Unsere Befindlichkeit im jungen westdeutschen Staat
Als Kinder von Täter*innen, Mitläufer*innen oder auch Widerstandseltern war Europa für uns Schüler*innen seit den sechziger Jahren ein Angebot zur Identifikation. Diejenigen von uns, die historisch-politisch interessiert waren, waren nicht nur tiefbetroffen, sondern schämten sich für die Vergangenheit und die unsäglichen Verbrechen, die in deutschem Namen verübt worden waren. Europa reichte uns die Hand, obwohl unsere Nation sich 20 Jahre zuvor gegenüber diesem Kontinent so unsagbar überheblich, mörderisch, rassistisch aufgeführt und sich abgrundtiefschuldig gemacht hatte. Europa erschien uns jungen Deutschen, die sich mit dem Thema „Heimat“ schwer taten, schon damals als Alternative.
Hinzu kommt die Erkenntnis
Die Kaiser-und Königreiche in Europa, die sich National-Staaten nannten, waren in Wirklichkeit keine Nationalstaaten. Denn auch sie hatten ganze Imperien beherrscht. Das war die Zeit des 19. Jahrhunderts. Diese ist im 20. Jhdt in zwei blutigen Weltkriegen mit an die 90 Millionen Toten untergegangen.
Gleich im Anschluss trat an ihre Stelle der erste Zusammenschluss der früheren Feinde in Europa.
Europa als Machtfaktor
Heute ist die Europäische Union für mich und nach meiner festen Überzeugung für uns allein Europa der einzige Garant für Frieden, Freiheit, Recht und Rechtstaatlichkeit, für Freizügigkeit und vor allem für Demokratie. Schon in diesem fundamentalen Sinn ist die EU alternativlos.
Zwischen den drei Blöcken, USA, Russland, sowie China, die alle bemüht sind, die Welt zu beherrschen, haben einzelne Staaten kaum noch Chancen sich zu behaupten. Der alte Imperialismus ist wieder belebt worden. Und der Krieg, den Russland 2014und dann 2022 großflächig gegen die gesamte Ukraine begonnen hat, bedroht uns längst – wenn auch derzeit noch eher hybrid. Er ist gedacht als erster Schritt, um das alte sowjetische „Reich“ wieder zu errichten.
Inzwischen ist deshalb auch die Erkenntnis gewachsen, dass die EU aus wirtschaftlicher Sicht ein unverzichtbarer Zusammenschluss ist. Und das, um in einer Welt, die in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts für uns alle fragiler geworden ist, bestehen zu können. Selbst wenn jenseits des Atlantiks hoffentlich in einigen Jahren wieder eine Europa-freundlichere Regierung die Macht ausüben wird, kommt die enge transatlantische Verbindung nicht in alter Form zurück.
Wir müssen hoffen, dass die EU weiter zusammen wächst, verteidigungsfähig wird und zu schnelleren und geeinten Beschlussfassungen kommt. Unsere Chance besteht darin, dass auch die EU als ein Machtfaktor und damit selbst als ein Block weiterzusammenwächst.

Engagement für die Europäische Union
Aber auch diese Union muss verteidigt werden. Nicht alle wollen sie. Sogar einzelne Mitglieds-Staaten, die besonders von ihr und ihrer Förderung profitiert haben, würden sie am Liebsten abschaffen.
Vor der Europawahl von 2019 ist deshalb Pulse of Europe (PoE)entstanden. PoE hat das, was seit Jahrzehnten für fast alle von uns eine Selbstverständlichkeit geworden war, zurück geholt in unser Bewusstsein. Aber vor allem hat PoE Europa in unsere Herzen geholt und es dort verankert! Mitten im herzen von Europa liegend, ist Europa für uns Heimat geworden, jedenfalls für die, die sich für Europa engagieren.
Jetzt kommt es darauf an, dass wir nicht zulassen, dass Europa schlecht geredet wird. Wir haben in Deutschland eine wehrhafte Demokratie. Zwar hat sie Schwächen. Aber es gibt kein besseres politisches System.
So ist es auch mit der Europäischen Union. Sie ist längst nicht vollendet. Sie hat noch Geburtsfehler und ist reformbedürftig. Aber wir müssen sie verteidigen, derzeit besonders gegen Angriffe von rechts, die das Ziel haben, die EU zu zerstören. Rechte Bewegungen, die es mittlerweile in vielen Mitgliedsstaaten gibt, wollen vor allem ihre Nationalstaaten stärken. Auch über diesen Hebel versucht das imperialistische Russland Europa von innen heraus zu schwächen und kaputt zu machen.
Die EU ist bisher nicht vollendet. Europa kann und will noch größer und stärker werden. Nachdem ab 2004 zehn Staaten aufgenommen worden sind, stehen erneut 10 Staaten vor der Tür, die sehr gerne auch Mitglied würden. Denn all diese zuletzt aufgenommenen Staaten haben seit ihrer Zugehörigkeit eine beispiellose wirtschaftliche Entwicklung gemacht. Aber die Nationalisten und Rechtsextremen in der EU wollen keinerlei Erweiterung der EU. Sie lassen sich nur wählen, um auch von innen die Union angreifen und zerstören zu können.
Deshalb müssen wir wehrhaft sein und unsere Europäische Union beschützen und stärken. Es gibt keine zweite europäische Gemeinschaft und kein besseres System an ihrer Stelle. (Erstveröffentlichung in Kurzform am 13.2.2018)