,5% Anteil am BIP vom Dienstleistungssektor beherrscht. Es folgt die Industrie mit 26,5%, Handwerk und Gewerbe mit 7% und die Landwirtschaft mit 3%. Die gesamte Wertschöpfung erfolgt zu 70% im privatwirtschaftlichen Sektor, d. h. die staatliche Tätigkeit ist im Verhältnis zu anderen Ländern relativ niedrig zu bewerten. 2017 lag die Staatsverschuldung bei 52% des BIP – der EU Durchschnitt lag bei 82,5%. Im Energiesektor wird die Stromerzeugung weitgehend durch die Verfeuerung von Stein- und Braunkohle erreicht. Daher ist Polen auch sehr zögernd, sich auf die Festlegung von CO2- Reduktionszielen und den Green Deal der EU Kommission einzulassen. (vgl. dazu hier die Kapitel Regionalpol. und Energiepolitik)

Polen ist Netto Empfänger von EU Geldern: 2018 erhielt das Land 12,3 Milliarden Euro. Dies macht 325 Euro pro Kopf der Bevölkerung aus. Diese Zahlungen erhöhen das BIP Polens um 2,58%, d. h. ohne die EU wäre das Wachstum des BIP um diesen Prozentsatz niedriger.

Der HDI lag 2019 bei 0,872, für ein Land, dessen kommunistische Unterdrückung gerade erst 30 Jahre zurückliegt, ein hoher Wert.

In der Politik Polens gab es einen gravierenden Wechsel: 2007 bis 2015 stellte die liberalkonservative Partei in einer Koalition mit der Bauernpartei die Regierung unter Donald Tusk. Ab 2015 übernahm die nationalkonservative Partei PIS die Führung und begann sofort mit einer Justiz- „Reform“, was einen ständigen Konflikt mit der EU Kommission auslöste. Die Regierung zielte darauf ab, die Justiz unter ihre politische Kontrolle zu bringen. Als erstes wollte sie missliebige Richter entfernen, indem diese in den vorzeitigen Ruhestand geschickt wurden. Der EUGH rügte das als mit EU Recht unvereinbar. Außerdem wurde eine Disziplinarkammer für Richter eingerichtet, um Richter an der Meinungsäußerung zu hindern sowohl gegenüber Entscheidungen anderer Gerichte als auch allgemein politisch.

Da die Vertragsverletzungsverfahren des EUGH bisher aber offenbar nur geringe bis keine Wirkung gezeigt haben, wird jetzt erwogen, bei Verstößen gegen rechtsstaatliche Prinzipien Mittel aus dem EU Haushalt zurückzuhalten. Polen hat jedoch verlauten lassen, dass es dem EU- Haushalt für die nächsten Jahre genauso wie Ungarn nicht zustimmen wird. Noch muss die Zustimmung zum Haushalt einstimmig erfolgen und der frisch ausgehandelten Rechtsstaatsmechanismus ist an den Haushalt gekoppelt. Damit bricht ein grundsätzlicher Konflikt über die Verbindlichkeit der EU Grundwerte verschärft auf. Es ist fraglich, ob es der deutschen Ratspräsidentschaft bis Ende 2020 gelingt, den Konflikt gesichtswahrend für alle Beteiligten – ohne die Grundwerte zu verraten – zu lösen. Noch ist Polen (für die EU) nicht verloren …

Auf Grund der leidvollen Geschichte sucht Polen auch in der EU nach einem möglichst hohen Maß an Eigenständigkeit. Schon nach den ersten Teilungen hatte ein vielgestaltiges Ringen um den Weg zurück mit vielen gesellschaftlichen Fraktionierungen in Polen eingesetzt. Als wichtigster Verbündeter werden nach dem Ende der Sowjetunion die USA angesehen. Seit 2016 sind US Truppen in Polen auf deren ausdrücklichen Wunsch stationiert.

Die katholische Kirche in Polen „beherrscht“ die Gesellschaftspolitik der PIS: Das Oberste Gericht hat ein Abtreibungsrecht beschlossen, das Abtreibungen praktisch unmöglich macht, selbst nach Vergewaltigungen nicht. Hier kommt wieder einmal die Verachtung der katholischen Kirche für Frauen zum Ausdruck. Seit einiger Zeit demonstrieren Frauen in Polen gegen diese schändliche „Reform“. Dabei beginnt gerade die öffentliche Bekanntmachung von Missbrauchsfällen auch in der polnischen katholischen Kirche: Der Privatsekretär von Pabst Johannes Paul II. Kardinal Stanislaw Dziwisz soll im großem Stil über Jahre Missbrauch vertuscht haben, „betroffene“ Priester wurden allenfalls versetzt und die Justiz drückte ein Auge zu. „Wir sehen, wie vor unseren Augen der sog. „Kulturkatholizismus“ zusammenbricht“, sagt der Theologe Jacek Prusak vom Krakauer Jesuiten Kolleg „Ignatianum“ (Tagesschau.de vom 11.11.2020″ : Polens katholische Säulen wanken). Scharfe Kritiker dieser rechtswidrigen und unmoralischen Verhaltensweisen sowie der „neuen“ Rechtssetzung sprechen von einer schwarzen Mafia. Ist ein liberales Polen noch zu retten???

Auch was gleiche Rechte für Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung angeht, argumentieren PiS-Politiker, das seien ideologische Aktivisten, die lediglich für ihre Privilegien kämpften, obwohl sie voll gleichberechtigt behandelt würden (so z.B. Witold Waszczykowski, erst PiS-Außenminister, seit 2019 Europaabgeordneter, Die Zeit, 12.11.2020) Damit kündigt Polen, in dem bereits sog. LGBT-freie Zonen ausgewiesen worden sind, an, sich auch auf diesem Gebiet den von der EU geplanten Gleichstellungsgesetzen quer stellen zu wollen – ähnlich wie Ungarn, die jetzt in der Verfassung verankern wollen, dass „die Mutter eine Frau und der Vater ein Mann“ zu sein hat (RZ, 13.11.2020).

Was die auf EU-Ebene außerdem umstrittene Flüchtlingspolitik betrifft, bedienen Polen die unehrliche Argumentation, sie hätten ja bereits 2 Mill. Ukrainer aufgenommen, deshalb seien sie außen vor zu lassen. Die Ukrainer allerdings kommen mit Visa als Arbeitsmigranten, müssen also in keiner Weise versorgt werden und können sich sogar sprachlich verständigen.

Wissenschaft und Kultur: Marie Curie, geb.1867 als M. Sklodowska in Warschau, ab 1891 in Frankreich lebend, erhielt 1903 den anteiligen Nobelpreis für Physik und 1911 den Nobelpreis für Chemie – eine einmalige Kombination! Nikolaus Kopernikus wurde 1473 in Thorn in eine deutschsprachige großbürgerliche Familie geboren und wurde später Domherr in Frauenburg, das zum Ermland gehörte. Er bewies als Astronom das hellozentrische Weltbild, nämlich dass die Erde eine Kugel sei. Gegenüber der vorher von der katholischen Kirche verbreiteten These war dies die „kopernikanische Wende“. Er ist im Dom zu Frauenburg beerdigt worden. Frederic Chopin (1810-1849) war ein polnischer Komponist und herausragender Pianist. Er lebte in Frankreich und hatte ab 1835 die französische Staatsbürgerschaft inne. Polen gelten als ausgezeichnete Restauratoren. Sie haben die Innenstadt von Danzig originalgetreu wieder aufgebaut, nachdem diese nach dem Einmarsch der Russen von diesen zerstört worden ist.

Für Polen kulinarisch sind Pierogi zu nennen: Teigtaschen gefüllt mit zerdrückten gekochten Kartoffeln und mit Quark oder anderen Füllungen. Bigos, ein Eintopf mit Sauerkraut, Weißkohl, Speck und Schweine- und Rindfleisch gilt auch als typisch polnisch. Es gibt zahlreiche typisch polnische Biersorten.