Vorbei die „Macht“ der großen Vier?
Die Vattenfall-Chefin – seit 2020 – Anna Borg hat einen Artikel veröffentlicht: Weg von fossiler Energie: Wie die EU resilienter, sicherer und wettbewerbsfähiger werden kann.
Nanu. Wie kann das sein? Gehört Vattenfall nicht zu den sog. großen Vier? Die Internet-Recherche ergibt, dass der Strommarkt in Deutschland nach dem Jahr 2000 tatsächlich von einem Olig0pol von vier großen Firmen beherrscht wurde. Zu diesem gehörte im Osten – in den „neuen“ Bundesländern -Vattenfall. Die erzeugte Nettostrommenge lag damals bei ca. 90%. Der Anteil der Erneuerbaren (2007 erst bei 14,2 % vom Stromverbrauch) war dabei nicht berücksichtigt. Zwar hat sich 2016 LEAG von Vattenfall abgespalten. Aber seit 2020 gehört Vattenfall immer noch zu den großen Fünf. Trotz sinkender Marktmacht werde der Strommarkt zwar immer noch als konzentriert wahrgenommen, sei aber durch den steigenden Anteil der Erneuerbaren stark relativiert. Und der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung liegt 2025 inzwischen immerhin bei 55%. Unter der Frage nach den 10 größten Stromanbietern heute, erscheint Vattenfall aber nach wie vor auf dem 4. Platz.
Nach dieser Recherche ist der Artikel seiner Chefin also keineswegs durch schwindende Marktmacht bedingt, sondern eine erstaunliche und hoch erfreuliche Meinungsäußerung.
Die Sicherheit Europas ist betroffen
Anna Borg nennt zwei große Ereignisse, die sie zu ihrer Erkenntnis führen, dass die EU sich schnellstens von den Fossilen wegbewegen sollten – und das obwohl Vattenfall bzw. LEAG zu den großen Braunkohle-Abbauern in der Lausitz gehört.
Die beiden Ereignisse sind große Kriege, die nachdrücklich die Abhängigkeit der EU von den Importen von Fossilen vor Augen geführt haben. Das erste ist der Angriff Russlands gegen die Ukraine, die ganz besonders uns Deutsche unsere Angewiesenheit auf Öl und Gas von Russland verdeutlicht hat. Nicht nur das Öl, das durch die Pipelines North Stream 1 und 2 lief (letztere unmittelbar vor der Fertigstellung) führte zu der Angst, im Winter im Kalten sitzen zu müssen. Sondern auch die Tatsache, dass große Gasspeicher vom früheren Minister Sigmar Gabriel an Russland verkauft worden waren, wurde zur Bedrohung. Und vermutlich führte auch diese Anhängigkeit zu dem Lavieren der Ampelregierung, wieviel militärische Unterstützung wir der angegriffenen Ukraine zukommen zu lassen bereit waren.
Der zweite Krieg ist der Krieg der Amerikaner gegen den Iran, der augenblicklich zur Sperrung der Straße von Hormus führte. Und damit kam es zum Erliegen der Zufuhr von Öl und auch von Mineral-Dünger. Denn dieser wird aus Gas hergestellt. Hier sind es zunächst vor allem die Preisanstiege, die der EU-Wirtschaft zu schaffen machen. Längerfristig führen die Lieferausfälle aber auch hier zu Engpässen, die schmerzhaft werden und die die Sicherheit und den Wohlstand Europas in Frage stellen. Und A. Borg analysiert, dass Beides keinen Ausnahmezustand darstellt, sondern ein strukturelles Risiko, also dringend beseitigt werden muss. Deshalb kommt sie zu der Überzeugung:
Die fossile Abhängigkeit ist Europas Achillesferse
A. Borg argumentiert, dass Europa noch heute 90% seiner fossilen Energieträger importiere. Deshalb seien Erdöl, Erdgas sowie LNG (Flüssiggas) für Europa wesentlich teurer als für die USA oder für China. Mit anderen Worten: Europas Wettbewerbsfähigkeit ist ausgerechnet gegenüber unseren Hauptkonkurrenten – so wie sie es sieht – eben strukturell benachteiligt. Und das sei unabhängig von Fragen der Bürokratie oder sonstiger Regulierung oder ohnehin von ihrer Klimaschädlichkeit.
Je nach Lage der Dinge gebe es jedoch nicht die eine Lösung oder Technologie für die dringend erforderliche Dekarbonisierung, sondern die ganze Vielfalt. Und das seien erneuerbare Energien, Kernenergie, Wasserstoff, Speicherlösungen, Biomasse und Abfall. Deshalb postuliert sie, anders als es wechselnde Regierungsmehrheiten z.B. in Deutschland zelebrieren, nur:
Verlässliche Politik schafft Investitionen
Ein gutes Beispiel dafür ist z.B. Dänemark. Da gibt es einen parteiübergreifenden Konsens, dass eine einmal begonnene Energiepolitik nicht von einer neuen Regierung wieder abgeschafft wird. Aber laut A. Borg hat auch die EU bewiesen, dass „klare politische Rahmenbedingungen wirken“. Und deshalb sei es unabdingbar, dass „Finanzanreize konsequent auf Wirkung fokussieren müssen“.
Sie ist der Überzeugung, dass Europas Stärke im Vorangehen liege. Aufgrund der realen, durch die Kriege sichtbar gewordenen Schwäche könne Europas Antwort nur lauten, „die Transformation konsequent voranzutreiben“. Und in einem weiteren Statement warnt sie eindringlich: „„Hände weg vom ETS. Das Vertrauen in das ETS und in die Funktionsweise der Strommärkte zu untergraben, stellt die Hoffnung auf kurzfristige Entlastung über die langfristige Strategie und schwächt die Wettbewerbsfähigkeit Europas.“ Ihre sehr konsequente Begründung: „Regulatorische Stabilität ist kein Luxus; sie ist die Voraussetzung für die massiven Investitionen, die für die Energiewende erforderlich sind.“
Wie der Energie-Konzern selbst zum Ende der Fossilen beitragen will
Was für ein ermutigendes Statement einer Vorstandsvorsitzenden ausgerechnet eines der großen Energiekonzerne Europas. Denn die Erneuerbaren sind ja bisher vermutlich nicht gerade die Bereiche, mit denen so ein Konzern seine größten Gewinne erzielt. Aber :
Vattenfall plant, bis 2030 annähernd 15 Milliarden Euro zu investieren – etwa in Windparks und Netze. Und Vattenfall hat das Ziel, die eigenen Treibhausgas-Emissionen bis 2040 verglichen zu 2017 um mindestens 90 Prozent zu reduzieren – auf 4,7 Millionen Tonnen an CO2-Äquivalenten. Die verbleibenden bis zu zehn Prozent der Emissionen, die sich schwerlich einsparen lassen, sollen ausgeglichen werden.