Natura 2000 Gebiete und der Wald

Mit der EU-Richtlinie von 1992, der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) hat die EU begonnen, die biologische Vielfalt in der EU zu schützen. Mit Natura 2000 hat sie dann – wie in der FFH  detailliert festgelegt  – ein europaweites Netz von besonders zu schützenden Gebieten ausgewiesen. „Nach einem Bewertungsverfahren und Abstimmung mit den Mitgliedstaaten legt die Kommission eine Liste der Gebiete von gemeinschaftlicher Bedeutung (abgekürzt GGB, englisch Site of Community Importance, abgekürzt SCI) fest. Eine erstmalige Veröffentlichung dieser Liste erfolgte im Amtsblatt der EU im Jahr 2004. Die Mitgliedstaaten sind anschließend verpflichtet, diese Gebiete so schnell wie möglich, spätestens jedoch innerhalb von sechs Jahren als besondere Schutzgebiete (BSG),[4] Special Areas of Conservation (SAC) endgültig unter Schutz zu stellen.“  (Wikipedia, Natura 2000) So viel vorab zum Entstehungsprozess von Natura 2000.

Technischer Hinweis

Für den Anfang der folgenden Nachricht stammen alle Zitate sowie die Hervorhebungen aus der deutschen Übersetzung der EU-Veröffentlichung der Kommission „Technischer Bericht von 2015 – 088  Natura 2000 und Wälder,  Teil I und II“: https://environment.ec.europa.eu/topics/nature-and-biodiversity/natura-2000/managing-and-protecting-natura-2000-sites_en#boreal      Dieser Kommissions-Bericht ist eine weitere Präzisierung des Umgangs mit den ausgewiesenen Gebieten und umfasst ohne Anhänge 105 Seiten.

„Die Gründe für die Aufnahme eines Waldes in ein Natura-2000-Gebiet haben unmittelbaren Einfluss auf die Art der Erhaltungsmaßnahmen, die nach Artikel 6 Absatz 1 der FFH-Richtlinie erforderlich sein können.“ Und „Die zuständigen Behörden müssen für alle Natura-2000-Gebiete Erhaltungsziele festlegen.“ Das sind die Behörden des jeweiligen Landes. Diese Vorgaben der EU dienen dazu,  „eine Beeinträchtigung aller Lebensräume und Arten zu vermeiden, die dem Datenbogen zufolge in erheblichem Umfang in dem Gebiet vorkommen“. „Die Festlegung notwendiger Erhaltungsmaßnahmen für jedes Natura-2000-Gebiet ist für alle Mitgliedstaaten zwingend vorgeschrieben.“

Primärwälder 

„Urwaldbestände werden in Natura 2000 in besonderer Weise berücksichtigt. Sie beherbergen viele typische im Wald lebende Arten, denen es kaum gelingt, abzuwandern oder neue Waldbestände auf ehemaligen Agrarflächen zu besiedeln…. In manchen Teilen Europas findet man noch Wälder mit einem hohen Natürlichkeitsgrad (z. B. die Taiga …) In anderen Teilen der EU beschränken sich solche Wälder jedoch auf kleine Inseln in bewirtschafteten Komplexen und bestimmte Gebiete mit besonderen ökologischen und sozialen Bedingungen wie die Bergregionen der Karpaten …“  Sie gelten als „von besonderer Bedeutung“.

„Behörden, Waldeigentümer und -bewirtschafter sind daher aufgefordert, sich aktiv um den Schutz solcher Gebiete zu bemühen. Dazu sollten sie sich auf das konzentrieren, was der Wald außer Holz zu bieten hat, … die vorhandenen finanziellen Anreize … voll ausschöpfen. Wie bei allen anderen Managemententscheidungen in Natura-2000-Wäldern gilt, dass die Erhaltung von Totholz und alten Bäumen usw. mit den definierten gebietsspezifischen Erhaltungszielen, in denen die ökologischen Anforderungen der in dem betreffenden Natura-2000-Gebiet vorkommenden Habitate und Arten zum Ausdruck kommen, in Einklang stehen muss.“ Und es kann sinnvoll sein,  „auf jegliches Eingreifen zu verzichten. Im Einzelfall ist zu prüfen, ob Kernbereiche dem Naturschutz vorbehalten sein sollten.“ Hervor sticht dann:

„Das Verschlechterungsgebot“

„(V) Die FFH-Richtlinie (Artikel 6 Absatz 2) verpflichtet die Mitgliedstaaten, geeignete Maßnahmen zu treffen, um eine Verschlechterung der natürlichen Lebensräume und Störungen der Arten, für die das Gebiet ausgewiesen worden ist, zu vermeiden….Die Verpflichtung zur Einleitung von Maßnahmen besteht schon, bevor Anzeichen für eine Verschlechterung des Gebiets auftreten (EuGH…).

44. Dürfen in einem Natura-2000-Gebiet Wege durch den Wald gebaut werden? …die Erhaltungsziele des Gebiets sind entscheidend.“  Ist ein Kahlschlag angedacht, muss vorher eine Umweltverträglichkeitsprüfung durch geführt werden. Aber: „… Nach Artikel 6 Absatz 2 sind geeignete Maßnahmen zu treffen, um eine „Verschlechterung“ und „erhebliche Störungen“ zu vermeiden. Artikel 6 Absatz 3 sieht vor, dass neue Pläne und Projekte „das Gebiet als solches nicht beeinträchtigen“ dürfen ….(V) Das Verfahren nach Artikel 6 Absatz 3 ist nur anzuwenden, wenn ein Plan oder Projekt voraussichtlich erhebliche Auswirkungen auf ein Natura-2000-Gebiet haben wird. Es gilt für alle derartigen Pläne und Projekte sowohl innerhalb als auch außerhalb von Natura-2000-Gebieten.“

d.h. in bestimmten Fällen gilt das Verschlechterungsgebot sogar außerhalb von Natura 2000-Gebieten!

Video von Greenpeace in Zusammenarbeit mit Greenpeace Rumänien

Schon aus unserem oben angezeigten Gastbeitrag über Primärwälder wissen wir, dass die Karpaten in Rumänien ein Gebirge mit einem Restbestand von in Europa einzigartigen Urwäldern sind. Und auch, dass sie schon seit Jahren von Raubbau betroffen sind. Am 18.10.2026 schickt Greenpeace (hier Moritz Jahn) nun die in Koproduktion mit Greenpeace Forest Unit Rumänien (dort Vali) erstellte Videoreportage: „Ikea vermöbelt Schutzgebiete“. Alle Aussagen und Zitate stammen aus den deutschen Untertiteln.

Vali und seine Teams haben „monatelang Satellitendaten analysiert.“ Und sagen bedauernd: es ist auch in Schutzgebieten legal, Holz zu schlagen, wenn der Schutzgebiet-Management-Plan eingehalten wird. Der hat Regeln, die sind laut Vali

  1. Kahlschläge sind nicht erlaubt, besonders nicht in Laubwäldern
  2. Stehen gelassen werden müssen pro Hektar  7 Mutterbäume, die sicherstellen, dass die Waldverjüngung möglich ist
  3. Erosion muss verhindert werden. Das bedeutet: schwere Maschinen dürfen nicht eingesetzt werden, da sie die dünne Humusschicht (oft nur 10 cm) zu stark schädigen

Zusammengefasst heißt das: Holz darf -hier in den Karpaten, auch im Schutzgebiet- geerntet werden, aber nur schonend! Denn die EU hat versprochen, so Vali, bis 2030 10% unserer Natur strikt zu schützen.

Was die Video-Reportage zeigt und erklärt

Mit Sprengungen verbreitern Männer einen Weg durch den Wald über 16 Kilometer (laut Vali) so, dass schwere Fahrzeuge tief hinein bzw. hoch fahren können.

Ein Flussbett, an das Vali, Moritz u.a. kommen, weist dicke Schleifspuren auf. Offensichtlich haben Baumarbeiter darin gefällte Bäume herunter geschleift. Aber nicht oder schlecht gewartete Maschinen haben darin dicke Öllachen hinterlassen.

Vali erklärt, dass dieser Fluss u.a.  im Tal einen Wassertank für Trinkwasser speist. Als die Gruppe oben im Berg eine sehr große Kahlschlag-Fläche erreicht, berichtet Vali, dass dieses Gebiet als schutzwürdig eingestuft wurde und auf der EU-Liste steht. Kein einziger Baum ist zu sehen, kein Gestrüpp, nur vertrocknete Lebewesen. Der Mutterboden ist großflächig weggeschleift. Reste sind bereits vertrocknet. Auch die Waldbrandgefahr steigt mit solchen -der Sonne schutzlos ausgelieferten- Flächen.

Allerdings informiert Vali auch darüber: Rumänien sei so langsam mit den von jedem Staat geforderten Schutzmaßnahmen. (Innerhalb von 6 Jahren waren sie umzusetzen). Deshalb hatte dies Gebiet nicht die Chance, unter Schutz zu sein, bevor die Holzfäller kamen und es einschlugen.

Wir müssen hier jedoch konstatieren, dass die Regeln der EU (s.o) wohl sehr eindeutig sind. Wer also nachhaltig wirtschaften will – oder nur das Klima in Europa schützen will, könnte das – ohne wirtschaftliche Einbußen tun. Sieben alte Bäume pro Hektar stehen zu lassen, ist u.E. nicht zu viel verlangt. Zumal, wenn klar ist, dass es sich um einen Primärwald handelt. Der Jahrhunderte zum Wachsen gebraucht hat.

Wie die Greenpeace Forest Unit auf Ikea kommt 

Sie haben über Monate hinweg Lieferketten nachverfolgt. Sie haben Genehmigungen abgeglichen. Und sie haben Firmen-Netzwerke durchleuchtet. Am Ende der Spur stand immer wieder ein einziger Name: Ikea. Deshalb kommt das Team zu dem Schluss: „Ikea ist der wichtigste Treiber für die Entwaldung von Rumänien.“ 81% des Frischholzes für Ikea stamme direkt aus europäischen Wäldern, ein Teil davon aus den Karpaten. Es gehe zunächst in Depots. Ein Sägewerk kaufe es dort. Das beliefere die Fabriken, die für Ikea produzieren. Aber man habe auch die Einschlagrechte recherchiert.

Das Video informiert, dass der Ort, den wir dort sehen, inzwischen von der Liste der schutzwürdigen Flächen verschwunden ist. Denn es gibt dort nun nichts mehr zu schützen. „In den letzten 20 Jahren sind die Jahrhunderte alten Wälder in den Karpaten immer weiter geschrumpft. Heute sind nur noch 10% der rumänischen Wälder älter als 120 Jahre.“

Und wer ist der größte Waldbesitzer in Rumänien? Ikea! Das sagt Greenpeace in dem Video. Greenpeace wäre nicht Greenpeace, wenn es Ikea nicht mit dem Video konfrontieren würde. Die Antwort:
Die Fotos seien eine nicht repräsentative Momentaufnahme. Ikea würde mit „eigenen Forstexpert:innen einen konkreten Plan zur Überwachung der  E r h o l u n g  des Waldes aufsetzen“.

Da solche Flächen sich auch in 100 Jahren nicht regenerieren können, bleibt die Frage: Wie viele wertvolle Flächen wird Ikea wohl noch ohne Rücksicht auf Verluste kahlschlagen?