Zukunftstechnologien endlich in Europa mit Finanzen ausstatten
Seit Jahren gibt es die europaweite Aussage, dass in der EU und auch in Deutschland wegweisende Forschung und viele innovative Tech-Start-Ups gibt. Aber die Klage lautet: Überall fehlt das Risiko-Kapital, das bereit ist, junge vielversprechende Start-Ups finanziell zu unterstützen, damit sie ihre Erfindungen nicht nur in die Marktreife, sondern auch in die Serienfertigung überführen können. Stattdessen sind bisher viele dieser Erfinder in Risiko-freudigere Staaten – vorzugsweise die USA, aber auch nach Asien – abgewandert. Damit soll jetzt Schluss sein.
Im Oktober 2025 hat die EU-Kommission viele hochrangige private Investoren aus Europa zusammengebracht. Das Ziel, einen Private-Public-Partnership-Fonds aufzusetzen, der genau diese Finanzierungslücke überbrückt. Strategische Deep-Tech-Unternehmen (die Bereiche s.u.) sollen hier gehalten werden. Als Deep Tech bezeichnet man heute forschungsintensive Zukunftstechnologien, von denen Durchbrüche erwartet bzw. erhofft werden, die Wirtschaft und Gesellschaft verändern können.
Wir müssen „sicherstellen, dass sie die Mittel haben, um zu wachsen, Investitionen anzuziehen und hier zu Hause zu gedeihen“, sagte U. v. d. Leyen dazu. Die EU-Forschungskommissarin ergänzte: es geht uns darum, „europäische Innovationen voranzutreiben und die Position unseres Kontinents als Weltmarktführer in den Branchen zu stärken, die unsere Zukunft gestalten werden“. Die Präsidentin hatte die Initiative in ihrer Rede 2025 „Zur Lage der Union“ angekündigt.
Die potentiellen Gründungsinvestoren kommen neben der EIB aus mehreren europäischen Staaten. Eine Milliarde Euro stammt direkt von der Europäischen Kommission über den European Innovation Council (EIC) Dabei sind Bankenkonsortien, sowie auch Pensionsfonds – soweit ersichtlich keine aus Deutschland, das ohnehin als besonders sicherheitsbedürftig gilt.
Nun startet der Fonds
Am 3. Juni stellt die EU-Forschungskommissarin Ekaterina Zaharieva in Brüssel den Leiter des neu geschaffenen Fonds vor. „Der Europäische Innovationsrat hat die schwedische Beteiligungsgesellschaft EQT AB offiziell als bevorzugten Anlageberater und Fondsmanager für den Scale-up Europe Fund ausgewählt.“ Dem ging ein äußerst strenges Auswahlverfahren voraus. So mussten die Kandidaten z.B. ein verwaltetes Vermögen von mindestens fünfhundert Millionen Euro nachweisen und zwei erfolgreich investierte Fonds vorweisen können. Außerdem wird der ausgewählte Manager EQT selbst eine signifikante Summe aus eigenen Mitteln in den Scale-up Europe Fund einbringen. Damit soll er sicherstellen, dass seine eigenen wirtschaftlichen Interessen in die gleiche Richtung gehen wie die der unterstützten Firmen.
Der neue Fonds ist fünf Milliarden Euro schwer, enthält also 4 Milliarden an privatem Kapital. Ein beachtliches Signal europäischer Großinvestoren an Vertrauen in die Stabilität und Zukunftsfähigkeit des europäischen Marktes. Auch haben bereits weitere internationale Investoren signalisiert, sich an späteren Finanzierungsrunden beteiligen zu wollen.
Der Fonds wird jeweils „massive Investitionssummen“ ab 100 Millionen zur Verfügung stellen. So soll er dafür sorgen, „dass reife Tech-Champions dauerhaft in Europa verbleiben“. „Die Initiatoren gehen davon aus, dass der Scaleup Europe Fund im kommenden Herbst seine allerersten Millionen-Euro-Tickets aktiv am Markt platzieren wird“, schreibt Peter Rose.
Entscheidender Vorteil des neuen Fonds
Er ist auf Initiative aus Brüssel aus dem Netzwerk des Europäischen Innovationsrats, dem European Innovation Council (EIC) gegründet worden. Er ist Teil der bestehenden Dachstruktur des EIC-Fonds. Allerdings agiert er mit einem vollständig privat geführten und marktbasierten Fondsmanager.
Das Netzwerk hat aber schon über eintausend bereits erfolgreich verifizierte Deep-Tech-Startups aus dem Ökobereich identifiziert. Die dienen den Analysten als erstklassige und firmeneigene Pipeline für einen künftigen Dealflow (Handelsfluss = Investitionsvorschläge) Dadurch hat der Scaleup Europe Fund gezielt diejenigen Firmen zur Hand, die zwar kurz vor dem globalen Durchbruch stehen. Firmen, die aber andererseits dringenden Bedarf an kapitalintensiven Wachstumsrunden aufweisen.
Die Deep-Tech-Bereiche listet der EIC folgendermaßen auf: such as artificial intelligence, quantum technologies, semiconductor technologies, robotics and autonomous systems, energy technologies, space technologies, biotechnologies, medical technologies, advanced materials, and agritech: übersetzt durch KI: Künstliche Intelligenz, Quantentechnologien, Halbleitertechnologien, Robotik und autonome Systeme, Energietechnologien, Weltraumtechnologien, Biotechnologien, Medizintechniken, fortschrittliche Materialien und Agritech.
Der Fonds wird -vermutlich im Herbst- die ersten Firmen zur Unterstützung bestimmt haben. Die Initiatoren gehen davon aus, dass danach eine zweite Fundraising-Runde für zusätzliche globale Geldgeber folgen wird.
Überraschung: auch Deutschland begibt sich auf die Gründung eines Fonds
Ist es nun Konkurrenz? Oder Ansporn? Oder „Zufall“? 24 führende deutsche Venture-Capital-Fonds haben heute, am 8.6. das German Venture & Growth Forum (GVGF) gegründet. Die Wirtschaftsministerin will das Projekt unterstützen. Das Argument der Gründer: Institutionelle Investoren – Versicherer, Pensionskassen und Stiftungen – verwalten zusammen rund 2,8 Billionen Euro, investieren laut Invest Europe aber im Schnitt kaum 400 Millionen Euro pro Jahr in europäische Venture- und Growth-Fonds. Das soll sich nun ändern: „Schon eine Allokation von 2 Prozent würde laut GVGF-Rechnung jährlich rund 15 Milliarden Euro für deutsche Wachstumsunternehmen freisetzen“. Deutschland habe das Kapital, es müsse nur produktiv angelegt werden, heißt es. Ein deutscher Sonderweg?
Laut dem „European Startup and Scaleup Scoreboard“ (ESSS), das die EU-Kommission kürzlich vorgestellt hat, liegt die Bundesrepublik im Jahr 2025 mit einem Indexwert von 115,5 nur leicht über dem EU-Durchschnitt von 113,5. Unter den 27 EU-Ländern bedeutet das Platz 14. Insofern sei die GVGF-Initiative dringend erforderlich, meint CEO.Table.
Und was ist mit dem im Herbst 2024 gestarteten Fonds der WIN-Initiative? Sie wurde als „breites Bündnis aus Wirtschaft, Verbänden, Politik und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) geschlossen“. Ihr Ziel war oder ist es, „die steuerlichen, rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen in Deutschland so verbessern, dass junge innovative Unternehmen leichter an privates Kapital kommen“. Hier lautet die Planung: Die teilnehmenden Unternehmen wollen im Rahmen der WIN-Initiative rund 12 Mrd. Euro bis 2030 in die weitere Stärkung des deutschen Venture-Capital-Ökosystems investieren. Ist das innerdeutsche Konkurrenz? Oder ist GVGF der Meinung, dass dies nicht groß genug gedacht ist oder einen falschen Ansatz verfolgt?