Le Chanoine Kir (Domherr)

Félix Adrien Kir, geboren 1876, erhielt 1901 die Weihe zum katholischen Priester in Dijon. 1940 schließt er sich dem Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht in Frankreich an und wird Stadtverordneter in Dijon. Er ermöglicht 5000 französischen Kriegsgefangenen, aus dem Lager Longvic zu fliehen. Im Herbst des gleichen Jahres verhaftet ihn die Gestapo und verurteilt ihn zum Tode. Doch er kommt – auch auf Grund der Intervention seiner katholischen Oberen – wieder frei und setzt seine Widerstandstätigkeit fort. Im Herbst 1943 verhaftet man ihn erneut. Am 25.1.1944 wird er Opfer eines Massakers, bei dem er  von mehreren Gewehrkugeln durchsiebt wird. Auf ihn und mehrere seiner Freunde geschossen hat ein Kommando der „malice francaise“. Diese war eine paramilitärische, faschistische Organisation des Vichy Regimes, deren Ziel die Bekämpfung der Resistance war. Diese Organisation war im Grunde eine Hilfstruppe der Gestapo.

Zwei Weltkriege im 20. Jahrhundert

2018 ist das Ende des ersten Weltkrieges 100 Jahre her und das Ende des 2. Weltkrieges  73 Jahre. Diese Kriege sind mit immer verheerenderen Waffen geführt worden.

Der erste Weltkrieg

Dass Deutschland in Belgien erstmals in der Geschichte Giftgas eingesetzt hat, ist als ein Beispiel zu erwähnen. Der französische Arzt, Dr. Paul Voivenel berichtet: „Die Unglücklichen… starben unter unsagbaren Qualen. Ich habe ihre Gesichter gesehen, voller Flecken, mit rötlichem Schaum vor dem mit Krämpfen verzerrten Mund und Finger, die sich in die Brust einkrallten. Ich habe schreckliche Reizhustenanfälle mit angehört, Stöhnen und heisere Schreie, die das Blut auf farblose Lippen treten ließen.“ (Info.Arte.TV., 26.06.2015). Allein bei diesem Einsatz starben ca. 1200 Soldaten, ungefähr 3000 waren schwerst verwundet.

Die Anzahl der Personen, die Folgen aus dem Ersten Weltkrieg davongetragen haben, beläuft sich auf mehr als 40 Millionen Personen, davon 20 Millionen Tote und 21 Millionen Verletzte. Diese Zahl beinhaltet 9,7 Millionen Tote unter den Soldaten und rund 10 Millionen Tote unter den Zivilisten. Die Alliierten des Ersten Weltkrieges verlieren mehr als 5 Millionen und die Mittelmächte knapp  4 Millionen Soldaten“ ( Partenariat éducativ grundtvig 2009-2011).

Der zweite Weltkrieg

Der zweite Weltkrieg endete sogar mit dem Abwurf von Atombomben durch die USA über Hiroshima und Nagasaki in Japan. Seriöse Schätzungen gehen für die durch direkte Kriegseinwirkungen Getöteten im Zweiten Weltkrieg von 60-65 Millionen aus. Allein der detailliert ausgearbeiteten Ausrottungspolitik der deutschen Regierung für die Sowjetunion sind nach unterschiedlichsten Schätzungen  weit über 20 Millionen Tote zum Opfer gefallen. Geplant war die „Ausrottung“ von über 30 Millionen! Die Schätzungen für den 2. Weltkrieg, die Verbrechen und Kriegsfolgen einbeziehen, reichen bis zu 80 Millionen Toten.

Massenverbrechen

In dieser Zahl inbegriffen sind folgende  Opferzahlen deutscher Massenverbrechen im Kriegsverlauf:  Juden aus ganz Europa wurden ungefähr 6 Millionen vernichtet.  Sowjetische Kriegsgefangene starben um die 3 Millionen. Sinti und Roma wurden wie Juden in die Vernichtungslager im Osten deportiert, dort wurden ca. 200.000 ermordet. Euthanasieopfer wurden in Anstalten z.T. vergast, z.T. „abgespritzt“, z.T. „verhungert“ ca. 270.000.  Nicht jüdische Zivilisten, KZ Häftlinge, Zwangsarbeiter, Deportierte starben oder wurden ermordet 4,3 Millionen (mit Hungertoten). Als Summe ergeben sich mehr als 13 Millionen Opfer konkreter Massenverbrechen (vgl. Wikipedia). Hinzu kommen die eben erwähnten Millionen bewusst „ausgerotteten“, als Untermenschen titulierten Menschen im Osten Europas.

Addieren wir all diese Zahlen,
so haben die zwei Weltkriege zusammen um die  100 Millionen Menschenleben ausgelöscht. Dazu kommen die Versehrten.

Diese Zahlen sind aus heutiger Sicht unfassbar. Um das Monströse dieser Zahlen zu begreifen, müssen wir uns vergegenwärtigen, dass die Bundesrepublik Deutschland heute 82 Millionen Einwohner hat. Die zwei Kriege zusammengenommen haben also vergleichsweise weit mehr als die heutige Bevölkerung eines Landes wie Deutschland  vollständig vernichtet. Die Kriegshandlungen und die Bomben haben  dazu  viel europäisches  Land  zerstört. Doch die Zahlen allein verdeutlichen nicht das unermessliche Leid, dass diese Kriege über die beteiligten Völker gebracht haben.

Unermessliches Leid bis in die dritte Generation
Hitler befahl zunächst die zwangsweise Umsiedlung von Millionen Menschen verschiedener Länder. In dem in Deutschland erdachten Holocaust fiel jüdisches Leben aus ganz Europa einem mörderischen Rassismus in bürokratisch penibel  geplanter, konsequenter Organisation zum Opfer. Im Krieg  verloren unzählige Familien ihre Väter. Am Ende des Krieges flohen Millionen oder sie wurden vertrieben, auch Millionen Deutsche. Die Nachwirkungen von Krieg, Vernichtung und Vertreibung sowie dem Schweigen der Betroffenen sind auch heute noch in vielen Familien spürbar. Der Leidensdruck kommt leider bis in zwei nachfolgende Generationen hinein  noch zum Tragen –  und das nicht nur in Israel und in Deutschland. Hinzu kommt die Vernichtung großer Teile europäischer Kultur und Infrastruktur.
Ein Einzelschicksal einer später berühmten Europäerin

Hier soll das Schicksal eines Mädchens aus Frankreichs, Simone Jacob, herausgegriffen werden. Als die Familie, die vier Kinder hatte, verhaftet wurde, war Simone mit 16 die Jüngste. Die Familienmitglieder wurden zum Teil in unterschiedliche Lager transportiert. Simone und eine Schwester überlebten mit Mühe Ausschwitz als einzige der großen Familie. Simone studierte nach dem Krieg Jura und Politikwissenschaft und heiratete noch im Studium. Nun hieß sie Simone Veil. 1979 war sie die erste Präsidentin des neu gewählten Europa-Parlaments. Im gleichen Jahr sagte sie in Bergen-Belsen: „Nicht das deutsche Volk, sondern ein verbrecherisches totalitäres Regime trägt die Schuld für die … Gräuel der Vergangenheit. Tragen wir Sorge, dass nie wieder ein solches Regime unter welcher Form auch immer zur Herrschaft gelangt“. (Ausstellungskatalog: Youval Yariv, „Je suis européen“, Pulse of Europe Koblenz, 2019).

Kriege in Europa über Jahrhunderte

Doch nicht nur das 20. Jahrhundert war durch Kriege geprägt und zwar weit über die Zeiten 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945 hinaus. Auf dem Balkan gab es Ende des  Jahrhunderts, das vor zwanzig Jahren endete, erneut brutale Kriege. Auch im 19. Jahrhundert gab es zahlreiche Kriege in Europa,  wie z.B. die napoleonischen Kriege und  den deutsch-französischen Krieg 1871, um nur zwei große zu nennen.

Geht man in der europäischen Geschichte weiter zurück, so fällt besonders der 30jährige Krieg auf, der 1648 endete.  Auch er hatte weit über diese Zeit hinaus  verheerende Auswirkungen.

Es gab in den letzten 1000 Jahren keine so lange Zeit des Friedens im Sinne der Abwesenheit von Krieg  in Europa wie seit 1945. Dies ist angesichts der immer verheerenderen Kriege besonders erfreulich und bemerkenswert.

Aber das passierte nicht von allein!

Ein gänzlich neuer Anfang

Der Beginn der europäischen Einigung ist eine  Reaktion auf die vorhergehenden kriegerischen Auseinandersetzungen. Wir verdanken das der mutigen Aktion einiger weniger weitblickender Politiker. Es  ist zu aller erst ein Friedensprojekt, das nicht hoch genug einzuschätzen ist und das es unbedingt zu bewahren gilt. Die Auseinandersetzungen um Nord-Irland und die nur kurz zurück liegenden Kriege auf dem Balkan, sowie die dort weiter fortbestehenden Spannungen gemahnen uns, dass äußerer Frieden nicht selbstverständlich ist.

Erhaltung des Friedens

Frieden muss fortwährend aktiv verteidigt werden. Dazu erforderlich sind andauernde diplomatische Anstrengungen und die Bereitschaft, bei Konflikten kompromissfähig zu sein. Gleichzeitig müssen auch die Gesellschaften einem engstirnigen, rückwärtsgewandten Nationalismus und Rassismus und einem religiös verbrämten Fanatismus  in jeglicher Gestalt entschieden entgegen treten. Das Fundament dazu muss die Politik in  einer  immerwährende Bildungs- und Erinnerungsarbeit legen.  Denn auch der Frieden, in dem wir zur Zeit leben, ist unfertig, bleibt gefährdet. Neuere Entwicklungen können ihn immer wieder infrage stellen und  bedrohen.

Verteidigung des Friedens

Gewaltverzicht innerhalb Europas muss deshalb gekoppelt sein auch mit der Verteidigungsbereitschaft ganz Europas nach außen. Besonders der Konflikt in der Ost-Ukraine zeigt uns,  wie verletzlich der europäische Frieden ist. Auch wenn die Ukraine noch nicht Mitglied der EU ist, so ist sie doch ein Teil von Europa. Das gilt auch für Russland. Russland ist Mitglied des Europarates. Dieser ist auf friedliche Beilegung von Konflikten angelegt.  Trotzdem greift Russland  die Ukraine – u.a. aus nationalistischen Gründen – im Osten militärisch an. Die Krim hat Russland sich gleich ganz einverleibt. Dabei macht Putin historische Ansprüche geltend, die mal zu Großmachtzeiten vor Jahrhunderten existiert haben.

Nur eine starke Verteidigungsbereitschaft der EU nach außen kann Aggressoren  abschrecken und sie evtl. für diplomatische Konfliktlösung geneigter machen.

Europa – ein Friedensprojekt nicht nur nach außen

Darüber hinaus muss aber der innere Frieden  gewahrt werden. Um diesen zu  erhalten, muss das Gewaltmonopol des demokratisch legitimierten Staates akzeptiert und durchgesetzt werden. Das heißt zweierlei: Unbedingtes Eintreten für die Demonstrationsfreiheit, aber auch konsequente Ahndung von Gewaltanwendung gegen Polizei, Rettungskräfte und Feuerwehr. Voraussetzung für den inneren Frieden ist der Rechtsstaat mit seiner Gewaltenteilung. Gelebte Demokratie und Rechtsstaat geraten auch im 21. Jahrhundert immer wieder überall in Europa in Gefahr. Sie  müssen also immer erneut  verteidigt werden.

Sozialer Ausgleich zwischen Staaten und innerstaatlich

Ohne einen angemessenen sozialen Ausgleich  zwischen den verschiedenen Schichten der Gesellschaft, aber auch zwischen den Mitgliedsstaaten, funktioniert die EU nicht auf Dauer. Bildungschancen müssen für alle gleichermaßen gelten. Arbeitslosigkeit ist erfolgreich  zu bekämpfen und Korruption effektiv zu verfolgen. Die Bürger müssen die Einkommens- und Vermögensverteilung sowie das Steuersystem als weitgehend  gerecht empfinden können. Nur dann kann ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft gelingen. Gibt es die Wahrnehmung, dass „die da oben“ Politik nicht für das Volk sondern nur im eigenen Interesse machen, gibt es einen Riss durch die Gesellschaft. Dann ist die innere Stabilität gefährdet und die weitere friedliche Entwicklung ungewiss.

Herausforderungen durch die Klimakrise

Zum inneren Frieden gehört inzwischen auch eine nachhaltige Umweltpolitik. Nur solch ein Politikwandel ermöglicht es, den nachfolgenden Generationen guten Gewissens „unseren Planeten“ zu übergeben. Werden wir unserer gesellschaftspolitischen Verantwortung besonders in der Klima-, Energie- und Verkehrspolitik nach innen und im globalen Maßstab nicht gerecht, so schüren wir Generationenkonflikte. Außerdem führt die Ausbeutung der Natur ursächlich zu möglicherweise nicht beherrschbaren Migrationsbewegungen über ganze Kontinente hinweg. Nachdem  US-Präsident Trump angekündigt hat, das Pariser Klimaschutz-Abkommen für die USA zu kündigen, kommt diesbezüglich der EU eine besonders große Verantwortung zu. Das bleibt auch unter einer neuen US-Regierung so, denn die Klimakrise ist so weit fortgeschritten, dass überall auf der Welt umgesteuert werden muss.

Le Chanoine Kir auf dem Platz der Befreiung, AMD 16 Fi.jpg mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Dijon

Ein außergewöhnlicher französischer Bürgermeister

1961 machte ich an der Universität von Dijon einen 6-wöchigen Französisch-Sprachkurs mit Studenten aus den verschiedensten Ländern. Der Bürgermeister von Dijon gab einen Empfang. Er trat auf  mit Soutane bis zum Boden und mit der Schärpe des Bürgermeisters in bleu, blanc, rouge (blau-weiß-rot).

Da ich die Dankesrede halten durfte, kam ich in ein persönliches Gespräch mit ihm. Er war der Chanoine Kir.  Wie er mir erzählte, konnte er sich nach dem Massaker 1944 aus dem Leichenberg seiner Freunde befreien. Das führte gegen alle Wahrscheinlichkeit zu seiner Rettung.

Am Tag der Befreiung von Dijon am 11.September 1944 kehrte er nach Dijon zurück. Dort wählten die Bürger ihn im Mai 1945  zum Bürgermeister.

Le Kir

Zu unserem Empfang wurde, wie üblich bei Gästen des Bürgermeisters, ein  Cocktail gereicht. Das war eine spezifische Mixtur aus Weißwein und schwarzem Johannisbeersaft. Man nannte diesen nach ihm „Le Kir“.

Die Persönlichkeit des Bürgermeisters beeindruckte mich tief. In unserem Gespräch waren wir uns einig, dass alles, aber auch alles für die Deutsch-Französische Freundschaft getan werden müsse.